www.martinnaef.ch / 1.2: Persönlich > Erinnerungen. Interview mit Marthe Bellstedt, 11. Juli 2010
.

Erinnerungen. Interview mit Marthe Bellstedt, 11. Juli 2010

Ernest und Mary Clémann sind die Eltern von Rose Clémann, Annemarie Näf Clémann und Marthe Bellstedt Clémann. Rose Clemann hatte keine Kinder, Annemarie Näf Clémann hat drei Kinder – Thomas Martin und Werner Näf Clémann. Marthe Bellstedt Clémann hat zwei Kinder, Frorian Bellstedt und Rainer Bellstedt. Das für den Fall, dass auch Aussenstehende dies Lesen. – Martin Näf, Basel

Martin Näf: Du warst ja fünf Jahre jünger als Mimi Näf und sieben Jahre jünger als RosiClémann. Hast du als Kind eher deine eigene Welt mit eigenen Freundinnen und Spielen gehabt oder bist du immer den andern beiden hinterher ...

Marthe Bellstedt: Nein nein. Ich hatte schon eigene Freundinnen. Das andere kam dann, wie wir älter wurden, und sie anfingen, Freunde zu haben, und die auch bei uns zuhause waren, und ich dann bis zu einem gewissen Grade einbezogen wurde. Aber weshalb ist das für die Familiengeschichte interessant? Ich dachte, du wolltest Recherchen machen.

Mn: Für mich ist es interessant, weil ihr doch alle eure eigene Perspektive und eure eigenen Erinnerungen habt und hattet, du und Rosi und Mimi. Mit Rosi habe ich ein wenig gesprochen, und natürlich auch mit Mimi. Und ...

MB: Ja, für die Beiden, für die Mimi vor allen Dingen war die ganze Chinazeit ja Honig und Schlaraffenland. Aber für mich hat  eben diese Wahnsinnsumstellung unter den Kommunisten alles andere weggewischt oder überschattet.

MN: Du hast ja auch schon erzählt, dass das lange eine grosse Schwierigkeit zwischen dir und deinen beiden Schwestern gebildet hat: Sie kucken auf die Vergangenheit  zurück, vor allem die Mimi, und alles ist schön, und für dich war es eine Hororgeschichte.

MB: Ja. Auch die Mutti hat ja fast nie etwas über diese Jahre erzählt. Sie stand gewissermassen noch unter dem Schock.

MN: Würdest du denn lieber über diese letzten Jahre, die du gewissermassen allein erlebt hast, also ohne Mimi und Rosi, sprechen?

MB: Ja, die sind aber so schlimm, dass ich danach wahrscheinlich nichts mehr sagen kann. ... Von vorher habe ich nur vereinzelte Erinnerungen.

MN: Also zum Beispiel Schule, Freundinnen. Ginst du in dieselbe Schule wie die Mimi?

MB: Ja, ja.

MN: Das heisst in die deutsche Schule.

MB: In die deutsche Schule, und die Rose ging ja in die Französische, weil sie in der ersten Klasse nicht konnte mit dem Direktor der deutschen Schule, und die Mutti sie dann herausgenommen hat.  Danach  war ja dann auch ihr ganzes  Leben französisch ausgerichtet. Mimi ging später nach Tientsin, weil sie in Peking kein Abitur machen konnte. Da hat sie dann bei Bekannten in Tientsin gewohnt.

Die Mutter

MN:Ich höre, das Leben bei euch zuhause sei sehr gesellig gewesen. Eure Mutter hat viel gearbeitet und trotzdem noch Zeit gehabt, Gäste zu haben und Musik zu machen und mit euch am Sonntag dahin oder dorthin zu fahren und einen Ausflug zu machen. Ist das auch deine Erinnerung?

MB: Ja, ja. Je mehr ich darüber nachddenke, desto mehr Respekt und Anerkennung habe ichfür meine Mutter im Nachhinein. Wir haben kaum gespürt, dass sie den ganzen Tag im Geschäft stand. Nun hatten wir sicher Diener. Wir hatten einen Koch, eine Ama und einen Boy, dann noch eine Privatriksha und die waren alle wahnsinnig treu und ergeben und voller Zuneigung. Der Koch hat ja immer zur Mutti gesagt: "unsere Kinder". Aber sie hatte doch viel Arbeit. [2]

Musik

Wir hatten zwei Schränke voller Schallplatten, mit Fächern bis fast unter die Decke. Da war alles vorhanden von Figaros Hochzeit bis zu Aida. Mutti hat mit uns immer geübt zu erraten, was wir hören, welcher Komponist. Das mache ich noch heute, wenn ich Bayern Classic höre.

MN: Die Schallplatten waren ja auch schwer zu kriegen in Peking.

MB: Nein, das hast du irgendwie in so Geschäften bekommen. Vieles wurde auch in Japan aufgenommen, also nachgemacht, von so bekannten Firmen wie "his Master's Voice". Das haben die also mühlos kopiert und rrausgebracht, und da gab's dann schon Läden, wo du das neu erstehen konntest, aber es gab auch viel Läden, wo du das second hand erstehen konntest. Aber so genau weiss ich das nicht mehr.

MN: Deine Mutter hat von März 1921 bis März 1922 Unterricht in einem Berliner Konservatorium genommen. Ich meine, sie habe mir früher erzählt, dass sie Dirigentin werden wollte.

MB: Ja, ich glaube das stimmt. Sie konnte ja sehr gut Klavier spielen, aber ein anderes Instrument hat sie nicht gelernt. Aber ich wurde von klein an darauf getrimmt, Geige und Klavier zu spielen.

