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An Barbara M., Portland, Oregon, USA, 8. Mai 1997

O carissima Barbara! Ich sitze auf dem Balkon von Peters Haus und geniesse die abendliche Ruhe. 20 Meter weiter unten gurgelt ein Bach, ein paar Vögel sind noch am Singen und weit weg tutet irgendetwas, was mich an den hiesigen Stadtverkehr erinnert.

Peter, ein Uraltfreund aus meiner Zeit als Student in Eugene (Oregon) - der erste Mann, n den ich mich bewusst verliebt habe! - ist ein paar Tage vor meiner Ankunft in dieses Haus eingezogen, und ich habe ihm in den zwei Wochen, die ich nun schon hier bin, kräftig mit Einrichten und Aufräumen geholfen. Nach vier Monaten "on the road", wie die Amis sagen, war ich regelrecht reif für diese Art der Häuslichkeit: Regale zusammensetzen, Kartonschachteln "entsorgen", das Ufer seines  Flüsschens  vom überhand nehmenden Scheinbambus - einem in der hiesigen Umgebung berüchtigten Un-Kraut - befreien, eine Schubkarre und anderes Gartenmaterial kaufen,  seine Küche gescheit einrichten ... Einfach wunderbar! Lauter schöne Dinge, darunter auch viel Bau- und Konstruktionsarbeit, etwas für den Bastler und Handwerker in mir.

Jetzt ist Peter für ein paar Stunden bei seiner neuen Liebe - er hat die alte Liebe nach 19 Jahren Ehe vor zwei Jahren verlassen! -, und ich geniesse die Zeit für mich und dieses für Schweizer Verhältnisse wirklich äusserst tolle Haus mit seinem super Grundstück. Meine Gedanken und Gefühle baumeln lose am Ast meines Lebens ... und wie sie so baumeln, da  will ich plötzlich ein wenig mit Dir plaudern -, ein wenig, denn zu einem richtig ausführlichen Brief reicht wohl weder meine Zeit noch die innere Ruhe.

Besonders seit Hanna (don't worry, Du kennst sie nicht) mir geschrieben hat, dass sie nach Basel ziehen will und jetzt ein Haus sucht,  habe ich ein paar Mal an Dich gedacht, denn Hanna und ich haben in den letzten zwei drei Jahren öfter von einem gemeinsamen Haus gesprochen ... Ein Haus mit viel Platz -, Platz für  Freunde, für Kinder, auch für unsere Eltern vielleicht -, Platz für eine Töpferscheibe und einen Webstuhl, ein Haus mit einem Garten, einem  Holzschopf ... Du weisst schon, was ich meine! O Barbara, vielleicht ist die Zeit allmählich reif, ernsthaft über ein solches Projekt zu sprechen! Wenn meine ausufernden Träume auf dem Weg der Umsetzung auch ein wenig Federn lassen müssten: Wollen wir nicht ein paar Schritte auf unsere Wünsche zumachen? Und Du weisst, dass Du in meinem Traumhaus ein grosses Zimmer (unterm Dach?) und mehr kriegst! So wie Du in meinem Herzen wohnst, so möchte ich Dich jeden Tag um mich haben! - Jeden Tag? - Naja -, vielleicht fahre ich zwischendurch mal für ein paar Wochen oder Monate weg oder beschliesse einmal, in meinen Gemächern zu speisen,  weil all die lieben Menschen, mit denen unser Haus gefüllt ist, ich nicht sehen mag ... aber - doch, Barbara: Du bist mir ein wichtiger Mensch, und die Idee, in einer noch zu bestimmenden Form (wieder) mit Dir zu leben erfreut mein Herz ganz fest!!! Darum: Denk doch auch wieder Mal über dieses alte Thema nach! Anders als früher habe ich jetzt auch ein wenig Geld, so dass ich mich auch finanziell an einem solchen Projekt beteiligen kann. Ich habe nicht nur ein wenig von meinen Eltern vorgeerbt, nein, ich bin auch dabei, unter die Grossverdiener zu gehen, denn ... Neuigkeiten!

Der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaften hat das Projekt, welches ich dort im vergangenen Herbst eingereicht habe, bewilligt. Ich werde also, wenn ich im August heimkomme nicht am Hungertuch nagen oder auf Deiner Türschwelle um das Gnadenbrot bitten müssen; ich werde vielmehr für weitere drei Jahre meiner Geheeb-Leidenschaft frönen und meine diesbezüglichen Forschungen und Themen (in freier Zusammenarbeit mit der Uni Bern und der Ecole) weiter bearbeiten können! - Diese frohe Botschaft hat mich Anfang April in San Francisco erreicht, als ich dort wie ein Flüchtling versucht habe, mich anzusiedeln und im Leben dieser Stadt (wenn auch nur auf kurze Zeit) Fuss zu fassen.

Wenn ich auch nach wie vor über meine schon beinahe unendliche Geschichte mit Geheeb staune (und mir deswegen manchmal ein wenig an den Kopf fasse), so  hat mich diese Botschaft wirklich froh gemacht! Ich habe mich nicht nur gefreut, dass dieses Gesuch so unerwartet problemlos durch ging; nein, ich freue mich auch, wenn ich an die vielen Fassetten dieser Arbeit - an die Zusammenarbeit mit der Ecole, an das Lesen und Forschen, an die dabei auftauchenden Themen, an die Verwicklung mit der Uni Bern etc. etc., denke. Da steckt viel Freude (und einige Herausforderung) für mich drin, wobei ein Teil der Freude und der Herausforderung auch darin besteht, dass ich in der konkreten Gestaltung der ganzen Arbeit sehr frei bin! Ein Glückskäfer bin ich, Barbara! Wirklich ein vom Glück begünstigter Mensch! Das ist ganz irre!

