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Ich könnte 20, 30 KM pro Tag gehen ...

Ich könnte 20, 30 km pro Tag gehen, und ich gehe kaum einmal zwei oder drei! Meine Hände könnten bauen, könnten Kisten schleppen, Wunden verbinden, könnten Holz spalten, pflanzen und ernten, und ich brauche sie nur gerade um ein wenig zu tippen oder Klavier zu spielen! Meine Stimme klingt mächtig, doch es vergehen Tage, ja Wochen, während welcher ich sie selbst kaum höre ...

 


Ich lese, stopfe mein längst übersättigtes Gehirn mit immer noch mehr Dingen voll - oft schöne, vernünftige Gedanken, doch ach: Ich habe die Freude daran und den Geschmack für ihre Besonderheit, ihre Qualität und Frische längst verloren! Ich geniesse eine unglaubliche Freiheit - bin frei von fast jeden äusserem Zwang -, und doch: Wie froh wäre ich, wie das "gewöhnliche Volk" morgens um 8 in ein Büro gehen zu können, ohne mich um das Woher und das Wie meiner Arbeit kümmern zu müssen! Wie gerne sässe ich 6 oder 8 Stunden hinter einem Schreibtisch und arbeitete ab, was sich dort täglich von neuem ansammelt! Wie gerne gäbe ich meine grosse, allzu grosse Freiheit einmal für ein paar Wochen oder Monate an den lieben Gott zurück! Wie gerne liesse ich mich einmal ...

So jammerig ist mir seit Monaten immer wieder! Die Freiheit ist zu gross, und, indem ich sie nicht zu schätzen und zu nutzen weiss, wird sie mir zum engen Käfig! Ich geh unruhig hinter den goldenen Stäben meines Käfigs auf und ab, setze mich einmal kurz auf mein Sofa, dann wieder lege ich mich auf's Bett, nage lustlos an einem halb gelesenen Buch oder räume wieder einmal meinen Schreibtisch auf, schiebe belangloses Papier von hierhin nach dorthin und "erledige" ein paar belanglose Telefonate! Ja. Es kommt Post, fast jeden Tag, doch was ich da geduldig in meiner Vorleseecke aufstapple - es sind fast nur Kontoauszüge der Post oder der Bank: Bestätigungen irgendwelcher Zahlungen ... belangloses Papier, administrativer Kram ...

Nicht einmal zum Protest, zur echten Klage reicht meine Kraft! Nicht einmal zu einem literarisch überzeugenden Eintrag in mein Tagebuch! So sieht es also aus mit mir.


Martin Näf, 1998 / 2019