Rundbrief 4: Im Land der heiligen Kuehe. - Shantiniketan, Indien, 23. Januar 2005

Ich hoere nebenan schon eine aeltere Dame plaudern, was bedeuten koentte, dass die naechste freundliche Konversation mit einer der hiesigen Beruehmtheiten ansteht. Auch erfuellt der Duft von Martins deutscher Gemuesesuppe die Luft, sodass wir vielleicht schon bald zu Tische sitzen. Doch genug des Vorgeplaenkels. Let’s begin!

Amritsar, die indische Eisenbahn und der "Golden Temple"

Der pakistanische Laden- oder eher Laedelibesitzer, dem meine Begleittruppe aus Lahore mich anvertraut hatte, versicherte mir mindestens drei Mal, dass er mich ganz kostenlos – „without any charge“ – die hundert Meter bis zur Grenze begleiten wuerde. Diese „Grosszuegigkeit“ machte mich etwas misstrauisch: Ist das vielleicht die Musik, die mich in Indien erwartet? Indische Geschaeftstuechtigkeit und der Tourist als zu melkende heilige Kuh? Indien, die „schwierige Mutter“, wie Amie, die Freundin aus den USA, die in Delhi vielleicht / hoffentlich zu mir stossen wuerde, mir ein paar Wochen zuvor geschrieben hatte. Vielleicht. Vorerst war die Mutter allerdings nicht schwierig. Auf den rund 300 Meter Niemandsland zwischen Pakistan und Indien gabelte mich ein Tourist aus Malaisia auf. Als ich ihn nach dem Tsch Tsch Tsch fragte, welches ich ständig zu meiner Rechten hörte und nicht zu deuten vermochte, erklärte er mir, dass dies die Träger seien, welche die Ladung der pakistanischen Lastwagen Stück um Stück auf ihren Schultern über die Grenze bringen, wo sie von indischen Lastwagen übernommen und weitertransportiert würde. Im übrigen schien mein Helfer von seiner unerwarteten Aufgabe nicht gerade begeistert, doch half er mir schliesslich auch noch durch den Parcour der 17 Formulare, nach dessen Bewaeltigung ich endlich auf indischem Boden stand ...

Ich müsste an dieser Stelle eigentlich in heiligem Entzuecken innehalten, denn indischen Boden zu betreten, das ist doch wohl eine Gedenkminute wert. Indien! Land der Gottsucher und Weisen! Gluecksort jenseits allen irdischen Verlangens ... Aber nein. Ich habe mir nach dem letzten Stempel meinen Rucksack auf den Puckel gehievt und bin, nach wie vor von meinem malaisischen Helfer begleitet, dem Ausgang zugestrebt. Voegel gab es hinter dem Zollamt und eine friedliche, wie mir schien leicht sterile Parkanlage. Doch sonst habe ich nichts besonderes wahrgenommen ... kein metaphysisches Gruseln, kein erhoehter Pulsschlag, kein erloestes Aufatmen der Seele. Ich war fuer all dies wohl zu sehr mit meinem irdischen Fortkommen beschaeftigt. Zu diesem Fortkommen trugen einige andere Reisende verdankenswerterweise bei, indem sie mich in ihrem Taxi alsbald in das rund 30 km von der Grenze entfernte Amritsarr mitnahmen.

Das ca. 1 Mio. EinwohnerInnen zaehlende, im nordwestlichen Bundesstaat Punjab gelegene Amritsarr gilt als Hochburg der Sikhs, deren „goldener Tempel“ zugleich die Hauptattraktion der Stadt ist. Mein Interesse galt allerdings zunaechst dem Bahnhof, denn ich wollte – warum eigentlich? - moeglichst schnell nach Delhi weiterreisen. Nun ja, „schnell“ ist ein Wort, mit dem man sich in Indien leicht ins Unglueck bringt, denn was bei uns fuenf oder zehn Minuten dauert, kann hier leicht 2 oder 3 Stunden oder auch ein paar Tage in Anspruch nehmen. So auch der Erwerb einer Eisenbahnfahrkarte.

Zunaechst stellt man sich an einem Schalter an. Wenn man Glueck hat, erhaelt man dort eine Auskunft darueber, welche Zuege in den naechsten Tagen nach Delhi fahren und wo allenfalls noch Plaetze frei sind. Dann geht’s mit einem Zettel in der Hand quer durch den ganzen Bahnhof an einen anderen Schalter, wo die Reservation getaetigt wird. Schliesslich stellt man sich mit einem neuen Zettel in der Hand in eine dritte Schlange, an deren Ende man vielleicht eine Fahrkarte erstehen kann. Wenn zu dem Zeitpunkt allerdings gerade Lunchtime ist, so steht man einfach da und wartet. So jedenfalls geschah es mir, bis ich mich mit dem aelteren Herrn, der mich eine Stunde zuvor in der Bahnhofhalle nach meinem Begehr gefragt und mich seither geduldig von Schalter zu Schalter gebracht hatte, dahingehend verstaendigte, dass ich evtl. besser per Bus nach Delhi fahren sollte, denn dies hier koenne noch lange dauern. Obwohl ich nicht ganz sicher war, ob ich das Gemurmel meines freundlichen Helfers, in welchem ich eigentlich kein wirklich englisches Wort erkennen konnte, richtig deutete stimmte ich schliesslich zu: „Bus, yes, bus maybe better, okay?“ Und siehe da: 15 Minuten später hatte ich eine Busfahrkarte nach Delhi in der Tasche. Ironischerweise war mein Helfer ein Bahnangestellter, doch das schien ihn nicht weiter zu stoeren. Mein Wohl war ihm offenbar wichtiger als das Gedeihen der indischen Eisenbahn und seine eigene Mittagspause. Er sorgte auch noch dafuer, dass ich meinen Rucksack im Buero der Reiseagentur deponieren konnte, und uebergab mich zu guter letzt dem Fahrer einer Bicycleriksha mit dem Auftrag, mich zum goldenen Tempel zu bringen, denn „yes, golden tempel very beautiful. Very nice!“ – Es war meine erste Fahrt mit einer der hier allgegenwaertigen dreiraedrigen Fahrradrikshas.



