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Bluckierte Gedanken, blockierte Gespräche

Zuhören anstatt reden ist das A und O für eine gelungene Beziehung. Respekt und Vertrauen ist wichtiger als alle Beteuerungen der Freundschaft, wenn nichts dahinter steht als Höflichkeiten.

Fac: Moment, Moment. Bleib noch ein Bisschen hier und verkriech Dich nicht schon wieder in der Schreiberei. Da bist also du mit deinem Gefühl, dass alles anders sein müsste und könnte, und da ist dieser Andere mit seinem Zynismus. Er zertrümmert deine schönen Träume und macht sich über deine Gefühle lustig. Danach bist du total erschlagen und willst dich wieder in dein Kämmerchen zurückziehen, um mit neuen Argumenten und Zitaten bewaffnet irgendwann wieder aufzutauchen und dem Volk eine neue Predigt zu halten ... bis wieder einer kommt und dir seine pseudorealistischen Argumente über den Kopf haut, und du dich erneut mit der dünnen Hoffnung auf die menschliche Gesprächsbereitschaft zurückziehst und so weiter und so weiter bis du in die Grube fährst oder sonst wie entsorgt wirst. Mir passt das nicht. Ich will nicht noch einmal 10 Jahre warten! Ich bin dafür, dass wir die Sache hier und jetzt weiter klären. Wir werden vielleicht nicht mit der grossen Lösung aller Probleme aufwarten können, aber ein wenig mehr Ordnung und Klarheit müsste doch möglich sein. Auf den „Geist des Dialogs" zu hoffen und sich in dieser Hoffnung in seine Studierstube zurückzuziehen ist eines. Das Gespräch aufrecht zu halten, obwohl man sich scheinbar nicht versteht, das ist etwas zweites. Also, Autor, bleibe hier. Ich werde dafür  sorgen, dass dein Anliegen nicht untergeht, denn es scheint mir, dass du diesbezüglich unbedingt Hilfe brauchst.

Autor: Hilfe? Ich ... Ich weiss nicht, vielleicht hast du Recht. Ich meine zwar immer, ich müste es doch können. Ganz allein, ohne Hilfe. Aber mit deiner Hilfe geht es sicher besser. Aber sag, wer bist du überhaupt. Sokrates bist du nicht, mit ihm hatte ich eben zu tun, aber er hat sich dann irgendwie verabschiedet – in Luft aufgelöst ...

Fac: Stimt, Sokrates bin ich nicht. Dein kleiner Ausflug in die Vergangenheit ist vorbei. Ich bin allerdings so eine Art neuzeitlicher Nachfahre deines Helden. Man hat mich in den USA der 1950er und 1960er Jahre sozusagen neu entdeckt und zum Leben erweckt. Dort nannte man mich „Facilitator", d.h. Ermöglicher. Heute nennt man mich meistens Coach oder Moderator oder Gesprächsleiter, aber eigentlich gefällt mir die Bezeichnung Facilitator besser, denn im Grunde leite ich das Gespräch nicht. Ich sorge nur dafür, dass es in Gang kommt und nicht stecken bleibt, oder dass es, wenn es einmal stecken bleibt, irgendwann wieder in Gang kommt. Ich stelle dabei also meine eigenen Ideen zu einm bestimmten Thema ziemlich zurück. Das ist meine Rolle – Diener der Gruppe sozusagen, Diener und Ermöglicher oder Hebamme der Wahrheit, wie Sokrates vielleicht gesagt hätte.

Autor: Klingt schön, und vielleicht kann ich deine Hilfe wirklich brauchen, aber sag, wo ist die Gruppe?

Fac: Du bist die Gruppe.

Autor: Ich? Ich soll die Gruppe sein, wie das?Ich bin doch nur ich.

