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Früh übt sich wer ein meister werden will. Über die Kunst des Schummelns und Betrügens

Die Sache geht bereits in den ersten Schuljahren los. Ich kenne keinen, der es noch nicht gemacht hätte: Schummeln! - Von Martin Näf, Basel

Während Schülerinnen und Schüler sich ihre Weisheiten früher noch in Nachschlagewerken und ähnliche Weise zusammensuchen mussten – ein Vorgang, der immerhin ein Minimum von Kopf- und Handarbeit bedingte -, stellen sich klein Jakob und klein Janine ihre Referate heute aus mehr oder weniger geschickt benütztem Material aus dem Internet zusammen. Die Methode des Kopierens und Einfügens ist effizient und kann zu attraktiven Texten führen, wobei die Schülerinnen und Schüler bestimmte Passagen ihrer Texte vielleicht nie gelesen haben. Die Veränderung ist symptomatisch für die Industrialisierung des Denkens. Sie entspricht dem Übergang vom Handwerk früherer Zeiten zur Arbeit mit vorgefertigten Bauteilen, bei der es vor allem um eine gute Marktübersicht und um Effizienz und Geschick bei der Montage der Teile geht. „Copy – paste" hier wie dort. Selber denken war gestern. Googeln ist heute![1]

Wenn die schulischen Anforderungen steigen beschafft man sich im Netz gelegentlich auch eine ganze Seminararbeit. Längst haben clevere Anbieter den neuen Markt entdeckt. Was sie liefern ist nicht immer gut, doch wen kümmert's solange der Rubel rollt und man von denen, die diese Missbräuche verhüten und verbieten wollen, nicht erwischt wird.[2] - Wissen ist Macht! Also ran an den Speck! Die eigentlichen Inhalte, die Frage nach ihrer Bedeutung und ihrem Wahrheitsgehalt werden zur Nebensache. Wichtig ist der sachgemässe Einsatz des Wissens im allgemeinen Kampf Aller gegen Alle. Grips, Geld und moralische Flexibilität sind die drei wesentlichen Komponenten, die über den Erfolg in diesem Kampf entscheiden.

In unserer schönen neuen Welt lässt sich alles kaufen, auch Schulerfolg und akademische Karriere. Auch hier ist das Internet längst zur zentralen Handelsplattform geworden. Mit ein paar Mausklicks sind sie dabei!

„(...).Wir haben uns auf die Erstellung von Auftragstexten verschiedenster Art spezialisiert. Unser Team von über 400 Mitarbeitern arbeitet freiberuflich, kostengünstig, interdisziplinär, termingerecht und vertraulich. Unsere Kapazität gestattet es auch größere Aufträge zügig, in Ihrem Sinne, zu bearbeiten. (...).Wir arbeiten ausschließlich mit hochqualifizierten Akademikern (...). Diese spezifische Auswahl sichert die Qualität unserer Leistungen und ist unser komparativer Konkurrenzvorteil gegenüber üblichen Ghostwritern. (...)." (www.DoktorFranke.com) – Vielleicht trauen sie Doktor Franke nicht oder er ist eben im Urlaub. Don't worry, be happy. Dr. Claus Hebell hilft weiter: „ghostwriting-uni.de: Ghostwriting für alle Bereiche", und wenn das auch nichts sein sollte, dann  wenden sie sich vertrauensvoll an „Akademische Ghostwriter, www.wissberatung.de, Erfolgreiches, promoviertes Team, zuverlässig - diskret - preiswert „! – Hören sie sich ein wenig um, holen sie offerten ein, lassen sie sich Referenzen geben – diskret natürlich, denn ... ein bisschen heikel ist dieser Bereich schon. Doch mit dem nötigen Kleingeld und den richtigen Verbindungen ist Erfolg kein Problem. Und falls sie von so etwas wie einem schlechten Gewissen geplagt werden sollten, wischen sie dieses Spinnengewebe fort! Betrug. Wer redet hier von Betrug. Sprechen sie anstatt von Ghostwritern von „„wissenschaftlicher Beratung" und „allgemeinem Text consult", und schon fühlen sie sich wieder prächtig! – 30 Euro pro Seite kosten Seminar- oder Diplomarbeiten, so schrieb Jens Radü im Oktober 2005, und er stellt fest: „Die Geschäfte der dreisten Ghostwriter gehen gut - juristisch ist ihnen schwer beizukommen."[3] Auch ganze Promotionen (inklusive Prüfungen und Feierlichkeit) können Sie für sich arrangieren lassen. Laut Schätzung des deutschen Hochschulverbandes sind rund 250  von jährlich 25,000 Promotionen in Deutschland gefälscht. Dazu kommen   im Ausland gekaufte Titel ...[4] Immerhin. Der Markt ist hart umkämpft, und manche erhalten am Ende nicht, was sie wollen. Doch auch da gibt's bereits wieder Abhilfe, Webseiten wie etwa http://fake-uk-degrees.co.uk/ warnen vor unseriösen Angeboten und stellen diejenigen an den Pranger, die die Betrüger betrügen.

