Nouakchott zum ersten. Von Staub und Sand, von Jules dem Heuchler, von den Blinden in Mauretanien, von Sklaven und der grossen Politik

Vom 15. Dezember 2010 bis zum 1. Januar 2011 bin ich in Nouakchott. Ich wollte zuerst eigentlich nur drei vier Tage bleiben, um dann in den Senegal und vielleicht nach Guinea weiterzureisen, doch die Reisegöttin hatte etwas anderes vorgesehen. Offenbar ist meine Zeit als tourist am ablaufen, und ich beginne alss Mitmensch und Mittäter, Entwicklungshelfer und entwicklungshemmer in das hiesige Leben einzugreifen.


Nouakchott das Wüstendorf, ein gemütliches Mittagessen und die Clémannschen Gene



Unsere Stadtbesichtigung dauert nicht sehr lange. Wir haben den Taximann gebeten, uns ins Zentrum Nouakchotts zu bringen. Er setzt uns an einer ziemlich befahrenen Strasse ab. "Oui, c'est le grand marchet, oui, le centre". Auf der einen Seite ist ein grosser offener Markt auf einem sandigen Platz. Auf der andern Seite Häuser mit kleinen Geschäften und davor - teils auf tischen,teils auf der Erde mehr Stände und Händler. In einem der vielen kleinen Läden wechseln wir einige Euros. Das Geschäft geht schnell über die Bühne. Dabei stehen andauernd einige Männer um uns herum, die unserer Transaktion beiwohnen und sie kommentieren. Nach einer kurzen Diskussion über den angemessenen Preis für unsere Euros erhalten wir ein paar dicke Bündel abgegriffener Banknoten. Einige davon sind zusammengeklebt; andere sind dünne schlabbrige Fetzen, die man zuerst mit viel sorgfalt auseinanderfalten muss, bevor sie sichh als 100 Uguya-Schein zu erkennen geben. Nach ein paar Minuten schieben wir uns wieder aus dem engen Geschäft hinaus auf die Strasse.

Nouakchott gleicht ein wenig dem Geld, das wir jetzt in unsern Taschen haben. Die Stadt ist nicht gerade das, was ich attraktiv nennen würde. Sie kann weder mit spektakulärer Architektur, oder einer romantischen Altstadt mit stillen Plätzchen und lauschigen Kaffees noch mit einem vielfältigen kulturellen Leben oder sensationellen Einkaufszentren, einer neuen U-Bahn oder einem ggrossen Hafen aufwarten. Sie kommt mir auch noch nach drei Wochen eher wie ein etwas in die Länge und Breite gezogenes Dorf vor, das den Schritt zur ausgewachsenen Stadt noch nicht so ganz geschafft hat. Es gibt mittlerweile zwar einige grössere Gebäude und auch ein paar geteerte Strassen, doch wirkt alles noch sehr provisorisch. Die meisten Seitenstrassen sind Sandpisten, unddie geteerten Hauptachsen sind selten mehr als 6 oder 8 Meter breit. Dazu sind die Beläge stellenweise so beschädigt, dass man nur noch im schrittempo vorankommt. Richtige Trotoirs gibt es allenfalls vor einigen der neueren Blocks des sich langsam entwickelnden Stadtzentrums. Sonst geht man als fussgänger im Sand am Strassenrand. Sand ist überhaupt das, was mir hier am meisten auffällt. Sand, Sand und noch mehr Sand. Auch in wohlhabenderen Quartieren sind die Flächen zwischen den Häusern kaum gestaltet. Ein Zementstreifen von einem Meter vor dem Haus, ein zwei Büsche und fertig ist die Pracht. Die sandigen Strassen wirken auch hier nicht sehr gepflegt.

Tatsächlich hat man erst 1958 mit dem Aufbau Nouakchotts begonnen. Bis dahin gab es in der französischen Koloonie, die 1960 unabhängig wurde, keine Städte und Strassen oder andere Anfänge einer modernen Infrastruktur. Man versuchte die künftige Hauptstadt der islamischen Republik Mauretanien zunächst koordiniert und nach Plan aufzubauen, doch in den 1970erjahren ist die Stadtentwicklung aufgrund unerwartet grosser Zuwanderung nach einigen schweren Dürren ausser Kontrolle geraten. Heute zählt Nouakchott rund 1 Mio. Einwohner; das ist ein Drittel der Bevölkerung des ganzen Landes. Wie in ganz Mauretanien ist die Armut vor allem in einigen Quartieren am Rande der Stadt extrem gross. Dazu kommen beträchtliche innenpolitische Konflikte und Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen des Landes, Konflikte, von denen ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine Ahnung habe.

