Rundbrief 5: Religion, Dreck und "friendship makers". Varanasi und Bodh Gaya. - Shantiniketan Indien, 30. Januar 2005

Es ist und war natuerlich kein Rundbrief im eigentlichen Sinne des Wortes, denn damit waere doch wohl ein Brief gemeint, der im Stile frueherer Zeiten als wertvolles Einzelstueck nach vorher definiertem Plan von Hand zu Hand weitergereicht wird. Statt Rundbrief sollten wir deshalb vielleicht eher Streubrief oder Mailbewurf oder – unverfaenglicher – einfach Reisebericht sagen. Gut, ihr habt recht, das ist Haarspalterei, man weiss ja, was mit „Rundbrief“ heutzutage gemeint ist, doch weshalb sollen wir uns mit Ungefaehrem zufrieden geben, wenn wir es besser koennen? Sollen wir unsere Sprache zu einem Grunzen und unser Denken zu einer wahllosen Aneinanderreihung von Schlagworten verkuemmern lassen, nur weil wir angeblich keine Zeit fuer Genauigkeit haben, weil wir immer am Rennen sind? „Haarspalterei“ / was fuer ein abscheulicher Ausdruck fuer die edle Tugend der Genauigkeit! Man muesste unbedingt eine Liga zum Schutze der Haarespalter gruenden, und das Recht auf Haarspalterei sollte – als Grundlage jeder Wahrheitssuche – in die Carta der Menschenrechte aufgenommen werden! Ja das Haarespalten muesste als hohe Kunst anerkannt und oeffentlich gefoerdert und systematisch praktiziert werden. Doch davor fuerchten sich natuerlich die Autoritaeten, denn wo kaemen wir hin, wenn wir uns nicht mehr durch unsere Termine hetzen liessen, sondern damit begaennen, in aller Ruhe das Geflecht von Schlagworten zu untersuchen, in dem wir wie in einem Netz gefangen sind? / Was die Haare betrifft, so sind die Meinen – soweit noch vorhanden –seit zwei Tagen im uebrigen alle blau. Vicky meinte, eine gewisse Auffrischung der Fassade a la indienne koennte dem grauen „Uncle“ aus Switzerland nichts schaden, und ich dachte mir dasselbe. Bis jetzt habe ich auch keine nachteiligen Effekte festgestellt. Mein Appetit ist nach wie vor gut, und die Farbe scheint nicht ins Hirn gesickert zu sein. – Jetzt aber Schluss mit den Praeliminarien.

VARANASI, heilige Kloake

Die Reise nach Varanasi war muehsam. Nach etwa 16-stuendiger Fahrt, als Amie und ich bereits auf das Ende zu hoffen begannen, verwandelte sich unser Zug, der das schmueckende Beiwort „Express“ in seinem Namen trug, aus unerfindnlichen Gruenden ploetzlich in einen Bummelzug allererster Guete, der bei jedem Misthaufen stehen blieb, wobei die eingelegten Pausen von mal zu mal laenger wurden. Um uns aber auch zwischen den Stationen genuegend Zeit zur Betrachtung der abgeernteten Felder Indiens und seiner immer gleichen, farblosen Doerfer zu geben, schienen auch alle Signale entlang der Strecke bei unserer Annaeherung auf rot umzuschalten, was den Fortgang der Reise natuerlich zusaetzlich verlangsamte. Waehrend ein Expresszug nach dem anderen an uns vorueberbrauste und in Richtung Varanasi entschwand, steigerte ich mich in einen ausgewachsenen, von arroganter Besserwisserei triefenden ÄRGER ueber die unmoegliche Informationspolitik und Kundenbetreuung der indischen Eisenbahn HINEIN. Ich schimpfte innerlich in schlimmster Schweizer Touristenmanier. Keine gescheiten Auskünfte, keine Betreuung während der Reise, keine Informationen über die Verspätung via Lautsprecher ... Ich konnte mich auch nicht damit abfinden, dass keiner der immer spärlicher werdenden Reisegefaehrten eine Ahnung zu haben schien, wie weit es noch bis Varanasi sei. Die Auskuenfte in dieser Sache variierten von freundlichen „5 minutes“ bis zu erschreckenden „6 hours“. Mit andern Worten, niemand weiss was Genaues. Dass mir – vermutlich von einem der bei jedem Halt in den Zug steigenden Bettler - waehrend der Nacht meine Schuhe geklaut worden waren trug auch nicht zur Verbesserung der Laune bei. Klar, die Turnschuhe sind ersetzbar, und Amie zog auch gleich ein paar Reservesandalen aus ihrem riesigen Rucksack. Aber diese Demütigung, nachdem ich bisher doch der perfekte Reisende war, nix krank, nix klau, nix Problem ... Jetzt, wo man sie gebraucht haette, waren im uebrigen auch die Dutzenden von Tee- und Kaffee-, Erdnuss- und Omlett-, Cury- und Tschamienverkaefer, welche ihre Produkte sonst andauernd unter lautem Geschrei in den Wagen der indischen Zuege feil bieten (es sind tatsaechlich immer Maenner; die Frauen sind mir im Umfeld der Eisenbahn nur als Bettlerinnen aufgefallen), mit einem Male verschwunden. Allerdings haette ich vermutlich auch nichts gekauft, wenn sie da gewesen waeren, denn so schnell vergrabe ich das Kriegsbeil nicht, wenn es einmal ausgegraben ist! Doch wie alle Freuden und alle Leiden hatte auch diese Fahrt endlich ein Ende: nach 24 statt 18 Stunden waren wir schliesslich da: Varanasi Junction!


Strasse
Wie ueblich wurden wir vor dem Banhof auch diesmal von einer Horde von Rikshafahrern ueberfallen, die kreuz und quer nach unserem Hotel fragten, uns irgendwelche Guest Houses emphalen und uns in ihre Rikshas zu maneurieren versuchten. Diese geschaeftstuechtige Aufdringlichkeit kann zwar etwas laestig sein, doch wenn man einmal in einer Riksha sitzt so ist von der ganzen Aufregung nichts mehr zu spueren. Im Gegenteil: Die Rikshafahrer – auch dies eine ausschliessliche Maennerdomaine – sind meistens ausgesprochen hilfsbereit. Wenn sie selber nicht weiter wissen, so fragen sie nach links und rechts und zeigen dir im Bedarfsfall mit grossr Geduld und Selbstverstaendlichkeit auch noch ein zweites oder drittes Hotel, ohne dafuer sofort mehr Geld zu verlangen. So fanden auch wir schliesslich eine brauchbare Unterkunft in der Naehe des Ganges. Brauchbar bedeutet in Indien, ein ziemlich kleines Zimmer – oft ohne irgendwelche Moebel abgesehen von einem in der Regel sehr harten Bett / und ein eigenes Bad. Auch diese Baeder sind vergleichsweise einfach eingerichtet. Im Gegensatz zu Pakistan sind die traditionellen Kauerclos (bei uns hiessen sie frueher, als die political correctness noch nicht erfunden war, Tschinkeschissi“; hier spricht man vornehm von „indian toilet“) hier zwar eindeutig auf dem Rueckzug, doch auch in relativ guten Hotels (Preislage 200 bis 400 indische Rupien, d.h. 6 bis 12 Schweizer Franken) gibt es oft keine Dusche und kein fliessend warm Wasser. Dieses wird einem auf Wunsch in einem Eimer ins Zimmer gebracht und man waescht sich dann mit Hilfe der kleinen, in jedem Badezimmer vorhandenen Eimerchen, die man sonst zum Waschen seines Hinterns benuetzt. Eine Stange zum Aufhaengen seines Handtuches sucht man im uebrigen auch in diesen Hotels zumeist ebenso vergebens wie einen Haken zum Aufhaengen seiner Jacke oder aehnlich nuetzliche Dinge. Doch genug davon. Varanasis Beruehmtheit beruht ja schliesslich nicht auf der Qualitaet seiner Eimer und Eimerchen und aehnlich weltlichen Dingen! Varanasis Sache ist das zeitlos jenseitige!



So wie die am Ganges gelegenen Orte Haridwar und Rishikesh gilt auch das einige hundert km flussabwaerts liegende Varanasi oder Benares, wie die Stadt frueher hiess, den Hindus als heilig. Sich im Ganges zu Waschen birgt zwar ein gewisses Gesundheitsrisiko, denn sein Wasser ist – milde ausgedrückt – nicht gerade sauber, doch fuer die glaeubigen Hindus gilt in moralischer Hinsicht dennoch weiterhin: Keiner waescht weisser als der Ganges bei Benares. Noch gluecklicher sind allerdings diejenigen, die in Benares sterben koennen, oder die doch so nahe wohnen, dass man ihren Leichnam nach dem Tod in diese heilige Stadt bringen und ihn am Ufer des Ganges verbrennen kann. Sie werden auf diese Weise, so hat man mir erklaert, von so viel schlechtem Karma befreit, dass auch ein durchschnittlicher Mensch hoffen kann, danach im naechsten Leben in einer deutlich besseren Position oder Kaste wiedergeboren zu werden. So gesehen stellt auch das mit dem Bad im Ganges verbundene Gesundheitsrisiko KEIN Problem dar. Im Gegenteil, es macht die Sache fuer den glaeubigen Hindu nur noch attraktiver, denn die Aussicht, in Benares bestattet und danach auf hoeherer Ebene wiedergeboren zu werden laesst alles andere als unwichtig erscheinen.