Nachdem ich mich an die Tatsache gewoehnt hatte, dass da jemand vor mir sitzt und mich mit krummem Ruecken fuer ein paar Rappen quer durch Amritsarr pedalt genoss ich die Fahrt durch die Geueche und Geraeusche meiner ersten indischen Stadt. Man sitzt wie auf einem Hochsitz, rundum Verkehrslaerm, das Droehnen von Lastwagen und Bussen, das Geknatter der dreiraedrigen Zweitakter-Auttorikshas, der Umweltplage Nummer eins in den meisten Staedten Pakistans und Indiens. Dazu immer wieder Hufgeklapper, vielleicht von einem Ochsen- oder Eselkarren, vielleicht von einer Pferdetanga, Transportmittel, die in den Strassen der mittleren und kleineren Staedte Indiens nach wie vor ueblich sind.

Nach 25 Minuten gab mir mein Rikshafahrer zu verstehen, dass wir beim Tempel angelangt seien. Er ging an sich davon aus, dass er vor dem Tempel auf mich warten und mich nach ein paar Stunden wieder in die Stadt zurueck fahren wuerde. So jedenfalls war es zwischen ihm und dem freundlichen Menschen der indischen Bahn ausgemacht. Als ich jedoch hilflos in alle Richtungen zeigte und ihn immer wieder fragte, „where is the temple? Temple, which way?“, war fuer ihn offenbar bald klar, dass es so nicht geen wuerde. Er parkierte seine Riksha deshalb kurzerhand am Strassenrand, nahm mich bei der Hand und fuehrte mich zum Tempel. Als ich dort erneut nicht zu wissen schien, wo ich jetzt hin sollte, entschloss er sich endgueltig, mich als Fremdenfuehrer durch den Tempel zu begleiten. Leider waren seine Englischkenntnisse ungefaehr gleich umfassend wie meine Hindikenntnisse, sodass seine Erlaeuterungen zu dem beruehmten Kunstwerk, durch welches wir uns in den naechsten zwei Stunden bewegten, etwas spaerlich ausfielen. Mein junger Fuehrer – er war kaum aelter als 20 –schien den Mangel ebenfalls zu empfinden. Doch anstatt den sich ansammelnden Frust wie ich philosophisch zu verwandeln (und dabei nach und nach in Schwermut zu verfallen), begegnete er dem Mangel auf sehr praktische Weise, indem er zwei oder dreimal andere Besucher des Tempels ansprach und sie bat, mir dieses oder jenes zu erklaeren bzw. vorzulesen, und wenn man sich irgendwo verbeugen musste, half er meinem schwerfaelligen Verstand nach, indem er meine Stirne auf eine Schwelle oder irgend einen Teppich odr ein heiliges Kissen drueckte. Am Eingang erklaerte er mir etwas, was fuer mich nach „store“ klang. Da ich jedoch keine Souvenirs kaufen wollte – jedenfalls nicht ehe ich den Tempel gesehen hatte -, sagte ich nur immer „no, no“, bis er damit begann, meine Schuhe aufzubinden. Als ich immer noch nicht begriff, zog er mir auch noch die Socken aus und verschwand mit der ganzen Herrlichkeit in der Menge. Nach einer halben Minute kam er zurueck und drueckte mir eine Metallmarke in die Hand. Er hatte die Schuhe dem Schuhwaechter uebergeben, denn indische Tempel betritt man grundsaetzlich barfuss, und im Fall des "Golden Temples" lohnt es sich doppelt, diese Regel ernst zu nehmen, denn zumindest anfaenglich mussten wir dauernd irgendwelche Fussbaeder durchqueren. Gegen Ende der Besichtigung nahm er meine beiden Haende und hielt sie jemandem hin, der etwas klebrig warmes in sie fallen liess. Nach einem vorsichtigen Versuch stellte ich fest, dass sich dieses Etwas essen liess, eine Art Grieskuchen, wie sie die Harikrishna-AnhaengerInnen bei uns zuhause gelegentlich verteilen. Die Fussbäder, Teppiche, schlangestehen und warten, weitere Teppiche, viele Menschen, Musik, hie und da eine Statue, der Duft der Grieskuchen ... das waren die Impressionen des Golden Temple.

Wir verbrachten vielleicht zwei Stunden im Tempel. Dann furh mich mein Begleiter wieder in die Stadt zurueck, half mir unterwegs noch, meine ersten indischen Rupien und ein paar Bananen fuer die Busfahrt zu erwerben und setzte mich schliesslich bei der Agentur ab, bei welcher auch der Bus starten sollte. Ich bedankte mich bei meinem stummen Helfer und drueckte ihm 100 Rupien, rund 3 Franken, in die Hand -, viel Geld fuer den Arbeitsnachmittag eines Fahrradrikshafahrers, aber sicher nicht zu viel fuer die ruehrende Muehe, die dieser Mensch sich mit mir gegeben hatte. Natuerlich haette ich mit einem sprachkundigen und beschlagenen Gide in kurzer Zeit viel mehr ueber den goldenen Tempel gelernt, und natuerlich schaeme ich mich auch ein wenig dafuer, dass ich dieses Wunderwerk gesehen habe ohne euch und der uebrigen Welt auch nur ein wenig davon erzaehlen zu koennen, wie der Golden Temple in "Wirklichkeit" aussieht. Gleichzeitig gehoert diese Fuehrung jedoch zu den Erlebnissen, die ich wohl nicht so schnell vergessen werde, und aus denen ich vielleicht auch etwas fuer die kuenftige Gestaltung meines Touristenlebens lerne.

