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An Rose C., 28.6.1992

Liebe (Tante) Rosi! Da kommt er wie die alte Post vier Wochen hinterdrein! Das kann, das darf, das muss doch nicht - das muss doch nicht so sein! Doch wie man's dreht und wie man's wend't, es ist und bleibt doch so: Es kommt zu spät die alte Post und ihr Hoholldrio!

Liebe Rosi! Seit einem Monat denke ich daran, dass ich Dir wiedermal schreiben will. Dein Geburtstag Ende Mai schien mir dazu eine gute Gelegenheit. Aber, wie Du siehst, ist daraus bis heute nichts geworden. Ich habe von Mami ja noch ein wenig über Deine letzten Pariser Tage erfahren, doch seither fehlen mir alle Nachrichten. Ich kam in den letzten Monaten nicht einmal dazu, einmal etwas ausführlich mit Mami oder Papi zu sprechen, geschweige denn, sie auf dem Hasliberg zu besuchen, so sehr bin ich durch mein eigenes Leben absorbiert und in Anspruch genommen.

Ich bin ziemlich viel unterwegs: war Anfang Mai für 5 Tage in Slowenien und fahre jede Woche mindestens zwei- manchmal auch drei- oder viermal nach Zürich, Olten oder Bern, um an irgendwelchen Sitzungen (Endlich-Redaktion, Initiativkreis für Freiheit im Bildungswesen, Vereinigung Freier Schulen der Schweiz, Verein Ganzheitliche Schule Zürich ...) teilzunehmen oder für unser Theaterstück - das im September aufgeführt werden soll - zu pro­ben.

Letzte Woche habe ich mich zusammen mit Renzo für 6 Tage nach Hauterive (bei Fribourg) zurückgezogen: Ruhe, Erholung, innere Einkehr standen auf dem Programm und das wunderbar gelegene Zisterzienserkloster schien uns dafür der richtige Rahmen. Leider haben wir nicht mit dem (Über)-Eifer der dortigen Mönche gerech­net. Sie weckten uns jeden Morgen um halb fünf (am Sonntag sogar um vier Uhr) mit inbrünstigem Glockengeleute gleich über unsern Köpfen und sorgten durch regemässiges kurzes Gedröhns anschliessend dafür, dass wir nicht noch einmal wirklich einschlafen konnten. Während wir uns also schlaflos in den Betten wälzten priesen die Mönche in der Kirche den Schöpfer ... - Nun. Wir haben's überlebt, und ab­gesehen von dem etwas ungewohnten Tagesbeginn - für uns ermattete Städter nicht gerade das Ideale - waren die Tage dort wirklich sehr schön. Das Kloster liegt ganz idyllisch, ca. 5 KM ausserhalb von Fribourg, am Ufer der Saane. Die "Welt" mit ihrem Getümmel, ihrem Verkehr, den Buslinien und Autostrassen liegt über dem Talgrund, der ganz dem Kloster, seinen Äckern und Gärten und einigen ziemlich verwilderten Stückchen Waldes gehört. Nicht nur dieser Ort, sondern überhaupt die ganze Gegend rund um Fribourg und die Stadt selber haben uns im Grunde sehr gut gefallen, und wir haben - trotz einer gewissen Grundmüdigkeit - das Wandern und Radfahren ordentlich genossen.