Natuerlich. Jetzt spotte ich statt mich ehrfurchtsvoll vor dem grossen Glauben der Inder zu verneigen. Auch hier fehlt die Gelassenheit - gegenueber Amie sprach ich in Rishikesh und Varanasi oefter mit etwas schlechtem Gewissen von „religioesem Hokus-Pokus“ -, doch spielt die Hoffnung auf eine bessere Wiedergeburt hierzulande gerade beim „einfachen Volk“ tatsaechlich noch eine grosse Rolle, und Benares ist so gesehen auch fuer aufgeklaerte InderInnen noch immer ein besonderer Ort.

Die Stadt ist deshalb so heilig, weil Schiva, einer der zahlreichen Goetter der Hindus, nach dem Ausbruch aus seinem Berg im Norden Indiens hier erstmals die Erde beruehrt haben soll. So oder aehnlich sagen und glauben jedenfalls die Hindus. Die Stadt selbst hat vielleicht zwei oder zweieinhalb Millionen EinwohnerInnen. Sie liegt an – wenn ich mich nicht irre – rechten Ufer des Ganges, der sich hier noch einmal nach Norden dreht und für eine Weile seinem Ursprung in den Höhen des Himalaya entgegenströmt.

Benares hinterlässt bei seinen BesucherInnen sehr unterschiedliche Eindrücke. Arnold Heim, ein Schweizer Geologe, der Benares in den 1930er Jahren besuchte, war von dem, was er dort sah, offenbar eher entsetzt. In seinem Bericht schreibt er u.a.: “Gegen eine Million frommer Hindus aller Kasten pilgern jährlich nach Benares. Zu Dutzenden liegen die Kranken in Lumpen gehüllt am Strassenrand, um dort zu sterben. Die anderen steigen die Steinstufen hinab, um sich in dem heiligen Wasser von ihren Sünden rein zu waschen. (…). Sie spülen sich den Mund und trinken sogar das trübe Wasser, in das die Leichen kleiner Kinder oder Pockentote geworfen werden. In einem Ruderboot fahren wir der gewaltigen Front von Häusern, Tempeln, Grabmälern, Fürstenpalästen und Türmen im ersten Morgenlicht entlang, um das grandiose Schauspiel zu betrachten und zu photographieren. Auf den Steinstufen braten die Leichen in offenen Holzhaufen. Gerade sehen wir, wie halbverbrannte Leichenreste ins Wasser geworfen werden, wo sie dann von Krokodilen, Fischen oder Riesenschildkröten aufgeschnappt werden.”[1] – Ganz so gräulich kam mir die Stadt zwar nicht vor – von Krokodieln habe ich nichts gemerkt und mit dem Verbrennen der Leichen scheint es heute auch besser zu klappen -, aber gerade gemütlich kam mir Benares auch nicht vor.

Da das Baden im Ganges so wichtig war, haben sich im Laufe der Zeit immer mehr indische Koenige und Fuersten ein Stadthaus oder einen Palast in Benares gebaut, von welchem aus man ueber breite Treppen direkt in den je nach Wasserstand 10 bis 20 Meter tiefer gelegenen Fluss hinabsteigen kann. Diese einzelnen Badestellen wurden vor einiger Zeit zu einer Art ununterbrochener Uferpromenade verbunden, einem Auf und Ab von Treppen und Wegen, Terassen und „Gruenflaechen“, so wie die ueber ihnen tronenden Palaeste manchmal noch halbwegs intakt und gepflegt, manchmal voellig zerfallen und zu Rastplaetzen fuer Wasserbueffel und andere Tiere geworden.

Aus den engen Gassen der hinter den Palaesten sich erstreckenden Altstadt und aus allerlei Rohren und Roehren sickert und quillt mehr oder weniger braeunliches Wasser, welches sich in kleineren und groesseren Baechlein seinen Weg zum Fluss sucht. Diese Bruehe, welche das Spazieren entlang des Flusses zu einer etwas schluepfrigen Veranstaltung machen kann, mischt sich an vielen Orten mit den Resten des letzten Hochwassers und den Bestandteilen der Palaeste, fuer deren Erhalt den Maharatschas das Geld fehlt, seit Indira Gandhi, von der im uebrigen sonst nicht viel ruehmliches zu berichten ist, diesen Herren von Anno dazumal zu Beginn der 1970er Jahre verboten hat, ihre frueheren Untertanen weiterhin zu besteuern. Einige dieser Palaeste sind mittlerweile zwar in Nobelhotels verwandelt worden, in vielen haben sich inzwischen jedoch Bettler eingenistet oder sie werden als Kuhstall benuetzt.

Zwei Badestellen werden traditionsgemaess als „burning Ghat“ (als Verbrennungsort) fuer die hunderten von Toten benuetzt, die hier taeglich in aller Oeffentlichkeit verbrannt werden. Beim Spazieren in der Altstadt begegnen einem haeufig kleinere und groessere Leichenzuege, wobei die Toten lediglich auf einer Baare liegen und von einem Tuch zugedeckt sind. Oft ist das Gesicht sichtbar. Die vor und hinter der Baare einhergehenden – wieder fehlen die Frauen, da sie fuer so etwas „zu emotional“ seien / singen abwechselnd ein immer gleiches, kurzes Mantra, waehrend sie beinahe zu rennen scheinen, treppab dem Wasser entgegen. Am Ufer wird die Baare abgestellt. Ein Teil der „Trauernden“ beginnt jetzt mit den Holzhaendlern ueber den Preis des benoetigten Brennholzes zu feilschen. Andere bereiten die Waschung im Ganges vor. Dabei sind nicht selten auch ein paar neugierige Ziegen mit von der Partie. Sie interessieren sich vor allem fuer die Blumen und evtl. andere essbare Opfergaben, von denen die Toten bedeckt sind, und die sie, als echte Feinschmecker, nicht einfach so dem Ganges und den zweifelhaften Goettern der Menschen ueberlassen wollen.

Ueberhaupt ist die Stimmung bei diesen Verbrennungen durchaus nicht feierlich in unserem Sinn. Wegen so ein bisschen Tod und Sterben bleibt das Leben am Ganges nicht stehen: Da wird spaziert und Tee getrunken, es wird gehandelt, gebettelt, angepriesen und geschwatzt, gespielt und gelacht. Verkaeufer bieten irgendwelchen Krimskrams an, Bootsvermieter versuchen, Kunden fuer ihre Fahrten zu kriegen, Menschen lassen sich auf irgend einem Stuhl mitten im getuemmel die Haare schneiden, sie werden massiert oder lassen sich die Schuhe putzen, waehrend andere im Dreck liegen und schlafen oder sich von einem gelbgekleideten Sadu ihre Zukunft aus der Hand lesen und sich in die dunkeln Geheimnisse der Goettin Kali einfuehren lassen. Derweil werden die Toten 10 oder 15 Meter weiter weg in ein Tuch gewickelt und in den Ganges getaucht. An zwei oder drei besonderen Stellen des Flusses wird gewaschen – wiederum von Maennern! -, hie und da stehen ein paar gutmuetige Wasserbueffel quasi als Dekoration in der Landschaft; Hunde rennen umher und Jugendliche spielen irgendwelche Steinwurfspiele und lassen Drachen steigen. Wenn man sich ueber den Holzpreis geeinigt und der Scheiterhaufen bereit ist, wird der Leichnam in seinem Tuch darauf gelegt. Noch einmal gibt es diverse rituelle Handlungen, welche in der Regel vom aeltesten Sohn vorgenommen werden, und dann zuendet dieser den Holzstoss an. Nach drei bis vier Stunden ist der Leichnam verbrannt. Derweil sitzen die „Trauernden“ auf den Treppen und Mauern ringsum, trinken Tee, meditieren ueber die Vergaenglichkeit des Daseins oder nuetzen die Zeit, um ein paar eigene Geschaefte zu erledigen.

Benares ist ein besonderer Ort, doch worin liegt seine Besonderheit? Das Verbrennen der Toten auf offenen Scheiterhaufen gehoert in Indien vor allem auf dem Land und in kleineren Staedten durchaus noch zum Alltag, wenn die Verbrennungsorte laut Vicky in der Regel auch ausserhalb der Staedte liegen. Die Burning Gahts allein koennen es also nicht sein. Doch was macht dann den Reiz dieser Stadt aus, von der so viele IndienfahrerInnen schwaermen? Ist es der haeufige Gestank nach menschlichem Urin und nach Rauch? Ist es das leicht gruselige Ambiente um die Burning Ghats? Ist es der allgegenwaertige Zerfall? Sind es die auffallend vielen Kuehe, die in den engen Strassen und Gassen Varanasis nach Essbarem suchen oder mitten auf einer Kreuzung liegend den chaotischen Verkehr beobachten? Sind es die Abfallberge in den Seitengaesschen der Altstadt? Ist es der Laerm der zahlreichen Generatoren, einer Folge des chronischen Energiemangels, mit welchem die Stadt seit dem Bau von drei stromfressenden, sonst jedoch weitgehend nutzlosen Klaeranlagen zu kaempfen hat? Sind es die bewaffneten Soldaten, welche seit einigen Jahren aus Angst vor religioesen Kravallen wie sie in Indien waehrend der letzten Jahrzehnte immer wieder vorkamen die Mosche bewachen, welche die muslimischen Eroberer vor 300 Jahren zum Aerger der Hindus an dem Ort gebaut haben, wo zuvor ihr heiligster Tempel stand? Nein. Interessant mag Varanasi sein, aber romantisch oder „zauberhaft“ ist diese Stadt nicht. Und doch: Wenn in der abendlichen Daemmerung tausende von Lichtern den Fluss hinuntertreiben – Opfergaben fuer irgend einen grossen Gott – oder wenn frueh am Morgen die ersten Menschen zum Fluss kommen, um sich zu waschen, dann ist Benares vielleicht wirklich schoen. Dann kann man den Gestank und Dreck, die Armut und Lieblosigkeit dieser zum Mythos gewordenen Stadt vielleicht fuer ein paar Augenblicke vergessen und etwas von der religioesen Andacht wahrnehmen, mit der zahllose Menschen hier seit jahrtausenden den Versprechungen des Ganges lauschen und auf eine bessere Wiedergeburt oder gar auf die endgueltige Erloesung aus dem Kreislauf des Leidens hoffen. Doch diese Momente sind spaehrlich. Zumindest fuer Amie und mich ueberwogen der negative Eindruck und deer Schock.