Wieder zuhause habe ich nachgesehen, was das Internet zum "Golden Temple" zu sagen weiss. Dabei stelle ich – mit Befriedigung und zugleich ein wenig enttäuscht – fest, dass meine Eindruecke tatsaechlich etwas lueckenhaft sind. Es scheint sich zu lohnen, noch einmal hinzufahren![1]


Facts and Figures. Das Internet zum Thema Indien. Ein kleiner Exkurs

A propos Internet und nachtraeglichgeschlossene Informationsluecken: Das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schreibt auf seiner Homepage ueber die schwierige Mutter, der ich an jenem Tag erstmals begegnet war, u.a.: " Der indische Staat gilt als die "größte Demokratie der Welt" und ist trotz vieler Spannungen seit der Gründung 1947 weitgehend stabil geblieben. Er besitzt eine föderale Struktur und besteht aus 26 Bundesstaaten und sechs Unionsterritorien. Gemessen an der Einwohnerzahl ist Indien das zweitgrößte Land der Welt: Auf dem Subkontinent leben etwa 1,1 Milliarden Menschen, davon drei Viertel auf dem Land. Die Vielfalt der Ethnien, Religionen und Sprachen ist groß, die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen und zwischen und innerhalb der Bundesstaaten sind erheblich. Das Kastensystem bestimmt bis heute den Alltag. Frauen und Mädchen werden vielfach benachteiligt, Kinderarbeit ist vor allem bei niedrigen Kasten und Kastenlosen verbreitet. Die Kluft zwischen reichen Indern, einer wachsenden wohlhabenden Mittelschicht und der armen Bevölkerung ist weit." Derselben Quelle koennen wir entnehmen, dass die Flaeche Indiens mit 3.287.000qkm knapp 10 mal so gross ist wie diejenige Deutschlands (357.023qkm), waehrend das jaehrliche Prokopfeinkommen in Indien im Jahr 2001 mit $460 mehr als 50 mal kleiner ist als dasjenige in Deutschland, welches im selben Jahr $23.700 betrug.[2]Doch damit fuer's erste genug der grauen Theorie.




Delhi – sweet and sour

Nach dem freundlichen Empfang in Indien wurde die naechtliche Busfahrt nach Delhi zu einer ersten Bewaehrungsprobe im hiesigen Kampf ums Dasein. Es begann mit dem Verstauen des Gepaecks. Wohin kommt es? In den Bauch des Busses oder auf dessen Dach. Nein nein. Jemand nahm meinen Rucksack und quetschte ihn in eine der viel zu engen Ablagen ueber meinem Kopf. Meinen schuechternen Protest ignorierte er und drueckte mich mit einem „don’t worry“ auf meinen Sitz. Als ich mich gerade haeuslich eingerichtet hatte wurde ich ohne weitere Erklaerungen aufgefordert, ein paar Reihen weiter vorne Platz zu nehmen. Ich wollte mich an sich nicht zu weit von meinem Rucksack entfernen, doch was sollte ich machen. Ich beschloss, mir wegen des Gepaecks vorerst keine Sorgen zu machen und machte es mir am neuen Ort bequem.

Kaum waren wir abgefahren startete das Unterhaltungsprogramm / ein Film mit viel Geschrei und dramatischem Gebruell. Es war wie ein dreistuendiger Belastungstest, denn nach meinem Platzwechsel sass ich unmittelbar unter dem scheinbar einzigen Lautsprecher des Busses.

Als wir gegen 6 Uhr frueh in Delhi ankamen draengte alles aus dem Bus. Ich wusste nur, dass meine Sachen irgendwo weiter hinten waren, und ich hatte das Gefuehl, dass ich unbedingt etwas tun muesse, denn es waere ja denkbar, dass sich noch andere Mitfahrer fuer meinen Rucksack interessieren. Als ich begriffen hatte, dass mir hier niemand zu Hilfe kommen wuerde nahm ich den Kampf mit der Menge schliesslich auf, zwängte mich an den entgegenkommenden Menschen vorbei bis dorthin, wo mein Rucksack sein sollte, wo er allerdings nicht war. Da niemand auf mein „where is my pack“ reagierte grub ich mich (leicht beunruhigt und einigermassen aergerlich) weiter durch die Menschen nach hinten durch, wo ich das gute Stueck schliesslich wie eine Fussmatte im Mittelgang auf der Erde liegend fand. Nach wie vor schien sich niemand um mich zu kuemmern.

Sink or swimm, friss oder stirb. Iran und Pakistan hatten mich verwoehnt. So etwas wuerde dort nicht vorkommen /, so etwas hatte ich dort jedenfalls nie erlebt. Im Gegenteil. Ich hatte den Eindruck, dass man dort immer auf mich aufpasste, auch wenn ich selbst es gar nicht bemerkte. War das nun Indien – the difficult mother? Vielleicht ... Ich hatte jedenfalls den ersten Haertetest bestanden und zwar einigermassen erfolgreich.