MN: Das klingt als ob es dir nicht immer gefallen hat.

MB: Ja, manchmal war es schon lästig. Ich habe mit Klavier angefangen und hatte einen wahnsinnig strengen, aber guten Klavierlehrer, einen Wiener Juden aus irgend einem östlichen Land. Er sprach so ein bisschen gebrochen deutch. Er sagte immer "Handkuss Frau Mamma", wenn er ging. So einer war das. Höflich, mit weissen Haaren und einer grossen Nase. Er konnte aber auch sehr jähzornig werden, wenn er mich so trietzte. Da schlug er auf's Klavier und sagte, "diese Notte ist falsch". Ddas höre ich noch heute. Dabei bin ich oft in tränen ausgebrochen, und die Familie hat mir jeweils Taschentücher für den Klavierunterricht geschenkt. Er kam zu uns nach Hause. Die Mutti war im Geschäft und Mimi und Rosi sonst wo. Ich war also allein mit ihm. Als er weg war wollte Mutti mir weiter Unterricht geben. Sie hat  dies auch ein zwei Mal getan, doch danach nicht mehr. Sie hatte dafür ja keine Zeit. Danach habe ich das Klavier leider aufgegeben. Und dann musste ich Geige spielen. Eine Weile hatte ich beides. Zum geigenlehrer musste ich allerdings hinfahren. Der Geigenlehrer war ein - heute würde man sagen Cafehausgeiger -, ein Tscheche, Pavloski oder so ähnlich. Nein, Pavlovski hiess mein Klavierlehrer. Also, ich weiss nicht mehr wie er hiess. Da musste ich also hinfahren, und wir waren in kürzester Zeit bei den schwersten Sachen: Beethoven, Mozart und so, weil er über alles so hinhuschte. Trotzdem hat das Geigespielen wenigerSpass gemacht als das Klavier, denn das Halten der geige auf der Schulter war immer irgendwie unbequem.

Schlittschuhlaufen

MN: Ich hab aus einigen Briefen von 1948-49 den Eindruck gewonnen, dass die Musik für dich ganz okay war, doch noch viel besser war das Schlittschuhlaufen! Da scheinst du eine grosse Leidenschaft gehabt zu haben und viel Freude.

MB (lacht): Ja, Schlittschuhlaufen, das war sehr wichtig. Für Rosi ja auch! Wir zwei haben regelmässig den Club aufgesucht. Das war ja nur ein Privatgeläünde, nur für Ausländer. Fünf Tennisplätze, die im Winter mit Wasser übergossen wurden, so kalt war es, und das wurde dann ewig nachgegossen, bis es eine Eisbahn war.

MN: In deinen Briefen an Mimi und Rosi gibt's ganz detaillierte Beschreibungen. Das muss wirklich etwas ganz wichtiges für dich gewesen sein.

MB: Ja. Ich hab sogar gemogelt, denn man durfte nur ab einem bestimmten Alter an bis am Abend bleiben. Da hab ich geschummelt und mich für älter ausgegeben als ich war, um länger bleiben zu können.

MN: Hast du auch Unterricht gekriegt?

MB: Nein. Unterricht habe ich nie gehabt. Das hat man sich einfach abgeschaut von anderen, die schon besser laufen konnten. Da war zuerst die Rose mein Vorbild und dann  noch eine Familie mit jungen Mädchen, die sehr gut eis liefen. Und dann hat man das nachgemacht.

MN: Also auch so Piruetten ...

MB: Nein nein, nur Bogen und Dreier und so ein bisschen tanzen. - Als ich etwas älter war - die Rose war damals schon fort - wurde ich von einem Engländer, der dort zusammen mit seiner Frau seine Runden drehte, und mir dabei zuschaute, sehr bewundert. Da schloss ich mich den beiden manchmal an und habe ihnen ein wenig Bogenfahren und so was beigebracht, na und aus dieser Geschichte wurde dann eine lange, lange Freundschaft. Er hat mir später aus England noch oft geschrieben, und wir haben uns ein paar Mal getroffen, wenn er "zum Skilaufen" in die Schweiz fuhr. Es handelte sich um keinen geringeren als den englischen Generalkonsul oder sogar dem englischen Botschafter in Peking, also noch eine Stufe höher. Von ihm wurde ich auch einmal zu einem grossen Fest in die Botschaft eingeladen, die Feier der Königin oder so etwas, und da hat Mutti  dafür gesorgt, dass ich mit einem befreundeten Ehepaar hingehen konnte, in Begleitung also. - Das sind schon sehr schöne Erinnerungen an meine Zeit als junges heranwachsendes Mädchen. - Auch als kleines Mädchen habe ich mich immer wahnsinnig gefreut mit dem Fahrrad zum Eisplatz zu fahren. Da hörte man schon von weitem die Musik über die Mauer hinweg. Das hat mich immer zusättzlich gelockt. Und dann gab's da einen Boy vom Eisclub, der einem half, die Schue anzuziehen. Wir sassen auf kleinen Holzbänken und der Boy kniete von einem und zog die Riemen fest. Das war so ein älterer, vielleicht auch verschiedene, so genau erinnere ich mich nicht. Mimi war damals vermutlich schon in Tientsin, aber Rosi war oft mit mir auf dem Eis. Und wenn im Frühjahr dann die Sandstürme von der Wüste Gobi her kamen, waren wir immer tod traurig, denn dann war's aus mit dem Schlittschuhlaufen.