Immerhin. Wir haben auch in Varanasi gelebt! Ich habe der Pizzeria Vatika am AssiGhat den inoffiziellen Prix Martin fuer die beste westliche Kueche Indiens gegeben, denn wenn ich mich sonst hie und da in westliche Speisegenuesse zu fluechten versuche, kehre ich meist ernuechtert zum einheimischen Angebot zurueck, doch der Apfelkuchen, die Pizzen und die Mueslis, ja sogar der Kaffee der Pizzeria Vatika wuerden selbst in Rom, Paris oder Heidelberg Furore machen! Eindruecklich war auch die Begegnung mit einem Bildhauer aus einer alten Kuenstlerfamilie. Er zeigte uns seine Arbeiten, lud uns zum Abendessen ein und erzaehlte voll stolz, dass einige seiner Werke mittlerweile bereits in den USA zu bewundern seien. Er habe „gutes Karma“, so seine typisch indische Erklaerung. Seine Familie sei eine gute Familie, da muesse auch er Erfolg haben.

Aehnlich frei von irgendwelchen Selbstzweifeln war auch Guru Devu, dessen Tuerschild „Sanskrit, philosophy and yoga therapy“ Amie und mich neugierig gemacht hatte. Er hockte, umgeben von Buechern und Papieren aller Art, mit gekreuzten Beinen vor uns auf einem kleinen Podium, waehrend dem wir vor ihm auf der Erde sassen und ihm unsere Fragen unterbreiteten. O ja, er uebe sich seit langem in Joga. Sonst waere er laengst zum alten Mann geworden! Nein nein, 71, nicht 50 sei er. Ja, Professor sei er gewesen und 50 Buecher habe er geschrieben, darunter auch eines ueber indischen Humor. Ja ja, er habe gelernt, seine Zeit zu nuetzen. 50 Buecher und 300 Researchpaper, alle veroeffentlicht, auch im Ausland! Sprach’s und sprang von seinem Podium, um uns mit Stolz die Reihe seiner Werke zu zeigen.

Als wir Meister Devu verliessen, erklaerte uns seine Frau, dass sie auch Zimmer vermiete, grosse, schoene Zimmer, gar nicht teuer. Ob wir sie sehen wollten. Wir wollten damals nicht, doch zehn Tage spaeter, als ich noch einmal in Varanasi war, habe ich zwei Naechte bei Madame Devu zugebracht. Das Zimmer war klein, das Badezimmer sogut wie unbrauchbar, das Fruehstueck, ein Glaeslein mit Zuckerwasser, was sie stolz als „Kaffee“ anpries, und zwei kleine trockene Griesfladen, kostete so viel, wie an anderen Orten zwei grosse Teller Tsamien. Dabei klagte die alte Dame andauernd darueber, dass man heutzutage in Varanasi niemandem mehr trauen koenne. „Everybody is cheating. Always cheating!“



Auch Beat, ein Schweizer, der seit 15 Jahren in Varanasi lebt und uns im Rahmen einer fuenfstuendigen Walking Tour einige Geheimnisse der Stadt gezeigt hat, sprach oft und gerne davon, wieviele Betrueger es in Varanasi gab. Er warnte uns vor allem vor den „professional friendship makers“, wie er die Menschen nannte, die sich in scheinbar harmlos freundschaftlicher Absicht um irgendwelche einsamen TouristInnen kuemmerten, sich mit ihnen anfreundeten, um sie nach einer oder zwei Wochen oder nach einem Monat hemmungslos auszunehmen. „Die haben Zeit, die koennen warten. Aber am Ende schlagen sie zu.“ – Zugeschlagen hat in Varanasi im uebrigen auch die almmächtige Göttin Medicina: Amie lag einen Tag mit einer kraeftigen Magenverstimmung samt Begleitmusik im Bett. Ich versuchte mich, nach Kräften durch zwei holländische Krankenschwestern, Zufallsbekanntschaften aus unserem Hotel, unterstützt, als Krankenpfleger und kümmerte mich um die nächste Etappe unserer Reise, während Amie ihrer Genesung entgegenschlummerte.


Bodh Gaya – Die Religion und die "professional friendship makers".

Wir waren am 30. Dezember in Benares angekommen. Eine Woche spaeter reisten wir nach dem rund vier Stunden entfernten Bodh Gaya weiter. Bodh Gaya (oder Budha Gaya wie manche sagen) sei, so hatte Amie mir bereits in Delhi erklaert, der Ort, an welchem Budha nach siebentaegigem ununterbrochenem Meditieren erleuchtet worden sei. Damit gehoert Bodh Gaya zu den wichtigsten Orten fuer die Budhisten, egal, ob es sich um solche thibetischer, tailaendischer, japanischer oder sonst einer Glaubensrichtung handelt. Jehrlich pilgern zehntausende von Moenchen und Laien nach Bodh Gaya, um den Enkel des Baumes zu seen, unter dem Budha damals gesessen haben soll, und um rund um den seither dort errichteten grossen Tempel zu beten und zu opfern; und wenn ein grosses religioeses Fest angesagt ist, trifft sich die ganze budhistische Welt in Bodh Gaya. Dann verwandelt sich der kleine Ort fuer ein paar Wochen in eine Mischung aus Jahrmarkt und Zeltlager. Auch als wir ankamen, stand ein solches Ereignis bevor. Ein grosses, 10-taegiges Gebet fuer den Weltfrieden.[2]
Markt


Auch in Bodh Gaya wurden wir bei der Ankunft von einer ganzen Schar hilfreicher Helfer umschwarmt, wobei sich vor allem drei Jungen heftig um unser Wohl bemuehten. „You want guest house. Yes, I know. Very good. Very quiet ...“. – In Erinnerung an Beats Warnung vor den professionellen Freundschaftsmachern und angesichts unserer Muedigkeit wollten wir von den sympathischen Helfern zwar nichts wissen. Wir vertrauten lieber unserer eigenen Findigkeit und den Informationen unseres „Lonely Planet“. Doch liessen sich unsere Freunde nicht so leicht abschuetteln. Waehrend Amie schliesslich mit einem von ihnen auf Hotelsuche ging – wegen des bevorsteenden Festes waren die meisten der zentral gelegenen Guest Houses bereits ausgebucht -, sass ich in der Sonne vor dem Ohm/Restaurant, trank einen fuer indische Verhaeltnisse relativ guten Kaffee, „bewachte“ unser Gepaeck und plauderte mit einer wechselnden Zahl weiterer Jugendlicher. Was wir denn in den naechsten Tagen alles so unternehmen wollten? Ob wir Souvenirs kaufen wollten? Ob wir den japanischen Tempel oder das birmesische Kloster sehen wollten ... Ich hatte eigentlich keine Lust auf all diese Fragen zu antworten, sondern wollte (als gelernter Schweizer) erst einmal „in Ruhe ankommen“, doch dafuer hatten unsere Helfr offenbar keinen Sinn.Sie wollten plaudern, Kontakt knuepfen. „What’s your country? What's your name? What is your job? Are you married ...“ immer dieselben Fragen, mit denen man hier in Indien empfangen wird,immer dieses Gemisch aus Geschaeft und Freundschaft, dieses halb echte, halb falsche Interesse.

Nach einer Stunde war das Hotelzimmer gefunden und Amie und ich machten uns auf, um unser Gepaeck dort zu deponieren und anschliessend zum Tempel zu gehen. Unsere Helfer hatten uns inzwischen tatsaechlich verlassen, und wir genossen die ploetzliche Ruhe, indem wir schweigend und – der lokalen Sitte entsprechend – barfuss um den Tempel herumgingen – zunaechst auf dem aeussersten, hoeher gelegenen Weg, dann auf dem mittleren Umgang und schliesslich auf dem inneren, unmittelbar am Tempel entlang fuehrenden Weg. Aus einem Lautsprecher erklang ein monotones Mantra. Vor und hinter uns gingen andere Menschen, ebenso schweigend und andaechtig wie wir.



Je laenger dieses Herumgehen dauerte desto staerker wurde meine Furcht davor, frueher oder spaeter in den Tempel treten und irgendeine Budhastatue begruessen zu muessen. Damit wuerde der ganze Zauber dieses besonderen Momentes verloren gehen – ein Zauber, der fuer mich gerade in der Tatsache bestand, dass wir das innere des Tempels NICHT betreten. Nachdem ich seit Wochen von so viel Religion und religioesen Diskussionen umgeben war, empfand ich diese respektvolle Zurueckhaltung gegenueber dem Kern eines Glaubens als ausgesprochen wohltuend.

