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An Klaus Z. und Barbara M., 12. März 1993

Lieber Klaus und liebe Barbara! Ihr habt schon lange nicht mehr so recht von mir gehört. Heute abend, wo's ausnahmsweise mal ganz still und ruhig ist, will ich das versäumte nachholen. Ein Stück Gebäck, das - zusammen mit einer Tasse Kaffee - helfen soll, meine Lebensgeister neu in Gang zu bringen, behindert das Schreiben etwas -, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Wo allerdings ist ein Wille? Das ist zur Zeit die grosse Frage! Wo ist ein Wille - in mir und um mich? Ich habe den Eindruck, dass alles auf Sparflamme läuft - Pläne, Projekte, Ideen, Utopien - alles wird nur auf kleiner Flamme gekocht. Der Wille, die Kraft, der Glaube für mehr scheinen sich in irgendwelche Winterquartiere zurückgezogen zu haben -, Löcher und Höhlen, die ich nicht kenne.

Wir betreiben hier mit grossem Aufwand unsere VFSS - Vereinigung freier Schulen der Schweiz - weiter, wollen im September wiedermal ein Schweizer Alternativschultreffen veranstalten, bringen noch immer alle paar Monate unser "endlich!" raus -, doch alles scheint mit viel Stöhnen und Klönen und wenig Freude zu geschehen -, auch (oder vor allem?) von mir her. Auch sonst - im "europäischen Forum für Freiheit im Bildungswesen" oder in anderen Gremien und Gruppen, mit denen ich zu tun habe - scheint wenig Elan und Kraft vorrätig zu sein. Es gibt immer zu viel Arbeit für zu wenig Menschen, zu wenig Echo und Wirkung für zu viel Aufwand.

Ja. Das spüre ich seit Monaten und je mehr Zeit ich an Sitzungen zubringe, desto intensiver werden meine Fluchtgedanken: Stellt Euch vor! 6 Wochen mit einem kleinem Segelboot um England, Schottland und Irland schippern, vielleicht sogar hoch zu den Hebriden oder rüber nach Island! Oder in Main wohnen - ein Jahr lang auf einer grossen Farm in Main, diesem langgestreckten Staat im Nordosten der USA mit seiner langen Atlantikküste, den vielen, dunkeln Wäldern, die im Herbst, wenn sich die Blätter verfärben, feuerrot leuchten sollen. Statt einer Farm könnte es ja auch eine grosse Lebensgemeinschaft, irgend ein Ort des alternativen Lebens und Lernens sein, ein Ort mit vielen Besuchern, gutem, einfachem Essen, viel Arbeit draussen.

Oder stellt Euch vor: Theater! Hier in Basel. Zusammen mit drei anderen jede Woche zwei bis drei mal 4 Stunden Probe ... ein eigenes Kabarettprogramm mit dem wir dann - so ab September durch die Schweiz tingeln. Ich einmal meine Querflöte, dann das Saxophon oder die Klarinette blasend, dann wieder ein Gedicht hersagend - z.B. das ergreifende Lied von Mutter Beimlin mit ihrem Holzbein - ... oder ...

Vielleicht doch noch einmal Student in Amerika: Wirtschaftswissenschaften, Ökologie oder Ethnologie. Vielleicht auch Gestalttherapie oder ... Fluchtgedanken! Die Realität sieht (zumindest im Augenblick noch) anders aus: Programmentwurf für das Alternativschultreffen schreiben und zur nächsten VFSS‑Vorstandssitzung einladen. Das Interview mit Mirtan T. ab- und umschreiben und für die Veröffentlichung im nächsten "endlich!" (und evtl. auch in anderen Zeitungen) vorbereiten, den 1. Rundbrief für das europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen zusammenstellen - schon längst überfällig! -, den kurzen Beschrieb dieses Forums nochmal überarbeiten, morgen nach Winterthur fahren, um (zum dritten Mal) das Projekt "ganzheitliche Schule" zu präsentieren und anschliessend über das "weitere Vorgehen" zu diskutieren, am nächsten Wochenende (nicht?) an das bundesdeutsche Alternativschultreffen in Freiburg i.B. fahren, mich für das Kolloquium des europäischen Forums in Prag und die anschliessende Tagung des Civic Institute's anmelden, an Barbara schreiben, dass ich gerne nach Polen kommen würde, dass Mai vermutlich jedoch nicht gehe ...

Zahllose solche Dinge ... Meistens machen sie mir inzwischen keine Freude mehr - auf Einiges (das abschreiben des Interviews oder die Fahrt nach Polen) freue ich mich noch ein wenig, wenn auch die Umsegelung der britischen Inseln oder die grosse Kommune in Main viel mehr Anziehungskraft auf mich ausüben als all diese pädagogischen Sachen. Woher die Ermüdung kommt?

