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Johanna M., 5. Februar 2001

Hallo Hanna! Ich habe wieder einmal wundersam lange geschlafen ... einfach geschlaaaafen! Weg und fort an anderm Ort! Und jetzt sitze ich mit der ersten Tasse Kaffee an meinem Compi und versuche mir in die Welt zurück zu helfen.

Einen Blick in die heutigen Mails habe ich schon getan - nur Meldungen einer Liste von HistorikerInnen: Ankündigungen von Konferenzen, Stellenausschreibungen, Neuerscheinungen ... nichts weltbewegendes. wird alles ungelesen in den Papierkorb spediert. IN der Küche knackt der Perculator oder Kaffeetropfer, auf dass ich bald ne zweite Tasse fasse.

Dein letztes Mail kam gestern ... O! Ich drücke alle verfügbaren Daumen und wünsche Dir viel gutes, "erlösendes"! Weg mit alten Schmerzen und fort mit allem, was uns hemmt und klemmt in Kopf und Körper! In meinem etwas vagen Wissen fing Dein Intensive vor etwa 10 Tagen an und wird noch rund zwei Wochen dauern? Ja, ist das so? Ein Monat all in all? Ja, die Pfade in unser Inneres, dorthin wo wir sind - dort wo unsere Anfänge, unsere Wurzeln und Ursprünge sind.

Du merkst, ich möchte was sagen, es bummert so und rumpelt im Sprachgehäuse, aber so ganz deutlich ist's noch nicht, was sich da regt. Aber es geht eindeutig in Richtung gute gute Wünsche - ein Bisschen Erinnerung an eigene tagelange Bioenergetik-Workshops und Seufzen und Traurigkeit hineingemengt, von wegen das Leben einem so auf dem Buckel aufliegt! - und - was noch? Mut Mut Mut und noch einmal gute Wünsche! Dass Du unter dem Schutt und den Ablagerungen der alten Jahre neues Leben findest, und dass Dir das Gefühl dieses Neuen Anderen nie mehr abhanden kommt - nicht in Sturm und Wetter!

Ich reibe meinen Kopf in meinen Händen - ach! Was wacht der Mensch so langsam auf! Es gurgelt im Bauch und im Kopf beginnt bereits wieder der Rangierbetrieb: Das Fest zum 20 jährigen Bestehen der Odenwaldschule ... Ein Mail an Gilles ... Die Kontakte mit Indien: Tagore, Gandhi ... und dann "Schulen im Exil" ... Einscannen? Zur Post gehen! Einkaufen? Anrufen? ... Anrufen - ja, natürlich, aber wem? Denise, die krank war und mit der ich wiedermal was abmachen will? Gian-Reto alias Marc, der morgen um diese Zeit bereits in seinem Ausbildungscamp am Genfer-See steckt und wieder neu gehorchen lernt! Ja, der Marc ... meine letzte Affäre! Auf Wunsch und Verlangen meines Fleisches! ... Anrufen! Ja, immer, aber wem? Dem Franck (W.) in Frank-Reich? Ja, nur ist er ja nicht da! . . . Also nicht anrufen! Sondern arbeiten!

Ich schicke einen Blick zum Horizont: Dort will ich hin, dort muss ich hin! In mir entsteht ein Gefühl für den Weg und die noch zu bewältigende Distanz, und es steigt Tatkraft auf! Doch kaum blick ich fort ist auch die Tatkraft wieder weg - pffff ... Nur im Kopf, da ruft's noch immer: Putzen? Ja Putzen, unbedingt!!! Der Küchenboden! und die Stube!!! Und das Bad!!! Oje! Und dann zur Post? Klavier spielen? Waschen! Und den Briefkasten leeren Und ... ach ja. So geht's man geht hinter sich her - einen Stock in der Hand - und wenn das Tier stehen bleibt oder vom Weg fort ins Grüne Gras will ... zack, dann kriegt es liebevoll eins auf den Hintern ... Liebevoll ? Hmmm naja. Wir sind halt Teil einer Kultur, die etwas schaffen und verändern und verbessern will! Müssiggang ist aller Laster Anfang! - Das hat wohl auch unseren Begriff der Liebe etwas ramponiert.

Ich bin gestern Abend mit meiner Schreiberei dort angelangt, wo wir vor etwa einem Jahr einmal zusammen waren: Dem Aufsatz von Rabindranath Tagore über seine Schule in Santiniketan. Erinnerst Du Dich. Tagore hielt wohl nicht viel von dieser Eseltreibermentalität und dem liebevollen eins hinten drauf geben! - Naja, liebevoll. Natürlich muss man manchmal schon auch richtig durchgreifen, aber meistens geht das Tier ja brav auf seinem vorgeschrieb'nen Weg. Wir sind ja alle sehr nett und vernünftig! Nur Tagore wollte, dass seine Jungen's barfuss in der Natur herumrennen sollten - aber Tagore ist tot! Was ja zeigt, dass sich sein Modell nicht bewährt hat. Und wir leben noch. Und Du da drüben im Ami-Land kannst bald unter einem atomaren Regenschirm spazieren gehen - just in case! Man weiss ja nie, ob Nordkorea oder Irak nicht vielleicht mal eine Rakete auf Dich loslassen!

Ach ach ach. Jetzt hör ich mal auf zu schreiben. Zwar finde ich dieses Pendeln und Tändeln mit Pflicht und Lust, mit Ernst und Spott ja irgendwie reizvoll aber! Rumps! Es ruft die Pflicht und ich komme! - Ich huge Dich ganz fest fest fest and wish you all the best! Hanna, Du mutiger Mensch! Don't give up! Go slow, if you must! Take it easy but take it! Ich wünsche und hoffe, dass Du in Dir und um Dich herum Neues findest – ein Zipfelchen des Lebens! Leb wohl, bis bald wieder! - Martin