Fac: Ja, das könnte man meinen. Aber irgendwi ist jeder von uns mehr als nur einer oder sagen wir so: Wir sind ein Mensch, Eine Person, aber wir bestehen innerlich aus vielen verschiedenen Stimmen oder Personen. Du hast es ja eben erlebt: Du willst etwas schreiben und wirst von einem ganzen Heer von Gegenstimmen heimgesucht, die dir sagen, wie unrealistisch und naiv du bist und nach dieser kalten Dusche wirst du philosophisch. In dir gibt es also den naiven Träumer und den leidenschaftlichen Utopisten, den abgebrühten Zyniker und Realisten und den Philosophen, der – aus Weisheit oder Ängstlichkeit oder einem Gemisch aus beidem – über der Sache zu stehen und die streitenden Parteien miteinander zu versöhnen versucht. Und das sind vermutlich noch lange nicht alle Personen, die in deinem Inneren herumspuken. Es ist ein wenig so, als ob in uns hundert Stimmen aus der Vergangenheit wiederhallen: Solche, die mit einer ganz bestimmten Person verbunden sind, vielleicht mit der Mutter oder dem Vater, einer ehemaligen Lehrererin oder sonst einem Menschen, der uns – im Guten oder Schlechten – wichtig war oder ist. Andere Stimmen sind allgemeiner, haben mehr mit unserer Kultur und den in ihr herrschenden Werten, ihren inneren Spannungen und ungelösten Problemen zu tun. Zu diesem immer vorhandenen Bestand an Stimmen kommen Reaktionen auf aktuelle Ereignisse, eine Begegnung, die uns besonders beeindruckt hat, ein Buch oder ein Gespräch, das noch in uns nachwirkt ... All das ist in uns drin und ...

Autor: Warte. Dann bin ich also nur ein Zipfel meiner selbst?

Fac: In gewissem Sinn ja. Du bist für mich im Moment der Zipfel deiner selbst, der versucht, etwas, was ihm äusserst wichtig ist, in die Öffentlichkeit zu bringen. Du bist so gesehen vielleicht deinem „Kern" sehr nahe, vielleicht näher als der „Realist", der sich sofort auf dich stürzt und dich fertig macht, wenn du deinen Mund öffnest. Aber du bist auch dieser Realist, denn seine Einwände sind dir ja auch wichtig. Du bist nicht nur ein utopischer Träumer.

Autor: Ich habe also viele Stimmen in mir.

Fac: Genau. Und so wie ein Gespräch zwischen verschiedenen Menschen einmal so und einmal so verlaufen kann, so verlaufen auch die Gespräche in dir.

Autor: Das heisst einmal entsteht ein spannendes und gutes Gespräch, ein andermal dreht man sich im Kreis und bleibt an der Oberfläche oder man zerstreitet sich und übertüncht die Gräben mit irgendwelchen Floskeln im Stil von „ja, es ist nicht einfach".

Fac: Ja, genau.

Autor: Du meinst also, diese Gespräche finden auch in mir statt, wenn ich allein bin und zB zu schreiben versuche.

Fac: Ja. Nicht nur, wenn du zu schreiben versuchst, sondern fast immer. Ein Teil in dir sagt „ich müsste unbedingt wiedermal die Haare waschen", der andere Teil ist resigniert und sagt „warum. Mich hat sowieso keiner gern", oder du schimpfst mit dir, weil du schon wieder 10 Minuten zu spät bist, und zugleich versuchst du dir zuzureden, dass es darauf wirklich nicht ankommt  ...

Autor: Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn wir ein Mikrophon in uns aufstellen und diese Gespräche nach aussen übertragen würden.

Fac: Ich fürchte, du wärest enttäuscht.

Autor: Enttäuscht?

Fac: Ja, enttäuscht, weil du nichts hören würdest.

Autor: Wie meinst du das?

Fac: Die meisten Gespräche finden nicht statt.

Autor: Wie, sie finden nicht statt?

Fac: Naja. Man weiss ohnehin, was man voneinander denkt, oder man hat das Gefühl, dass das Reden sowieso nichts bringt. Also schweigt man oder beschränkt sich auf funktionales: „Gibst du mir mal den Zucker" und „Wir müssen noch die nächsten Termine vereinbaren".

Autor: Moment. Das klingt jetzt aber ziemlich pessimisstisch. Wir reden doch viel miteinander, oder nicht?

Fac: Oje. Jetzt bin ich gefordert ... Irgendwie scheint beides zu stimmen: Wir reden tatsächlich viel miteinander und die Gespräche scheinen auch gut. Sie reichen jedenfalls meistens aus, unser Leben in Gang zu halten. Aber gleichzeitig scheint es viele Bereiche zu geben, die wir bewusst vermeiden oder die wir irgendwann abgeschrieben haben.

Autor: Wie meinst du das?

Fac: Hmm. Denk zum Beispiel an dich: Du willst oder wolltest dieses Buch schreiben, aber etwas, was dich blockiert, ist  das Gefühl, dass die anderen dich „sowieso nicht verstehen", also gibst  du auf und irgendwann begräbst du das Projekt völlig. Oder denk an persönliche Beziehungen. Da gibt es überall einen ganzen Bereich von Themen, den wir nicht mehr ansprechen, weil die Erfahrung uns gelehrt hat, dass es „sowieso nichts bringt". Oft können wir mit dieser Enttäuschung leben. Es bleibt noch genug lebendige Kommunikation. Wir lernen auch, dass man im Leben nicht alles haben kann. Aber manchmal leiden wir an diesen blockierten Themen. Da möchten wir einfach „mehr" von unseren PartnerInnen, unseren FreundInnen, unseren KollegInnen und von der ganzen Welt, und oft führt dieses Verstummen auch zu beträchtlichen Störungen im Alltag.