Westberge und Oma Lu

Im Sommer hat die Mutti uns meistens in die Westberge geschickt. Das Haus habe ich noch ganz plastisch in Erinnerung. Die Mutti blieb in Peking in der Hitze. In Peking sind wir im Sommer manchmal auch geschwommen, im Club. Da gab's ein Schwimmbbecken, das im Winnter mit Planken zugedeckt und mit Strohmatten überdacht wurde, ein wenig wie  ein Zelt, sodasss man darin dann Batminton spielen konnte.

An die Westberge habe ich wunderschöne Erinnerungen - soweit ich zurückdenken kann. Ich glaube, das hatte der Papa schon angefangen. Wir haben ja verschiedene Billder, eines zum Beispiel, das ich sehr mag, wo er die Mimi als kleines Kind auf dem Schoss hält. Es ist für mich ein rührseliges Bild, weil ich das Gefühl ja nie gehabt habe, auf dem Schoss meines Vaters sitzen zu dürfen. Das Bild wurde an seinem Lieblingsplatz in den Westbergen aufgenommen. Und dann hat er im dortigen Garten mit Rose und Mimi auch einen - ich glaube es war ein Pfirsichkern gepflanzt, aus dem später ein Bäumchen wurde, dessen Stamm sich in drei Äste aufgeteilt hat. Aber das ist jetzt alles Weg. Sie haben ja alles dem Erdboden gleichgemacht. Ich war ja 1999 mit den Kindern noch einmal draussen, und da ist nichts mehr. Mimi hat auch ein paar mal geschaut, doch seither hat man dort eine Art Kiosk hingestellt, wo man chinesische Getränke und ein paar Kleinigkeiten zum Essen kaufen kann. Das Grundstück war ja in Stufen angelegt, weil das haus am hang lag. Man kam unten hinein, dann ging's ein paar Stufen hinauf und danach noch einmal hinauf zum Haus.

Soweit ich mich erinnere waren wir da immer draussen unter irgend einer obhut. Meistens war's die Oma Lu, die auf uns aufgepasst hat. Und wir haben sie vereppelt. Sie hatte ja eine grosse Angst vor Ungeziefer, und wir hatten doch keinen Strom. Da hat sie also jeden Abend vor dem Ins Bett Gehen mit einer Kerze unter das flache Sofa geleuchtet, auf dem sie schlief, um sicher  zu sein, dass sich da nicht irgend ein Skorpion versteckt hielt. Naja. Man musste schon auf Skorpione achten!

Hie und da haben wir auch Freunde in die Westberge mitgenommen. Der Björn Anner war zum Beispiel öfter draussen. Er war altersmässig zwischen mir und  Mimi. Und auch sonst gab's Besuch. Wenn Mutti am Wochenende kam, brachte sie häufig irgendwelche Menschen mit. Davon gibt's jetzt noch Bilder, wobei ich viele der Gesichter nicht mehr kenne. Und die Oma hat uns immer beschäftigt. Sie liebte es im Wasser zu spielen, und damalls gab's ja noch Wasser in den Schluchten. Da hatten wir eine Badeschlucht, in der wir stundenlang im Wasser gebuddelt und so eine Art Badewanne gemacht haben. Wenn's sehr heiss war bekam ich auch eine runde Badewanne in den Garten gestellt, in der ich dann rumplantschen konnte. Da war ich allerdings noch sehr klein, sodass manchmal auch die Ama auf mich aufgepasst hat.

Die Oma Lu konnte ja kein Chinesisch. Da haben wir sie oft vereppelt, wenn sie in ihrem Kauderwelsch etwas zu sagen versuchte und die Diener sie dann verstehen sollten. Manchmal brachte sie auch deutsche Brocken mit hinein. Wir hatten in den Westbergen auch so eine Art Hausmeister oder Wächter. Der wohnte neben unserem Haus mit seiner Frau und seiner Tochter, und wenn wir da waren, dann hat er auch für uns gekocht und uns bei Tisch bedient. Und da sagte die Oma gegen Ende einer Mahlzeit einmal zu ihm, "Koch, du kannst abräumen. ich bin fertig". Solche Worte sind uns natürlich für immer geblieben!

Ein paar mal fuhren wir im Sommer mit irgend welchen Verwandten oder Tanten auch nach Pei Tai Ho. Das war für damalige Verhältnisse eine weite Reise -, zuerst mit dem Zug, und wenn man ankam, musste man noch mit dem Esel weiterreiten. In Pei Tai Ho gab's grosse Villen,Häuser von Missionaren und anderen, die hat man dann gemietet. Manchmal brachte mann sein eigenes Personal mit. Auch daran habe ichnur vage Erinnerungen, einmal zum Beispiel hatte ich ein Paddelboot, mitdem ich durch die Wellen gepflügt bin.

Die Vergangenheit meiner Mutter

Ich merke immer wieder, wie wenig ich eigentlich über das frühere Leben meiner Mutter weiss. Sie hat davon nie gesprochen, und als Kinder haben wir uns dafür auch nicht interessiert. Ich glaube aber, dass Mutti damals keine Beziehungen mehr zu ihren Vorfahren mütterlicherseits gehabt hat. Ihre Mutter wurde von ihrem Vater ja sitzen gelassen, und er hat danach noch einmal geheiratet. Ich weiss zum Beispiel auch nicht sicher, ob sie in China zur Schule ging. Möglicherweise ging sie für ein paar Jahre in ein Internat mit Nonnen als sie ich glaube in Sinan Fu gelebt haben. Aber ich weiss es, wie gesagt nicht sicher.