Nach der Geldwechslerei schauen wir uns noch zwei drei eher an Westlern orientierte Geschäfte mit traditionellen afrikanischen Kleidern und Trommeln an. Dann bekommen wir Hunger. Wir beginnen nach dem gemütlichen typisch mauretanischen Lokal ausschau zu halten - nichts touristischem, gott bewahre, sondern dem Ort, wo auch die Einheimischen hingehen, also ein Ort, wie ihn alle Touristen suchen ... Man weist uns hierhin und dorthin, aber erst als wir Jules begegnen, der uns seine Armbanduhren zum Verkauf anbietet, werden wir fündig. Ja, so ein Lokal kenne er, sagt er und bringt uns zum "Restaurant Bege". Der Tip war gut. Ein gemütlicher Ort im ersten Stock eines an einer sandigen Strasse hinter der Agenturr der Air France gelegenen Hauses. Wir essen gut und werden von der senegalesischen Familie, die dieses Restaurant führt, gleich zu einer Fête für denselben Abend eingeladen: Es werde sicher lustig! Alle würden sich verkleiden, die Männer als Frauen und die Frauen als Männer! "Il faut que vous venez!" Nach zwei Stunden verabschieden wir uns, nicht ohne noch einmal beteuert zu haben, das wir kommen würden - Insha'Allah! - Dieses "so Gott will" ist eine sehr praktische Sache, d
Vor dem Restaurant Bege trennen wir uns. Felix kommt mit mir, um mir bei der Suche nach einem anderen Hotel beizustehen. Die Spanier und die Polen wollen zur Botschaft von Mali, um ihre Visa abzuholen. Unterwegs machen Felix und ich einen Abstecher in eine Mischung von Suk, Warenhaus und mauretanischer Shopping Mole. Es ist ein um einen Innenhof gebautes, einstöckiges Gebäude. Von den Gallerien des oberen Stockwerks, auf die wir über eine steile und wacklige Treppe gelangt sind, sieht man auf ein mit reichlich Müll übersähtes Gewirr von Planen und Tüchern, die über den Innenhof gespannt sind. ich möchte ein paar leichte Hosen und vielleicht auch ein einfaches langärmliges Hemd kaufen. Weiter hinten auf der einen Gallerie hören wir das viel versprechende Geratter einer ganzen Abteilung alter, fussbetriebener Singer-Nähmaschinen. Aber Hosen gibt's dort nicht. Dafür müssen mir runter, unter die Planen und Tücher. Der dortige Markt erweist sich als überraschend gross: Buden im Innenhof und ernsthaftere Geschäfte in den Räumen rundum. Auf dem Boden immer wieder Abfall, etwas, was mir auch auf den Strassen draussen aufgefallen ist. Ein sehr einladender Ort ist dieser Markt nicht, aber er fühlt sich aufregend real an. Das ist kein geschniegelter Bazar für Westtouristen und keine Einkaufsmeile für die Superreichen. Das ist ein ganz gewöhnlicher Ort für ganz gewöhnliche Menschen. Viele der angebotenen Waren gleichen auf den ersten Blick dem, was man auch bei uns findet, doch wirkt alles billiger. Später erklärt mir Eli, ein Übersetzer und "Grand Monsieur" mit vielen Beziehungen, dass die meisten neuen Waren, die es in Nouakchott zu kaufen gibt, aus Asien, vor allem aus China kommen. Daneben gäbe es jedoch auch sehrr viel Secondhandsachen aus Europa, ddie ihrer besseren Qualität wegen, hier sehr geschätzt werden.

Nach längerem Suchen finde ich eine Hose, die meinen Vorstellungen einigermassen entspricht. Sie soll sechstausend Uguya kosten, also rund 20 euro. Ich winke entsetzt ab und biete tausend Uguya, höchstens tausend!,da mir die Hose ja eigentlich viel zu gross sei und da sie im Grunde sowieso nicht das sei, was ich suche. Der Preis sinkt etwas. ich zeige dem Händler ein paar lose Fäden und die billige Qualität der Reisverschlüsse an den Taschen. Der preis sinkt nicht. Ich gebe ihm die Hosen zurück, hebe meinen Stock von der Erde auf und drehe mich um. Eine Hand hält mich fest und fräggt nach meinem wirklich letzten Angebot. Ich zögere und sage dann tausendfünfhundert, maximal tausendfünfhundert! Der Preis ist jetzt bei dreitausendfünfhundert. ich sage, "c'est bon. On va pas acheter" und Felix und ich gehen in Richtung Ladentür. Der Verkäufer kommt hinter uns her, doch ich sage ihm, es sei kein problem, ich würde eine andere Hose kaufen. Er fragt noch einmal nach meinem letzten Preis. Ich sage tausendfünfhundert, doch er brauche sich keine Sorgen zu machen, wir würden eine andere Hose kaufen. Er sagt dreitausend. ich sage, "Non, non, merci mille fois, vous ètes très gentil" und verschwinde mit Felix in den engstehenden Ständen des Innenhofes. Nach ein paar Minuten bereue ich meine Hartnäckigkeit jedoch, denn ich brauche wirklich eine zweite Hose und nachdem wir schon fast eine halbe Stunde gesucht und gefeilscht haben, ist es doch eigentlich blöd, sie wegen zwei oder drei Euros nicht zu nehmen. Andererseits habe ich tausendfünfhundert gesagt, da kann ich sie jetzt keinesfalls für dreitausend nehmen! Ich muss über mich selbst lachen, irgendwo in mir stecken wohl noch ein paar Gene meiner Grossmutter Mary Clémann, die in Peking in den 1930er und 1940erjahren als tüchtige Geschäftsfrau bekannt war!Schliesslich steht mein Entschluss fest. Wenn ich sie für zweitausend kriege, nehme ich sie. Wir gehen zu dem Geschäft zurück. Da steht der Verkäufer und da ist die Hose. Ich frage ihn en passant noch einmal ob dreitausend wirklich sein letzter preis sei. Er sagt "ja". Ich winke ab und wir machen Anstalten weiterzugehen, da sagt er "zweitausendfünfhundert, zweitausendfünfhundert, wirklich letzter Preis." Wir bleiben stehen und ich sagem "okay, zweitausend". Der Verkäufer zögert, dann sagt er "okay". Das Geschäft ist abgeschlossen. Ich bin stolz und ein wenig schäme ich mich für dieses Feilschen, aber es gehört dazu! Ohne es würde das Verkaufen nicht halb soviel Spass machen.