Autor: Und du glaubst, dass es dabei immer um eine irgendwie gescheiterte Kommunikation geht? Dass ich also zB in mir irgendwelche Stimmen habe, die mir sagen, „hör auf mit deinem utopischen Zeug, das ist nicht realistisch", und dass ich aus irgendeinem Grund aufgegeben habe, mit diesen Stimmen weiter zu streiten oder zu reden?

Fac: Ja, so denke ich mir das.

Autor: Und in den Gesprächen mit anderen Menschen ist es ähnlich?

Fac: Ja.

Autor: Hmm. Die Idee ist interessant. Ich habe vorhin auch daran gedacht, dass ich oft das Gefühl habe, dass wir als Gesellschaft bestimmte Themenbereiche ebenfalls kaum mehr miteinander besprechen. Hie und da gibt's kleine Anläufe, aber es ist fast so, wie wenn wir als Gesellschaft beschlossen haben, dass diese Debatten eh sinnlos sind.

Fac: An was denkst du beispielsweise?

Autor: Ich denke zum Beispiel an die Schule. Ich glaube, dass eigentlich viele Menschen das Gefühl haben, dass hier etwas grundlegendes verkehrt läuft. Sie haben wahrscheinlich keine so extreme Meinung wie ich, haben ihre Gefühle vielleicht überhaupt noch nie in Worte gefasst, aber ein Unbehagen ist jedenfalls da -, und dennoch kommt es nicht zu einem wirklich breiten und gründlichen Gespräch über das Thema. Im Bereich Wirtschaft und Umwelt scheint es mir genau so. Viele Menschen wissen, dass hier fast alles verkehrt läuft; in privatem Kreis reden wir auch immer wieder darüber, sind betrübt oder regen uns auf, aber so etwas wie eine grosse öffentliche Debatte, wo wir quasi alle um einen Tisch sitzen und sagen, okay, so ist es, was machen wir jetzt, eine solche Debatte gibt es nicht. Es gibt einzelne Initiativen, die sich häufig gegenseitig blockieren, und es gibt Viele, die an diesen blockierten Debatten nicht mehr teilnehmen, weil sie genug von dem ewigen Aneinander vorbei reden  haben. Aber ein echtes Gespräch gibt es nicht.

Fac: Du meinst ein Gespräch, bei welchem die ganze Welt sozusagen um einen Tisch sitzt und ein Problem so lange beredet, bis es gelöst ist.

Autor: Ja genau. Ein grosses Gespräch, bei dem niemand an die Wand gedrückt und kein Anliegen lächerlich gemacht oder sonstwie abgewertet wird. Eine Art globaler Krisensitzung, bei welcher es nicht darum geht, Recht zu haben, sondern darum, für bestehende Probleme Lösungen zu finden, die für alle gut sind. An so etwas denke ich, aber ...

Fac: Aber was?

Autor: Wenn ich das so sage, dann höre ich sofort eine Stimme in mir, die mich als Naivling bezeichnet. Fac: Was sagt sie?

Autor: „Ziemlich naiv, deine Idee, findest du nicht?"

Fac: Und dann, was passiert?

Autor: Eben habe ich mich noch gefreut und gedacht: Wau, ja, das wär's, so ein grosses Gespräch, die Menschen endlich vernünftig, nicht die herzlose Pseudovernünftigkeit von heute, die so viel bedeutet, wie Arsch zusammenklemmen, Gefühle ignorieren und weitermachen! Sondern wirkliche   Vernunft, grosszügig und grossherzig ... Natürlich ist dies ein Traum, denn wie sollte das je wirklich funktionieren, wenn wir mit unseren kleinen Gesprächen schon so viel Mühe haben. Aber ein Traum ist es doch und ein guter Anfang, eine schöne Vision, und dann kommt der andere und sagt „naiv" und wusch ... es ist, wie wenn ich eben ein kleines Feuerchen in Gang gebracht habe, und da kommt einer mit einem eimer Wasser und das Feuerchen ist ertränkt.

Fac: Ein entmutigender Selbstkommentar?

