www.martinnaef.ch / 1.2: Persönlich > Auf den Spuren von Walter Kahler-Lang
.

Auf den Spuren von Walter Kahler-Lang

In den 1960er und 1970erjahren war Walter Kahler-Lang regelmässig Gast in unserem Haus in Basel. Er kam mit seinem klapprigen alten VW-Bus jeweils aus dem Süden - aus Marokko oder aus der Sahara, wo er zu der Zeit vor allem unterwegs war.

Meine Mutter hatte diesen passionierten Weltenbummler 1944 in Peking kennengelernt. Er hatte damals das neben der Silberschmide meiner Grossmutter gelegene Photogeschäft übernommen, obwohl ihm die Arbeit hinterm Ladentisch eigentlich nicht zusagte. Man bekomme davon,so seine lapidare Erklärung, bloss Dackelbeine, und das wollte er nicht.

Schon als junger Mann war Walter Kahler-Lang ein unruhiger Zeitgenosse. Am 6. Juli 1900 geboren nahm er offenbar noch am 1. Weltkrieg teil. Wo und für wie lange wissen wir nicht. Danach folgte das Studium der Farmazie in Heidelberg. Ab 1923 beginnt dann seine Zeit als lebenslänglichr Globetrotter. Zuerst sind es einige zwei bis dreimonatige Reisen, die ihn nach Skandinavien, dann nach Südeuropa und Nordafrika führen. 1928 hält er sich für drei Monate in England auf. Im Jahr darauf verlässt er Deutschland und lässt sich in Chile nieder. Doch bereits 1931 ist er wieder  unterwegs. Während zwei Jahren bereist er per Schiff und Bahn, mit Ponies und was es an lokalen Transportmitteln gibt Ost- und Südasien: Er reist via San Francisco und Hawaj nach Nordchina, besucht Shanghai und Hong Kong, die Philipinen, Borneo, Bali, Theiland, Angkor, Rangoon, Madras und Ceylon. Von dort geht's durch den Suezkanal nach Zypern, in den Libanon und nach Palestina. Von Januar bis Mai 1933 finden wir ihn auf den kanarischen Inseln und in Nordafrika. Danach fährt er in einem Ford Baujahr 1929 vom Nordkap quer durch Europa und Afrika bis nach Kapstadt! 1935 steht noch einmal Nordafrika auf dem Plan, ehe ess 1936 (wieder mit eigenem Auto) von Berlin durch den Balkan, Ägypten, den Sinai und   jordanien in den Irak und von dort weiter via Iran und Afghanistan nach Kalkutta geht. An diese Reise schliesst sich, vermutlich ohne Rückkehr nach Europa, eine Expedition über den Zojila Pass zum Kloster Hemis Gumpa in Ladakh an, die in Shimla endet. Diesmal ist Walter Kaler-Lang zu Fuss und  mit Jacks und Ponies unterwegs. 1937 geht es mit einheimischen Trägern durch die Naga Hills und Burma bis nach Kunming, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Yunnan. Von dort fährt er per Rad auf der "mandarin  Road" durch Vietnam nach Theiland. Am Ende der Reise stehen Java und Bali. Für das Jahr 1938 ist in den Quellen aus dem Archiv der DZG keine Reise vermerkt. 1939 finden wir Walter Kahler-Lang dann erneut in Südamerika. Von 1940 bis 1944 ist er in Japan. Er hätte, so die Erinnerung in meiner Familie, von Südamerika aus eigentlich nach Deutschland fahren müssen, um seiner Wehrpflicht nachzukommen, doch habe er es vorgezogen, sich nach Ostasien abzusetzen. Was er in Japan getan hat wissen wir nicht. Wir wissen eigentlich überhaupt kaum etwas über ihn mit Ausnahme der im Archiv der DZG befindlichen, hier kurz zusammengefassten Angaben zu den von ihm zwischen 1923 und 1985 unternommenen Reisen.