Der zweite Test folgte unmittelbar danach im Sunny Guesthouse, welches mir noch in der Schweiz von Hans und Roswita empfohlen worden war. Im Gegensatz zum Ringo Guesthouse hatten sie dort zwar noch Zimmer, doch was fuer welche! Das eine lag unter der Treppe. Es war ein fensterloses Loch von der Groesse eines Bettes. Gleich daneben befand sich die Wasseraufbereitungsanlage mit ihrem ununterbrochenen Brummen. Davor war die „Lobby“ mit dem staendig laufenden Fernseher. Ich war muede, und das Zimmer war billig. Aber sind wir wirklich auf der Welt, um so viel wie moeglich zu sparen? Schliesslich zeigte mir der Portier noch ein Zimmer auf dem Dach, vier mal so teuer, aber immerhin ruhig und nicht ganz so klein. Aber sonst ... Ich war von Pakistan her ja bereits einiges gewohnt, aber dieses Zimmer ... Ein Doppelbett oder besser ein Brett mit einem duennen Fouton. Eine loechrige Wolldecke, eine Tuere aus einer Art Karton, die sich kaum schliessen liess, kein Stuhl, kein Haken, kein Tisch oder sonst eine Moeglichkeit, seine sieben oder acht Sachen auszubreiten, und draussen auf dem Dach ein Gewirr von Rohren und Leitungen, schmutzig und staubig, als ob das ganze Land eben erst von einem Krieg heimgesucht worden war. Alles aeusserst primitiv und lieblos, unpraktisch und in schlechtem Zustand. Indien, die schwierige Mutter! Ich hatte die Nase wieder einmal voll und verzog mich in meinen Schlafsack. Immerhin hatte meine Kammer ein Fenster das sich oeffnen liess.



Nach fuenf Stunden Schlaf erwachte ich. Es war mittlerweile Mittag geworden. Ich hatte wenig Lust auf die laute, derbe Welt da draussen. Doch welche Ueberraschung! Als ich die Tuer oeffnete wurde ich von einer strahlenden, warmen Sonne empfangen. Ploetzlich erschien mir die notduerftig zusammengezimmerte Dachlandschaft des Sunny Guesthouse geradezu romantisch, und ich stellte einmal mehr fest, dass es sich lohnt, der Welt da draussen eine Chance zu geben, auch wenn ich an jenem Mittag ganz ueberzeugt davon war, dass sie grauenhaft, oed und leer ist.

Nicht nur die Sonne verbesserte meine Laune. Es gab auch eine saubere Dusche mit richtig warmem Wasser und zwar so viel und so lange ich wollte, nicht nur ein paar Tropfen, wie es hier sehr oft der Fall ist, und gleich neben dem Guesthouse fand ich ein Internetkaffee mit einem aeusserst freundlichen Manager, der mir während der nächsten drei Tage half, wieder einmal Ordnung in meine Mails zu bringen und den ersten Rundbrief von unterwegs an euch zu schreiben. Ein paar vorsichtige Schritte weiter stiess ich auf eine Touristeninformation, bei der ich fuer den naechsten Tag eine ganztaegige private Stadtbesichtigung buchte: Fahrer, Gide und Auto fuer 700 Rupis, rund 20 Franken. Nach meinem Erlebnis in Amritsarr wollte ich in Sachen Besichtigungen kein weiteres Risiko mehr eingehen! Der Inhaber des Reisebüros versprach mir, dass ich jedenfalls auf meine Rechnung kommen würde. Er war offenbar fasziniert von meinen Stories aus Pakistan und meinem Erlebnis mit dem Golden Temple und schien zu begreifen, welche Art von Führung ich brauchte.

Der Tag, der mit dem Kampf im Bus begonnen hatte, endete in einem langen gemuetlichen Abend auf dem Dach unseres Guesthouses. Zunaechst machte ich dort die Bekanntschaft von Tso, einem chinesischstaemmigen Indienfahrer und Kuenstler aus Malaisia. Nach und nach stiessen noch ein Russe, ein Australier und ein Englaender zu uns. Wir erzaehlten von unseren Reisen, tauschten Informationen und Adressen aus, hoerten ein wenig Musik und sangen – unter fortwaehrendem Zufluss von Tee – ein paar Lieder zur Gitarre.

Die private Stadtfuehrung am folgenden Tag bestaetigte dann leider die alte Wahrheit, dass es kein einfaches Rezept für Glück gibt. Die Tour durch Delhi, auf die ich so grosse Hoffnungen gesetzt hatte, war ein einziger Flopp. Der Gide sprach entgegen der Abmachung des Vortages so gut wie kein Englisch. Er hatte von dem, was er mir zeigen sollte keine Ahnung, und fuer jede Besichtigung sollte ich zusaetzlich Eintritt bezahlen. Ich versuchte zwar, mich in Geduld zu fassen, doch mein Guid und der Chauffeur begriffen so wenig, was ich eigentlich wollte, dass ich ein paar mal nahe daran war, ihnen einfach davonzulaufen. Der Höhe- oder Tiefpunkt war das Mittagessen. Nachdem ich meinen beiden Betreuern vier oder fünf Mal erklärt hatte, dass ich irgendwo auf der Strasse etwas ganz einfaches essen wolle – "no fancy restaurant, no western tourist place" – brachten sie mich schliesslich in ein ziemlich menschenleeres modernes Selbstbedienung-Fastfood-Grüselteil, in welchem ich nach ungefähr einer Stunde und einem komplizierten Ritual von Warten, Auswählen, Warten, Bezahlen, Warten und Bestellen an einem öden Plastiktisch vor einer faden Tiefkühlpizza und einem Coke sass ... Dabei hatte ich an eine lokale Garküche in irgendeiner Gasse von Old Delhi gedacht ... Aber vielleicht gab es solche ja nur in meiner Fantasie ... Vielleicht waren wir auf der Fahrt zu diesem schauerlichen Ort auch an zwanzig solchen Freiluftküchen vorbeigefahren ... Wer weiss es!

