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Die Vorfahren mütterlicherseits

 

Was für eine Freude, die ganze Geschichte, die ich mitbekommen habe, aufzuschreiben! Natürlich müsste ich mit der Familie beginnen, aber wo hört die Familie auf und wann die Verwandtschaft? Ich staune, wieviel Namen ich nie gehört oder im hintersten Wingkel vergessen habe, obwohl sie verwandt mit uns sein sollen. Also beginne ich mit dem Stamm, aus welcher irgendwann meine Mutter und mein Vater entsprungen sind. Es ist möglich, dass es Daten und Geschichten gibt, die noch weiter zurückreichen als zum anfang des 19. Jahrhunderts, aber ich selber konnte nichts finden. Also fangen wir dort an, wo sich für mich die Nebel zu lichten beginnen und die Geschichte Form annimmt.

August Bilse und die Familie

Anna Rosina Stier und Gottlieb Benjamin Bilse sind am Ende des 18. Jahrhunderts gebohren und um 1815 haben sie in der Kirche von Liegnitz geheiratet. Liegnitz ist irgendwo in Schlesien. Der Vater war "Schankwirt und Bürger", immerhin "Bürger". von der Frau wissen wir eigenlich nichts ausser - wir nehmen mal an, dass sie nie Fremdgegangen ist -, sie fünf Kinder gebohren hat und irgendwann gestorben ist.
Das erste Kind, geb. 1816 und gestorben 1902, war Benjamin Bilse. Das letzte war August Bilse, geboren 1828 und gestorben 1909.


Benjamin Bilse hat sich von einem Wirtshausgeiger zu einem angesehenes Geiger und Dirigenten entwicklt. Er hat zusammen mit Johann Strauss in der Weltausstellung von 1867 oder 1868 in Paris gespielt und in Berlin Triumfe gefeiert! - 1882 aber ist Benjamin Bilse immer noch Stur genug gewesen, mit dem Orchester von Berlin nach Warschau dritte Klasse zu fahren, obwohl man sich ohne weiteres auch zweite oder erste Klasse leisten konnte! Da er der gelegentlich sehr brüske Chef und Dirigent des Orchesters war, blieb am schluss den Musikern nichts übrig als den Befehl zu verweigern und auszusteigen. Benjamin Bilse fuhr mit einigen Getreuen trotzdem weiter nach Warschau. Er engaschierte einige Herren, Musiker allesammt, und diregierte am Abend, während in Berlin die Berliner Philharmoniker gegründet wurden. 1885 hatte Benjamin Bilse genug. Die Bilsesche Kapelle löste sich auf, und er zog sich als Rentner nach Liegnitz zurück.


August Bilse hat dem älteren Bruder nachgeeifert. Er hat Geige- und Klavierstunden bekommen und ist der Bilseschen Kapelle beigetreten. Wie August Bilse 14 war wurde die Eisenbahn auch nach Liegnitz verlegt, sodass die Kapelle jetzt auch weitere Stätchen und Städte bedienen konnte. Auch da war die treibende Kraft Benjamin Bilse.


Vielleicht war es vfür August Bilse nach und nach einfach zu beengend, immer unter dem älteren Bruder nur die zweite Geige spielen zu dürfen. Jedenfalls gingen Benjamin und August jetzt getrennte Wege. August war ungefähr 30, der ältere Bruder schon über 40. August Bilse gründete also eine eigene Kapelle. Er dirigierte ähnliche Stücke wie sein Bruder. Anfang 1860 spielte er unter anderem in Breslau. Ein Rezensent schrieb dazu eher kritisch, wenn nicht hämisch: "Man kann den Leistungen des Orchesters im allgemeinen nichts anhaben; es wird nach Kräften redlich studiert, und geputzt, einzelne Instrumente haben sehr gute Vertreter; aber dem Ensemble mangelt Feinheit und Verständnis, und besonders in der Symphonie kommt es nicht selten vor, dass die Instrumente in ihrer gegenseitigen Wirkung nicht genau genug abgewogen sind. Dieser Fehler wird sich aber im Laufe der zeit beseitigen lassen, wenn der Dirigent fortfährt, gerade in diesem Punkt grössere Mühe aufzuwenden. Das Streben ist gut, nur glaube Herr Bilsse nicht schon alles erreicht zu haben - - in Ausübung einer Kunst darf man sich niemals selbst genügen wollen, wenn man fortschreiten will." (Deutsche Musik-Zeitung, 28. Januar 1860) Es hätte mich auch entmutigt, solche Kritiken an den Kopf geworfen zu kriegen.