Nach diesem Abstecher in das Einkaufsparadies von Nouakchott wenden Felix und ich uns wieder der Hotelsuche zu. Das was ich suche, ein kleines, einigermassen ruhig und doch zentral gelegenes billiges Hotel im Stil meiner Unterkunft in tanger oder Chefchaouen scheint es hier allerdings nicht zu geben. Plötzlich erinnere ich mich daran, dass jemand bei der Verabschiedung im Restaurant Bege gesagt hat, sie hätten auch Zimmer: 3000 Uguya mit eigenem Bad. Ich hatte gar nicht recht hingehört, weill ich auf ein breites Angebot verlockender Alternativen gehofft hatte. Doch diese Hoffnung war mittlerweile so ziemlich dahin. Also spazieren wir noch einmal durch die sandige Strasse hinter der Agentur der Air France in Richtung Bege, und ich nehme das Zimmer nach kurzer Besichtigung.

Von der Verschiedenheit der Menschen, dem grossen Abend in "Sans Soucie" und Jules' Liebe zu seinem Papa



Eigentlich wollte ich noch am selben Abend im Bege einziehen, doch als ich an das angekündigte Fest mit dem zu erwartenden Trubel dachte, packte mich plötzlich eine grosse Sehnsucht nach der gediegenen Ruhe Europas, sodass ich die Einladung einer französischen Couchsurferin annahm, die mir bereits vor einigen Tagen geschrieben hatte, dass ich bis Sonntag gerne ihr Gast sein könne. Nun, ruhig war es in meiner neuen Umgebung wirklich, sehr ruhig sogar und sehr gediegen: Ich hatte ein grosses Bett in einem schönen Zimmer in einer totenstillen Wohnung im ersten Stock eines grossen Hauses.

Claire, meine junge, etwas schüchtern wirkende Gastgeberin erzählt mir im Verlauf des Abends, unten wohne die Familie ihres Mannes, eines Mauretaniers, der in Frankreich studiert hat und jetzt eine Nonprofitorganisation zur Verbesserung der Trinkwasserqualität seines Landes aufbauen will. Sie selbst mache eine Doktorarbeit zum Thema Kinder und Medizin. Alles sehr interessant und die Frau wirklich sehr nett, aber irgendwie sehr steif und anstrengend und auch etwas bedrückend: Nein, sie gehe eigentlich kaum allein in die Stadt. . Man warne die Ausländer hier davor. Die Sicherheitslage sei nicht gut, und ihr Mann sehe es auch nicht gerne. Auch im Land herumreisen könne sie eigentlich kaum, schon allein wegen ihrer beiden Kinder nicht. Ihre Arbeit sei anstrengend, denn sie sehe jeden Tag unglaublich viel Inkompetenz und Schlampigkeit und könne als Forscherin doch nicht eingreifen. Kinder, die sterben, weil der Notarzt,der eigentlich dasein sollte, nicht aufzutreiben ist, oder weil er sich weigert ohne vorheriges kleines "Geschenk" zu helfen; Kinder, die schwer behindert sind, weil man zu spät oder gar nicht auf irgendwelche Komplikationen bei der Geburt reagiert hat; Krankenschwestern, die in aller Ruhe Tee trinken, während ein Notfall auf sie wartet ... Dazu natürlich der Mangel an vielen Dingen, die hohen Medikamentenkosten,, die Autoritätsgläubigkeit der meisten PatientInnen und ihre Hilflosigkeit im Umgang mit dem medizinischen Apparat und immer und immer wieder katastophale hygienische Verhältnisse und eine für Menschen wie sie unverständliche Gleichgültigkeit ... Wie gesagt, die Frau ist interessant und engagiert, aber ich beschliesse am Donnerstag Mittag doch ins Restaurant Bege umzuziehen, wo ich auch bessere Chancen habe, irgendwelche anderen Reisenden zu finden, denen ich mich für die Weiterfahrt nach Senegal oder Mali würde anschliessen können.