Nach dem Essen versuchte ich zwar noch zwei oder dreimal die Tour auf Touren zu bringen, doch schliesslich gab ich auf. Als der Agent, der mir die Tour verkauft hatte, mich am Abend fragte, wie es gewesen sei, erklaerte ich ihm in für mich ungewöhnlichdeutlicher Weise, dass ich in keiner Weise erhalten habe, was wir vereinbart hatten, dassich mich im Gegenteil ziemlich verarscht fühle und der Tag ein totalesDesaster gewesen sei. Zu meinem Erstaunen hoerte er mir ruhig zu und sagte dann ohne jedes Wenn und Aber, ja, es stimme, da sei etwas schief gelaufen. Als er mir danach auch noch die Haelfte des bezahlten Geldes zurueckerstattete war ich mit der Welt wieder halbwegs versoehnt.

Ich hatte immerhin den Lotustempel, einen der sechs oder sieben Bahaitempel, welche es auf der Welt gibt, erkundet, und dank des Visitor Information Center, in welchem ich schliesslich sogar noch ein Modell dieses interessanten Bauwerks fand, war zumindest dieser Teil meiner Tour ein echter Erfolg. An sonsten gibt es in Delhi grosse Gebäude, die sehr alt seien und historisch und irgendwelche Namen tragen. Man rast in einer Limusine an diesen Gebäuden vorbei und fühlt sich bedeutend. Auch irgendwelche Türme gibt es, auf die man jedoch nicht raufsteigen kann. Warum dies so ist kann ich dem Sprachbrei meiner beiden an sich gutmütigen Führer leidr ebenso wenig entnehmen wie irgend etwas anderes, was den Wirrwarr dieses Tages ein wenig erhellen würde.




MacLeod und Dharamsala

Nachdem ich erfahren hatte, dass Amie, meine bereits mehrmals erwaehnte Freundin aus den USA, ohne deren spontane Begeisterung ich ziemlich sicher nie nach Indien aufgebrochen waere, erst in 6 Tagen in Delhi ankommen wuerde – es war lange unklar, ob sie ueberhaupt wuerde kommen koennen -, beschlossen Tso und ich, gemeinsam nach Dharamsala und MacLeod zu reisen. Tso, mit dem ich mich am zweiten Abend in Delhi ein wenig angefreundet hatte, erwartete ebenfalls irgendwelche Freunde und hatte keine Lust, die Wartezeit allein in Delhi zuzubringen.



Dharamsala ist der Sitz der tibetischen Exilregierung. Der Ort ist vor allem wegen des Dalailama zu einem Anziehungspunkt fuer viele Menschen geworden, die sich fuer (tibetischen) Budhismus und fuer das Schicksal, die Sprache und die kultur des alten Tibet interessieren.

MacLeod, wo wir nach einer ungemuetlichen Nachtfahrt im kalten Bus am 18. Dezember frueh ankamen liegt auf ca. 1800 metern, etwas hoeher als Dharamsala. Der Ort ist wesentlich kleiner als Dharamsala selber, und er wirkte auf mich beinahe wie ein westlicher Kurort. Natuerlich haette ich darueber enttaeuscht sein sollen, aber nachdem ich mich seit ueber einem Monat von Fladenbrot und scheinbar ewig gleichen Varianten von viel zu scharfem Gemuese/ und Huehnergerichten ernaehrt hatte, war der Bananencremekuchen in „Jimmy’s Italien kitchen“ eine regelrechte Erloesung, eine Art Vorgeschmack des Paradieses. Dazu die gepflegte Unterhaltung mit Wolfgang und Rodriges, zwei westlichen Budhisten, die in MacLeod Tibetisch lernten, um spaeter als Dolmetscher bei budhistischen Seminaren wirken zu koennen. MacLeod war eine Art Urlaub vom Urlaub, eine westliche Tankstelle. So leicht verwandle ich mich offenbar nicht in einen indischen Fakir.



Man versicherte uns, dass MacLeod, in dem sich die Britten waehrend der heissen indischen Sommer jahrzehntelang von ihrer anstrengenden Herrschertaetigkeit erholt hatten, jetzt beinahe ausgestorben sei, da der Dalailama im Dezember und Januar offenbar gewohnheitsmaessig auf Reisen ist. Doch mir schien der Ort noch immer angenehm belebt, und Tso und ich verbrachten fuenf sehr entspannte und unterhaltsame Tage dort. Ich liess mich von unseren Westbudhisten in die Philosophie Budhas einfuehren, bestaunte das Drum und Dran ihrer Tempel, kaufte einige tibetische Souvenirs, besuchte zusammen mit Tso einige Institutionen der Umgebung, diskutierte mit Eugenia, einer Italienerin aus Assisi, ueber ihre Erfarungen mit den von ihr betreuten leprakranken Bettlern von MacLeod und genoss die friedliche Landschaft mit ihren vielen, an die Schweiz erinnernden Spazierwegen von Dorf zu Dorf.