Vielleicht nahm er nicht genug Geld ein, vielleicht hatte er Liebeskummer, vielleicht hatte er sehnsucht nach der weiten Welt oder er war einfach doch zu schlecht mit dem älteren Bruder mitzuhalten. Er beschloss jedenfalls mit seiner Frau und dem ersten Kind nach Südamerika zu gehen, was damals, wo man nur per Damfer oder mit einem Schoner reisen konnte, eine grössere Veranstaltung war. Er hoffte vielleicht, dass er dort mehr Glück haben würde als in Deutschland. Aber es klappte wohl nicht. Er landete schliesslich in den "vereinigten Staaten" von Amerika.

Surinam, ein Land wo ich nie war, interessiert mich. In Surinam wollte die Familie vielleicht bleiben, jedenfalls behauptet das mendelsche Musiklexikon 1872, dass es so war. 1863 hatten die Holländer angefangen, die Sklaverei abzuschaffen und der Prozess war zehn Jahre später abgeschlossen, theoretisch. Praktisch war es doch dort auch nach der Sklaverei sehr gut zu leben, das stelle ich mir jedenfalls so vor! In der Hauptstadt Maribu war es nicht zu heiss. Und dann das Hinterland! Urwald, Sümfe, Menschen, die es in der "zivilisation" nicht mehr aushielten. Und die Holländer sind erst 19 75 gegangen! Wieso ging August Bilse und seine Familie dann wieder fort? Es hätte mir gefallen, auch dort Verwandte zu haben! Allerdings hätte ich den August Bilse dann vermutlich nie kennengelernt.


Im Sebtember 1873 kam August Bilse, 45 jährig, "occupation musician" mit Frau und Kind in Boston an. Im November des gleichen Jahres bekam die Frau ein zweites Kind, dass Anna Bernardine Elisabeth getauft wurde. 1876 hatte sie ein drittes Kind. Es war wieder ein Mädchen. Auch dort würde mich interessieren, was die Familie, und was das grosse weite Land gemacht hat. Ich hätte Lust, die Nawahos und die Schakale zu besuchen, zu sehen, was die Prärien sind, wieviele Staaten es vor 150 Jahren gab und wie die Städte sich entwickeln. Den Westen würde ich sehen wollen und den pazifischen Ozean! Ich bin zwar einige male in den vereinigten Staaten gewesen, aber das war über hundert Jahre später!


Man munkelt davon, dass August Bilse in San Franzisco konzerte gegeben hat, vielleicht auch mit dem älteren Töchterlein zusammen! Man munkelt davon, dass er auch in Washington war. Aber das sind nur gerüchte. Man weiss nur, dass sie 1884 wieder in Berlin waren. "A. Bilse, Musik-Direktor, Inhaber einer Klavier- und Violinschule, Friedrichstraße 212" hiess es jetzt.


Von August Bilse hören wir nichts mehr bis die Frau Bilse, ehemals Frau Raspers 1892 stirbt. Der Sohn, damals ein junger Mann, lebte schon in St. Petersburg als Dirigent. Er starb ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mutter. Ich kann mir vorstellen, dass der August und seine Töchter ziehmlich verzweifelt und traurig gewesen sind als das Geschah! Herr Bilse hat nochmal geheiratet, eine Von Degner. Aber von ihr wissen wir noch weniger als von der ersten Frau, also wirklich nichts.