Weshalb versuchen wir das, was wir nicht begreifen und erklaeren koennen, dennoch andauernd zu begreifen und zu erklaeren. Weshalb koennen wir uns nicht einfach in der Naehe des Geheimnisses aufhalten ohne es entschluesseln zu wollen? Koennen wir uns nicht mit der Ahnung zufrieden geben, dass da etwas ist oder doch sein koennte ohne das Raetsel loesen zu wollen? Weshalb verschwenden wir unsere Zeit und Kraft damit, darueber zu streiten, welche Bewegung zu diesem oder jenem Mantra ausgefuehrt werden soll, welcher Gott der bessere und welche Auslegung des Korans oder der Bibel die richtigere sei. Weshalb all dieses Getue, dieses Uebermass an Regeln, an gelehrter Debatte, an Tradition, an Abgrenzung und Recht haben wollen? Koennen wir nicht einfach Menschen und als solche einigermassen menschlich und anstaendig sein? Muessen wir unbedingt thibetische Budhisten, Katholiken, Anhaenger von Bahauallah oder einer anderen Gruppierung sein? Einige BudhistInnen, darunter auch Amie, haben mich in den letzten Wochen oefter beruhigt, dass Budha auch nichts von dieser Art der Religiositaet gehalten habe, dass es ihm in seiner Lehre im Gegenteil nur um Mitmenschlichkeit, Anteilnahme und Gerechtigkeit gegangen sei, und von Jesus und von vielen anderen, seither zur Kultfigur dieser oder jener Sekte gemachten Gestalten laesst sich vielleicht aehnliches sagen. Ich will hier nicht weiter darueber sinieren. Ich wollte euch nur erzaehlen, wie schoen es war, waehrend der Daemmerung um diesen Tempel zu gehen ohne irgend etwas zu wollen ... keine Erkenntnis, keine Frage, keine Theorie, keine Statue. Amie ging es offenbar aehnlich, denn auch sie ging nicht hinein. Stattdessen habe ich meine Souvenirsammlung durch ein kleines Modell des Mahaboditempels in Bodh Gaya ergaenzt, eine schoene Steinarbeit und ein schoenes Andenken an einen guten Moment.


Martin

Bodh Gaya war ueberhaupt gut. Wir sind zwar wieder mehr als wir wollten in der Subkultur der WesttouristInnen haengen geblieben, ein Problem, mit dem wir schon in Varanasi zu tun hatten: man trifft sich, geht zusammen essen, freundet sich an, spricht ueber die verschiedenen Reiseerfahrungen, ueber die weiteren Plaene, ueber politische oder philosophische Dinge. Alles sehr angenehm, sprachlich und kulturell ist man sich meist viel naeher als den Eineimischen, mit denen man alsTourist normalerweise in Beruehrung kommt, doch ploetzlich stellt man fest, dass man nicht mehr in Indien, sondern in irgendeiner halbrealen Zwischenwelt ist. Da ist das Geklingel der Byciclerikshas, da ist das Gehupe ihrer motorisierten Rivalen, da sind die auf der Erde sitzenden BettlerInnen, doch da ist auch Martha und Sandra aus Spanien, da sind ihre Erfahrungen mit dem Meditieren, da ist Mojji, der Wahrheitssucher aus Jamaika, da ist Alexander aus Polen und seine Gedanken zum Sufismus und der Rolle, welche die Musik in der Tradition der Sufis spielt. Da sind meine Ideen zum Thema Musik und Musiktherapie, da sind meine Gedanken zum Thema Religion und Wissenschaft, und Indien, zumindest das konkrete, auf der Strasse sicht- und erlebbare Indien scheint sich ploetzlich in nichts aufzuloesen. Es ist wie gesagt ein Phaenomen, das ich waehrend meiner Reiserei oefter beobachtet habe. Ich suche das Fremdartige, doch zugleich vermisse ich das Vertraute, und wenn ich es finde – bei den erwaehnten WesttouristInnen oder auch bei sogenannt gebildeten Einheimischen – dann sauge ich es auf bis ich beinahe wieder zuhause an der Ramsteinerstrasse bin und „Indien“ nur noch belanglose Kulisse ist. Es ist angenehm – war auch in Bodh Gaya angenehm -, doch zugleich ghet damit auch das besondere etwas verloren, welches das Reisen und die Fremde fuer mich so anziehend machen.
Bettlerin


"How can you trust, if you don't trust". Annaeherung an die Friendship Makers

Unsere Friendship Makers vom ersten Tag erinnerten uns glücklicherweise immer wieder daran, dass wir tatsächlich in Indien waren, und zwar nicht in einem abstrakten, nur gedachten, sondern in einem sehr konkreten Indien. Die „Boys“, wie Amie und ich die drei Jungen bald nannten, tauchten während unseres Aufenthalts in Bodh Gaya alle paar Stunden bei uns auf. Sie waren ueberzeugt davon – und hatten damit natuerlich auch recht -, dass wir irgendwann etwas kaufen wollten, einen Sari vielleicht oder einen Teppich, eine Mala (d.h. Gebetskette) oder sonst etwas. Im uebrigen schienen sie, wie Beat gesagt hatte, Zeit zu haben. Viel Zeit. Sie tauchten auf, wenn wir am Fruehstueck sassen oder wenn wir zur Post wollten. Sie waren immer da, zunaechst zu dritt, dann, nach einem oder zwei Tagen, nur noch zu zweit, hilfreich, gut gelaunt, aufmerksam. Sie kamen mir vor wie die Fliegen ums Honigbrot, wobei ich dieses Bild nicht mochte und auch jetzt nicht mag, denn es sind doch keine Fliegen sondern Menschen, wenn ich auch keine Ahnung habe, was in ihnen vorgeht, weshalb sie so viel Zeit mit uns verbringen und sich von unserer relativ zurueckhaltenden Art nicht entmutigen lassen. Das blosse Interesse an uns konnte es nicht sein. Vielleicht Langeweile? Vielleicht die Hoffnung auf ein paar hundert Rupien fuer ihre ungefragten Helferdienste? Bisher hatten sie jedoch nichts von „commission“ oder „bakshish“ gesagt. Dafuer tauchten nach und nach andere moegliche Motive ihres Interesses fuer uns auf:

Mintu sprach ueber das 10. Schuljahr, welches er wegen Geldmangels vermutlich nicht absolvieren koenne. Bisher habe seine Mutter das Geld fuer die Privatschule – 150 Rupien, also etwa Sfr 4.20 pro Monat – aufbringen koennen, doch im 10. Schuljahr betraegt das Schulgeld 250 Rupien. Dazu kommen die Kosten fuer Buecher und schliesslich braucht er auch eine neue Schuluniform: Saubere Schuhe, dunkle Hosen und ein weisses Hemd - hier wie in vielen anderen Laendern dieser Erde durchaus ueblich. Mintu ist klein und mager. Seine Haende sind rauh von der Hausarbeit und vom Holzhacken, wie er sagt. Er scheint intelligent. Er weiss was er will. Er lacht selten. Im Gegenteil, er hat etwas bedrücktes, verschlossenes an sich. Wenn er dennoch einmal lacht, ist es wie wenn die Sonne plötzlich durch eine dicke Wolkenschicht bricht. Als wir einmal fuer fuenf Minuten allein sind, erzaehlt er mir von seinem Vater: Nein. Er lebe wohl noch. Er wisse nicht wo. Er sei vor ein paar Jahren weggegangen. Nein. Er vermisse ihn nicht. Er sei ein schlechter Mensch gewesen, ein Gauner. Nein, gearbeitet habe er nicht. Nein. Auch die Mutter vermisse ihn nicht. Er habe sie geschlagen. Jetzt sei er fort. Nein. Seinen Freunden erzaehle er dies nicht, denn ja, Scheidung und so, das sei in Indien immer noch eine Schande. Er sage, der Vater sei fort zum Arbeiten. Das kennt man hier. Die Vaeter sind oft monatelang weg, in Delhi oder Kolkata oder einer anderen wirtschaftlich staerkeren Region des Landes. Nein, seine Mutter arbeite, aber sie habe dauernd Schmerzen. Ja, in den Gelenken. Rheuma? Er wisse es nicht. Auch er habe manchmal Schmerzen, vor allem in den Haenden, aber nicht so stark wie seine Mutter ... Ich denke an Beats Warnungen vor den professionellen Freundschaftmachern. Sind das jetzt die Geschichten, mit denen wir eingeseift werden?

Vicky, von dem am Rande bereits mehrmals die Rede war, will Medizin studieren, um spaeter eine Klinik fuer die Armen eroeffnen zu koennen. „It is my dream. I want to help the poor, but how can I do without money?“.Er habe das 10. Schuljahr abgeschlossen, doch das College (11. und 12. Schuljahr) sei zu teuer. 3000 Rupien pro Monat (rund 90 Franken) ist eine Summe, die er und seine Familie unmoeglich aufbringen koennen. Wie unzaehlige andere junge Inder hofft auch er deshalb, einen Sponsor zu finden, irgend einen Menschen aus dem Westen, mich odr Amie oder sonst jemanden. Es ist im Grunde egal.

