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An Andres B., Basel, 11. Dezember 1998

Lieber Andres! Fast ist Dein Geburtstag wieder einmal an mir vorbeigeschlichen, ohne dass ich es gemerkt habe. Vor einigen Tagen habe ich noch daran gedacht, aber dann plötzlich ist schon wieder der 11. Dezember, und ich erwische den 10. Gerade noch so an einem Zipfelchen, ehe er anfängt, ganz Vergangenheit zu werden!

Nicht nur aus reiner Uneigennützigkeit wünsche ich Dir, mein lieber Freund, dass Dir alle Götter gnädig seien, dass die Parzen, wenn sie beim Spinnen ihrer  Schicksalsfäden sind, nur Gutes über Dich reden und dass kein eklig Weib komme, um das Fädchen Deines Lebens vorzeitig abzuschneiden! Auch sollen sie den Faden kräftig spinnen, damit Du gesund und mit Lust auf dieser Erde wandeln und im Bedarfsfalle noch viel Staub aufwirbeln kannst! Und sollten es nicht die Parzen sein, die mit diesen Dingen betraut sind, dann sollen sie meine Wünsche bitte sehr an die richtige Adresse weiterleiten und mich nicht an meiner Halbbildung scheitern lassen! Fast denke ich, ich sollte sicherheitshalber doch mal im Lexikon nachschlagen, denn es ist mir wirklich ernst mit meinen Wünschen! Nur kann ich das, was in den beiden, hier in Frage kommenden Lexika steht, leider nicht lesen, und deshalb bitte ich nochmals, meine Wünsche doch wohlwollend zu behandeln und sie dorthin zu dirigieren, wo sie hingehören, denn - ich sagte ja, dass mich nicht nur uneigennützige Gründe leiten - mir liegt viel an Dir und Deinem Wohlergehen!!!! Ja, lieber Andres! Viel Gutes und Schönes wünsche ich Dir, auch Unerwartetes und Überraschendes!

Ja, die Götter: Freuden geben sie und Schmerzen ihren Lieblingen ganz -, so oder ähnlich hat Goethe schon geklönt, und ich klön' es ihm als kleiner Goethe heute gerne nach! Freuden und Schmerzen ... Und Dir? Was gaben und geben sie Dir? Pflichten und Arbeit? Freuden? Schmerzen?

Ich sitze nach einem seltsamen Tag einigermassen zwiegespalten vor meinem Computer, möchte gerne ein wenig erzählen und will es auch wieder nicht, weil - nun ja, weil gewisse Dinge einfach ihre Zeit brauchen und auch weil - weil es Dich zu feiern gilt, und Du doch oft genug das "Opfer" Deiner Zurückhaltung und des Redebedürfnisses Deiner Mitmenschen wirst ... Und dann leb ich ja noch, so ist es nicht! Nur, seltsam ist es manchmal schon, dieses Leben!

Morgen fahr ich für ein paar Tage nach Paris -, einfach so, weil Denise, meine Ex-Akkordeonschülerin,  mal nach Paris wollte, und weil ich Zeit und Lust und ein paar Freunde in Paris habe, die ich bei dieser Gelegenheit wiedermal aufsuchen will: Franck natürlich, der lange Elsässer, den ich noch von der Ecole her kenne, dann seine "Lebens-(Abschnitts?)-Gefährtin" Elise, die ich seit einiger Zeit ebenfalls in mein manchmal so trauriges Herz geschlossen habe, und Jaqueline, eine Freundin meiner Tante Rose, die mir vor ein paar Jahren sehr interessant von ihren Erlebnissen in der Resistance und von ihren vielen, teils sehr sehr alten Büchern erzählt hat! Schliesslich will ich auch noch Jürgen Helmchen treffen, einen schweissbedeckten deutschen Forscher im Bereich der Reformpädagogik, der es nach unendlichen Mühen zu einer ungesicherten Professur in Dresden mit viel Arbeit und wenig Freiheiten gebracht hat, nachdem er zuvor jahrelang der Gnade der "deutschen Forschungsgemeinschaft" ausgeliefert war und sich von Projekt zu Projekt hat durchhangeln und -hungern müssen! Ja auch ihn will ich treffen, um wieder einmal so recht zu fachsimpeln über den Stand der Pädagogik damals und heute!