Dann, sieben Jahre später, kriegte die ältere Tochter, Anna Bernardine Elisabeth, ein Kind, unehelich und der Mann kam ausgerechnet aus ... China -, ein richtiger Chinese! Was das in Berlin bedeutet, das kann man sich leicht vorstellen: Vielleicht zuerst Neugier, aber dann Ablehnung. Sie heirateten zwar drei Monate später, aber zusammengelebt haben sie wahrscheinlich nie. Sie haben sich bald wieder scheiden lassen. Ja, und das Kind war meine Grossmutter Erna Mary Dö Lu, eben Lu, also!


Elisabeth Lu arbeitete als Schneiderin und versorgtte das Kind. Vermutlich half August Bilse der Tochter; wo die jüngere Tochter abgeblieben ist, weiss ich nicht. Sie sind auch drei oder vier mal umgezogen, vielleicht auch vor der "Schande"! Irgendwann beschlossen August Bilse und Elisabeth dann, das junge Ding, sie war 5 oder 6 Jahre alt, zu den Grosstanten ins Schlesische zu geben. Es wurde ihnen nicht leicht gemacht, aber August Bilse war gegen 80 und die Tochter krank. Man nannte das "Schwindsucht". Sie starb im Mai 1908, nur 34-jährig. . August Bilse starb 10 Monate später im Auguste-Victoria-Krankenhaus in Berlin-Schöneberg. Zwei Monate zuvor, also im Januar 1909, schrieb August Bilse an die Enkenin Mary Lu zum zehnten Gebuhrtstag, ein Geschenk werde bald folgen, wenn ich dann noch lebe. Ich bin sehr krank. Es scheint, dass August Bilse alles versucht hat, aber am Schluss alles oder fast alles verloren hat. Die Enkenin in Schlesien gab es, aber sonst ...


Mary Lu-Clémann hat einige Male gesagt, dass die schönste Zeit ihres Lebens bei den Grosstanten in Schlesien gewesen ist. Wie erstaunt waren Mary und die Grosstanten deshalb, dass es 1911 oder 1912 hiess: Wir gehen zurück nach China. Ich nehme an, dass Werner Lu vielleicht an Weihnachten ein Geschenk gekauft und eine Karte geschickt hat, aber sonst war er froh, dass Mary in Schlesien war, und das sie sich gut benahm. Warum sie mit sich nehmen? Ich weiss es nicht.


Vielleicht hat die Unterschiedliche Haltung von Deutschen und Chinesen mehr Spuren hinterlassen als wir annehmen. Der chinesische Vater, obwohl schon über zen Jahre in Deutschland, war sich offenbar nicht klar, dass er auch pflichten über die Geburt eines Jungen oder Mädchens hinaus hatte. Er nahm selbstverständlich an, dass er auch hunderte Kilometer entfernt wohnen konnte. Wenn es ihm Gefiehl, dann besuchte er seine Familie, aber ausser hie und da ein bisschen Geld zu schicken war er frei. Er spielte Ma-Tchong, oder er ging irgendwelchen Geschäften nach. Wenn er genug Geld hatte oder sein Vater in Europa oder Amerika zu tun hatte, dann nahm er seinen Sohn mit. Es konnten Jahre vorüber gehen, ohne dass sich Mann und Frau sahen. Die Frau blieb im Dorf, und kam vielleicht ein- oder zweimal im Leben in die Stadt, um den Schwiegersohn zu begrüssen oder abschied vom Vater zu nehmen. Die Frauen zogen die Kinder auf. Erst im Erwachsenenalter hatte der Vater eine neue Aufgabe: Den Sohn in die Welt der Erwachsenen einzuführen. Die Töchter wurden verheiratet und sobald ein oder zwei Kinder da waren, begann das ganze Spiel erneut.