Zusammen mit den regelmässig in der Presse auftauchenden Berichten über gefälschte Forschungsresultate[5], getürkte Bewerbungsunterlagen[6] oder Fälle von ausgewachsener Hochstapelei im Stile von Gert Postel[7] oder Ute Fabel [8] handelt es sich bei diesen Fälschungen gewissermassen um Formen des "klassischen Betrugs". So sehr uns diese Betrügereien schockieren mögen: im grunde sind sie relativ harmlos, denn bei ihnen sind die Grenzen zwischen gut und böse eindeutig. Es sind Handlungen, welche unsere Gesellschaft selbst dann verurteilt, wenn sie die Cleverness oder Frechheit des Täters bewundern mag. Für solche Fälle sind in den Gesetzbüchern der zivilisierten Welt klare Strafen vorgesehen, und man versucht entsprechende Vorkommnisse durch besondere Regelungen unter Kontrolle zu halten.[9] . Wer das Pech hat, als BetrügerIn im klassischen Sinn enttarnt zu werden, muss mit unangenehmen Konsequenzen rechnen.

Weniger eindeutig und damit in gewissem Sinn auch weniger harmlos ist das, was wir als alltägliche Hochstappelei oder alltägliche Betrügerei bezeichnen können. Es sind Dinge, die uns so selbstverständllich sind, dass wir sie kaum als Betrug erleben oder bezeichnen. Wir sprechen beispielsweise nicht von Betrug, wenn sich jemand bei einer Diplomarbeit von einer Freundin oder einem Freund helfen lässt, oder wenn jemand seinen Kindern bei den Hausarbeiten hilft. Auch die Tatsache, dass einige Eltern ihre Kinder dank teurem Zusatzunterricht durch die Schule bringen während andere, deren Eltern sich die entsprechenden Kurse nicht leisten können, scheitern könnten wir als eine Art Betrug bezeichnen. Ist es Betrug, wenn ich ein gutes, auf diversen Handbuchartikeln und anderen Sekundärquellen beruhendes Referat über Goethes Faust halte, ohne ausdrücklich zu betonen, dass ich keine Zeit oder Lust zur Lektüre des eigentlichen Textes hatte? Ist es Betrug, wenn ich dem Menschen, der meine Examensarbeit durchliest, für seine Mühe eine kleine „Entschädigung" anbiete? Ist es Betrug, wenn ich einen Profi anstelle, der mir hilft, meine im Schweisse meines Angesichts zusammengetragenen Fakten mit samt den dazugehörigen Gedanken und Hypothesen in eine lesbare Form zu bringen? Ist es überhaupt Betrug und nicht viel mehr simple Vernunft, wenn ich in einer vom harten Gesetz des „publish or perish" beherrschten Welt dafür sorge, dass ich zu den Überlebenden gehöre? Und noch weiter gefragt: Ist es Betrug, wenn ich mit Eleganz über Dinge hinweggehe, die ich nicht genau verstehe statt mein Unverständnis jedesmal gewissenhaft preiszugeben? Ist es Betrug, wenn ich meine Gegner in der Schule oder draussen im Leben durch ein besseres Mundwerk überrunde und mir auf diese Weise meinen Platz an der Spitze der Herde erkämpfe? Ist es Betrug, wenn ich meine Anliegen geschickt verpacke und sie gut verkaufe? - Im Alltag sind die Grenzen zwischen dem, was wir als kriminellen Akt empfinden, und dem, was uns allenfalls etwas exzentrisch, vielleicht auch etwas unangenehm vorkommt, ganz offenbar fliessend. Oft entscheidet der Erfolg darüber, ob ein Mensch als Betrüger oder als genialer Führer empfunden wird.