Während seiner Besuche bei uns in Basel erzählte Walter Kahler-Lang vor allem von seinen Erlebnissen im Amazonasbecken und im Atlasgebirge. Das waren Reisen, die er meist allein, teils mit anderen, in den 1950er und 60erjahren unternommen hatte. Dabei zeigte er uns Lichtbilder ... viele viele Lichtbilder. Besonders erinnere ich mich an die Episode mit dem selbst gebauten Boot, mit dem er und einige Freunde einen Nebenfluss des Amazonas erkunden wollten. Mit einem alten Wespamotor und einer vom Dorfschmid angefertigten Schraube sollte es losgehen. Das ganze Dorf war versammelt. Stolz warfen sie den Motor an und - - - krachten im nächsten Moment gegen den Pier. Statt vorwärts, war das Boot rückwärts gestartet. Die Schraube musste noch einmal neu geschmidet werden, mit anderer Drehung, dann klappte es. Zwei Tage lang ging alles gut, bis jemand auf dem Boot Kaffee kochte und dabei versehentlich den Spirituskocher umwarf. Eine Minute später stand das Boot in Flammen. Herr Kahler - bis zum Hals im Wasser stehend - knipste den Untergang ihrer kleinen Titanik, während die anderen zu retten versuchten, was zu retten war. Ein mulmiges Gefühl hätten sie erst eine Viertelstunde später gehabt, als ein Hirte einige Kühe über eine Furt trieb. Das letzte Tier sei von Piranjas angefallen worden, und als es endlich aus dem Fluss stieg seien seine Beine und die ganze Unterseite des Bauches nur noch ein blutiges Skelett gewesen ...

Herr Kahler verdiente seinen Lebensunterhalt damals zum Teil durch Vorträge an Schulen.  Während einiger Jahre sammelte er ausserdem für ein US-amerikanisches Labor Bodenproben. Er müsse, so erklärte er uns, alle fünf Kilometer anhalten und ein Reagenzglas mit Erde füllen. Die Arbeit entsprach seinem Reisestil, denn so unruhig sein Leben uns erscheinen mag.: Er reiste gemütlich und liebte es, Wochen,ja Monate in der selben Gegend zuzubringen und sich auf Menschen und Landschaften einzulassen. Als wir einmal die ungewöhnlich friedliche Stimmung auf einem seiner Atlasbilder bewunderten, erklärte er sehr zufrieden: "Hat zwei Tage gedauert! Ich sass auf dem Klappstuhl neben dem Bus und habe gewartet bis die Sonne genau da war, wo ich sie haben wollte ...".

Einmal arbeitete er wohl auch für Rotell Tours, doch war dies weniger nach seinem Geschmack. Immerhin. Wir waren beeindruckt, wenn er davon erzählte, wie er seine Schäfchen mit der Stopuhr in der Hand durch seine geliebten spanischen Städte hetzte und sie am Abend alle in die "Schliessfächer" im Anhänger ihres Reisebusses schob, um endlich ein paar ruhige Minuten für sich zu haben. "Das geht Schlach auf Schlach! Hinein in die Kirche und einmal im kreis herum, dann übern Markt und zurück zum bus und ab ins nächste Ort ... von morgens acht bis abends neun, und ich immer mit der Trillerpfeife hinterher! ..." Damals war er wohl siebzig Jahre alt. Für den Ruhestand reichte das Geld nicht, aber Ruhestand war auch nicht das, was ihn interessierte. Im Gegenteil. Damals setzte er sich noch einmal auf die Schulbank und absolvierte einen vom Basler Tropeninstitut angebotenen Intensivkurs in Tropenmedizin.

"Er hatte Freunde in der ganzen Welt", erinnert sich mein jüngerer Bruder. "Sein Adressbuch war voll!" Ein besonderer Freund war Ramon Sala, ein Salamifabrikand , mit dem er u.a. 1977 eine Saharadurchquerung unternahm. Dabei, so erinnert sich mein Bruder, habe Ramons mitten in der Wüste eine Landrover Panne gehabt, woraufhin Walter Kahler-Lang mit seinem alten VW-Bus die ganze bis dahin zurückgelegte Strecke zurückgefahren sei, um die nötigen Ersatzteile zu holen. Drei Tage lang durch die Wüste. Später richtete Ramon Sala in Spanien ein kleines Museum für seinen Freund ein.

Am 3. Mai 1985 ist Walter Kahler-Lang in einem Vorort von Lima gestorben. In den DZG-Mitteilungen Nr. 43 1985 heisst es dazu u.a.: "Von Südafrika (Okavangogebiet) kommend, erholte er sich noch über Weihnachten in Ägypten und begann dann seine Südamerikatour. Chile, seine alte Wahlheimat, hat er noch von Norden bis Süden wiedererlebt, seinen Wunschtraum, die osterinsel zu besuchen, erfüllt, um dann in Peru alte Erinnerungen aufzufrischen. Im Hause eines Freundes in Chaslacayo hat er, in einem Sessel ein Buch lesend, seine Reise durch unsere Welt abgeschlossen. Uns verband die Sehnsucht nach all den Wundern dieser Welt!"

 

Copy 2021, Martin Näf