Teil zwei:

Geselligkeit

Mutti führte ein sehr offenes Haus. Sie war eine respektierte Geschäftsfrau. Als solche ging sie auch zu allen Empfängen der Botschaften. Dadurch hatte sie viele Freunde, die uns später zum Teil sehr geholfen haben. Da war beispielsweise ein Mitarbeiter der holländischen Botschaft, der ihr anbot, ein paar Silbersachen in seinem Diplomatengepäck mit nach Europa zu nehmen. Die Sachen wurden mit seinen Initialen graviert, falls man ihn kontrollieren würde. Er hiess de Vriess, und auf den Sachen stand   dev. Die meisten davon hat Mutti später mir gegeben, weil ich die Geschichte dazu ja gekannt habe. Das ist eines der Beispiele, die zeigen, wie diese geselligen Kontakte plötzlich zu wichtigen Hilfen wurden, wie also die eine Zeit in die andere hineingespielt hat.

Ich fühlte mich damals eigentlich auch sehr dazugehörig. Ich war zum Beispiel einige Zeit lang in einem Kreis, in dem wir schottische Tänze gelernt haben. Das hat wahnsinnigen Spass gemacht. Zu dem kreis gehörte auch der englische Diplomat, von dem ich bereits erzählt habe. Ich weiss auch noch, wie die Mutti mich erstmals zu einem Essen in Club mitnahm und ganz stolz auf mich war, weil ich mich bei Tisch so gut benommen habe. Ich gehörte damals auch zu einer Gruppe von jungen Leuten, ich glaube, wir nannten uns "die Clique". Da war ein holländischer Junge und zwei amerikanische Missionarsmädchen und ein Franzose, und da haben wir so wahnsinnige Spiele wie Verstecken und so was gespielt, meistens am Abend. Hingefahren wurden wir vom Sohn des holländischen Botschafters in einem seiner vielen Autos. Ein Spiel hiess "Sardins". Da musste man jemanden suchen, und wenn man ihn gefunden hatte, musste man bei ihm bleiben bis schliesslich die ganze Clique beisammen war. Das hat viel Spass gemacht. Da fingen auch die ersten Amouren an, also ganz harmlos im Vergleich zu heute! Der Sohn des holländischen Gesandten, der etwa zwei Jahre jünger als ich war, war mein Schwarm. Er hiess Eckbert. Sein Vater hiess de Voogt. Er hatte noch einen älteren bruder, der sehr zurückgezogen lebte, der war für uns langweilig. Nicht so sexi! Das war in der Zeit, in der Rosi und Mimi schon weg waren, in der die Kommunisten aber noch nicht in Peking waren.

Die Kommunisten

Wir hatten ja schon immer Unruhen gehabt. Ich muss noch ziemlich klein gewesen sein, als beispielsweise jeden Abend ein Polizist in unser Haus in den Westbergen kam, um uns zu bewachen. Ich rief damals immer "der Pist kommt, der Pist kommt". Das war wegen unserer Sicherheit. Zum Schutz vor Banditen. Dann war die sogenannte achte Armee, also die Kommunisten, in den Bergen um Peking, und die Unruhen nahmen zu. Zum Schluss war die Stadt umkämpft, und man schloss die Tore. Da kam Erich Wilberg, ein guter bekannter von uns,  eines Tages  in unsere Wohnung über dem Geschäft. Er lebte ausserrhalb der Stadt und war eine Art Dichter. Er brachte zwei grosse irische Setter mit. Einen hatten wir von ihm bereits bekommen. Er hatte diese Hundezucht angefangen. Seine Frau und sein Sohn lebten in Deutschland, und er hatte eine koreanische Lebensgefährtin, die allerdings gestorben war. Er kam also für ein paar Tage zu uns. Doch dann wurde er unruhig und wollte wieder hinaus und draussen vor der Stadt wurde er erschossen im Gefecht. So kam dann Schlag auf Schlag.

Zuerst kamen die Soldaten, die waren zwar ungebildet und primitiv, aber zumindest am Anfang waren sie korrekt. Aber schon bald wurde das Silbergeschäft verboten. Die Mutti musste das ganze Silber - ob verarbeitet oder nicht - auf der Bank abgeben. Sie kriegte dafür ein Butterbrot oder weniger. Danach kam die Verordnung, dass sie niemanden entlassen durfte. Sie musste also die ganzen Silber- und Goldschmide und das Personal und die Uhrmacher weiter beschäftigen, obwohl sie für sie keine Arbeit mehr hatte. Damals kämpfte die Mutti monate lang vor dem Volksgerichtshof bis man sich schliesslich einigte, dass sie ihre Angestellten abfinden dürfe, und zwar sollte jeder Angestellte pro Arbeitsjahr in ihrem Geschäft ein Monatsgehalt erhalten. Damit war natürlich das ganze Geld weg, und sie konnte auch Rosi und Mimi nicht mehr weiter unterstützen.