Einen guten Eindruck zu machen – im Zweifelsfall durchaus auch auf Kosten von Ehrlichkeit und Substanz – gehört zu den elementaren Überlebenskünsten in unserer auf schönen Schein und Fassade ausgerichteten Gesellschaft. Ein Vortrag muss gut klingen, eine Seminararbeit gut aussehen ... Es geht um die richtigen Signale, um schnelle Ettikettierung und Zuordnung, nicht um wirkliches Verstehen oder echte Begegnung. Die Signale müssen beruhigen, müssen eine sichere Zuordnung ermöglichen und der quantitative Umsatz muss stimmen. Mehr wird nicht erwartet, auch nicht von unserenKindern undJugendlichen in den Schulen. Sogar wenn die Lehrkräfte es versuchen, so ist eine wirkliche qualitative Prüfung und Auseinandersetzung mit der „Leistung" eines Schülers oder einer Schülerin    nur selten möglich. Die „Klassen" sind dazu zu gross und es muss zu viel Stoff durchgenommen werden. Dazu kommt, dass eine qualitative Auseinandersetzung unweigerlich in einen Raum vorstossen würde, der von den meisten SchülerInnen heute als ihr „privater" Raum verstanden und verteidigt wird.

Aufgrund steigenden Konkurrenzdrucks und sich ständig weiterentwickelnder technischer Möglichkeiten gibt es auch im Bereich des So tun als ob etwas wie ein Wettrüsten. Auch hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. Die Spirale des schönen Scheins dreht sich: Design, Verpackung und Werbung spielen auch bei der (selbst)-Vermarktung des Menschen eine immer grössere Rolle. Je mehr unsere Gesellschaft an Bodenhaftung verliert, so Stephan Porombka in seiner „Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert", desto alltäglicher wird ihre Tendenz zur Beschönigung und zur Aufwertung des eigenen Tuns.[10] Ein gewisses Mass an Hochstapelei ist für ihn deshalb geradezu ein Merkmal der Postmoderne.

Tatsächlich beruht der Erfolg vieler PolitikerInnen oder ManagerInnen auf einem sehr widersprüchlichen Gemisch von echter Kompetenz, Egozentrismus, Bluff und gekonntem So tun als ob. Die Kultur des schönen Scheins und des So tun als ob bringt eine besondere Form der Kommunikation hervor, die von Harry G. Frankfurt in den 1980er Jahren als „the Art of Bullshitting" beschrieben wurde.[11]