Während mich das "damals" der Pädagogik nach wie vor erfreut und interessiert, und ich meist mit ziemlicher Lust in den grossen und kleinen Fragen der Vergangenheit grabe, bringt ihr "heute" mich immer noch zum Zappeln und zum Zähneknirschen. Meine Totengräberarbeit in Bern ist im Laufe der vergangenen fünf Wochen zu einem solchen Elendsbrocken geworden, dass ich  mich heute mit der billigsten aller Lügen - einer nicht vorhandenen, theoretisch aber jederzeit möglichen  Grippe - ganz einfach aus der "Verantwortung" geschwindelt und blau gemacht habe. Ich nenne es, um meinem schlechten Gewissen und den humorlosen Tiraden meiner Kalwinistischen Erziehung nicht ganz schutzlos ausgeliefert zu sein, Prävention, d.h. rechtzeitiges Eingreifen zu Gunsten der Gesundheit. Meine Seele hat mir heute früh jedenfalls deutlich genug gesagt, dass sie nicht schon wieder mit mir nach Bern will, und ohne meine Seele  wollte ich nicht reisen! Das brave Kopfnicken des Grossteils der Berner Studierenden ist etwas, womit ich nicht leicht zu recht komme; es geht mir einfach zu nahe, auch wenn oder gerade weil man mir ringsum sagt, dass es doch ganz normal und verständlich sei! - Die Flucht in die Krankheit (ein billiger Trick aus der Requisitenkammer des Welttheaters) hat mir ein paar friedliche Stunden beschert, die ich Musik machend und lesend zugebracht habe. Leider ist dann aber die abendliche Einladung bei meinem Vater einem der immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen (oder Streitereien) mit Renzo zum Opfer gefallen. Er sollte ursprünglich mitkommen, doch - der Mensch denkt und manchmal kommt es am Ende ganz anders raus! - Zweimal hat mich meine Vergangenheit oder mein "Schatten" heute also eingeholt: Zweimal hat mir das, was ich sonst während der letzten Monate ziemlich gut auf Distanz halten konnte, heute ein Bein gestellt:  Meine ewige Geschichte mit Renzo und meine ebenso ewige Geschichte mit "der Schule" ... Du verstehst, dass ich da einigermassen entkräftet nach einer kleinen Bucht Ausschau halte, an der ich vorübergehend vor Anker gehen und das Durcheinander auf und unter Deck meines ramponierten Ich etwas aufräumen kann!

O, apropos Bucht etc.! Auch hier stehen die Zeichen auf Sturm: Ich habe diesmal nicht nachgegeben, habe mich nicht an das Wort vom Esel und dem Gescheiteren, der scheinbar immer nachgibt gehalten, sondern ich habe meine "Segelfreunde" von Fort Laudderdale im Oktober hoch offiziell zur Gerichtsverhandlung nach Thun bestellt, nachdem der scheinbar neutrale Ombudsmann sich ohne irgendwelche zusätzlichen Belege oder Beweise einseitig auf die Seite der Reiseveranstalter gestellt hat. Leider fehlt nun der männliche Anwalt, der mich dort verteidigt: Auch hier muss ich, am 8. Januar, trotz Kniegeschlotter und Magengrimmen, selbst für mich und meine Interessen eintreten, genau wie in dem Schlamassel  in der Pädagogik und dem zermürbenden Hin und Her in der Liebe! Es ist, als ob ich lernen müsse, mich gegenüber bestimmten Ansprüchen Dritter abzugrenzen und "Nein" zu sagen -, "Nein" ohne Hintertürchen, ohne Magenkrämpfe und Nervenflattern - einfach "nein". Es scheint in dieser Richtung eine Art Defizit zu bestehen, welches auszugleichen mein Leben mich bisher offenbar noch nie wirklich gezwungen hat. Ich muss lernen, mein Steuer auch bei hohem Wellengang nicht zu schnell los zu lassen, muss lernen im Ziehen und Stossen der Wellen meinen Kurs noch besser zu halten!

Meinem Computer scheint dieses Thema nicht zu gefallen, denn er hat während der letzten 3 Minuten bereits zweimal seine Sprache (und ich damit so ziemlich meine Orientierung) verloren. Ein Wunder der Technik – unberechenbar, tückisch, sensibel! Funktioniert und stürzt ab ganz nach Belieben!

Lieber Andres. Meinem Computer ist die Sprache abhanden gekommen, ich dagegen habe sie dank diesem Brief, diesem freundschaftlichen Klönen wieder etwas gefunden! Ich danke Dir dafür, dass Du mir so oft ein so guter Zuhörer bist, und ich Dir immer wieder, wie heute, mein Herz ausschütten kann. Ich danke Dir dafür, wünsche mir jedoch sehr, Du weißt es, dass wir die Sache mittelfristig einigermassen ausgeglichen halten können! Deshalb soll bald auch wieder Platz für Deine Worte, Deine Leiden und Freuden, Deine Gedanken und Wünsche sein. - Für heute aber leb wohl, Du guter, treuer Freund! - Ganz herzliche Grüsse Dir und Erika, Martin