Ich weiss nicht, wie es im Volksgerichtshof war. Mutti hat davon nichts erzählt und ich war nicht dort. Ich weiss nicht, ob sie alleine hinging oder mit Onkel Anner. Aber es muss ganz furchtbar gewesen sein. Ich habe nur gemerkt, wie es ihr immer schlechter ging. Sie war immer öfter krank. Sie bekam zuerst einen schrecklichen Hautausschlag. Und dann wurde es mit ihrer  Galle immer schlimmer. Sie hatte ja schon seit Jahren Gallenprobleme gehabt. Als Kinder haben wir das nur am Rande mitbekommen, wir wussten nur, dass es schlimm war, wenn sie wieder einmall im Bett lag und Schleimsuppe essen musste. Aber jetzt nahmen die Anfälle zu, und sie musste operiert werden. Es gab jedoch nur noch einen Arzt. Das deutsche Hospital war ja längst beseitigt worden, und alle Ärzte  repatriiert, wie es so schön hiess, weil sie vielleicht einmal Nazis waren. Dieser Arzt hiess Doktor Wirtz. Er hatte in Japan gelebt. Er kam später nacch China. Mit ihm haben wir auch noch musiziert. Das war noch in der Zeit, als wir manchmal Quartett spielten: Mutti spielte Klavier und ich Geige, und ein katholischer Priester mit Namen Kefas spielte Cello. Dann kam noch der Doktor Wirtz. Der spielte Queerflöte. Ich weiss noch: seine Frau und seine Kindr, zwei kleine Mädchen waren dabei und musten sich unser Gequietsche anhören. Und von diesem Arzt wurde Mutti dann also operiert in irgend einem Spital, das noch zur Verfügung stand, aber nicht das deutsche Krankenhaus. Ich weiss im Augenblick nicht, ob dies vor oder nach ihrem Umfall war. Ich erinnere mich aber, dass wir Rosi und Mimi immer erst nachträglich geschrieben haben, was passiert ist, weil wir sie nicht beunruhigen wollten.

Die kommunistischen Soldaten waren sehr ungebildet. Die hatten beispielsweise noch nie ein WC gesehen. Und wuschen jetzt ihren Reis darin. Dann zogen sie an der Kette und der Reis war weg. So was erzählte man zumindest; gesehen hab' ich es nicht. Zu anfang haben sie einem noch nicht persönlich belästigt, doch mit der Ausbezahlung ging das ganze Geld weg. Da war ja noch Inflation. Das Geld ging kofferweise weg. Das habe ich noch gesehen. Das war wohll im Mai (1949) oder so. Und als nächstes ...

Kündigung von Wohnung und Geschäft

Wir waren ja in einem Haus des Architekten Basel. Das wurde daann von den Kommunisten beschlagnahmt, und wir mussten raus. Innerhalb von zwei Wochen mussten wir aus der Wohnung und aus dem Geschäfft. Da hat diese Bekanntschaft vom Schlittschuhclub  geholfen. Wir wussten ja nicht wohin mit den Geschäftsmöbeln: grosse Glasschränke für das Silber und Vitrinen und so. Wir dachten ja immer, dass wir die Sachen irgendwie retten können. Dieser Bekannte hat uns also einen Raum im Hotel Wagon-Lit zur Verfügung gestellt. Dort versuchte Mutti dann noch einmal, das Geschäft neu in Schwung zu bringen. Aber es gab natürlich keine Kunden mehr.

Auch bei der Suche nach einer neuen Wohnung half uns eine Beziehung, und zwar hatte der chinesische Companion des Herrn Basel, des Architekten, des Vaters von Hermann Basel, in der Ost-Stadt ein Haus, dessen eine Hälfte er vermietet hat. Es war alles ebenerdig. Es war wie eine geteilte Wohnung. Da hatten wir dann die eine  Hälfte, und in der anderen Hälfte lebte er. Dazwischen war eine grosse Tür, die abgeschlossen wurde. Dann gab es noch ein kleines Gärtchen. Leider war das Haus recht weit weg von der Legation Street und dem Gesandtschaftsviertel, in dem ja unser ganzes Leben stattfand. Mit dem Rad und mit der Riksha sicher eine halbe Stunde. Und die Anners, die bis dahin in einem Häuschen in der österreichischen Botschaft wohnten, mussten auch raus. ich weiss nicht mher ob das zeitgleich war. Aber sie wohnten dann entgegengesetzt in der Nordwest-Stadt von Peking.

Muttis Umfall

Auf dem Ausflug dorthin passierte dann Muttis Umfall. Es war im Januar und wir wollten wie immer zu Anners, um dem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren. Mutti und Onkel Fritz, der Vater von Bernhard. Wir waren auf dem Rad und Mutti in einer Fahrradriksha. Und da passierte dieser Umfall. Man musste kurz vor Anners Haus über einen kleinen Wassergraben, über eine sehr steile, mit groben Steinen ausgelegte, holprige Brücke. Dabei hat der Rikshamann seine Kräfte überschätzt. Er ist strampelnderweise bis fast oben hin gekommen, doch dann hat er es nicht geschafft und hat losgelassen oder ist abgestiegen, und die Riksha ist in einem Halbkreis zurückgerollt und am Ende ist sie wohl umgekippt. Jedenfalls lag sie dann da, gleich vor dem Wassergraben  mit dem Schmutzwasser, und - man konnte ja keinen Krankenwagen kommen lassen, so etwas gab es ja nicht: irgendwie haben sie dann - ist Onkel Fritz zu Onkel Anner um Hilfe gelaufen? - also mit vereinten Kräften haben sie Mutti schliesslich ins Haus der Anners gebracht. Und da lag sie dann in einer Hälfte des Ehebettes mit einem doppelten Schädelbruch und einer Gehrinerschütterung. Jetzt war natürlich ihre Sorge, was mit mir geschieht, und da hat Onkel Fritz eine Weile mit mir gewohnt. - Ich habe alles gesehen. Ich war ja dabei. Es war eine sehr holprige Brücke. - Ich war dann bei uns zu Hause, aber man hatte ja Telefon, sodass ich schon von Mutti gehört habe. Sie sollte möglichst wochenlang still liegen, und sie war auch vier oder sechs Wochen ausser Gefecht. Von da an hatte sie sehr oft Kopfweh und permanente Rückenprobleme.  Am Ende, wie sie in Basel war, trug sie ja auch ein Korsett.

