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Die langen Schatten der Wohlerzogenheit oder: von unserer alltäglichen Bravheit

März 2006. Ich bin zu Besuch bei meiner New Yorker Freundin Kathy. Wir sprechen viel von Politik. An einem Abend besuchen wir eine Veranstaltung, an welcher drei Expertinnen - zwei Frauen und ein Mann - über die verfassungsmässigen und gesetzlichen Grenzen der Macht des amerikanischen Präsidenten sprechen sollten. Angesichts der aktuellen politischen Lage in den USA ist das Thema brisant.


Allerdings verläuft der Abend nicht so, wie Kathy und ich es uns erhofft haben. Mit Ausnahme von Michael Rattner, dem Präsidenten des Center for Constitutional Rights, CCR, der lebendig und anschaulich über die Arbeit dieser kritischen Organisation und über sein eigenes Engagement als "linker" Jurist spricht, sind die Referate langweilig und zu technisch. Sie scheinen auch sämtlich am eigentlichen Thema des Abends - oder an dem, was Kathy und ich erwartet haben - vorbei zu gehen. Ich überlege mehrmals, ob ich mich melden und meine konkreten Fragen anbringen soll, doch fehlt mir der Mut. Vielleicht habe ich ja nicht alles verstanden und die Rednerinnen haben tatsächlich zum Thema gesprochen ... Vielleicht wurden die grundlegenden Dinge auch vom Moderator der Veranstaltung gesagt als Kathy und ich noch draussen waren und Karten für den Abend kauften ... Ich kenne dieses Zögern in mir. Es gibt immer Gründe, weshalb ich mich nicht zu fragen getraue. Manchmal gelingt es mir, dieses aus ängstlicher Vorsicht und Unsicherheit gesponnene Netz der Befangenheit zu zerreissen und meinen Mund aufzutun. . Manchmal gelingt es nicht. Sie kennen das Gefühl vermutlich auch. Es sind die ganz „gewöhnlichen" Hemmungen „wohlerzogener" Menschen. Man will nicht auffallen, will nicht stören, will natürlich auch nicht blöd dastehen ... Nach einer Weile höre ich nur noch mit halbem Ohr auf das, was gefragt und gesagt wird. Ich werde schläfrig und beginne mich zu langweilen. Die Diskussion wirkt wenig inspiriert. Der Abend scheint ins Leere zu gehen.

Da! Plötzlich bin ich hell wach und aufmerksam: . Ein Mann in der vordersten Reihe wirft Michael Rattner vor, sich an einem Spekulationsprojekt in Down Town Brooklin zu beteiligen, durch welches Dutzende alteingesässener kleiner Geschäfte und hunderte einfacher Mieter aus ihrem Quartier vertrieben würden. Der Mann ist erregt: "Wie können Sie hier den grossen Menschenfreund spielen und gleichzeitig beteiligen sie sich an einem solchen Projekt. Überall im Land werden kleine Leute aus ihren Wohnungen und Geschäften vertrieben, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können. Das nennt man "Entwicklung", und sie beteiligen sich daran! Sie beteiligen sich daran!"

Der Moderator versucht den Redner mehrmals zu unterbrechen - "sie verwechseln Michael Rattner mit einem anderen Michael Rattner ... Es handelt sich um eine Verwechslung" -, doch der Mann gibt nicht auf. Er spricht lauter, spricht gegen den Moderator und dessen Mikrophon an: "Sie beteiligen sich daran, Mr. Rattner. Sie beteiligen sich daran." Er hat eine bemerkenswerte Stimme, voll und dröhnend, und er hat Mut!

Michael Rattner sitzt hinter dem Moderator. Er schüttelt den Kopf und grinst, doch er sagt nichts. Der Mann in der ersten Reihe besteht darauf, dass es sich um genau diesen Michael Rattner, diesen "scheinheiligen Engel der Menschenrechte" handelt. Der Moderator wird lauter: "Mein Herr, sie verwechseln Mr. Rattner mit einem anderen Rattner. Mein Herr, ich bitte sie ...", doch der Mann gibt nicht auf: "Sie zerstören Down Town Brooklin und spielen hier den grossen Helden. Sie zerstören Down Town Brooklin und spielen hier den grossen Helden ...". Michael Rattner lehnt sich in seinem Stuhl zurück und schüttelt den Kopf. Vor uns aufgeregtes Geflüster, empörte Gesten. Der Störefried soll endlich Ruhe geben. Kathy, die neben mir sitzt, ruft: "Lassen sie Michael Rattner antworten! Michael Rattner soll antworten." Ihre Stimme ist dünn und dringt nicht durch. Ich will sie unterstützen, doch bekomme ich meinen Mund nicht auf.

