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An Melanie M., Portland, Oregon, 1. Mai 1997

Melani, carissima! Nein, nein. Keine Mails sind abhandengekommen und verloren gegangen. Abhandengekommen und verloren gegangen bin nur ich - vorübergehend! Die Zusammenhänge zwischen brennenden Häusern und Katamaranen sind mir inzwischen also sonnenklar oder mindestens sonnenklarer als auch schon, und auch die anderen Nachrichten haben den Weg in meinen PC gefunden.

Ich bin seit Wochen immer unterwegs: Vom 1. April an war ich ja in San Francisco; von dort habe ich nur einen kurzen Ausflug  in die Gegend von Santa Rosa gemacht. Ich habe in "der Stadt" viele interessante Menschen kennengelernt -, vor allem solche aus der Behinderten- und der Schwulenszene -, auch in Personalunion. Ich war zwei oder drei Mal segeln - auf der Bay -, und wenn ich in ein paar Tagen wieder nach San Francisco zurückfahre hoffe ich noch einmal auf's Wasser zu kommen, dann vielleicht ganz hinaus auf den Pazifik! Die Segelei war möglich dank der Bay Area Association of Disabled Sailors. Diese haben mich auch mit einigen "Ostkontakten" ausgerüstet, die mir auf meinem Weg nach Europa vielleicht weiterhelfen können. Meine Sammlung an nützlichen Telefonnummern für die Atlantiküberquerung wird auch sonst von vielen guten Menschen gespiessn -, sogar meine Mutter, die vor drei Tagen siebzig wurde, hat eine Adresse beigesteuert. Es sieht in dieser Richtung also alles ganz gut aus, nur muss ich mich jetzt dann mal ans Telefonieren und Planen machen.

Ich war heilfroh nach den drei Wochen in der Stadt für ein paar Tage nach Oregon zu flüchten: hier wollte ich vor allem meinen Freund Peter besuchen, den ich vor 23 Jahren in Eugene kennenlernte. Er war damals gerade dabei, sein Studium als Bildhauer abzuschliessen, während ich mich an der University of Oregon von meinem Gymnasium erholt habe. Seither haben wir uns zwei oder drei Mal gesehen - zuletzt 1987, als ich für sieben Wochen durch die USA getourt bin und - ähnlich wie jetzt - alte Freunde besucht habe.

Da Peter drei Tage vor meiner Ankunft in ein eigenes Haus umgezogen ist  - nach unseren Begriffen eine respektable Villa mit Flussanstoss, nach US-Normen ein besseres Gartenhaus -, verbringen wir viel Zeit mit Aufräumen und Einrichten: Kartonschachteln zerlegen und  - Achtung: Neudeutsch! - "entsorgen", Regale Zusammenbauen, Grossvateruhren wiederbeleben, Bilder aufhängen etc. etc. - Für mich ist dies eine wunderbare Abwechslung und Entspannung; Peter hat die Kartonschachtelei allerdings allmählich satt. Deshalb sind wir vor zwei Tagen auch ein wenig weggefahren, haben zwei Freunde von ihm besucht und auf Natur gemacht. - Jetzt ist Peter bei (s)einer (neuen?) Freundin (oje, er hat sich vor 2 Jahren von seiner Frau getrennt ...): Sie hat eine deffekte Toilette und Ausschläge wegen Poison Oak -, da ist er als Retter und Ritter natürlich sehr willkommen! Ich benütze die Zeit und erledige liegen gebliebene Post, mache ein par Telefonate und Texte etwas zhd des Verlages, der meinen Geheeb-Roman herausbringen will. Ja, der alte Geheeb lässt mich auch hier nicht ganz allein!

Apropos: Habe ich Dir geschrieben -, ja, ich habe wohl: Der Schweizer Nationalfonds hat mein im September vergangenen Jahres eingereichtes Gesuch eine Habilitation zu schreiben gut geheissen! Ja. Victoria! Das heisst, dass ich noch einmal drei Jahre mit dem Geheeb-Material arbeiten kann. Ich habe dem Nationalfonds ein weiteres Buch (Geheeb II), sowie einige Artikel und den abschliessenden Ausbau des Archivs in Goldern (Ecole d'Humanité) versprochen. Dafür sorgen die lieben Menschen für Brot und Butter und ... naja für einiges mehr! Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Geld verdient, wie ich für diese Arbeit kriegen werde!!! Ironischerweise musste ich sogar darum bitten, mit dem Geldsegen noch ein paar Monate zu warten, da ich zur Zeit noch auf einer Reise sei und erst im Herbst mit der Arbeit beginnen könne -, der Offizielle Projektbeginn war an sich auf Anfang April angesetzt. Ironisch sage ich deshalb, weil die meisten Menschen die ich kenne nicht an zu viel, sondern eher an zu wenig Geld leiden. Ich bin also wirklich ein Glückspilz -, nicht nur des Geldes wegen, sondern auch weil ich mich auf die Arbeit freue: Sie gibt mir Gelegenheit, viele Dinge weiter zu betreiben, die mir während der letzten Jahre wichtig geworden sind: Arbeit mit der Ecole d'Humanité, Arbeit im Rahmen der Uni Bern (Päd. Seminar), Arbeit rund um die "pädagogische Philosophie" von jGeheeb; historische Spurensicherung (u.a. pädagogische Rebellen und Aussenseiterinnen in der Schweiz der 1930er und 40er Jahre) etc. etc.! Also ist alles gut und schön!!!

Für jetzt lebe wohl! Ich bin noch immer daran, mein mühseliges JUNO-Email-Programm durch ein besseres Programm zu ersetzen, doch anders als in all den übrigen Dingen lässt der Durchbruch hier noch auf sich warten!!! Vorläufig gilt deshalb noch die alte Email-Adresse. - Ganz herzliche Grüsse auch Deinen Lieben - Martin!