Delhi sweet and sour zum zweiten

Am 23. Dezember vormittags machten Tso und ich uns auf den Rueckweg nach Delhi. Diesmal fuhren wir per Zug. Die Eisenbahnlinie, die zuvor wegen eines Umfalls geschlossenwar, war inzwischen wieder eroeffnet. Unterwegs sahen wir noch die Reste des ausgebrannten Zuges, in dem mehr als 30 Menschen umgekommen sein sollen. Des einen Leid ist des andern Freud, dachten wir, denn unser Wagen war wider Erwarten leer und die Reise aeusserst angenehm. Das Vertrauen in die Eisenbahn war scheinbar noch nicht wieder ganz hergestellt.

Um 10 Uhr abends waren wir in Delhi und zwei Stunden spaeter stiess auch Amie zu uns. Sie hatte es trotz Finanznoeten und trotz Schluesselbeinbruch ihrer Tochter schliesslich doch noch geschafft!

Die naechsten anderthalb Tage verbrachten wir zu dritt. Wir liessen uns per Bicycleriksha durch die engen Strassen von Old Delhi kutschieren, besuchten das Red Ford, eine grosse, von den aus dem heutigen Afganistan kommenden islamischen Mogulen vor rund 350 Jahren erbaute Palastanlage und versuchten erfolglos eine funktionierende Karte fuer Amie’s Handy aufzutreiben. Am Abend des 24. Dezember suchten wir (mit maessigem Erfolg) nach einem besonders guten Restaurant, um – ein ausrangierter Christ, eine zum Budhismus uebergetretene Juedin und ein Juenger des grossen Konfutse –Weihnachten zu feiern. Am naechsten Tag machten wir noch einen kurzen Abstecher zur Mahadma Gandhi Gedenkstaette, dem Ort, an dem Gandhi beigesetzt wurde und an dem seine Asche aufbewahrt wird. Dann brachen Amie und ich nach Haridwar auf. Tso wollte am selben Abend nach Tailand weiterfliegen, wo seine japanische Verlobte auf ihn wartete. Seine Freunde hatten ein paar Tage zuvor gemailt, dass sie nicht kommen wuerden, sodass ihn nichts mehr in Indien hielt. Da er nichts anderes zu tun hatte, begleitete Tso uns zum Zug, wodurch auch er in den Genuss eines Spektakels kam, wie er, ein ausgekochter Indienfreack, es noch nie erlebt hatte.





Im Bahnhof von (New) Delhi herrschte ein gewisses Chaos. Aus irgend einem Grund war der normale Fahrplan einigermassen durcheinander geraten. Ueberall sassen deshalb Menschen auf und zwischen ihrem Gepaeck und warteten auf ihre zum Teil massiv verspaeteten Zuege oder versuchten, scheinbar ziellos hin und herlaufend, diese und jene Auskunft zu ergattern.

Der Bahnsteig, an welchem unser Zug abfahren sollte, glich einem ueberfuellten Campingplatz. Ueberall standen Koerbe, Koffer und Saecke. Ueberall sassen und lagen Menschen. Sie assen, schwatzten oder schliefen, waherend Andere auf der Suche nach ihrer Wagennummer ueber sie hinwegkletterten. Der Zug war eben eingetroffen. Er schien pünktlich. Das Getümmel war beträchtlich. Ein paar Bahnpolizisten versuchten ohne besonderen Erfolg, die picknickenden und schlafenden Menschen auf unserem Bahnsteig dazu zu bewegen, aufzustehen oder doch wenigstens etwas zur Seite zu ruecken. Dabei trugen sie mit ihrem aufgeregten Gerufe und Geschimpfe wesentlich zur Hebung der Stimmung und zur Steigerung der allgemeinen Nervosität bei. Ich hielt mich an Amies Riesenrucksack und stieg brav hinter ihr her ueber Kisten und Kaesten, ueber eine Bank, eine Abschrankung, auf ein Bein oder sonst etwas Weiches ... Je naeher die Zeit der Abfahrt rueckte, desto mehr stieg die Spannung.

Als wir schliesslich bei unserem Wagen angekommen waren, war Tso, der uns zum Zug begleitet hatte mit der Haelfte meines Gepaecks verschwunden. Amie sah ihn eine halbe Wagenlaenge weiter vorn. Er war offenbar abgedraengt worden und versuchte jetzt verzweifelt winkend zu uns zurueck zu kommen. Nach dieser Einstimmung kam der Hauptakt – die eigentliche Eroberung des Zuges, denn jetzt, wo man seinen Wagen gefunden hatte, drohte die Gefahr, dass man nicht hineinkommen wuerde. Deshalb nahm das Gedraenge noch einmal zu. Waehrend wir vorher gemeinsam auf die Menschen geschimpft hatten, die uns mit ihren Kisten und Koffern den Weg versperrt hatten, begann jetzt der Kampf Aller gegen Alle! Eine alte Frau versuchte sich zwischen mich und Amie zu schieben. Ich drueckte sie seitwaerts weg, waehrend jemand an meinem Rucksack zerrte, um auf der anderen Seite an mir vorbei zu kommen. Die Stimmung wurde durch das Tuten des abfahrbereiten Zuges noch einmal ordentlich angeheizt. Die Alte zu meiner Linken versuchte einen erneuten Angriff. Amie drehte sich halb zu mir um und fragte, „shall we give up“, doch inzwischen war das Tier in mir erwacht, und ich sagte, „no. Now or never!“ Ich stiess meinen rechten Ellbogen einem perfiden Kerl in die Rippen, der schon zum dritten Mal versuchte, uns nach Links ins Offside abzudraengen. Mitlerweile hatte Tso es geschafft, zu uns durchzukommen. Er drueckte mir meinen Rucksack in die Hand. Wir versuchten uns so gut es ging zu umarmen und zu verabschieden. Nach einem weiteren Gerangel, an dem sich jetzt auch Tso nach Kraeften beteiligte, hatte Amie endlich das Trittbrett erreicht. Ihr Rucksack schwebte jetzt hoch ueber mir. Ich konzentrierte mich darauf, den Anschluss nicht zu verpassen. Dann, mit einm Mal, war der Kampf vorbei. Noch ein kraeftiger Ruck an meinem eigenen Rucksack und auch dieser war im Zug. Wer gedacht hatte, dass der Zug vielleicht ueberfuellt sei, sah sich angenehm ueberrascht. Der Wagen war halb leer und die kriegerische Stimmung von vor einer halben Minute wandelte sich im Nu zur gemuetlichen Reiseatmosphaere. Es war, als ob nichts gewesen waere. Amie und ich fanden uns neben einem aelteren Ehepaar aus Neapel wieder. Unser Gepaeck war gut und sicher verstaut. Die ersten Tee- und Sandwitchverkaeufer begannen mit ihrem geschaeftigen Auf und Ab. Tso tauchte noch einmal am Fenster auf und winkte. Dann setzte der Zug sich mit nur fuenf Minuten Verspaetung in Bewegung. This is India! - Viereinhalb Stunden spaeter waren wir in Haridwar.