Inzwischen hat der "Störefried" seinen Platz verlassen. Er geht durch den Mittelgang langsam in Richtung der Türe. Auf der Höhe unserer Sitzreihe angekommen dreht er sich noch einmal zur Bühne um und sagt: "Sie sind es, Herr Rattner. Sie sind es, und ich werde von jetzt an an jeder ihrer Veranstaltungen auftreten bis sie mit diesem doppelten Spiel aufhören. Sie sind es! Sie sind es." Dann verläst er den Saal. Die Tür schliesst sich hinter ihm. Der ganze Auftritt hat höchstens zwei, drei Minuten gedauert. Es kam zu keinem Eklat, zu keiner Schiesserei und zu keinem Handgemenge. Es war ein Zwischenfall, wie sie täglich überall geschehen, etwas peinlich, aber doch ganz normal. Ganz „normal"?

Während der Moderator zu weiteren Fragen auffordert und die Veranstaltung wieder in Gang kommt bin ich innerlich noch ganz bei dem, was da eben geschehen ist. Der Vorfall beschäftigt mich noch tagelang, und Kathy geht es ähnlich. Wir wollten uns etwas gutes tun, wollten uns politisch weiterbilden und unseren Kampfgeist stärken, um der in der Bush-Administration verkörperten Arroganz und Ignoranz der Macht mit neuem Mut begegnen zu können. Stattdessen sind wir unserer eigenen "Demokratieunfähigkeit" begegnet! Da versammeln sich lauter aufgeklärte, kritische Menschen. Man ist empört über die Missachtung nationaler und internationaler Gesetze. Man fordert Präsident Bush's Absetzung und ruft zum Kampf gegen dessen menschenrechtsverachtende Politik auf ... Edle Ziele. Grosse Worte. Die Gäste auf dem Podium sind hoch qualifiziert. Sie wissen, wovon sie sprechen; die Menschen im Saal sind interessiert und wohlmeinend. Und doch: Kaum stellt jemand eine etwas unangenehme, nicht ganz in das Spiel passende Frage, sind wir unfähig, konstruktiv mit dieser „Störung" umzugehen. Unser demokratisches Pathos und unsere Rede vom Respekt gegenüber allen Menschen bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen!

Der Moderator der Veranstaltung, ein Profi mit geschulter Stimme und einem guten Mikrophon, flüchtet sich in Floskeln und begegnet dem Fragenden mit einer stereotyp wiederholten Antwort, obgleich dieser behauptet, die Antwort sei unrichtig. Michael Rattner, seit Jahrzehnten an vorderster Front für verschiedenste Bürgerrechtsbewegungen tätig, reagiert mit einem unangenehm wirkenden Lachen und weigert sich, etwas zur Sache zu sagen. Und wir - das Publikum? Wir sind peinlich berührt und verstört, räuspern uns empört und sind blockiert. Immerhin: Kathy hat gerufen: "Rattner soll antworten", aber niemand hat ihren Zwischenruf aufgenommen. Ich wollte es, wollte ebenfalls rufen "Rattner soll antworten", doch irgendwie ging es nicht. Mein Wissen von dem, was in dieser Situation vernünftigerweise zu tun wäre, kam nicht gegen meine Hemmungen an ... Wieder dieses Netz von Hemmungen -, diesmal jedoch Fest zugezogen, nicht sanft und beinahe unspürbar wie zu Beginn des Abends. Ein Teilnehmer der Veranstaltung kam kurz vor deren Ende noch einmal auf den Vorfall zu sprechen; er bat Rattner um eine Stellungnahme zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Doch auch diesmal äusserte Rattner sich nicht und die Anfrage ging in anderen Redebeiträgen und Stellungnahmen verloren.

Angesichts unseres offensichtlichen Versagens an jenem Abend wirken all die schönen Worte über Bürgerrechte und persönliche Freiheiten, über Gewaltmissbrauch und über offene demokratische Auseinandersetzungen schal und falsch. Mag sein, dass ich es mir mit meiner Analyse dieser Misere - und eine Misere ist es! - wieder einmal zu einfach mache, doch wo haben wir diese Kommunikations- und Reaktionsunfähigkeit gelernt, wenn nicht in unseren Schulen? Wo, wenn nicht in der Schule, haben wir uns während Jahren systematisch darin geübt, uns stets an die von den veranstaltenden Autoritäten festgelegten Spielregeln zu halten, egal wie einengend und falsch uns diese scheinen? wo, , wenn nicht in der Schule, haben wir diese Art der vorsichtigen Zurückhaltung, dieses ängstliche Schielen nach der Autorität, die eine Intervention ermutigt oder ablehnt, gelernt? Wo, wenn nicht in der Schule, wurde diese kollektive Bravheit so oft belohnt bis sie uns zur zweiten Natur wurde? Wo, wenn nicht in der Schule, haben wir gelernt, dass wir mehr zum Zuhören und Gehorchen als zum Sprechen und Fragen geboren sind?

Wir mögen stolz darauf sein, demokratisch zu denken und zu fühlen. Doch solange wir nicht danach handeln, sind wir klug beraten, diesem Stolz mit einiger Vorsicht zu begegnen.

© Martin Näf 2006

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