All das kommt nach und nach zu Tage waehrend wir uns thibetische Teppiche ansehen oder den Stoff fuer das Kleid aussuchen, welches Amie sich schneidrn lassen will, um nicht immer in denselben Hosen herumgehen zu muessen. Ich lasse mich bewusst nur halb auf dieses verkappte Bitten und betteln ein. Zum einen bin ich Mintu und Vicky gegenueber noch immer etwas misstrauisch. Zum anderen misstraue ich auch der Schnelligkeit, mit der mein Helferimpuls zur Stelle ist. Stattdessen versuche ich mit Mintu und Vicky eine Art Interview ueber ihre Erfahrungen mit den „Westerners“ zu machen, regelrecht, mit Kassettengeraet und allem drum und dran, damit sie wissen, dass ich wirklich etwas von ihnen hoeren will. Der Versuch ist nicht sehr erfolgreich, doch es ist immerhin ein erster Schritt in der richtigen Richtung.

Ich versuche ueber das Zwispaeltige unseres Verhaeltnisses – Freundschaft und Geld – zu sprechen, doch ist das offensichtlich schwierig. Vielleicht zu abstrakt fuer die beiden, vielleicht auch eine Art Tabuthema. Mintu ist ziemlich schweigsam, und Vicky kommt immer wieder auf konkrete Dinge, auf seinen Traum des Medizinstudiums oder auf den von uns ins Auge gefassten Besuch einiger ausserhalb Bodhgayas gelegenen Hoehlen zurueck. Er besteht darauf, uns dorthin zu begleiten, da die Gegend zu unsicher sei. „Bad people. Many begger. Too much dangerous“. Ich erzaehle von dem Agenten des Reisebueros in Varanasi, der uns die unglaublichsten Stories erzehlt hat, nur um uns dazu zu bewegen, per Taxi, statt per Zug von dort nach Bodh Gaya zu fahren. Vicky begreift. „So you don’t trust what I say?“, dann bringt er das Problem auf den Punkt: „How can you trust, if you don’t trust?“ Ich versuche es noch einmal mit meinem grundsätzlichen Anliegen. Ich erklaere Mintu und Vicky, dass ich ihnen vermutlich eher vertrauen würde, wenn ich genau wüsste, was sie fuer ihre Hilfsbereitschaft erwarteten. Doch komme ich mit meinem Versuch nicht weiter. Die von mir praktizierte Tugend der Offenheit wirkt auf die beiden offenbar eher als Taktlosigkeit. „If you want to give, you give. If not, no problem“ ist die einzige Antwort, die ich von den beiden erhalte.

Wie gesagt, das „Interview“ verlaeuft eher zaeh. Am Ende habe ich den Eindruck, die Beiden (und vielleicht auch mich selber) mit meinem Anliegen etwas ueberfordert zu haben. So schnell laesst sich dieses Gewirr von eingeuebten Rollen, kulturellen Vorannahmen und Verhaltensweisen, widerspruechlichen Interessen und Motiven nicht entwirren. Das braucht Zeit und groesseres gegenseitiges Vertrauen.

Als wir uns einige Stunden später von Mintu und Vicky verabschieden und ihnen erklaeren, dass wir am naechsten Tag von morgens frueh bis am Abend weg seien / wir hatten uns fuer eine eintaegige Einfuehrung in die Praxis des thibetischen Budhismus angemeldet /, fragt Vicky denn auch noch einmal: “What about my dream, uncle, will you help?” Ich bin etwas enttaeuscht, dass unser “Gespraech” am Nachmittag nicht mehr gebracht hat, doch ich muss mich wohl damit abfinden, dass er nicht an abstraktem Erkenntnisgewinn à la mode de Martin interessiert (und dazuf vielleicht auch nicht faehig) ist, sondern dass er ein Problem hat, das er gerne loesen moechte und zwar moeglichst bald. Ich sage ihm deshalb, dass ich mit ihm und Mintu noch einmal gruendlich ueber ihre Angelegenheit sprechen moechte. Wir vereinbaren, uns am uebernaechsten Tag um halb neun im Ohm-Restaurant, einem meiner bevorzugten Fruehstuecksplaetze, zu treffen.



Von dem erwaehnten Seminar will ich hier nicht viel schreiben, denn dieser Bericht geraet schon jetzt aus allen Fugen. Am Ende des Tages (es war der 9. Januar, ein Sonntag, sonnig und warm wie die meisten Tage hier) war ich nicht nur ziemlich k.o.; ich hatte auch das Gefuehl, dass mein Interesse fuer religioese Fragen mit diesem Tag vorerst einmal aufgebraucht war, und ich mich – nicht zuletzt aus psychohygienischen Gruenden – dringend einem anderen Thema zuwenden muesse. Ich hatte schon in Pakistan ein paar Schulbesuche gemacht, und ich nahm mir vor, dieses unsystematisch begonnene Projekt waehrend der noch verbleibenden Zeit in Indien erneut in Angriff zu nehmen. Doch vorerst stand „Sozialarbeit“ an.


HELFEN – WIE UND WARUM?

Wie vereinbart stiessen Vicky und Mintu am Montag Vormittag zu mir als ich vor dem Ohm/Restaurant am Fruehstueck sass, waehrend Amie irgendwo in der Naehe des Mahabodhi Tempels meditierte. Es war ein wenig so, wie ich mir die oeffentliche Aufsteherei von Ludwig XIV vorstelle: Noch halb im Bett entscheidet er ueber das Schicksal der Bittsteller, die ihm hoffend und bangend umlagern. Ich weiss allerdings nicht, ob Ludwig sich damals so viele Gedanken ueber die ihm gegebene Macht und ihren moeglichen Missbrauch gemacht hat wie ich. Er war ja immerhin gelernter Koenig, und dieses Schicksal Spielen gehoerte zu seinem Alltag wie die Krone und die vielen Diener, waehrend es fuer mich etwas ganz neues war.

Ich sprach zuerst mit Mintu. Seine Situation schien mir einfacher, ueberschaubarer. Wir einigten uns darauf, dass ich zuerst mit ihm die Schule besuchen wuerde, in die er bis im Dezember gegangen war, um mit dem Schulleiter zu sprechen, um sicher zu sein, dass dieser ihn tatsaechlich in die 10. Klasse aufnehmen wuerde und um mit ihm auch noch einmal ueber die genauen Kosten zu sprechen. Danach wollten wir Mintus Mutter aufsuchen. Wenn alles klar war wuerde ich ihr das fehlende Geld geben. Dies schien die beste Moeglichkeit, auch wenn dabei immer ein gewisses Risiko besteht, dass das Geld fuer irgend einen familiaeren Notfall ausgegeben wird oder werden muss – die Medizin fuer einen entfernten Onkel, die Hochzeit einer Nichte, die Reparatur der haeuslichen Wasserleitung oder weiss Gott was. Dies hat nichts mit mangelndem Willen oder Verantwortungsgefuehl zu tun. In so einem Fall „nein“ zu sagen ist in Indien und anderen Drittweltlaendern ganz einfach unmoeglich oder zumindest viel viel schwieriger als bei uns, denn es ist hier (auch in scheinbar progressiven, westlich orientierten Familien) noch immer selbstverstaendlich, dass man einem Familienmitglied hilft, wenn dieses in Not ist. Dass man eine bestimmte Summe Geldes eigentlich fuer die Ausbildung des Sohnes brauchen wollte zaehlt in solchen Momenten nicht. Ein derart abstraktes, auf irgendeine langfristige Planung bezogenes Argument wird vielmehr als ganz unverstaendlich und als reine Ausrede empfunden.

Mintu bestaetigte meine Bedenken, meinte aber, dass sie in seinem Fall nicht zutreffen, da sie in Bodh Gaya keine Familie haetten und seine Mutter wirklich wolle, dass er in die Schule gehe. Ich koenne ihr deshalb 100% vertrauen. Tatsaechlich hat die Frau ihren Jungen ja auch waehrend der letzten vier oder fuenf Jahre in diese Privatschule geschickt und die Kosten dafuer aufgebracht. Warum sollte ich ihr also weniger trauen als irgendeiner Drittperson oder einer noch zu findenden Institution. Ich sagte also zu.

In Vickys Fall waren meine Bedenken groesser: Ein Medizinstudium ist ja wohl auch in Indien nicht gerade ein Klax. Was wusste Vicky ueber das Funktionieren einer Uni? Wo wuerde er im Notfall moralische Unterstuetzung oder sachliche Beratung kriegen? Wo wollte er studieren? Wie ist es ueberhaupt mit der Zulassung zum Studium? Gibt es da Einschraenkungen? Und wie stellte er sich den Arztberuf eigentlich vor? Hatte er je ein Spital von innen gesehen? Welches und wie stark waren seine Motive fuer diese Berufswahl? Solche Fragen waren mir waehrend des Wochenendes durch den Kopf gegangen, und darueber sprach ich jetzt mit ihm. Dabei hatte ich bald das deutliche Gefuehl, dass sein Berufswunsch eigentlich „nur“ ein Traum war, eine Idee, die ihm gefiel, ohne dass er sich je ernstlich damit befasst hatte, was das Arztwerden und das Arztsein konkret bedeuteten. „I can do, because I want to help the poor“ sagte er immer wieder, wenn ich ihn nach seiner Motivation oder seiner schulischen Leistungsfaehigkeit fragte. Ich schlug ihm deshalb vor, die ganze Sache mit jemandem zu besprechen, der sich im indischen Ausbildungswesen auskennt und besser als ich beurteilen kann, wie realistisch sein Studienwunsch sei. Dieser Mensch koennte allenfalls auch als Mentor und Anlaufstelle und als Geldverwalter dienen, wenn ich nicht mehr im Lande waere, denn Vickys Eltern, die beide kaum lesen und schreiben koennen, waeren mit einer solchen Aufgabe ueberfordert. Vicky begriff lange nicht, weshalb ich dies wollte, stimmte aber schliesslich zu, als Mintu einen Arzt nannte, den beide kennen und dem sie offenbar auch beide vertrauen.