Meine Couchsurfing-Gastgeber bringen mich hin, und Jules, unser Guid vom Vortag, begrüsst mich gleich mit grossem Schwung als seinen Papa! Das Restaurant wird von seiner Schwester Mom und einigen weiteren Verwandten betrieben. Dabei ist man hier mit der Bezeichnung Bruder und Schwester oder Vater allerdings sehr grosszügig: Gute Freunde sind ebenso Brüder oder Schwestern, wie biologische Brüder und Schwestern es sind. Und jeder, den man irgendwie kennt, ist ein Freund, es sei denn, er wird wie ich - auf grund seines Alters oder seiner gesellschaftlichen Stellung - gleich zum Vater befördert. "Weisst du", sagt Jules, "so ist das bei uns im Senegal. Wir sind wie eine grosse Familie. Wir haben alle grosse Herzen."

Am Nachmittag hilft Jules mir, ein Moskitonetz zu finden. Auf dem Weg zurück inbs Bege machen wir noch vor einem der Geschäfte mit traditionellen Afrikasachen halt. Jules plaudert mit einigen der Männer, die vor dem Laden auf einer Matte oder in den tiefen, aus zwei ineinandergesteckten dicken Brettern bestehenden Stühlen mehr hängen als sitzen. Wir lassen uns ebenfalls nieder und trinken Tee. Es seien Freunde aus Senegal. Hier sein Bruder x und hier sein Bruder y, nicht Brüder, aber eben doch Brüder! Freunde halt, wie er aus Senegal. Wir sitzen alle dicht beisammen. Es ist ein grosses Reden, meist in Wolof, manchmal in Französisch. Hie und da kommt jemand vorüber, bleibt stehen, macht einen Scherz oder setzt sich für ein paar Minuten zu uns. Nach einer Viertelstunde wird der Gaskocher geholt und es gibt Tee. Drei kleine Gläschen. Danach brechen wir auf.

Am Abend gehen Jules und ich in den Ausgang. Er will mir richtige Life-Musik vorführen. Er hat seine schönen Schuhe an, und ich habe mir ein richtiges Hemd übergezogen. Im "Sans-Soucies" warten wir lange auf die angekündigte Band. Ich höre teils amüsiert, teils berürht der Musik zu, mit der ein DJ unsere Wartezeit verkürzt, knabbere Nüsschen und trinke ein Kokakola, während Jules ein richtiges Bier geniesst. Wäre er Mauretanier und nicht Senegalese, so dürfte er dies nicht, denn auch Mauretanien ist ein gottesfürchtiges Land, an dem die Gebote des Korans ernst genommen werden und Alkohol nur an Ausländer verkauft werden darf. Schliesslich kommen die angekündigten Musiker und beginnen ihre Instrumente bereit zu machen. Als es los geht ist es sicher schon elf. Die Stimmung in der Sans-Soucies-Bar lässt etwas zu wünschen übrig. Vielleicht liegt das an dem Versuch des Ortes, vornehm zu sein. Vielleicht ist es einfach noch zu früh.

Jules sitzt neben mir und fragt immer wieder "ça te plaît, mon père? Ca te plaît?" Ich habe das Gefühl, dass er sich eigentlich ein wenig langweilt. Mir dagegen macht der leiccht schräge Abend viel Spass. Die Band ist nicht besonders gut, aber sie hauen jedenfalls richtig drauf und die sieben Zuhörer und Zuhörerinnen sind zufrieden. Rhythmisch geht's meist gerade aus. Rock und Reggae mit reichlich Tchembe übergossen. Hie und da ein harter Schlag auf die Tchembe, dessen Knall für einen Moment alles zum Stillstand bringt. Die Musik gefällt mir trotz ihrer einfachen Machart. Gegen drei brechen wir auf. Jules fragt noch immer alle paar Minuten, ob es gut war und ob es mir auch gefallen habe. "Weisst du, du bist mein Vater, und ich will, dass es dir gut geht."