Es ist vielleicht wie immer, wenn man zu viel vom selben tut oder tun muss oder tun zu müssen meint. Dazu kommen mehr und mehr Zweifel, ob der von mir und den Menschen um mich herum eingeschlagene reformistische Kurs nicht grundverkehrt ist. Ist es nicht sehr naiv zu erwarten, dass gut bis sehr gut verdienende SchulverwalterInnen und LehrerInnen jemals freiwillig (einfach so, aus Einsicht und Nächstenliebe) ein Stück von ihrer Macht abgeben und damit beginnen werden, sich selber überflüssig zu machen? Und ist dies nicht die Konsequenz aus allem, was ich möchte: Weniger Profis in Sachen Erziehung und Bildung, weniger Bevormundung im Namen des Lehrplans oder dieser oder jener Lehre oder im Namen der Wissenschaft, im Namen der überlegenen Einsicht oder der notwendigen "Allgemeinbildung", d.h. weniger Menschen, die andere davon abhalten, einfach zu handeln, auszuprobieren, selber zu denken, Fehler zu machen und daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Zur Ankurbelung oder Überwachung dieses Vorgehens braucht es nämlich keine LehrerInnen und SchulverwalterInnen, da braucht es nur Gelegenheiten und eine entsprechende Atmosphäre. Da nun aber all die LehrerInnen und Verwaltungsleute schon mal da sind, mischen sie sich halt ein und beginnen Pläne zu schreiben und Stunden vorzubereiten. Wenn damit das Lernen auch so ziemlich zum Stillstand kommt, so sieht man dann doch zumindest, dass all die Erwachsenen wichtig sind. Die Zähigkeit des Lernens und die Schlaffheit des Verhaltens der Kinder bestätigt einem gerade nochmals, dass es diese ganze Steuerung braucht, denn sonst würde ja überhaupt nicht mehr (oder nur Mist) laufen ...

Ich zweifle also, ob ich nicht - zusammen mit all denen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe - an der falschen Stelle nach Wasser grabe! So zweifle ich und grabe und zweifle und grabe, umgeben von ein paar weiteren, müden Gestalten, die über dem begonnenen Loch stehen und - wie ich - Schaufel um Schaufel ausgedörrter Erde hinter sich werfen. ...

Vor lauter Graben komme ich gar nie richtig zum Nachdenken, und wenn ich - in einer Pause - mit meinen Freunden über meine Zweifel zu sprechen versuche, so schauen sie mich meist nur verständnislos an, stehen auf und graben weiter ...

Hin und wieder begegne ich einem Nomaden aus der Wüste, einem Menschen wie Bertrand Stern oder Mirtan, die den Gedanken an jede Art des organisierten Lernens irgendwann aus ihrem Gepäck genommen und weggeschmissen haben. So, wie ich meinen KollegInnen mit den Spaten und Schaufeln zu radikal bin, bin ich diesen Nomaden des Geistes zu angepasst und inkonsequent. "Was bemühst du dich um die Entwicklung alternativer Gefängnisse oder um die Liberalisierung oder gar Privatisierung des Gefängniswesens? Siehst du nicht, dass jedes Gefängnis letztlich ein Gefängnis ist", sagen sie zu mir, während ich mich vielleicht gerade wieder einmal zu irgendeiner Sitzung aufmachen sollte!

Ihr seht. Irgendwie ist alles verzwickt und verstrickt, und ich bin immer am Rum kucken und am Ausschau halten. Wenn Ihr das kleine Segelboot sehen solltet oder die im Aufbau befindliche Theatertruppe mit eigenem kabarettistischem-musidramatischen Programm oder wenn Euch der bärtige Typ von der Lebensgemeinschaft in Neuengland über den Weg laufen sollte, dann sagt's mir!

Symptomatisch für meine Gespaltenheit ist, dass ich im einen Absatz von Flucht etc. spreche, und jetzt - zwei Zeilen weiter unten - bereits wieder ganz geschäftig daher komme und Euch frage:

Hättet Ihr Lust (und traut ihr's Euch zu?) für die nächste oder übernächste Ausgabe von "endlich!" ein Buch zu rezensieren? Zur Auswahl stehen zur Zeit (ganz im Sinne obiger Gedanken):

"Quellen und Dokumente zur Antipädagogik"

"Bildung ohne Herrschaft"

"Anarchismus und Pädagogik".

Falls Ihr Lust auf so was habt - Ihr heisst Du, Barbara, oder Du, Klaus, oder Ihr zwei zusammen - dann meldet Euch doch! Habt Ihr vielleicht auch ein anderes Buch gelesen, dass wir in "endlich" einmal vorstellen müssten oder sollten oder könnten? Oder ...

... Ich will hier Schluss machen, um vielleicht noch etwas "richtiges" zu tun  vielleicht sogar etwas in Richtung Aufbruch, Neubeginn etc., obwohl der Glaube daran zur Zeit nicht sehr stark ist.

Ich denke (und hoffe), dass wir bald wiedermal voneinander hören oder uns sogar wiedermal sehen, fühlen, hören, riechen und spüren können! Bis dahin: lebt's wohl miteinander! ...

Apropo: Ich red und red und red, und von Euch weiss ich doch fast nichts. Wie habt ihr's denn miteinander und als Einzelwesen? Wie geht's mit der Arbeit? Wie mit der Liebe? Wie mit Deinem Vater, Klaus? Und mit dem Gemüt? Und was tut die Querflöte bzw. was tust Du, Barbara, mit dieser? Und was und wie und wie ...! Lasst doch mal von Euch hören! Ganz herzliche Grüsse Euch beiden,