Autor: Total. Ein Kommentar, der eigentlich die zentrale Hoffnung zerstört, die Hoffnung auf das gelingende Gespräch -, die Hoffnung und das Wissen, dass es im Prinzip funktioniert. „Im Prinzip" heisst nicht jedes Mal und nicht immer völlig, aber doch immer wieder.

Fac: Und dann taucht dieses Wort in dir auf – „naiv" – und die Hoffnung fällt in sich zusammen.

Autor: Ja, genau. Dabei würde ich selbst sagen, dass diese Idee eines globalen Gespräches naiv ist, nur wenn ich das sage, dann hat dies nicht diesen abfälligen Beigeschmack.

Fac: Sondern?

Autor: für mich hat das Wort eher den Beigeschmack von stark ... Das heisst, nein, es hat offenbar diesen anderen, vernichtenden Beigeschmack. Jemand sagt „naiv", und ich breche gleich zusammen. Dabei finde ich persönlich „naiv" wirklich nicht doof.

Fac: Es ist, wie wenn zwei Parteien sich in dir um ein Wort streiten.

Autor: Ja. Dabei hat das Wort ursprünglich mir gehört. Dann kamen die anderen und haben es mir weggeschnappt, wie einen Fussball, und sie haben ein paar andere Worte draufgeschrieben: „Doof", „blöd", „Unrealistisch". Und wenn mir das Wort jetzt begegnet, sind alle diese Bedeutungen da, und manchmal muss ich richtig lange nachdenken, welches eigentlich die Bedeutung ist, die ich dem Wort gebe oder gerne geben möchte, und welche Bedeutungen von anderen darauf gepinselt wurden.

Fac: Das Wort ist also mit allerlei Bedeutungen beladen, die du ihm eigentlich nicht gegeben hast und die du auch nicht akzeptierst?

Autor: Ja, wenn ich es mir genauer überlege, dann ist mir eigentlich klar, wie dumm es ist, jemandem „Naivität" vorzuwerfen, denn viele oder vielleicht sogar alle urtümlich menschlichen Regungen haben etwas sehr naives an sich: Jemand stirbt und du trauerst. Du verliebst dich in ein Stück Musik oder in das Lachen eines Menschen. Du möchtest die Welt retten und allen Obdachlosen ein Zuhause verschaffen ... Naiv, natürlich. Weshalb trauerst du? Sterben ist normal. Und Weshalb liebst du? Liebe wird sowieso enttäuscht. Und weshalb willst du helfen? Du erreichst doch nie alle. Ist diese kalte Pseudovernunft etwa die grossartige überlegene Alternative? Irgend jemand hat das Wort geklaut und besudelt! Und wenn es dann plötzlich in meinen Garten fliegt, wenn jemand sagt, „du bist aber schön naiv", dann ist es nicht mehr mein Wort, sondern es ist ein anderes, eines, das mich herabsetzt und fertig macht.

Fac: Es braucht offenbar nicht viel, um einen Menschen zu bremsen?

Autor: Wenn dieser Mensch entsprechend programmiert und vorbereitet ist, dann scheint es wirklich nicht viel zu brauchen. Ein Wort genügt und ich verstumme! So wie eben. Ich stelle mir dieses globale Gespräch vor, beginne mich zu freuen und da –das Echo eines Wortes, die Angst davor, es könnte ausgesprochen werden – und ich bin ruhig.Es braucht keine Polizei, keine Gewehre, keine vermummten Schläger, die uns bedrohen – der Schatten eines Wortes reicht aus, uns zum Schweigen zu bringen. Es ist ein ganz unauffälliges Drama, was sich da abspielt, aber es geht dabei in gewissem Sinn jedes Mal um Leben und Tod.

Fac: Um Leben und Tod?

Autor: Ja, denn unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unsere Ideen, das ist doch eigentlich das, was uns lebendig hält, es ist sozusagen unser Kern oder unsere Lebensader. Wenn dieser Strom nicht mehr fliessen kann, werden wir zum menschlichen Robotter oder zur seelenlosen Masse. Unser trauerndes, liebendes, anhängliches, verletztes, denkendes, wütendes, träumendes Innere abschätzig zu behandeln und es beispielsweise mit einem vergifteten und verdrehten Wort zu verwirren und zum Schweigen zu bringen, ist deshalb tatsächlich ein Angriff auf unser Leben oder auf das, was unser Leben lebenswert macht. Und ich meine das in einem ganz konkreten, handfesten Sinn: Die Lebenslust nimmt ab, unsere Phantasie wird klein, unser Mut verkriecht sich in irgend eine Ecke unseres inneren. Die Energie geht zurück, wir werden anfälliger für Krankheiten, fangen an, uns mit Psychofarmaka über Wasser zu halten. Diese giftigen Pfeile sind also eine echte Gefahr für uns alle. Dabei hat vermutlich jede Kultur und jede Subkultur ihre bevorzugten Giftpfeile. Phrasen wie „das ist aber reichlich naiv" oder „kritisieren ist einfach" oder „ist das nicht ziemlich einseitig?" dürften zu den Gesprächskillern gehören, mit denen viele von uns aufgewachsen sind. Jeder und jede von uns hat seine oder ihre besonderen Empfindlichkeiten, und es hilft, diese zu kennen. Es hilft, damit wir uns von unseren eigenen inneren Stimmen oder von unseren Mitmenschen nicht zu leicht zum Schweigen bringen lassen. Es ist übrigens interessant, dass der Ausdruck, jemanden „zum Schweigen zu bringen" im deutschen ja so viel heisst, wie jemanden umbringen.