Dabei folgen wir den HochstaplerInnen gerne, solange sie Erfolg haben. Ihr Auftreten als kompetente, tatkräftige und entscheidungsfreudige Menschen entspricht unserem Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit und nach Führung. Diese Bereitschaft zur kritiklosen Verehrung und unsere ängstliche Demut gegenüber Vorgesetzten und gegenüber wichtigen Figuren des öffentlichen Lebens tragen oft wesentlich dazu bei, dass die „normale", zu jedem Leben gehörende Hochstapelei aus dem Ruder läuft und pathologische Formen annimmt. Dabei vermengen sich Überlebenskampf, kriminelle Energie, Selbstüberschätzung und Arroganz, Vertrauensseligkeit und Ängstlichkeit der Umgebung, Macht, Originalität und Intelligenz der betreffenden oft zu einem sehr unbekömmlichen Gemisch. Dabei werden Aus ehrgeizigen und talentierten Menschen mit „gutem Selbstvertrauen" häufig skrupellose Kriminelle, die ihre Position im öffentlichen Leben oder der Wirtschaft systematisch zum Ausbau und erhalt ihrer Macht ausnützen, wobei sie es verstehen, sich dem Publikum immer wieder als besorgten Landesvater oder als dynamischen Manager zu präsentieren. Weil wir es gewöhnt sind, nehmen wir diese Vorgänge nicht als skandalös war. Würden wir ähnliches aus ferner gelegenen Ländern hören, würden wir von Bananenrepubliken und ähnlichem sprechen. Fahrlässiges Geschäftsgebaren oder Spektakuläre Korruptionsfälle werden, wenn sie bekannt werden, tendenziell als bedauerliche Ausnahme, nicht als Symptom einer sich selbst überfordernden Gesellschaft behandelt.

 

 

[1] Vgl. Bruhns, Annette, Copy - paste - fertig! DER SPIEGEL 41, 10. Oktober 2005

[2] Vgl. Zum Thema der „Plagiate" in Schulen und Universitäten u.a. die Fülle an Hinweisen und Links auf http://www.frank-schaetzlein.de/biblio/plagiat.htm

[3] Radü, Jens, Diplomarbeit von Geisterhand  - Und ewig lockt der Ghostwriter. SPIEGEL ONLINE, 26.10.2005

[4] ANDREAS GROSSE HALBUER: Gekaufte Doktortitel. WirtschaftsWoche 13, 2005

[5] Vgl. dazu beispielsweise: Fröhlich, Gerhard, Erstaunlich viel Kreativität. Betrug und Täuschung in der Forschung ... DER STANDARD, 19. Juni 1999; Bestechliche Medizin - Korruptionsbekämpfer prangern gefälschte Medizin-Studien an. SPIEGEL ONLINE - 16. Mai 2006 oder Eugenie Samuel Reich: Plastic Fantastic – How the Biggest Fraud in Physics Shook the Scientific world. 2009

[6] Wirtschaftsermittler Manfred Lotze überprüft Bewerber. HANDELSBLATT, Dienstag, 21. Mai 2002

[7] Postel, Gert, Doktorspiele. Geständnisse eines Hochstaplers. Original 2001, 2. Auflage München 2003

[8] 04.04.2001, 14:00 Uhr APA-Meldung: Kabinettschefin Haupts hat Studienabschluss vorgetäuscht

[9]In 1997, one of the biggest cases of scientific misconduct in the history of medicine was detected. Eberhard Hildt, co-worker of the esteemed cancer researchers Friedhelm Hermann and Marion Brach, turned to his former Ph. D. advisor Peter Hans Hofschneider asking for help. He had noted obvious irregularities in his new lab that could only be due to fraudulent behaviour. At the end, it turned out that in 94 publications Hermann and Brach had committed forgery. As a reaction to the scandal, the Deutsche Forschungsgemeinschaft issued a commission on professional self regulation in science. The commission's recommendations included establishing a team of ombudsmen for science, to whom scientists can turn in case they observe scientific misconduct.

[10] Porombka, Stephan,  Felix Krulls Erben. Die Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert. Berlin 2001, Klappentext

[11] Vgl. die Neuauflage des entsprechenden Essays "On Bullshit". Princeton University Press 2005

 

Copy 2021 Martin Näf