Vermutlich begriff Frau Lu-Baumann nicht, was auf sie zukam, aber sie gehorchte und reiste mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Töchterlein und der zwölfjährigen Tochter von Werner Lus erster Frau nach dem fernen China.


Ach Gott, die Oma Lu oder besser Stief-Oma! Wir., Thomas, Werner und ich, waren damals Kinder, und die Oma Lu hütete uns, das heisst vorallem den jüngsten von uns. Ja ja, ich kann mich erinnern, dass wir in Basel im Park spielten und die alte Frau Lu uns auf einer Bank zuschaute.


In China angekommen, verfrachteten Herr und Frau Lu die ältere Tochter Mary ins innere Chinas. Wir wissen wenig mehr über Mary als dass sie in ein Internat kam, wo sie Klavierunterricht erhielt und auch gab, und in die Schule musste. Viel später erzählte sie, dass es keine glückliche Zeit war. Was sie am Leben hielt, das waren die Stunden am Klavier. Mary sehnte sich nach Berlin und, vermutlich noch mehr, nach Schlesien zurück.


Kurz nach dem ersten Weltkrieg gingen Werner Lu und Mary und vielleicht auch Luise Lu-Baumann und sein Töchterlein wirglich noch einmal nach Berlin! Es scheint, dass Werner Lu sich in China wieder etabliert und es sich leisten konnte, grössere Reisen in Europa zu unternehmen. In Berlin musste Mary zuerst eine einjährige Handelsschule machen, dann erst konnte sie mit dem eigentlichen Klavierstudium beginnen. Aber kaum hatte sie angefangen, da hiess es, Koffer packen und wieder nach China gehen. Ich vermute, dass andere die Kraft aufgebracht hätten, aber Mary war vielleicht doch zu Chinesisch Aufgewachsen! Also ging sie - schweren Herzens? - zurück nach China.


Ernst Clémann und Familie


Die elsässisch Lotringische Gegend war vor 1870 französisches Staatsgebiet. Von 1870 bis 1918 war sie Deutsch, dann für 22 Jahre wieder französisch, dann, von 1940 bis 1945, wieder Deutsch. von 1945 an wurde es wieder französisches Staatsgebiet. Die Bevölkerung hatte aber nie wirklich französisch geredet. Ich mag mich erinnern, dass ich in den 1960erjahren einige Male mit meiner Mutter in Mühluus, vielleicht 30 KM von Basel entfernt, gewesen bin und wir mit der Grosstante, es könnte Jean Clémanns Frau gewesen sein, deutsch gesprochen haben. Sie hat immerwieder wie Selbstverständlich ein französisches Wort oder zwei gebraucht, aber sie redete deutsch oder besser elsässisch. Jüngere Menschen wachsen jetzt in einer ganz und gar internationalen oder französischen Kultur und Sprache auf. Das Elsässisch ist beinahe verschwunden.


Vater und Mutter Clémann, ich weiss im Moment nicht mehr, wie die Mutter vor der Heirat hiess, hatten zwei Söhne; der eine, ich glaube, der ältere von beiden, war mein Grossvater Ernst oder Ernest (19.06.1873 - 10.08.1932 ). Der jüngere Sohn war Jean Clémann.


Ich meine, die beiden Brüder haben sich als Jugendliche in das gleiche Mädchen verliebt. jedenfalls verliess Ernest - vielleicht wirklich aus Gram - Mühlhausen oder Mühlhus im Elsass, und ging zuerst nach Paris und dann nach Vladivostok, das fernste Russland, da man ihm dort eine Stelle angeboten hatte.