Haridwar und Rishikesh

Eine Pilgerfahrt nach Haridwar und zu den umliegenden Tempeln ist fuer viele Hindus ein Muss. Die kleine Stadt – sie duerfte nicht mehr als hundert oder hundertfuenzigtausend EinwohnerInnen zaehlen – liegt dort, wo der Ganges, die Mutter Indiens, das Gebirge verlaesst und in die Ebene eintritt. Ein Bad im Ganges an diesem besonderen Ort reinigt von allen Suenden und bildet eine gute Voraussetzung, in seinem naechsten Leben auf einer hoeheren Stufe wiedergeboren zu werden und damit der endgueltigen Erloesung aus dem ewigen Kreislauf des irdischen Leidens ein Stueck naeher zu kommen. Haridwar ist für gläubige Hindus also so etwas wie Einsiedeln, Rom oder Lourde für viele ChristInnen. In den vielen kleinen Shops entlang des Ganges bekommen die religioesen TouristInnen alles, was sie fuer ihr rituelles Bad im Fluss, die taeglichen Gebete und ihre haeuslichen Altaere brauchen: Blumen, Reis, ein besonderes Badegewand, Gebetsketten und Figuerchen aller Art, Weihrauch und die penisartigen Dinger, um die herum die Hindus ihre Altaere bauen. Haridwar ist touristisch, doch es ist kein Westtourismus. Es sind Inder aus dem ganzen Subkontinent.

Amie hatte anfaenglich daran gedacht, auch in den Ganges zu steigen, doch konnte sie sich schliesslich doch nicht dazu aufraffen. Ob dies an meinem mangelnden Enthusiasmus fuer diesen Gedanken und den ganzen religioesen Zirkus oder an den vielen Plastiktueten lag, die als Beigaben der dem Ganges dargebrachten Reisopfern auf dem Fluss dahintrieben oder ob sie zur Einsicht gekommen war, dass sie bereits jetzt voellig suendenfrei ist und das eher kalte Bad deshalb gar nicht notwendig sei weiss ich nicht recht. Wir beschraenkten uns jedenfalls darauf, durch die Stadt zu wandern, dem Badebetrieb am Fluss und den Possen der zahlreichen sich dort tummelnden Affen zuzuschauen, einige Souvenirs zu kaufen und ein paar der ueberall in der Stadt befindlichen Tempel zu besuchen. Aus einem beabsichtigten Elefantenritt in dem nahen Nationalpark wurde nichts, weil der Elefant bereits ausgebucht war. Schade. Ein Mann in einem Reisebüro hatte uns versichert, dass es nicht nötig sei, das Tier zu reservieren: "No problem. You just go. It will be okay".

Vielleicht hatte der gute Mensch unsere Laune nicht dadurch verderben wollen, dass er uns sagte, er kenne die Telefonnummer des Nationalparkbüros nicht. Vielleicht wusste er auch, dass eine Voranmeldung nicht möglich sei. In den Reiseführern durch Indien wird man ja immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Inder nicht gerne "I don't know" oder "no sir" sagen ... Wer sich allzu sehr auf die sachliche Richtigkeit einer Auskunft verlässt wird deshalb oft enttäuscht. Gute Stimmung ist wichtiger als inhaltliche Genauigkeit. Ob der Elefant wirklich da ist ... nun, wer kann das wissen! Während wir noch überlegten, was wir jetzt tun sollten– wir waren immerhin per Taxi für ziemlich viel Geld hier hinaus gefahren – tauchten einige Inder aus Delhi auf, die den Nationalpark per Jeep erkunden wollten. Sie erkannten unser Problem und luden uns ein, uns ihnen anzuschliessen. So fuhren wir denn drei Stunden lang im offenen Jeep durch den Park. Die erhofften Tiger und Leoparden liessen sich zwar nicht blicken, aber unser Fahrer machte immerhin ein paar entsprechende Spuren aus, und wir sahen einige Antilopen und Wildschweine ein paar Aasgeier und einmal auch einen Elefanten.

Einen Elefanten trafen wir im uebrigen auch an unserem ersten Vormittag in Haridwar. Wir sassen gerade am Fruehstueck, als es draussen tutete und das Tier mit einem Reiter ploetzlich in der engen Altstadtgasse auftauchte. Der Betreiber unserer kleinen Imbisbude war diesen Besuch offenbar gewohnt. Er reichte dem grauen Riesen jedenfalls sofort einen Packen alter Tschapatis (Fladenbrote), welche dieser genuesslich verspies, bevor er sich wieder in Bewegung setzte.