Nach diesem Gespraech machten wir uns auf den Weg: Zuerst zu Mintus Schule und dann zu seiner Mutter, die in einem 2 km von Bodh Gaya entfernten Dorf in einem anderen Haushalb arbeitet. Anschliessend lud Vicky uns zum Mittagessen ein. Er lebt im selben Dorf oder Ortsteil wie Mintu und die beiden kennen sich seit sie kleine Kinder waren.


VON HAEUSERN, BETTEN UND LOEFFELN

Bei Vicky erhielt ich einen ersten Eindruck davon, wie „durchschnittlich arme“ Menschen in Indien leben. Die Wohnung der Familie besteht aus zwei Zimmern. Im ersten ist gerade genuegend Platz fuer ein Doppelbett, inwelchem Vicky, sein Bruder, seine Schwester und sein Vater schlafen. Auf einem fest in die Wand eingegibsten Regal lagen eine billige Sonnenbrille und ein Stapel verstaubter Papiere. Sonst schien es in dem Raum nichts zu geben. Im zweiten Zimmer standen zwei Betten: eines fuer die Schwiegertochter und fuer die Mutter. Im anderen schlaeft der rest der 9-koepfigen Familie. Auch dieser Raum schien mir sonst kahl. Die meisten Haeuser gleichen hier ueberhaupt eher einer schnell hingebauten ein/ oder zweistoeckigen Notunterkunft im Stile unserer Garagen. Zementwaende, oft grau in grau, dazu Metalltueren mit Vorhaengeschloessern und einfache Fenster. Diese sind oft vergittert. Farben oder sonstiger Schmuck sind selten. Zwar sind nicht alle Gebaeude so vergammelt und primitiv, wie das Sunny Guest House in Delhi, von dem ich euch geschrieben habe, aber auch neue, an sich ganz akzeptable Haeuser sind selten gemuetlich in unserem Sinn. Dies beginnt uebrigens bereits in der Tuerkei, und es scheint ja zumindest ein Stueck weit auch fuer Sueditalien und andere Teile Suedeuropas zu gelten. Natuerlich gibt es auch hier Ausnahmen, z.B. die Haeuser aus ungebranntem Lehm, welche ich in einem Dorf in der Naehe Santiniketans gesehen habe oder auch das Holzhaus, in welchem wir in Sikkim uebernachtet haben. Doch ich schweife ab und greife vor. Noch sind wir in Budh Gaya zu Besuch bei Vicky und seiner Familie.

Von dieser erweist sich vor allem der 3-jaherige Neffe als sehr zutraulich, nachdem er seine erste Scheu vor meiner weissen Haut und vielleicht auch vor meinen weissen Augen abgelegt hat. Wir unterhielten uns vor dem Essen ausgiebig mit allerlei Tierlauten und sonstigem Gegrunze, wobei er als Loewe mindestens ebenso laut und furchterregend bruellte wie ich. Zwischendurch rannte er lachend auf die Strasse, um seinen kleinen Freunden vorzufuehren, was wir eben ausprobiert hatten. Beim Essen war er nicht mehr von der Partie. So wie ich es erstmals bei Martin in der Osttuerkei und danach bei Zahid in Islamabad erlebt hatte, scheint es auch hier ueblich, dass die Kinder zusammen mit den Frauen fuer sich essen, wenn Besuch da ist.



Wir assen auf dem Bett sitzend, das Essen vor uns auf einem Hocker. Das war moeglicherweise eine Konzession an den besonderen Gast, denn aermere Menschen essen in Pakistan wie in Indien meist auf der Erde. Auch das verwendete Besteck ist eine Frage der sozialen Stellung: Arme Menschen essen durchweg mit den Fingern, es sei denn, es gibt Suppe oder sonst etwas allzu fluessiges oder allzu schluepfriges. Dann kommt ein Loeffel zum Einsatz. Ausgiebiges Schmatzen und Grunzen und Fingerlecken gilt im uebrigen vor allem in ungebildeteren Schichten als urtuemliches Zeichen dafuer, dass es einem schmeckt. Meine "guten Mannieren" werden damit je nach Situation ploetzlich zum Problem, denn wer unsere westlichen Standards nicht kennt, interpretiert unseren Mangel an Fingerlecken und Schmatzen unwillkürlich als Zeichen dafuer, dass es mir nicht schmeckt. Das dachte vielleicht auch Vickys Mutter; sie stand in der Tuere und schaute uns zu, waehrend Vickys Schwaegerin auftrug. Das Essen – Tschapati mit irgend einem scharfen Gemuese und Linsensuppe - war im uebrigen wirklich lecker.

Wo und auf welche Weise bei Vickys zuhause gekocht wird weiss ich nicht. Auch ihr Bad und ihr Clo (falls ueberhaupt vorhanden) habe ich nicht gesehen. Wie so oft auf dieser Reise habe ich erst spaeter gemerkt, dass ich dies eigentlich auch gerne gewusst haette. Im Augenblick selbst war ich zu gehemmt und vielleicht auch zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um meine „Inspektion“ der Wohnung auf diese Bereiche auszudehnen. [3]
Kochen


EINEN Sancho Panza an meiner Seite – warum eigentlich nicht?

Die Idee, gemeinsam durch Indien zu Reisen, STAMMT von Vicky. Als er gegen Ende unserer Bodh Gayaer Tage hoerte, dass Amie bald in die USA zurueckfliegen wuerde, und ich danach allein noch ein paar Wochen durch Indien reisen wollte, empfand er dies offenbar als ziemlich absurd. „How can you do“ fragte er lachend und entsetzt zugleich, und schlug dann vor, mich waehrend dieser Zeit zu begleiten. Ich war von der Idee zunaechst nicht besonders angetan, denn das alleine Unterwegssein bedeutet nicht nur Stress; es steckt auch ein besonderer Reiz darin, der verloren geht, sobald ich mit jemandem reise. Dabei sind der Stress und der Reiz so etwas wie die zwei Seiten derselben Medaille. Doch abgesehen davon wie wuerden Vicky und ich miteinander auskommen? Wie wuerde es sein, mit jemandem durch die Gegend zu reisen, der vielleicht nur deshalb mit mir unterwegs ist, weil er jeden Tag hundert Rupien (ca. 3 Franken) verdient oder weil er hofft, dass ich ihm am Ende doch noch sein Medizinstudium finanzieren wuerde? Das mit dem Medizinstudium war fuer mich zu diesem Zeitpunkt zwar bereits so gut wie erledigt, denn als Mintu ein Gespraech mit dem WEITER VORNE erwaehnten Arzt organisiert hatte, sagte Vicky, dass ein solches Gespraech nicht noetig sei, dass er sein Studium schon allein schaffen wuerde ... Doch wenn die Idee fuer mich damit auch tot war, so wuerde er doch weiter auf mich als Sponsor fuer dieses oder ein anderes Projekt hoffen, waehrend ich vor allem an einem neugierigen Reisegefaehrten interessiert war. Andererseits fand ich den Gedanken, Tag und Nacht eine Art Knappen oder Privatsekretaer oder Kammerdiener bei mir zu haben sehr reizvoll, und das Zusammensein mit Vicky war bisher eigentlich ganz vergnueglich gewesen – weshalb also nicht ja zu einem Experiment sagen, das ich mir in der Schweiz nie leisten koennte.

Als ich Vicky am folgenden Tag traf, war er noch immer interessiert. Er habe seine Eltern gefragt, und sie seien einverstanden. Ich sei, so habe seine Mutter nach meinem Besuch gesagt, ein guter Mensch. Als wir Bodh Gaya am 13. Januar verliessen, waren wir deshalb zu dritt. Amie fuhr zurueck nach Delhi, und Vicky und ich begleiteten sie bis nach Varanasi.


DIE INDISCHE EINDRITTELGESELLSCHAFT

Ich hatte in Bodh Gaya zwei Tage zuvor die von Lama Thubten Yeshe (1935 - 1984) inspirierte Maitreya School besucht, wodurch mein Interesse an der Frage neu erwacht WAR, wie sich unsere auf Faktenlernen ausgerichtete westliche Erziehung mit einer Erziehung verbinden laesst, die (wie z.B. die moenchische Erziehung der Budhisten) eher auf die Entwicklung bestimmter menschlicher Werte und auf die Einuebung einer bestimmten Haltung ausgerichtet ist.[4] Ich wollte deshalb auch die Krishnamurtischule von Benares kennenlernen, zu deren Besuch es Amie und mir waehrend unseres Aufenthalts in Varanasi nicht mehr gereicht hatte.