Vladivostok war vierzig Jahre vorher gegründet worden, und wuchs schnell. "Die Wirtschaft erlebte ab 1903 einen Aufschwung mit der Fertigstellung der Transsibirischen Eisenbahn, die Wladiwostok mit Moskau und Europa verbindet. Schnell entwickelte sich Wladiwostok zu einem internationalen Handelszentrum. Um die Jahrhundertwende siedelten sich dort viele ausländische Kaufleute an, deren Bauten teilweise noch das Stadtbild prägen. ... Während des Russisch-Japanischen Krieges 1904–1905 wurde Wladiwostok von japanischen Kriegsschiffen belagert. Nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution und es Russischen Bürgerkrieges wurde die Stadt durch Ententetruppen besetzt." (wikipedia Peking, 11. 2. 2019).


Ernest Clémann kam dort an, als die Sibirische Eisenbahnstrecke von Europa nach Moskau und Vladivostok gerade fertig gebaut war, also um 1903 oder 1904. Er ging vielleicht nicht ganz freiwillig aus Vladivostok weg, aber um 1916 treffen wir ihn in Peking wieder. Er versuchte sich jetzt auch als Silberschmid oder Verkäufer von Silberschmidearbeiten. Nach dem ersten Weltkrieg ging er zurück nach jetzt wieder Frankreich. Wir wissen nicht, ob er wieder in Europa fussfassen wollte, aber wir wissen, dass er in Mühlhuus einen Französischen Pass machen liess. Damit war das Kapitel Deutschland abgeschlossen. Er aber kehrte nach Peking zurück.


Mary Clémann Lu


Mary Lu und die Familie waren zurück in China. 1924 heiratete sie Ernest Clémann in Peking. Auch das war nicht so einfach! Der Vater hatte Mary schon halb und halb einem anderen Mann versprochen, aber ausgerechnet da war auch die Mutter Werner Lus in Peking, um vom Ehemann abschiedt zu nehmen, den sie wahrscheinlich kaun kannte. Da sie jetzt bestimmen konnte,wen ihre Enkeltochter heiraten sollte, beschloss sie, gegen den Rat des Sohnes, sie Ernest Clémann zu geben. Allerdings musste Ernest Clémann noch vor der Hochzeit der Mutter vorgestellt werden. Erst jetzt waren alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und es konnte geheiratet werden.


Ernest Clémann war über 25 Jahre älter als Mary, aber es scheint eine glückliche Ehe gewesen zu sein. Mary Clémann kriegte drei Kinder: Rose (1925 2009), Annemarie (1927 – 2004) und Marthe (1932 – 2014). Noch vor der Geburt Marthes starb jedoch Ernest Clémann mit 59 Jahren, und Mary Clémann stand mit drei Kindern und einem Geschäft alleine da. Sie konnte oder wollte nicht zurück nach Deutschland, so blieb sie in China.


Rose und Marthe gingen in die französische und Annemarie in die deutsche Schule. Daheim wurde deutsch gesprochen. Auf der Strasse sprachen sie chinesisch. Sie spielten auch mit chinesischen Kindern, aber sie waren und blieben Europäer. Annemarie, also meine Mutter, begann erst chinesisch zu schreiben als ich schon aus dem Haus war. Sie sehnte sich nach einer Jugend, die nie zurückkam. Auch Mary hatte Bekannte und Freunde. Sie lud sie zum essen ein, sie spielten Matschong und Mary und einige Bekannte gaben am Abend Hauskonzerte. Sie gingen auch aus, meistens mit europäischen Bekannten, manchmal auch mit Chinesen die in Europa gewesen waren oder sonst wichtige Posten bekleideten. Aber sie sehnde sich immer wieder nach einem - ich weiss es nicht, vielleicht einem Freund, dem sie das Herz ausschütten, weinen und lachen konnte. Vielleicht hoffte sie auch noch einmal zu heiraten, denn mit 32 witwe zu sein - ich weiss es nicht.