Nach zwei oder drei Tagen setzten Amie und ich uns in das kleinere, ca. 45 Busminuten flussaufwaerts gelegene Rishikesh ab, wo die Beatles ende der 1960erjahre ihrer Erleuchtung entgegenmeditierten. Rishikesh ist ebenfalls ein heiliger Ort, wird jedoch eher von Menschen aus dem Westen besucht. Sowohl in Haridwar als auch in Rishikesh wimmelt es von Gurus, welche Meditations- und Jogakurse aller Art anbieten. Beinahe an jedem zweiten Haus haengt ein Schild mit entsprechenden Ankuendigungen und ueberall gibt es groessere und kleinere Ashrams, in die man sich fuer ein paar Tage oder Monate zum Studium zurueckziehen kann. Das Angebot ist so gross, dass wir schliesslich auf jede Annaeherung verzichteten, und uns auch in Rishikesh auf’s Kucken und Herumspazieren beschraenkten.



Es war interessant, doch irgendwie fühlten wir uns beide etwas verloren. Ich vermisste Tso’s neugieriges Wesen, seinen Humor und seine Zaertlichkeit, Amie vermisste ihre in Kalifornien zurueckgebliebene Tochter und das Indien ihrer budhistischen Studienzeit von vor 15 Jahren. „Why travel“ war meine bevorzugte Frage waehrend dieser etwas müden, melancholischen Tage. „Why travel“? Was gehen mich all diese Inder mit ihren Sorgen an, und was soll ich mit all dem religioesen Zeug, das mir doch so ueberfluessig scheint? Sicher. All diese Dinge sind interessant, und ich lerne viel auf dieser Reise, doch wuerde ich nicht ebenso viel oder sogar mehr lernen, wenn ich mir zuhause ein paar gute Buecher ueber die sozialen Probleme Indiens und Pakistans oder ueber die Entwicklung des Hinduismus zu Gemuete fuehren wuerde? „Why travel“ – die Frage mag rhethorisch klingen, doch sie war und ist auch ernst gemeint.



Nach zwei oder drei Tagen in Rishikesh brachen wir erneut auf. Diesmal hiess unser Ziel Benares oder – nach neuer Terminologie – Varanasi, die Stadt des Todes ... Doch davon das naechste Mal. Wieder habe ich mein Plansoll nicht erfuellt. Wir sind noch immer nicht in der Jetztzeit angekommen, doch die Zeit ist um. Ich muss zu Madame Kumkum und ihrem Mann zum Tee. Man kuemmert sich hier in Shantiniketan um die westlichen Gaeste, auch wenn es gelegentlich nur aus Langeweile zu geschehen scheint. Vicky steht bereits wartend in der Tuer. „Come on, uncle, we are too late. Move your bones“ ... Deshalb Schluss fuer diesmal. Good bye und bis bald wieder. Seid herzlich umarmt und lebt wohl!



Martin



[1] So schreibt Selina Nayyar z.B. ueber den goldenen Tempel: "Der Goldene Tempel der in Indien "Hari Mandir" genannt wird, wurde 1603 fertiggestellt. Guru Amar Das wollte anfangs nur einen Schrein zum Beten errichten, sein Nachfolger Guru Ram Das erweiterte die Gebetsstätte schließlich. Eine richtige Tempelanlage entstand. Erst mit diesem Bauwerk entwickelte sich die Siedlung drumherum zu einer richtigen Stadt, deren Namen sie dem Tempelteich "Amrit Sarovar" verdankt (wurde in Amritsar umgeändert). Dieses Gewässer umgibt den Hari Mandir und steht den Gläubigen zu Waschungen zur Verfügung. Das Eingangstor der Anlage wird von einem Sikh mit Schwert bewacht, doch keine Angst, dies gehört nur zur Pflege der Tradition, denn jedem Besucher wird der Eintritt gewährt, egal welcher Religion er angehört! ... Der Goldene Tempel selbst ist über einen Steg zu erreichen und hat 4 Eingangstüren, die den freien Zutritt für alle 4 Hauptgruppen des hinduistischen Kastensystems symbolisieren. Seit 1604 wird an diesem Gebetsort das heilige Buch der Sikhs "Granth Sahib" aufbewahrt. Das Buch wird allmorgendlich um 5 Uhr früh in einer Art Prozession von dem Parlament der Stadt zum Tempel und abends um 21 Uhr wieder zurück gebracht. Tagsüber sitzen neben dem Granth sogenannte "Ragis", Sänger die immerfort aus dem Buch rezitieren. ... Der Goldene Tempel trägt in seiner Bauweise moslemische und hinduistische Elemente in sich und stellt ein einzigartiges Zusammenspiel verschiedener Künste dar. Das wohl bemerkenswerteste ist das vergoldete Kupferdach, das erst im 19. Jh. durch Spenden zu seinem Strahlen und Prunk kam. - Auf dem Gelände befinden sich auch mehrere Gebäude mit Speisesälen, in denen ca. 2000 Pilger pro Tag mit kostenlosem Essen versorgt werden. Aber nicht nur Gläubige können sich hier stärken, sondern auch Touristen werden freundlich willkommen geheißen. ...". (Quelle: http://www.indien-netzwerk.de/navigation/landleute/artikel/amritsar/amritsar-deu.htm)

[2] Vgl. http://www.bmz.de/de/laender/partnerlaender/indien/

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