Vicky und ich hatten uns am Donnerstag Abend bei der weiter vorne bereits erwaehnten geizigen Frau Devu eingemietet. Am Freitag Vormittag fuhren wir per Autorikscha hinaus zu der Schule, von der ich erstmals gehört hatte, als ich vor etwa 10 Jahren eine Ausgabe von "Endlich" zur Krishnamurti-Pädagogik zusammengestellt habe. Sie ist Teil des am Rande Varanasis unmittelba am ganges gelegenen Rajghat Education Centre.[5] Leider hatte der Mensch, mit dem ich mich zwei Tage zuvor telefonisch FUER EIN Interview verabredet hatte, vergessen, dass dieser Tag, der 14. Januar, ein Feiertag war, und er deshalb nicht in der Schule sein wuerde. Nach anfaenglicher Verwirrung fand sich jedoch eine Lehrerin, die nicht ausgeflogen war, und die sich Zeit nahm, mir ausfuehrlich ueber das Innenleben dieser „alternativen“ Internatsschule zu erzaehlen. Ich erspare euch und mir die Details. Vielleicht schreibe ich bei anderer Gelegenheit einmal darueber. Was ich ueber die Schule hoerte klang --- naja maessig interessant, alles in allem kein jugendlich radikales Projekt, sondern eine solide, zwischen Elternwuenschen, paedagogischen Idealen und staatlichen Vorschriften sich bemuehende Institution, ein Projekt der Mittel- und Oberschicht für die Kinder der Mittel- und Oberschicht. Von der Lehrerin – einer frisch aus dem Sueden (Kerala) nach Varanasi gezogenen, sehr kritisch denkenden, wachen Frau - warich dagegen sehr beeindruckt. Sie stimmte meiner Einschätzung ihrer Schule im wesentlichen zu. Die Schule sei in vielem ausgezeichnet, doch pädagogisch wirklich progressiv sei sie nicht. Das hänge vielleicht auch mit der indischen Gesamtsituation zusammen. Man sei hier immer noch vor allem damit beschäftigt, ein einigermassen akzeptables Schulsystem auf die Beine zu stellen. Dabei sei das Interesse an pädagogischen Alternativen zur konventionellen Schule naturgemäss relativ klein. Man sei einfach noch nicht dort. Das spüre natürlich auch eine Schule wie die ihre. Wenn, dann würden sie als "gute Schule", nicht als Alternative zum üblichen Schulbetrieb wahrgenommen. Damit fehle es ihnen oft an Anregungen bei der Umsetzung der pädagogischen Grundsätze Krishnamurtis.[6]

Über dem Gangesufer stehend sprachen wir eine Stunde lang sehr angeregt über diese Dinge und über hundert andere Aspekte des indischen Lebens, wobei ich versuchte, ein paar weitere Teile des grossen Puzzles, an dem ich hier andauernd baue, zusammenzufügen. Dabei merkte ich wieder einmal sehr deutlich, wie einseitig meine bisherigen Indienerfahrungen sind: Nicht nur, dass ich bis anhin nur den allgemein als weniger entwickelt geltenden "cow belt", d.h. noerdlich der Linie Delhi-Kolkata gelegenen Teil Indiens bereist habe. Ich hatte bisher auch kaum Kontakte mit der heutigen, staedtisch gepraegten Mittel- oder Oberschicht Indiens. Stattdessen hatte ich bisher vor allem mit „einfachen Menschen“, kleinen Hotelangestellten, Bettlern, Rikshafahrern, Kellnern und Jugendlichen zu tun, die mit irgendwelchen mehr oder weniger eintraeglichen Geschaeften ueber die Runden zu kommen versuchen. Alles in allem sind es Menschen, die sich kaum fuer irgendwelche grossen, abstrakten Fragen interessieren. Sie leben – mehr oder weniger zufrieden oder unzufrieden – ihr meist ziemlich kleines, begrenztes Leben. Dies ist jedenfalls mein Eindruck, denn da die Englischkenntnisse der durchschnittlichen Inder sehr beschraenkt sind, ist ein differenziertes Gespraech ueber ihr Leben und das, was sie darueber denken, nur sehr selten moeglich. Immerhin wird hier auch von „offizieller Seite“ darueber gesprochen, dass Indien heute im Grunde eine zweigeteilte Gesellschaft sei: Ein Drittel der InderInnen hat den Anschluss an die moderne geschafft. Es sindMenschen mit ordentlichem bis gutem Einkommen, mit einer guten bis sehr guten Ausbildung, Menschen mit guten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, Menschen, die zum Teil im Ausland studiert oder dort gearbeitet haben. Die restlichen zwei Drittel der indischen (und der Pakistanischen) Bevoelkerung haben diesen Anschluss verpasst. Sie leben –nicht selten unter unvorstellbar harten Bedingungen (Kinderarbeit, Leibeigenschaft) - zum groessten Teil unter dem Existenzminimum, koennen kaum lesen und schreiben, oder sie koennen mit ihrer „Schulbildung“, wenn sie eine haben, nichts anfangen, weil die Schulen – wenigstens die sogenannten „gouvernment schools“, also die Staatsschulen – hier so schlecht sind, dass sogar ein so entschiedener Schulkritiker wie ich ploetzlich vom Segen einer guten Schule mit gut ausgebildeten (und bezahlten) LehrerInnen zu traeumen beginnt. Doch wie gesagt, neben diesem Indien gibt es auch das aufgeschlossene, moderne Indien, dem ich bisher noch kaum begegnet bin; neben dem insgesamt eher rueckstaendigen Norden gibt es den Sueden, neben Bundesstaaten, die wie Bihar, dem Staat, in demBodh Gaya mit seinem beruehmtn Tempel liegt, in der Korruption versinken, gibt es Staaten wi das waehrend Jahrzehnten kommunistisch regierte Kerala, wo Sangitta, die Lehrerin der Krishnamurtischule, die mir von alle dem erzaehlt, aufgewachsen ist – „one generation ahead compaired to the Rest of India“, wie sie sagte



Wie sagt man: Die Katze kann das Mausen nicht lassen. Ich möchte an dieser Stelle deshalb etwas von dem erzählen, was ich während meiner mehr oder weniger spontanen und zufälligen Besuche in pakistanischen und indischen Schulen und im Verlauf einiger Gespräche zu dem Thema gehört und mitbekommen habe. Es sind auch hier Impressionen, erste Eindrücke, Teile eines Puzzels – eines Puzzels, das mich im übrigen häufig an das erinnerte, was ich übr die schweizerischen oder deutschen Schulen des 18. und 19. Jahrhunderts gelesen habe. Vieles scheint bei uns damals ganz ähnlich gewesen zu sein, wie es jetzt in Indien oder Pakistan ist.


Exkurs: Pakistanisch indische Schulimpressionen

Bereits in der Türkei fiel mir auf, wie gering das Vertrauen der Menschen in die staatliche Volksschule ist. Sali, der PR-Mann der Kelim- und Teppichkooperative in Gürümer erzählte mir, dass er einen guten Teil seines Gehaltes in die Erziehung seines siebenjährigen Sohnes stecke. Dieser gehe in eine Privatschule, die zwar relativ teuer, aber dafür auch gut sei. Damit habe er später eine echte Chance auf ein besseres Leben. Natürlich: die staatliche Schule gäbe es und sie sei kostenlos, doch dort lerne man nichts, und die Chancen, später jemals weiter zu kommen, raus aus der Armut seien gleich null.

In Pakistan sind die Probleme noch gravierender. Vor allem bei den Mädchen ist der Analphabetismus hoch, und vor allem ländliche Schulen sind, wenn es überhaupt welche gibt, sehr ärmlich eingerichtet. Fara, eine mit Zahid befreundete Lehrerin, die ich in Islamabad kennenlernte, bestätigte mir, dass das Niveau der staatlichen Schulen in der Regel tatsächlich erschreckend tief sei. Auch die methodisch didaktische Ausbildung der Lehrkräfte sei äusserst mangelhaft. Stundenlanges Auswendiglernen irgendwelcher Schulbuchtexte und Frontalunterricht sei das dominierende Modell, nach welchem die Mehrheit der Schulen funktionieren. Natürlich würde in der Schule oft geschlagen, erzählt Zahid, den ich nach seinen Schulerfahrungen frage. "We even had to go out and get new rods for our teacher, when he had used up his supply" sagt er und amüsiert sich über meine ungläubige Reaktion. "Of course they hit", erzählt Vicky ein paar Wochen später als ich mit ihm über seine Schulzeit spreche. Solche Bestrafungs- und Disziplinierungsaktionen habe ich bei meinen zum Teil recht kurzen Besuchen in ungefähr einem Dutzend verschiedener Schulklassen nicht erlebt. Unübersehbar war dagegen die Dominanz von Auswendiglernen und Frontalunterricht.

Diesbezüglich am extremsten war eine Klasse von rund fünfzehn zwölf bis dreizehnjährigen Mädchen, die den Kern der im Aufbau befindlichen Mädchenschule von "Living Education", dem pakistanisch schweizerischen Entwicklungsprojekt ausserhalb Islamabads, welches ich Anfang Dezember besucht hatte, bildete. Im Englischunterricht las die Lehrerin einen Dialog aus dem Sprachbuch vor, wobei sie keinerlei Rücksicht auf den Inhalt zu nehmen schien. Statt sich an Punkten und Kommas und dem Verlauf des Dialogs zu orientieren las sie immer eine oder zwei Zeilen, die dann von den Schülerinnen sehr präzise wiederholt wurden. Das klang dann etwa so: "Peter: Grandmother, please tell" – "Peter: Grandmother please tell" – "us something about the time when" – "us something about the time when" – "you were a child. Grandmother: Okay" - "you were a child. Grandmother: Okay" – "Peter. When I was a child the" - "Peter. When I was a child the" ...