Als ich Jules am nächsten Morgen beim Frühstück auf unserer grossen Terasse erzähle, dass ich in ein paar Tagen eventuell weiter in Richtung Senegal will, ist er sofort Feuer und Flamme. Er will mich dorthin begleiten und mir dort alles zeigen, weil ich doch sein Papa sei, und er mich nicht einfach so ziehen lassen könne. Auf meine etwas plumpe Frage, was seine Begleitung denn ungefähr kosten würde, reagiert er ausweichend, ja beinahe etwas gekränkt. Geld spiele in dieser Sache doch keine Rolle. Ich sei doch sein Papa ...Auch sonst betont er immer wieder, dass ich ihm vertrauen könne, und zahlreiche andere stimmen ihm zu: Doch, Jules ist gut. Dem kannst du vertrauen, sagen sie angefangenvon Tischam, dem sprachgewandten Taxifahrer, der alle fünf Kontinente der Erde besucht hat, bis hin zu dem Zivilpolizisten vor der Sans-Soucies-Bar, der mir stolz seine unter dem Hemd versteckte Pistole zeigt und von seinem Training in England erzählt. Doch so schnell löst sich mein Misstrauen nicht auf. Im Gegenteil. Das dauernde Reden von Vertrauen und Freundschaft machen mich eher skeptisch. Auch sonst fühle ich mich in meiner Umgebung noch nicht recht wohl. Es gibt zuviel, was mir fremd ist, und was ich nicht verstehe,, angefangen von den diversen Sprachen, die hier neben dem Französischen im Umlauf sind, bis hin zu der scheinbaren Strukturlosigkeit des ganzen Lebens.

Ich verbringe während der ersten zwei drei Tage ziemlich viel Zeit mit der "Bege-Familie" und versuche mir darüber klar zu werden, wer hier eigentlich zu wem gehört, und wer hier einfacher Besucher, wer zahlender Gast und wer Angestellter des Restaurants ist. Ich wüsste gern, ob es hier so etwas wie Arbeitszeiten gibt, und wen ich wann um was bitten kann. Doch ich bin offenbar endgültig nicht mehr in der Schweiz! Klare Strukturen, wie ich sie gewohnt bin, gibt es hier nicht; es scheint hier alles ineinander überzugehen - Arbeit und Freizeit, Freundschaftsdienst und Geschäft, spontane Hilfe und fest zugeteilte Aufgabe ... Ich muss mich einfach melden, wenn ich Hunger habe, egal, ob Mom gerade in ihrem Zimmer ist und Mittagspause macht oder ob ich allein mit dem schwermütigen Mustar auf dem Sofa sitze, und ich muss mich daran gewöhnen, dass das angekünddigte Essen manchmal in fünf Minuten und manchmal erst in einer Stunde fertig ist. ich muss mich daran gewöhnen, dass die Menschen um mich herum beim Essen alle schmatzen und dass man einfach vom Boden oder vom Tisch aufsteht und weggeht, wenn man fertig ist. Ich muss mich daran gewöhnen, dass die Menschen hier mit der Zunge Schnalzen, statt "hhmm" oder "cool" oder "ja, genau" zu sagen. ich muss mich an ihre manchmal sehr lauten Stimmen und ihre hektische Sprechweise und daran gewöhnen, dass sie mich bei der Begrüssung vier oder sechs mal fragen, ob es mir gut gehe, ohne dass ich darauf irgend etwas zu antworten brauche ... Kurz: die Welt, in die ich hier im Bege geraten bin, ist zwar interessant, aber es dauert, bis ich mich ein wenig in sie eingelebt habe.

Obwohl ich Jules ein paar mal gesagt habe, das ich mich wegen Senegal noch nicht entscheiden könne und wolle, da ich ja eben erst in Mauretanien angekommen sei, fragt er mich immer wieder, wann ich denn jetzt weiterfahren wolle. Dieses Drängen, aber auch die andauernde Fürsorge für seinen "Papa", dem er den Stuhl zurecht rückt und das Wasserglas auffüllt, wird mir zunehmend lästig. Ich schäme mich zwar etwas für mein unromantisches Misstrauen, doch habe ich das wachsende Gefühl, dass es Jules bei alle dem vor allem ums Geschäft geht.

Tatsächlich denke ich noch ein paar Tage ernsthaft an den Senegal, obschon ich nicht weiss, ob ich diese Reise wirklich mit Jules machen möchte. Doch am Montag Abend ist klar, dass ich länger als die ursprünglich gedachten vier fünf Tage in Nouakchott bleiben werde. Als ich Jules sage, dass ich vorläufig hier bleiben und später wahrscheinlich direkt nach Mali weiterfahren und den Senegal auslassen werde, war er zuerst enttäuscht und verärgert. Er habe doch seine Familie dort und kein Geld, und ich hätte doch gesagt, ich wolle hin! Jetzt solle ichh ihm wenigstens ein bisschen Geld geben, damit er nicht mit leeren Händen vor seine Frau treten müsse. 200 euro vielleicht, nur 200 Euro!

Ich kriege zuerst beinahe einen Tobsuchtsanfall, dann lache ich: "Jules, was denkst du dir eigentlich. Klar, du warst nett zu mir, hast mich in den letzten Tagen umsorgt, mich hier und dorthin gebracht und am Donnerstag abend haben wir in der Sans-Soucis-Bar schöne senegalesische Musik gehört, aber 200 Euro! Du hast ja nicht mehr alle Tassen im Schrank! Denkst wohl, das wächst bei uns in der Schweiz an den Bäumen!" - "Nein, ist ja egal, wenn du nicht geben willst! Dann eben nur 100 oder 150, ist doch egal! Du bist doch mein Papa, ich hab's doch aus Liebe getan. Nur 100 Euro!"