Es ist im Übrigen ein Gefühl, das ich bereits seit Monaten sehr stark empfinde. Nicht einmal deshalb, weil das Herumreisen so wahnsinnig spannend ist - das ist manchmal zwar der Fall, aber oft ist es auch nicht spannend! -, nein: Es ist einfach das Gefühl, das ich habe, wenn ich mich und mein Leben so betrachte und sehe, wie andere leben (oder leben "müssen"). Dabei empfinde ich die "philosophische Distanz", die ich zu meinem Leben und zu all dem Hin und Her um mich herum habe, als ganz besonders wertvoll -, "philosophische Distanz" nicht als Gleichgültigkeit, sondern als eine Art heiteren Interesses. Ja. Es ist wohl so: Es sind nicht die Umstände an sich, die mir das Gefühl geben, ein Glückskind zu sein, sondern  es ist meine gelassene und neugierige, interessierte und vertrauensvolle Haltung diesen Umständen gegenüber! Diese Haltung wiederum empfinde ich weitgehend als Geschenk -, als Geschenk all der Menschen, die mich auf meinem Lebensweg gefördert und ermutigt und unterstützt haben! Und zu diesen Menschen zählst auch Du, Barbara! Du warst mir in meiner in Vielem sehr schweren Riehener Zeit sehr wichtig und ein grosser Segen! Ja ja -, ich bin u.a. auch ein Charmeur (ich weiss es inzwischen selber sehr gut!), aber das, was ich eben gesagt habe, meine ich wirklich und ohne Wenn und Aber.

Ein Glückspilz war ich bisher auch auf meiner Reise. Ich habe mir weder einen Knochen gebrochen, noch bin ich ausgeraubt oder angefahren worden ... Die Menschen, die ich treffe, sind alle ganz erstaunlich lieb zu mir; ich erfahre viel Sympathie und Liebe und Hilfe. Den Traumprinzen habe  ich zwar bis jetzt nicht gefunden, aber ich bin meist so zufrieden, dass ich auch ohne ihn gut auskomme - und wer weiss ... vielleicht. Im Übrigen ist, das habe ich während meiner Reisemonate immer wieder gemerkt, meine Geschichte mit Renzo noch nicht vorbei! - Was ich alles gesehen und erlebt habe, was für Menschen ich kennengelernt habe, wie die bärtigen Männer in der schwulen Landkommune und die schwule (Sub)-Kultur in San Francisco sind -, darüber erzähle ich Dir ein anderes Mal mehr! Für jetzt wisse einfach, dass ich viel herumgereist bin und viele Menschen getroffen habe, dass ich manchmal müde, oft neugierig und immer wieder voller Vorfreude auf das Kommende war!

Das Kommende! In zwei Tagen wird es der Beginn meiner Rückreise sein: Zuerst fahre ich von hier wieder in den Süden, besuche noch einmal all die Leute, die ich in San Francisco, San Jose, Santa Barbara, Ojai und San Diego (alles Kalifornien) besucht und/oder kennengelernt habe, und dann kehre ich entweder an die Ostküste zurück (dort bin ich Anfang Januar ja auch gelandet) und suche dort mein Boot, oder ich segle in Richtung Westen  weiter.

Ja, das Segeln. Das war die grosse Überraschung der letzten Monate! Während der zwei Wochen, die ich  im Februar in San Diego zugebracht habe - ich habe dort hundert Meter vom Pazifik entfernt gewohnt und täglich seinen Ruf vernommen! -, ist meine alte Liebe zur Segelei wieder erwacht, und ich habe beschlossen, per Segelboot nach Europa zurückzukehren. Der Gedanke schien mir zuerst absurd, denn: erstens kenne ich niemanden ... zweitens, wer nimmt mich, einen Blinden, schon mit ... drittens weiss ich ja gar nicht und überhaupt!  Dann plötzlich ist dieses innere Mäuerchen der Grisgrämichkeit zerfallen, und ich habe gedacht: "Wenn Du es tun willst, dann mach es! Die Frachtschiffleute in Rostock wollten Dich zuerst auch nicht mitnehmen, und Du hast sie überzeugen können, dass es geht! Also los, dicker, auf geht's! Seither habe ich links und rechts Erkundigungen eingezogen  und nützliche Telefonnummern gesammelt, sodass ich immerhin schon einiges  mehr über die Chancen und Probleme meines Planes weiss als zuvor! Ob aus der Sache tatsächlich was wird, das wird sich in den nächsten zwei Monaten erweisen. Wenn nicht, naja, dann hab ich's wenigstens probiert!

Also Barbara: Schau nach Osten und schau nach Westen. Von irgendwo werde ich - vermutlich Mitte oder Ende August -  wieder  auftauchen, und dann werden wir über das Haus sprechen, und ich werde Dich fragen, wie es Dir so geht und wie es Dir ergangen ist, während ich fort war? - Denk daran, Du hast einen festen Platz in meinem Herzen! - Ich umarme Dich ganz fest und wünsche Dir  eine gute Zeit, Kraft und alles Glück in der Welt! Ich hoffe, Du bist gesund und munter, und - was die unentbehrlichen Männer angeht - nicht zu sehr bedrückt und in Qualen! - Ganz Ganz viele herzliche Grüsse!