Damals hat alles auf mir  gelastet. Ich hatte gewissermassen die Verantwortung, denn sie war ja so krank. Dabei hat sie zwischendurch immer noch versucht, wenn auch heimlich und schwarz, etwas zu verkaufen. Und einer von den treuen Goldarbeitern kam heimlich zu uns ins Haus in der Oststadt und hat dann ihr noch Schmuckstücke gemacht. Damals waren die östlichen Vertretungen nach Peking gekommen, die Polen und Tschechen und what have you, und die konnten nie genug Gold um die Arme und den Hals kriegen. Da hat  sie hin und wieder noch etwas verdient. Alles schwarz natürlich.

Die fröhlichen Zeiten waren damit vorbei. Ich glaube, der Club war auch beschlagnahmt oder geschlossen. Und die Ausländer sind alle nach und nach weg. Die Amerikaner waren so oder so weg; die haben sich da rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Und das waren ja oft Freunde von uns. Oft haben sie noch gross erzählt, was sie alles mitnehmen konnten, worauf die Bestimmungen regelmässig verschärft wurden. Musiziert  haben wir auch nicht mehr im neuen Haus.

Eigene Ausbildung

Ich hab' die Schule noch gerade bevor die Kommunisten kamen, fertig gemacht. Die Nonnen haben die vier Highschooljahre, die wir hatten - es  war amerikanisches Systeem: Freshman, Softmoore, Junior und Senior, die aber nicht dem Abitur gleichgestellt wurden. Ja, also hier wurde das alles ja nicht anerkannt, das war noch der Gipfel. Aber mit diesem Abschluss hätte man auf die Columbia University gehen können, weil die auch katholisch ist oder irgend sowas. Der Unterricht war ja auch in Englisch. Und da musste ich ... Das war nach dem  Ende des Krieges, als die Deutschen alle repatriiert wurden, besonders die  Nazis, die in Deutschland dann "Entnazifiziert" wurden - das schöne Wort -, da blieb also nichts mehr übrig. Wir hatten ja keine deutsche Staatsangeörigkeit, sodass wir davon nicht behelligt wurden, aber alle meine Freunde waren dann weg - Marianne unter anderem und die ganzen Klassenkameraden. Ich kann mich noch erinnern, wie  ich zur Bahn gegangen bin und sie verabschiedet habe, und wie ich dann heulend heim geschlichen bin. Und die wurdn auf den grossen Schiffen, US_Truppentransportern, nach Deutschland verfrachtet. Nur noch unser Pastor war übrig, Pastor Lehmann, und der hat dann eine zeitlang mit einem anderen Menschen, der einmal Lehrer gewesen war, so Notunterricht in der Sakristei unserer kleinen Kirche gemacht. Das war natürlich nichts halbes und nichts ganzes. Da blieb also nur noch die amerikanische Schule - die war noch offen - und die Klosterschule. Ja und da wurde also - hat die Mutti beschlossen, mich auf diese Klosterschule zu schicken. Das war bevor die Kommunisten kamen. Im Winter 46-47 muss es gewesen sein. Da bin ich immer mit dem Radel  bei Wind und Wetter in diese Klosterschule, und da durftest du  also nicht in Hosen kommen, nur unterm Kleid, wir hatten Uniformen, durfte man eine Hose tragen und Stiefel. Da hab ich fürchterlich gefroren und mir Frostbeulen geholt. Ich hatte ja keinen Abschluss von der deutschen Schule. Da war noch eine Schülerin aus der deutschen Schule mit mir in der Klosterschule, und eine aus Tientsin, die später einen Polen geheiratet hat und jetzt in Kanada lebt. Und chinesische Schülerinnen und ein kleines jüdisches Mädchen, also eine bunt gemischte Gesellschaft. Ach ja. Auch noch eine Französin gehörte dazu, Helen Vetsch. Ihr Vater hatte ein Büchergeschäft mit einem Antiquariat. Sie war unser schwarzes Schaf. Sie war immer auf Unfug aus. (Marthe lacht)

Ja, das war ein Unterricht, der von den Nonnen geleitet wurde, die sehr begrenztes Wissen hatten. Da war nur noch eine irische und eine schottische Nonne als Klassenlehrerin nach und nach. Die irische Nonne war ein Goldkerl von mensch. Sie war ein wenig beleibt und kam aus einer  Familie mit glaub' ich 13 oder 14 Kindern und hat uns so ziemlich direkt dann auch so Unterricht in Fortpflanzung und so an Hand von Seidenraupen mitgegeben. (lacht). Die Schottische war eher streng.

Nach dem Abschluss fehlte uns natürlich das Wissen in den Naturwissenschaften. Der Vater von dieser einen Deutschen, die da mit in der Klasse war, der war Professor für Chemie an der Fu Jen Universiität, die die Mimi auch besucht hatte, die katholische Universität, von der auch dieser Pater herkam, der mit uns musiziert hat. Dieser Professor hat arrangiert, dass wir von einer Nonne ein paar Stunden pro woche in Chemie und Physik unterrichtet wurden. Da musste ich dann immer durch die ganze Stadt radeln. Die Juliane, also meine Schulfreundin, die wohnte in der Nähe der Universität, aber ich wohnte entgegengesetzt. Dann haben wir glaube ich noch versucht, die Aufnahmeprüfung für die Universität zu machen. Da wurde noch in Englisch unterrichtet und Chinesisch. Also, da happerte es an allen Ecken und Enden bei uns. Also geschafft haben wir es nicht.