Schliesslich weint er, und ich tröste ihn. Als ich ihm zehntausend Uguya, rund 35 euro gebe, damit er zu seiner Familie reisen und ihr wenigstens ein bisschen etwas mitbringen kann, beruhigt er sich. Seither ist er zwar weiter freundlich mit mir, doch sein Interesse an meinem Wohlergehen ist sehr klein geworden. Ich fühle mich ein wenig verarscht, aber was soll's. Das ist Jules, ein Mann Ende dreissig ohne richtige Arbeit, der irgendwie versucht, durch's Leben zu kommen. Selber Schuld, wenn ich mich von ihm habe um den Finger wickeln lassen. Das nächste Mal fall ich vielleicht nicht mehr so leicht auf die Papa-Masche rein!

Mohamed der offizielle und die mauretanischen Blinden



Zwei Tage nachdem ich im Restaurant Bege eingezogen war traf ich mich mit dem Vorstand der 1996 gegründeten Association Nationale des Aveugles de Mauritanie. Mohamed Salem Ould Bouh, der Gründer und Präsident dieses noch jungen und kleinen Verbands hatte als einziger auf mein noch von Marokko aus an die Blindenverbände Senegals, Malis und Mauretaniens versandtes Mail mit der Bitte um Kontakt reagiert. Am Freitag rief ich ihn an, um ihm mitzuteilen, dass ich angekommen sei, und er lud mich sofort für den nächsten Mittag zu einem Treffen mit ihm und den übrigen Mitgliedern des Verbandsvorstands ein.

Das treffen war kurz. Es reichte aber immerhin, uns gegenseitig vorzustellen und ein paar wichtige Themen anzusprechen, bevor ein grosses Stühlerücken losging und plötzlich alle weg waren. Auch Mohamed Salem verabschiedete sich kurz, kam aber nach 5 Minuten wieder. Zuerst erzählt er ein wenig vom Kongress der Weltblindenunion in Genf im Jahr 2008, an dem er und die Prässidentin des Frauenkommittees des mauretanischen Blindenverbandes teilgenommen haben.Dann sprechen wir eine gute Stunde über das, was sein Verband tut und über zwei Projekte, mit denen er schon eine Weile lang schwanger geht.

Mohamed Salem erzählt mir, dass es in Mauretanien lediglich eine Blindenschule gibt. Sie befindet sich in Nouakchott und kann ungefähr 30 Kinder und Jugendliche aufnehmen. Sie teile ihr Gebäude mit der Taubstummenschule. In den Pausen und während der Mahlzeiten mischen sich die SchülerInnen beider Schulen. Der Unterricht ist getrennt, ein Arrangement, welches man während der ersten Jahrzehnte einer besonderen Blindenerziehung vor 150 und 200 Jahren übrigens auch in Westeuropa erprobt hat. Da dieses Angebot natürlich völlig unzureichend sei, denke er daran, in allen Bezirks- oder Distrikthauptstädten Mauretaniens eine besondere Klasse für blinde und sehbehinderte Kinder des 1. bis 3. Schuljahres einzuführen, in der sie die Blindenschrift und andere besondere Arbeitstechniken erlernen, sodass sie anschliessend in die 4. Klasse der Regelschule übertreten können. Man müsste mit einer Pilotklasse beginnen. Am Ende wären es 40 oder 50 solcher Klassen über's ganze Land verteilt. Ausserdem möchte er durch bewegliche "Caravannes brailles" die Bevölkerung im ganzen land auf die Probleme und Möglichkeiten blinder Menschen aufmerksam machen. Er möchte wissen, was ich als Experte dazu meine. Ich sage, das seien zwei interessante Projekte, die ich gerne noch weiter mit ihm besprechen würde. Er hofft, dass wir dazu noch ausgiebig Zeit haben, falls ich einige Tage bleiben würde. Dann lädt er mich zum Mittagessen ins Hotel Khaime ein, wo sie gewissermassen Stammgast seien.

Auf dem Weg hinaus zum Taxi tauchen die Vorstandsmitglieder von vorher plötzlich alle wieder auf. Ich drücke viele Hände, höre viele Namen, sage "oui" und "ça va, ça va". Ein oder zwei jüngere Mitglieder des Vorstandes wollen mich unbedingt noch einmal treffen. Ich sage ihnen, dass ich mich sehr freuen würde, und gebe ihnen die Telefonnummer von Jules, dessen Interesse an mir zu dem Zeitpunkt noch nicht erlahmt ist.