Die 1930-er Jahre wahren immerwieder angespannt; die Tore Pekings mussten einige Male geschlossen werden, und im zweiten Weltkrieg, wo man Japaner, deutsche und Amerikaner bei Laune und die einheimische Bevölkerung ruhig halten musste, da war es Mary warscheinlich oft zuviel, aber sie musste und wollte den Kindern zuliebe weitermachen. Während Mary viel im Geschäft war, hatten die Ama, der Koch und die anderen alle Hände voll zu tun, die Kinder zu bendingen, zu kochen, zu waschen und die Wohnung sauber zu halten. Im Sommer gingen die Kinder in die Berge; die Mutter kam auch, wenn sie einige Tage frei nehmen konnte und Peking sicher war.


Nach dem Abitur studierte Annemarie zuerst ein- oder zwei Jahre in Peking und dann – 1947 – gingen die älteren Schwestern nach Europa: Rose studierte in Geng vermutlich Französisch und Annemarie in Zürich Medizin. Das Nesthäglein Marthe und Mary blieben in China. Annemarie dachte zuerst, dass sie nur zum Studium in Europa sei, aber 1949 war es allen klar, dass sie, ob sie wollten oder nichtin Europa bleiben und die Mutter und das jüngste Töchterlein wahrscheinlich China verlassen würden. Am 1. Oktober 1949 übernahmen die Kommunisten Peking und damit ganz China. Schan-Hei-schek und einige Getreue flüchteten nach Formosa. Mary musste ihr gut gehendes Geschäft schliessen, und sich wie alle "Ausländer" vor dem Friedensgericht rechtfertigen. Nur weil sich die chinesischen Arbeiter fast geschlossen hinter Frau Clémann stellten, wurde sie ohne Strafe entlassen. Ein Umfall mit der Rikscha - vielleicht mit Absicht veranstaltet - kam dazu. Mary musste einen Monat liegen, bevor sie wieder arbeiten konnte. . Dann machte sie ein neues Geschäft in einem Raum auf – ich glaube es war ein teilweise nicht mehr gebrauchtes Hotel –, dass kein Fenster hatte. Auch tagsüber musste man immer Licht brennen lassen. Sie beschloss deshalb, das Geschäft wieder zu schliessen, weil sie ohnehin fast keine Kundschaft hatte. Man fürchtete natürlich auch, das die Briefe nach und von China geöffnet werden, so kamen eher belanglose Themen zur Sprache. Es gab auch da noch Tage, die man genoss, aber insgesammt waren es bedrückende Monate. Sie packten - ein Diplomat half einiges illegal ausser Landes zu schmuckeln -, und endlich, Mary und Marthe warteten nur noch auf das erlösende Schiff, konnten sie an Bord gehen und im Juni 1951 waren sie in Europa und einige Tage danach in der Schweiz.


1949 kam weniger und weniger Geld aus China. Rose beschloss darum, eine Arbeit anzunehmen, damit Annemarie weiter studieren konnte. Sie hatte Glück, erzählte sie viel später: Sie war einige Jahre Übersetzerin auf den Flüchtlingsschiffen, die die Menschen nach dem Krieg in ihre Heimat zurückbrachten oder neu Verteilten. Annemarie machte 1952 das Staatsexamen, und sie fing an zu arbeiten. 1947 hat sie Hans Näf kennengelernt, und hat ihn schliesslich anfang 1953 geheiratet. Ende 1953 ist der erste Sohn auf die Welt gekommen; 1955 und 1959 kamen nochmal zwei Brüder.


Mary und Marthe mussten sich zuerst an das Leben in Europa gewöhnen. Marthe machte eine Handelsschule, Mary half wo sie gebraucht und nicht gebraucht wurde, aber glücklich war sie vermutlich nicht. Dann machte Scharlotte, die Halbschwester von Mary, ein Geschäft in München auf: Ostasiatische Antiquitäten! Mary wurde jetzt im "Familienbetrieb" gebraucht und konnte wieder auf eigenen Füssen stehen, anstatt den Töchtern zur Last zu fallen.




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