Jetzt kannst du auch verstehen, weshalb die Rosi so eine Wut auf die Mimi hatte. Weil mir das Studium nie vergönnt war; auch später nicht. Sie hatte immer gehofft, dass ich studieren kann, wenn wir nach Europa kommen. Dann hat sie aber gleich geheiratet, ziemlich bald. Da hatten sie einmal eine Mordsauseinandersetzung, die bei Mimi mit Tränen endete und wo Rose immer agressiver wurde; das weiss ich noch. Weil die Rose ja für Mimi gesorgt  hat, dass sie ihr Studium beenden kann. Das war logisch für sie, dass Mimi dann einmal für mich sorgt.

MN: War das für dich auch so oder war das mehr Rosi's Idee?

MB: Ich? - Nun, ich hab mich damit abgefunden. Ich musste dann ja gleich mitverdienen wie wir nach Europa kamen mit dem Bisschen was ich konnte. Ich hatte in der Klosterschule auch noch blind Tippen und Shorthand gelernt, einfach alles, was man lernen konnte.

Ausreise

Die Passage nach Europa haben wir nur dank Rosi's Hilfe bekommen. Wir hatten schon ein Visum für Australien, weil alles, was China verlassen musste - gezwungenermassen, weil die Lebensverhältnisse nicht mehr gegeben waren unter den Kommunisten -, die sind nach Australien ausgewandert. So zum Beispiel auch die Familie Anner. Wir hatten also auch schon das Visum für australien. Da gingen dann die Briefe hin und her zwischen uns und Rose und Mimi, und da hat Rose geschrieben, um Gotteswillen nicht Australien, diese Verbrecheaustralien. Ich meine, für einen Mann ist das was anderes, denn der Herr Anner hat ja dann eine Anstellung bekommen. Dann hat die Rose uns in London oder so bei der Rederei die Fahrkarten für die Überfahrt besorgt. Wir durften ja auch keine Devisen rausnehmen aus China. Wir durften 50 US-Dollar mitmehmen, und nun versuch einmal damit nach Europa zu kommen.

MN: Es gibt einen Brief deiner Mutter an Rose und Miimi, in dem sie den beiden erklärt, wie schwer es ihr falle, Peking zu verlassen und ihnen damit ihre Heimat zu nehmen, doch sei China nicht mehr das China, welches sie gekannt haben.

MB: Ja, ja. Zuerst dachten wir ja: Wir haben schon den Krieg mit Japan überstanden und das werden wir auch noch überstehen -so ungefähr. Das war generell die Meinung bei vielen Ausländern. Da war immer so ein Schwanken.

MN: Hat deine Mutter diese Frage mit dir besprochen oder hat sie diese Dinge mit sich selbst ausgemacht?

MB: Ich weiss es nicht. Ich erinnere mich nicht daran, dass wir über dieses Thema gesprochen hätten.

MN: Ihr seid im Mai 51 ausgereist. In den Wochen ooder Monaten vor der Ausreise scheint die Stimmung entspannter gewesen zu sein. Ihr habt ja dann auch ziemlich viel Dinge mitgenommen?

MB: Ja, da staun ich heute noch drüber, was die Mutti alles mitgeschleppt hat. Das ging auch nur, wenn sie wieder ein wenig Geld beisammen hatte oder was gespart hatte. Es war ja kein direkter Zufluss mehr an Geld. Und das gehörte ja alles schiffsgerecht verpackt, in risen Crates nannte mann die, also so Kisten um die Kisten herum. Das war im Vergleich zu Europa vielleicht billig, aber es war doch aufwändig.

Mein 19. Geburtstag

In der neuen Wohnung haben wir noch meinen 19. Geburtstag gross gefeiert. Da war noch Charlotte und der Fritz dabei und Brigitte, die zu der Zeit ja noch lebte. Sie hatte unter der neuen Vertretung Indonesiens gute Freunde, und die brachten Musik mit zum tanzen. Ich weiss nicht mehr, was das war, ein Grammophon und Schallplatten, Samba oder was damals gerade aktuell war. Und dann haben wir an zwei riesigen Tischen die ganze Corona bewirtet und hinterher gab's Tanz. Das war mein 19. Geburtstag. Also Mutti hat immer wieder dafür gesorgt, dass ich auch noch ein normales Leben hatte. Ich hatte ja auch noch diesen holländischen Freund. Wir haben ständig  miteinander telefoniert, stundenlang.

MN: Hast du dich gefreut auf's Wegfahren oder war das gemischt?

MB: Das war glaube ich gemischt. Ja. Da waren die Hunde, die ich dalassen musste. Wir hatten inzwischen diesen einen Setter von Wilberg noch übernommen und hatten alsoo zwei zum Schluss und eine kleine Mistkugel, so eine chinesisch tibetanische Löwenhündin, die war schon uralt und ganz gehässig! Wir hatten zwei Riesenkissen für die Hunde, wo die drauf schliefen. Dazwischen war natürlich die Besucherritze. Da konnte sie abends immer ganz schnell laufen und hatb sich auf einem der Kissen breit gemacht, sodass die andern sich daneben einrichten mussten. Sie war richtig gehässig, wie so eine alte Schachtel. Die haben wir glaube ich einschläfern lassen, aber die Hunde habe ich auf dem Weg zum Bahnhof (!) zu dem holländischen Diplomatensohn gebracht. Ich konte mich gar nicht trennen von denen. Die haben sie vorübergehend aufgenommen. Dann wollte irgend eine östliche Frau von den Vertretungen die Hunde haben. Das war ein herzzerreissender Abschied.

MN: Und du hast ja auch deine Heimat hinter dir  gelassen.

MB: Das war mir vielleicht gar nicht so bewusst, weil Europa doch immer so verherrlicht worden war in der Schule. Das war dann auch ein ziemlicher Hammer nach Zürich zu kommen, wo sie so engstirnig waren, und die Frauen sich umkuckten, weil ich in Hosen durch die Strassen ging. Das war damals ja noch tabu. Da sind die fast vom Trotoir gefallen, weil sie mir nachstarrten. Dieser Frauenverein da in Zürich, richtig grauslig.