Das Mittagessen mit dem Präsidenten verläuft etwas steif. Wir sitzen an einem mit einem Wachstuch gedeckten Tisch mitten in einem grossen kahlen Raum. Wir scheinen die einzigen Gäste. Ein Kellner trägt uns auf und schneidet uns das Fleisch. Mohamed Salem sagt zufrieden: "Siewissen hier sehr gut, wie sie mit uns umgehen müssen". Als wir ins Hotel kamen, war mir aufgefallen, dass er ganz ähnliche Klickgeräusche wie der "Fledermausmann" Daniel Kish macht. Ich würde mit ihm eigentlich gerne über das Fleisch Schneiden und das Klicken, über Mobilität und Selbstständigkeit und das Leben blinder Menschen in der hiesigen Gesellschaft sprechen, doch scheint dies irgendwie zu intim. So reden wir denn bald noch einmal über die Möglichkeiten der "Caravannes Brailles" und über die mangelnden Bildungsmöglichkeiten für blinde Kinder. Da ich um drei Uhr eine andere Verabredung habe, trennen wir uns recht bald.

Mohamed Salem willl mich in den nächsten Tagen unbedingt noch einmal sehen, um die angesprochenen Ideen zu konkretisieren und dabei auch zu überlegen, ob und in wie fern ich bei ihrer Verwirklichung helfen könne. Aus dieser Konkretisierung wird dann allerdings nichts. Wir treffen unss in den folgenden zwei Wochen zwar noch öfter, doch ist Mohamed Salem ständig auf dem Sprung. Er hat viel mit der Vorbereitung eines Kongresses zu tun, der Anfang Januar in Casa Blanca über die Bühne gehen soll. Ich habe den Eindruck, dass er sichh eher aus Pflichtgefühl denn aus echtem persönlichem Interesse um mich kümmert. Doch vielleicht hat er wirklich keine Zeit und ist mit zu vielen andern Dingen beschäftigt. Als wir an meinem zweitletzten Abend in Nouakchott mit drei seiner Freunde eine halbe Stunde ausserhalb der Stadt in der Wüste sitzen und Kamelfleisch essen sagt er jedenfalls, dass er an der Fortsetzung unseres Gedankenaustauschs sehr interessiert sei, auch später, wenn ich wieder in der Schweiz sei.

Er hat dieses Picnick extra für mich organisiert, damit ich wenigstens noch einen kleinen Eindruck davon bekomme, wie Mauretanien ausserhalb der Hauptstadt aussieht. Wir fahren durch die Aussenbezirke Nouakchotts in Richtung Osten; der Verkehr ist dicht; hie und da halten wir; es wird irgend etwas gekauft und hinten im auto versteckt oder Mohamed verhandelt mit ein paar Menschen, die sich um unser Auto drängen. "Wir kaufen Kohle und Fleisch", sagte er mir, und fragt, ob ich schon einmal Kamelfleisch gegessen habe. Ein weiterer Mann steigt zu; "un ami de moi, qui est dans le militaire", sagt Mohamed Salem, einen Namen nennt er nicht und der Mann stellt sich nicht vor. Nach ungefähr dreissig Minuten wird der Verkehr flüssiger. Wir kommen langsam raus aus der Stadt; doch in der Wüste sind wirr noch nicht. Noch gibt es viele Häuser von Menschen, die es sich leisten können, etwas ausserhalb zu wohnen und täglich in die Stadt zur Arbeit zu fahren. Schliesslich verlassen wir die Strasse und fahren etwa 200 Meter weit hinein in die Wüste. Dann haben wir unser Ziel erreicht. Ich schau mir die Wüste ein wenig an, stosse auf einige Vegetation: Hohe Pflanzen mit grünem Stengel und grossen, eher dicklichen Blättern; hie und da zähe, magere Gräser und viel feiner Sand, an windexponierten Stellen eher hart und sanft gerippelt, an windabgewandten Orten dagegen erstaunlich weich. Ich kehre zu unserem Lager in der Nähe des Autos zurück. Mohamed und seine Freunde machen ihre Gebete. Ich höre das Rauschen ihrer Kleider, ein paar gemurmelte Sätze, manchmal so etwas wie ein Stönen und zwischendurch heftige Bewegungen gegen die Erde hin; mehr Murmeln und mehr Bewegungen und rauschende Kleider. In der Nähe die autostrasse mit allmählich abnehmendem Verkehr. Zwischendurch ist es fast ruhig.