An einem Tag haben wir einen Abstecher nach Schwarzsee gemacht. Von Fribourg bringt einem der Bus in einer knappen Stunde in diese halb-alpine Gegend. Ich wollte dorthin, weil die Ecole während des 2. Weltkrieges (von 1940 bis 46) dort oben stationiert war, nachdem Paul Geheeb sich mit seinem ersten Schweizer Ko-Direktor und Gastgeber in Versoix unwiderruflich verkracht hatte. Wir fanden tat­sächlich auch das Chalet, das die Geheebs damals für ihre Minischule gemietet hatten (die Schule zählte zu Beginn des Krieges nur noch 6 bis höchstens 10 Kin­der, und man kam also, im Gegensatz zu früher, mit einem Mittelgrossen Chalet durchaus zurecht!). Das Chalet war vor dem Krieg ein "Naturfreundehaus" und wurde 1946 wieder als solches eröffnet. Als wir in Andacht versunken vor dem alten Haus standen, um vielleicht irgendwelche Spuren jener Jahre zu entdecken, da schaute plötzlich ein alter Mann zum Fenster raus und fragte, wen wir suchten. Als wir etwas von "Ecole d'Humanité" und "Geheeb" von uns gaben, da leuchtete er auf und lud uns sofort ein, rein zu kommen. Er sei der Hüttenwart, und "jaaa auso - i haane no kchönnt! Auso, jaaa auso ...!" ("ja also, ich habe ihn noch gekannt und - ja also ..."). Ein toller "Mano" sei er gewesen, der Geheeb, aber natürlich die Leute der Gegend - nicht dass er sie schlecht machen oder gar etwas gegen sie sagen wolle, aber es sei halt doch alles Erzkatholisch hier herum und deshalb habe man sich damals nicht wirklich eingelassen mit diesen Geheebs. Dabei seien es so gute Menschen gewesen: und der Sohn des Posthalters, der hätte die Matura machen können, habe die Frau Geheeb ihm (dem Hüttenwart) persönlich gesagt -, er hätte das Zeug dazu gehabt, und der Herr Geheeb hätte ihn genommen, "aber äbe: d'Lüüt" ("aber eben, die Leute") - katholisch und skeptisch haben die Eltern "nein" gesagt, und so gab's halt für den Werner keine Matura. - "Erzkatholisch sy si hie" ("Erzkatholisch sind sie hier"). - Er sei - das sagte er uns nur flü­sternd -, er sei eben "e Chäzer" ("Ein Ketzer"). Von ihm aus solle jeder das glauben, was er oder sie wolle. "Ja auso, verstöt er - nei! - I meine numme ..." ("Ja also, verstehen Sie, nein ich meine nur ..."). Er sprach immer wieder ganz leise, als ob der Papst oder der liebe Gott ganz persönlich im Nebenzimmer sitzen und ihn belauschen würden bei seinen aufrührerischen Redensarten. Man habe ihm kürzlich ein Kreuz übers Bett gehängt, weil er ja immer an die Dialyse müsse und nicht schlafen könne und so, "nei auso, aber äbe: I säge mir: lööt se mache! Lööt se, we sy wei!" ("Nein also, ich sage mir: lasst sie machen. Lasst sie, wenn sie wollen"). - Während er uns also in die Soziologie dieser romantischen Bergwelt einweihte blättert er Album nach Album durch, ohne dass uns besonders klar war, was er dort eigentlich suchte. Plötzlich zeigte er uns ganz befriedigt die Ein­tragung einer Wandergruppe aus der Ecole, die vor zwei oder drei Jahren bei ihm übernachtet hatte. Wenn er gewusst hätte, dass wir kämen, ja dann ... "Auso nei! Äbe, wenn i gwüsst hät, aber äbe." - Das nächste mal sollten wir ihm vorher Be­scheid geben, und auch dem Werner und seiner Frau auf der Post, die wüssten auch noch viel zu erzählen! ... Es war eine ganz ähnliche Begegnung wie vor ungefähr einem Jahr, als wir in der Nähe von Fulda in einem kleinen Kaff im "Dammersfelder Hof", in dem wir einquartiert waren, dem Wirt von Geheeb zu sprechen anfingen, und er - vielleicht ein 70jähriger Mann - plötzlich zu strahlen anfing wie ein Bub und sagte: "Ja den Geheeb! Den habe ich natürlich noch gekannt! Der war doch oft hier als ich noch ganz klein war! Nein, den Geheeb, den vergess ich nie!"

Du siehst also, wenn ich Geheeb äusserlich auch nicht gerade sehr treu erscheine - das berühmte Buch ruht nach wie vor als unendliche Masse ungestalter Informati­onen in den Tiefen meines Computers - so bin ich ihm innerlich im Grunde immer nahe. Ich werde im August oder September vermutlich auch wieder einmal ein Archiv besuchen, in der Hoffnung, der Unmenge bereits gesammelten Materials noch ein paar Steinchen hinzufügen zu können. - Dass ich Anfang April an einem Kongress in Genf war, an dem es um die Geschichte der Reformpädagogik und ihrer Vertreter und damit auch um Geheeb ging, habe ich Dir vielleicht erzählt. Es war, als ob ich nach langen Jahren wieder einmal in ein Land zurückkehre, in dem ich lange ge­wohnt, das ich seither jedoch nie mehr besucht habe und mit dem ich hierzulande kaum je von jemandem sprechen konnte. Herrlich, sich schon am Frühstückstisch über die Mitglieder der "Gesellschaft für ethische Kultur" und ihre Reaktion auf die von A. Borel 1891 herausgegebene Schrift "zur Bekämpfung der geistigen Ge­tränke" unterhalten und darüber streiten zu können, ob Foerster den Vorsitz wohl deshalb abgegeben habe, weil er innerhalb der Gesellschaft zu konservativ gewesen ist, oder ob er lediglich amtsmüde war und deshalb Anno 1894 zurückgetreten ist. Gegen die Feinheiten solcher Debatten verblasst alles, was das Leben der andern Menschen sonst bewegt und in Schwung hält, das kannst Du dir sicherlich denken!

. Jetzt will ich Schluss machen. Da uns gegenüber gebaut wird - und die Fanatiker mit dem Klopfen und Sägen und Baggern und Bohren auch nicht erst um halb zwei Uhr mittags beginnen (was natürlich von mir aus gesehen sehr angemessen wäre!) - muss ich in letzter Zeit immer möglichst früh ins Bett, um wenigstens einigermassen zu dem Schlaf zu kommen, den ich so für den Betrieb meines Körpers, meiner Seele und meines Geistes brauche. Morgen Vormittag will ich noch einiges auf meinem Schreibtisch aufräumen und erledigen; am Nachmittag werden Renzo und ich dann ein weiteres Stück unseres Urlaubs - Dänemark oder Bretannie, das ist hier die Frage - planen und am Abend bin ich dann wiedermal in Zürich an einer Sitzung des "Initiativkreises für Freiheit im Bildungswesen" um mit den Menschen dort u.a. über einige Projekte zu diskutieren, für die sie mich in nächster Zeit anstellen wollen.

Liebe Rosi! Ich hoffe, mein Brief trifft Dich in guter Gesundheit und frohen Mutes. Wenn dem nicht so ist, so wünsche ich, dass es bald wieder so werde, und dass Wien für Dich Glück bedeutet! - Ich werde wohl bald einmal mehr über Dich hören - durch Mami oder durch Dich? - Für heute grüsse ich Dich ganz herzlich und embarassiere ich Ihnen recht kraft­voll!