Nach der Englischstunde hatten die Mädchen "Social Studies", also eine Art Gesellschaftskunde. Das Thema waren die frühenReligionen Asiens. Zuerst kamen die Hausaufgaben dran. Die Mädchen hatten ein paar Seiten aus dem Social Study Book auswendig lernen müssen und wurden jetzt einzeln geprüft. Die meisten ratterten ihren Text ohne Mühe herunter bis die Lehrerin unterbrach und die nächste Schülerin aufrief. Ein oder zwei Mädchen waren schwächer, d.h. sie verhaspelten sich gelegentlich oder gerieten ins Stocken. Ein Mädchen brillierte durch eine Lautstärke und Geschwindigkeit, von der selbst die Lehrerin beeindruckt schien. Dann übernahm sie das Szepter und las aus dem Social Study-Buch vor, wobei sie zwischendurch ein oder zwei erklärende Worte einfügte, ohne jedoch gross darauf zu achten, ob die Erklärung notwendig oder ausreichend war.

Im Anschluss an die zwei Schulstunden beklagte sich die Lehrerin darüber, das die Mädchen so schwer zu motivieren seien, vor allem im Englisch. An einem Gespräch über meine Eindrücke von ihrem Unterricht waren jedoch weder sie noch der Leiter von Living Education interessiert. Die Lehrerin betonte, dass sie auch in methodischer Hinsicht ausgezeichnet ausgebildet sei, das sich auf Grund des an dieser armen Schule bestehenden Mangels an audiovisuellen Lehrmitteln aber einfach nichts machen liess ...

In einer Privatschule mittlerer Qualität (und Preislage) in Islamabad besuchte ich zwei Englischstunden, wobei die eine ähnlich verlief, wie die eben geschilderte. Die Lehrerin war meinetwegen vielleicht zusätzlich angespannt, jedenfalls lachte sie nie, schimpfte oft und wie ich fand weitgehend ohne Grund und verbreitete insgesamt eine ziemlich schlechte Stimmung. Ihr englisch war zudem recht kläglich, was sie vielleicht zusätzlich unsicher machte. Als sie einmal nicht mehr weiter wusste und ein Schüler ihr das fragliche Wort voller stolz in seinem Dixionär zeigte, winkte sie ab, scheuchte den Jungen an seinen Platz zurück und sagte: "The teacher will look it up at home and tell you tomorrow what is right". Die zweite Stunde verlief ganz anders. Es wurde viel gelacht, gefragt und geredet. Die Lehrerin, eine Frau aus Karatschi, der grossen Metropole im Süden Pakistans, stand vor der Klasse, liess ihre vielen Armringe klingen und neckte ihre Schüler und Schülerinnen, ermunterte sie, forderte sie heraus und hielt sie andauernd in sportlich freundschaftlicher Weise auf Trab. Innerhalb von 60 Minuten hatte ich an diesem Vormittag eine der deprimierendsten und eine der lustigsten (und lust machendsten) Schulstunden meines Lebens erlebt.

Die unkritische Auswendiglernerei ist sicher eine der Aspekte der einfachen Schulen in Drittweltländern, die uns am meisten auffallen. Bei Abdal, meinem Gastgeber in Lahore, und bei seinen Freunden lernte ich die positive Seite dieser bei uns inzwischen kaum noch gepflegten Kunst kennen, denn die lustige Bande kannte nicht nur alle auf dem indischen Subkontinent jemals gedichteten Schnulzen, sie zitierten je nach Laune und Situation auch unendliche Passagen aus der klassischen englischen Dichtung, und dies nicht, um mit ihrer Bildung anzugeben, sondern aus Freude am Klang der Worte und aus Begeisterung für den besonderen Augenblick. Es spricht also einiges für eine Renaissance des Auswendiglernens, doch ist es hier wie überall: zuviel davon ist ungesund.

Ein letztes, von dem ich hier noch reden möchte, ist der Nachhilfeunterricht oder das "tutering". Die meisten SchülerInnen in Pakistan oder Indien besuchen das tägliche, in der Regel zwei bis drei Stunden dauernde, privat organisierte "Tutering", welches vor oder nach der eigentlichen Schulzeit stattfindet, und wo der in der Schule behandelte Stoff noch einmal durchgenommen und vertieft wird. Auch sehr arme Familien versuchen, ihre Kinder trotz der Kosten zumindest zeitweise in dieses "Tutering" zu schicken. Ohne Tutering ist es sehr schwer, in der Schule befriedigende Noten zu erreichen, denn in ihrem regulären Unterricht erklären die Lehrer bestimmte Sachverhalte oft absichtlich nur lückenhaft oder überspringen bestimmte Teile des Unterrichtsstoffes ganz, um die SchülerInnen in den Nachhilfeunterricht zu zwingen und damit ihr in der Regel sehr kleines Gehalt aufzubessern. Die Methode hat ihre klare Logik: Weshalb soll ich etwas gratis abgeben, für das ich Geld kriegen könnte. Dieses Nachhilfewesen ist nicht nur in Indien und Pakistan beinahe allgegenwärtig. Es fiel mir vor einigen Jahren bereits in Tanzania auf und kürzlich berichtete der "Spiegel" über eine deutsche Studentin, die das Phänomen in Ägypten studiert hat. [7] Zum Teil ist es den Lehrern zwar verboten, ihren eigenen Schülern und Schülerinnen Nachhilfeunterricht zu erteilen, doch das stört das Geschäft nur wenig, denn in diesen Fällen unterrichtet man eben die Kinder eines anderen Lehrers. Als ich mit Vicky über dieses doppelte System sprach brachte er dich Sache auf den Punkt: "The school is not for lerning. Its for the paper. Learning is only in the tutering. But in the tutering there is no paper."

Tutering scheint überall selbstverständlich. Ein Student des Gaya College, einer Mischung von High School und Fachhochschule sagte mir, dass eine Ausbildung dort ohne Tutering kaum zu schaffen sei; ähnliches hörte ich immer wieder. Die Abhängigkeit von diesem System des Tutering ist vor allem für arme Familien ein Problem. Auch wenn sie ein wenig Geld dafür einsetzen können, so reicht dieses allenfalls für eine gelegentliche Teilnahme von einem oder zwei Kinder am Nachhilfeunterricht. Die Verbindung von verfügbarem Geld und Schulerfolg ist also längst nicht überwunden, obschon die staatliche Volksschule sowohl in Indien als auch in Pakistan offiziell kostenlos ist. Dass nicht mehr Kinder und Jugendliche versuchen, den Schulstoff mit eigenen Mitteln (mit Hilfe von Büchern und Freunden etc.) zu erarbeiten hat vermutlich weniger mit den Schwierigkeiten des Stoffes als mit der weiter oben beschriebenen starken Fixierung der SchülerInnen auf den Lehrer und mit dessen Image und Rolle innerhalb der Schule zu tun. Dass man als SchülerIn auch selbst aktiv werden und lernen könnte ist eine Vorstellung, die den meisten SchülerInnen (und LehrerInnen) in Indien oder Pakistan viel fremder zu sein scheint als hierzulande.





... Uff! Dieser Bericht ist lang geworden. Dabei gaebe es noch viel zu erzaehlen. Doch ihr habt Glueck: Der alte Computer, auf dem ich seit drei Tagen arbeite, ist inzwischen definitiv an den Grenzen seiner Leistungsfaehigkeit angelangt. Der Cursor bewegt sich kaum mehr vom Fleck, mein Jaws spricht, als ob es mindestens zwei Schlaganfaelle hinter sich hat. Die Botschaft ist klar: 14 Seiten sind genug, jedenfalls fuer diesen PC und wahrscheinlich auch fuer die meisten von euch. Deshalb Schluss fuer dieses Mal. Ich melde mich wieder – vielleicht schon bald, vielleicht erst in ein paar Wochen. Bis dahin lebt wohl und seid alle ganz ganz herzlich gegruesst! Morgen geht’s zurueck nach Kolkata, wo unter anderem der Besuch eines Blindeninstitutes und ein Gespraech mit einem Medienmenschen auf dem Programm stehen, doch davon und von allem anderen wie gesagt ein naechstes mal. Fuer jetzt gute Nacht und good bye.



Martin





[1] Heim, Arnold und Gansser, August: Thron der Götter. Erlebnisse der ersten schweizerischen Himalaya-Expedition. Zürich und Leipzig 1938, S. 23-24

[2] Mehr Infos und ein paar Bilder zum Mahabodhi Tempel gibt's unter http://www.orientalarchitecture.com/bodhgaya/MAHABODHIBODHGAYA.htm

[3] Inzwischen habe ich mein damaliges Bild ergaenzen koennen: Im Hinterhof des Hauses gibt's ein kleines Clo (das uebliche papierlose Kauermodell) und eine kleine Kueche. Gekocht und gewaschen wird im uebrigen vor allem im freien, d.h. in dem vielleicht 16 Quadratmeter grossen Hof, in dem man sich auch waescht. Das Haus verfuegt ueber Strom und ist an irgend eine Art von Kanalisation angeschlossen. Wasser gibt's zwei Mal pro Tag fuer ca. eine Stunde. Es ist die Zeit, waehrend welcher die Familienmitglieder sich waschen. Dies geschieht im Hof, wobei zumindest die erwachsenen Mitglieder der Familie sich nie ganz unbedeckt zeigen. Wenn es kein fliessend Wasser gibt bedient man sich aus einer kleinen Zisterne, die von Vickys Mutter regelmaessig gefuellt und auch geschrubbt wird. Hinter dem Hof gibt's noch einen dritten Raum, der zur Zeit meines ersten Besuches allerdings von einer anderen Familie bewohnt wurde. Waehrend meines zweiten Besuches schlief Vickys Vater in diesem Raum. Viel Platz gibt es schliesslich auf dem Flachdach, welches man vom Hof aus erreicht. Dort wird

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