Fac: Das ist wirklich interessant und zeigt, dass die Sache tatsächlich nicht harmlos ist.

Autor: Dabei geschieht der grösste Teil dieser Unfälle und Verletzungen unabsichtlich, und wir sind in dem ganzen Geschehen nicht nur Opfer, sondern (vielleicht öfter als wir glauben) auch Täter.

Autor: Bei diesen blockierten Gesprächen geht es nicht nur um Argumente, die sich gegenseitig blockieren, es geht auch um Gefühle und darum, wie wir mit diesen umgehen.

Fac: Ja, es geht auch um Gefühle.

Autor: Ich bin selber ja stark von unserer Schule und der in ihr vermittelten Art von Gescheitheit geprägt. Dabei ist ein Thema die Erziehung zur „Vernünftigkeit". Man hat uns in extremer Weise beigebracht – und man tut dies noch immer – „vernünftig" zu sein. Für Gefühle scheint in unserem Bildungswesen kein Platz. Kleinen Kindern gestehen wir allenfalls noch ein gewisses Mass an Gefühlen zu. Ihnen geben wir noch ein paar Minuten Zeit, um zu staunen, und wir stellen uns darauf ein, dass sie nicht immer reibungslos funktionieren, dass sie hie und da Wutanfälle kriegen oder in Tränen ausbrechen. Aber später heisst es bei solchen Ausbrüchen dann: „Sei doch vernünftig ... Du bist doch kein kleines Kind mehr". Wenn jemand mit 16 oder 18 in einer Geschichts- oder Biologiestunde anfangen würde zu weinen, weil ihn ein bestimmtes Thema so stark berührt, so wäre das als Einzelfall allenfalls noch akzeptabel, aber zum Normalfall darf so etwas nicht werden. Stell dir vor, die ExpertInnen an einer Konferenz über AIDS in Afrika würden ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Stell dir die Tränen und die Wut vor, die da auftauchen würden. Stell dir vor, du würdest ein Seminar zum Thema Artenvielfalt oder zum Thema Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen anbieten, und es wäre erlaubt, Gefühle zu haben!

Fac: Was glaubst du, was würde passieren?

Autor: Es gäbe viel Tränen, viel Wut, wahrscheinlich auch viel Gelächter, viel Staunen. Aber ich denke vor allem, es wird so etwas nicht geben, denn wir haben verlernt, unsere Gefühle auszudrücken, und wir haben verlernt, mit unseren Gefühlen umzugehen – mit den eigenen und denjenigen von anderen. Im privaten Bereich besteht vielleicht noch ein gewisser Spielraum, doch in der Öffentlichkeit haben reale Gefühle fast keinen Platz mehr. Wer als Erwachsener weinend auf einer Parkbank sitzt oder wer im Verlauf einer Podiumsdiskussion einen Wutanfall kriegt wird leicht als psychiatrischer Fall abgeschrieben. Statt den betreffenden Menschen zu fragen, was ihn oder sie so wütend oder so traurig macht, ziehen wir uns innerlich zurück, werden steif und ängstlich, versuchen allenfalls mechanische Beruhigungsfloskeln oder rufen einen Arzt. Damit ist aber unsere Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit extrem eingeengt.

Fac: Empfindest du das auch, wenn du zu schreiben versuchst.

Autor: Ja. Ich habe das Gefühl, ich müsse immer fär, gerecht und „vernünftig" sein. Eigentlich ist das ja ein löbliches Ziel. Aber es gibt Themen, die mich so tief berühren, dass ich diese innere Gelassenheit nicht immer aufbringe. Und da wirkt sich dieses übermässige Vernünftigkeitstraining sehr störend aus. Ich werde dann je nachdem total emotional oder übervernünftig. .