Ankunft in Europa

MN: Du bist doch in Marseil angekommen und von dortseid ihr gleich in die Schweiz gefahren.

MB: Ja. Da hat uns Helmut, ein Verehrer von Rose, der ein grosses Auto besass, mitt Mimi zusammen in Marseil abgeholt und uns durch die schönsten Alpenlandschaften mit zwei Meter hohen Schneewällen Links und rechts der Strasse nach Sasfee gebracht. Dort haben wir dann noch übernachtet. Also die schönste Berglandschaft, die du dir vorstellen kannst. Kein direkter Weg, nehme ich an. Furka, Grimsel, was da noch kommt. Wir sind dann auch erst am Abend in Zürich angekommen, und er hatte das Auto noch voll Koffer und anderer Sachen von uns. Ja. Da waren wir dann in Zürich, und ich habe sofort angefangen, zu arbeiten, als Tipse bei einer befreundeten Französischchinesin, der Fifi, Jeneviève U hiess sie. Die hatte eine kleine chinesische Importfirma und die hat mich eingestellt. Da durfte ich also tippen da.

Zürich

MN: Warst du lange in Zürich?

MB: Wir waren ein dreiviertel Jahr in Zürich. Das hat mir auch gereicht, voll und ganz, muss ich sagen! In der Zeit ging ich auch noch auf eine Handelsschule - Handelsschule Gademann, weiss ich noch -, wo ich Schreibmaschine und Steno und Buchführung und weiss der Himmel was noch gelernt habe, ein Viertel Jahr lang. Ich wollte doch irgend einen Abschluss präsentieren. Es reichte ja nicht, wenn man gesagt hat, dass man im Ausland die Sprachen gelernt hat und so weiter.

MN: Habt ihr über das Thema, dass du auch Gelegenheit haben solltest zu studieren, damals je offen gesprochen?

MB: Nein. Ich kann mich nicht erinnern. Es war einfach die Annahme, dass es so sein sollte. Die Mutti hat dazu auch nichts gesagt. Sie musste glaube ich zuerst einmal mit sich selber zurecht kommen, denn sie musste ja jetzt am Kochherd stehen plötzlich und für uns das Essen machen. Ohne viel Geld. Wenn's dann Fleisch gab, Tscham Jen mit einem Stückchen Fleisch drin, dann ist die Mimi immer aufgestanden vor Ehrfurcht. Und ich musste immer in den Keller runter, weil der Badeofen geheizt werden musste mit Holz. Und wenn ich da mal aufhörte mit Holzhacken, da war die Mutti ganz besorgt, dass ich mir in den Finger gehackt habe. Dann musste  ich all das raufschleppen - es war glaube ich gar kein Fahrstuhl in dem Haus in Zürich. Aber es war immerhin eine Dreizimmerwohnung. Also wir hatten ein Wohn-Esszimmer und jeder ein Schlafzimmer, also die Mimi und ich wohl zusammen eines. Die Rosi war da immer noch auf Achse. Dann kam sie von den Schiffen zurück und ging dann nach Genf und hat dafür gesorgt, dass wir dorthin umziehen. Sie hat auch für mich die Fühler ausgestreckt nach einer Stelle. Also die Rosi hat mein Leben schon ziemlich beherrscht bis zur Heirat hin ... Aber das lassen wir jetzt. Ich hab jetzt genug ...

 

Ergänzung gemäss einem Telefonat vom 12. Juli: Sie hat das Geschäft ja aus kleinen Anfängen heraus ja ganz gros gemacht. Sie hatte am Ende eine Filiale in Shanghai und eine in Tientsin. Ein Geschäft für jedes ihrer Mädel, das war ihr Plan. - Marthe Bellstedt

 

Gemäss einem am 28. Januar 1950 begonnenen und in Etappen bis zum 9. Februar fortgesetzten langen Brief von Martheli an Rosi und Mimi, in dem sie diese Ereignisse ausführlich beschreibt, teilte man den Bewohnern des Baselschen Hauses am 1. Dezember 1949 mit, dass sie dieses innerhalb von fünf Tagen zu räumen hätten. Nach einer schriftlichen Einsprache der Betroffenen wurde die Frist um 6 Tage verlängert. Zur Unterstellung der Geschäftsmöbel fanden sie "in der französischen Bibliothek (ehemalige Schule von Mme. Tzen) einen Raum". Eine Wohnung fanden sie erst drei Tage vor Ablauf der Küdnigungsfrist. Der Rikshaumfall von Mary Clémann ereignete sich am 2. Januar 1950; danach lag sie zunächst im Haus der Anners. Am 19. Januar kehrte sie in die eigene Wohnung zurück. Über ihre Ausbildungssituation im Winter 1949/50 schreibbt Martheli gegen Ende des erwähnten Briefes u.a.: "Sonst habe ich nach wie vor meine Stunden. sechs Stunden die Woche: 2 Chemie, 2 Physik, 1 Trigonometrie und 1 Algebra. Dann haben wir Sonnabend vormittag Labor mit Brüll, was enorm viel Spass und Freude macht. Andere Stunden sind noch: Geige einmal pro woche; deutsche Literatur bei Frl. von Meyer (auch mit Juliane) und französisch zweimal die Woche im sacre Coeur. Es gibt auch genug zu tun, denn die Schwester Hermilande ist nicht zaghaft in Bezug auf aufgaben."

 

Copy 2021 Martin Näf