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Erwachsen zu werden ...

Ich denke in letzter Zeit ab und zu an meine ersten sexuellen Erlebnisse während und nach der Pubertät. Wie hilflos war ich damals, und wie hilflos bin ich noch heute. Ich habe mich daran gewöhnt, das ist alles.

Gespräche mit Christoph und Philipp, bei denen es mehr oder weniger explizit um Sexualität und um die eigenen wirren Gefühle in dieser Sache ging. Ein Telefongespräch, in dem Philipp mir über einen Skipper berichtete, der ihn auf sein Boot auf dem Bodensee eingeladen habe, wobei der Mann vermutlich Absichten hatte. Philipp war immerhin ein schöner, sportlicher Jüngling. Jetzt ist er schon bald zehn Jahre tot.

Ich erinnere mich auch an einen älteren Mann, der mir einmal im vollen Tram an meinen Schwanz fasste und ihn rieb. Ich war starr vor Schrecken und genoss es zugleich wahnsinnig. Dann stieg der Mann aus und liess mich stehen. Mir blieb die Erinnerung und eine erstmals ganz erwachte Lust auf Sex, eine Ahnung von etwas, von dem ich bis zu dem Zeitpunkt noch kaum etwas wusste.

Ungefähr zwei Jahre später – ich war damals etwa 17– half mir jemand von der Trammhaltestelle zu Herrn Milesi. Auf dem kurzen Weg über die Sevogel- und die Gellertsrasse hielt und drückte er meinen Arm immer auffälliger, und als wir vor der Türe der Milesis angekommen waren – Gellertstrasse 3, rein in den Garten und ein paar Steinstufen hoch zur Haustür -, da war seine Hand ebenfalls an meinem Schwanz, und er drückte mich fest an sich. Er sei vom Balett, sagte er, bevor ich in die Klavierstunde ging. Auch diesem Mann bin ich danach nicht mehr begegnet. Dabei hätte ich einen Freund und Geburtshelfer in Sachen Sexualität damals sehr gut gebrauchen können.

Ich denke manchmal an Professor Trotter, der uns im Sommer 1973 am Thiersteinerrain besucht und mir bei der Gelegenheit eine Klavierstunde gegeben hat. Er demonstrierte mir die Wirkung der Dominante ... ein heisses Thema, gut demonstriert! Als ich im folgenden Jahr in Eugene an der Uni war, nahm er sich meiner ebenfalls an, vermittelte mir einen seiner besten Studenten als Klarinettenlehrer und gab mir selber ein paar Klavierstunden. Ein oder zweimal war ich auch an einer Party bei ihm zu hause. Ich begriff erst später, dass er offenbar auf Männer oder Buben stand, und dass ich für ihn wohl nicht so sehr wegen meiner genialen musikalischen Begabung, sondern eher wegen meines reizvollen Körpers interessant war.

Hätte er mich doch verführt – verführt und aufgeklärt, aus meiner Isolation befreit und ermutigt! Vielleicht wollte er es und traute sich nicht. Vielleicht wollte auch Dale oder wie der ältere Student hiess, den ich durch Trotter kennenlernte und der mich einmal zu sich zum Abendessen einlud. Damals begriff ich nicht, doch ich denke, dass auch er schwul war und mich attraktiv fand, mit meiner Sprödigkeit jedoch nicht zurecht kam. Spröd muss ich wirklich gewesen sein damals. Nicht absichtlich, aber weil ich nichts anderes wusste. Eine Mischung von kopflastiger Gelehrsamkeit und unglaublicher Ahnungslosigkeit und angst, was meine eigenen Gefühle (nicht nur sexuelle) angeht.

Gefühle zu haben, Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe ... ich hatte zu gut gelernt, so zu tun als ob es dies bei mir nicht gäbe. Doch ich wusste davon als ich 1974 in Eugene war. Ich habe damals ein ganzes, schmerzlich sehnsuchtsvolles Gedicht verfasst, eine Klage über die Unmöglichkeit von Liebe. "Auslöser" war Peter, der mich nach einem langen Beichtgespräch (er beichtete und trank Bier; ich hörte zu) im Treppenhaus von MacLure Hall umarmte als wir uns gute Nacht sagten. Diese einfache Umarmung löste in mir so etwas wie einen gefühlsmässigen Erdrutsch aus. Zuhause hatte ich so etwas nie erlebt. Im Gymnasium bestanden Freundschaftsbezeugungen allenfalls in harten Hieben auf die Schulter des Kumpels. Alle Beziehungen wurden prinzipiell nur über Worte, spottende, zynische Bemerkungen und coole Phrasen abgehandelt. Es war ein Erdrutsch der Gefühle und dazu das klare Wissen: Davon will ich mehr! Das will ich! Zu dem Zeitpunkt war mir eigentlich auch klar, dass ich es mit Männern und nicht mit Frauen oder "irgendwem" wollte. Doch damals gab es Keinen, der mir in der Sache weiterhalf.

Diejenigen, die ihr Interesse gezeigt und mich befummelt hatten, liessen mich mit dem erregenden Erlebnis allein: Der Mann im Tramm als ich ungefähr 14, 15 war. Der Mensch vom Ballett oder auch der Florist von Corvallis, der mich in San Franzisco in sein Hotel mitnahm, mich dort etwas "massierte" und mich dann auf den Anschlussbus nach Paolo Alto brachte. Sie liessen mich im Stich, während ich noch lange an sie dachte, und mir vorstellte, wie es wohl gewesen wäre oder wäre, wenn ...

Und die zurückhaltenderen wie Trotter und seine Freunde – auch sie liessen mich im Stich, indem sie mir nicht zeigten, um was es ging. Manchmal taucht dieses Gefühl des Alleingelassen seins von tief unten in mir auf, und ich träume noch heute davon, dass der junge Mann vom Ballett nach der Klavierstunde vor dem Haus der Milesis auf mich wartet und mich fragt, ob ich einmal zu ihm käme. Er würde mich gerne einladen, fände mich so hübsch und sympathisch. Er liebe Jungens wie mich, und das vorher habe er sehr genossen. Ich würde stottern, würde erröten. Er würde bitten, würde mir versichern, dass er mir nichts tut, was ich nicht möchte ... Und dann wäre ich bei ihm, und er würde mich streicheln, mich festhalten, mit mir über Sinnlichkeit und Ängste und Fantasien rund um Sex sprechen, würde mich immer wieder streicheln und mir sagen, dass ich ihm gefalle. Allmählich wären die Beklemmung und die Angst fort, und ich würde es geniessen. Wir würden lachen. Ich würde mutiger, freier, würde mich öffnen, wäre nicht mehr allein. Es gäbe Gespräche und immer wieder eine Umarmung, Zärtlichkeit, Küsse ... irgendwann nach dem zweiten oder dritten Besuch würden wir uns ganz ausziehen, lägen auf seinem Bett und erkundeten unsere Körper mit unseren Händen. Sinnlichkeit und Liebe wären eins, nicht getrennt – hier platonisch und abstrakt die Liebe, dort heimlich und schnell die Sinnlichkeit.


Copy 2006 Martin Näf