Danach liegen Mohamed Salem und ich auf den mitgebrachten Teppichen und warten bis die anderen das Fleisch gegrillt haben. Mohamed erzählt mir, dass er bis 12 normal gesehen habe. Von dann an habe sich sein Sehvermögen dauernd verschlechtert. Seit er 20 sei, sehe er nichts mehr. Glaukom. Nein, schwierig sei das eigentlich nicht gewesen. Er habe wegen seiner Blindheit nie Komplexe gehabt. Als seine Sehprobleme anfingen habe er Braille gelernt und seine Schulzeit danach in der Blindenschule von Nouakchott absolviert. Anschliessend sei er Punktschriftlehrer geworden, und 1996 habe er den mauretanischen Blindenverband gegründet. Vorher habe es nichts in dieser Richtung gegeben. Heute vertritt Mohamed Salem seinen Verband in diversen internationalen Gremien, sodass er schon öfter an Kongressen in Ausland war. Es reiche aber nie wirklich, um ein Land ein wenig kennenzulernen. Dazu hätte er eigentlich schon Lust - Afrikanische Länder? Nein, die interessierten ihn weniger. Weshalb kann er nicht klar sagen. Wegen dem Essen, aber auch weil hier immer alle irgendwie in die eigene Tasche arbeiten und viel Unehrlichkeit herrsche. Er seufzt. Ich sage "cache cache", ein Wort, das mir seit einigen Tagen öfter begegnet. Er lacht und sagt ja. Es sind die Anfänge der Gespräche, die ich gerne mit ihm hätte -, vielleicht bei einem nächsten Besuch. Insha'Allah. Während wir um unsere Platte mit kamelfleisch sitzen und essen, unterhalten sich die vier Freunde wieder, wie fast den ganzen Abend, auf Hassani ... Ich bin etwas pikiert, denn hätten wir jetzt nicht Gelegenheit uns näher kennenzulernen? Weshalb geschieht es nicht? Hilflosigkeit, Schüchternheit, Desinteresse? War die Türe nicht eben einen Spalt breit offen?

Ja, vielleicht einen Spalt breit, aber nicht mehr. Auch ich bin vorsichtig; vorsichtiger als vor 12 Tagen bei unserer ersten Begegnung, denn ich habe seither begriffen, dass hier in Mauretanien einiges nicht stimmtt. Die Spitze des Eisberges ist die Diskussion über die Sklaverei; das eigentliche Problem ist die Herrschaft der Maures Blancs über alle dunkelhäutigeren Bevölkerungsgruppen des Landes.

Die Maures Blancs, die Sklaverei und Mustars Klage



Die Maures bilden etwa 70% der Bevölkerung Mauretaniens. Sie sprechen einen arabischen Dialekt namens Hassani oder Hassania. Etwa die Hälfte der Mauren sind sogenannte Maures Blancs, also "weisse Mauren". Die andern sind "Maures Noirs", "schwarze Mauren". Die Maures sind sprachlich und historisch eher am arabischen Kulturkreis orientiert. Die Maures Noirs sind die Nachkommen ehemaliger schwarzer SklavInnen, welche von den Maures Blancs über Jahrhunderte arabisiert wurden und sich selber heute als Mauren und nicht mehr als Nachfahren anderer Ethnien verstehen. Die Maures Blancs sind die herrschende Gruppe in Mauretanien. Sie halten seit der Unabhängigkeit alle politische Macht in Händen, sie besetzen alle wichtigen Stellen und in ihren Taschen (und auf schweizerischen und anderen diskreten Konten) ist das Geld, welches Mauretanien so sehr fehlt. Entgegen allen öffentlichen Verlautbarungen und trotz entsprechender Verbote betreibben sie zudem, so der immer wieder geäusserte Vorwurf internationaler und mauretanischer Menschenrechtsgruppen, weiterhin Sklaverei in grossem Stil. Die Organisation SOS Esclaves schätzt die Zahl der Sklaven und Sklavinnen in Mauretanien auf rund 600,000, das ist rund ein Fünftel der gesamten Bevölkerung des Landes. Dabei ist die Versklavung für Aussenstehende oft nicht leicht zu erkennen. Wer an Ketten und Peitschen denkt, der denkt verkehrt. Moderne Sklaverei sieht anders aus. In einem Artikel in der Woz vom 27. Januar 2005 beschreibt Beat Stauffer die drei hauptsächlichen Formen der in Mauretanien heute bestehenden Sklaverei, die «Esclavage domestique», die «Esclavage administratif» und die «Esclavage moderne». "Bei der ersten Form, die vor allem auf dem Land geläufig ist" so Stauffer, "handelt es sich um traditionelle Formen der Sklaverei. Der «Haussklave» muss für seinen Herrn alle anstrengenden und mühsamen Arbeiten verrichten und erhält dafür eine bescheidene Unterkunft und Verpflegung. Die meisten dieser «Haussklaven» sind Analphabeten und verfügen weder über Papiere noch über eigenen Besitz. - Die zweite Form («Esclavage administratif») scheint vor allem in den Städten und in der maurischen Oberschicht üblich zu sein. Der Herr organisiert seinem Sklaven eine einfache Stelle bei der staatlichen Verwaltung, lässt aber einen grossen Teil des Lohns auf sein eigenes Konto überweisen. - Auch bei der dritten Form der Sklaverei («Esclavage moderne») ist das Abhängigkeitsverhältnis von aussen kaum zu erkennen: Der Sklave arbeitet als Chauffeur, Mechaniker oder Fabrikarbeiter, bezieht aber nur einen geringen Lohn und ist de facto von seinem Herrn abhängig. Diese Sklaven verfügen über eigene Papiere und meist auch über eine bescheidene Schulbildung. Sie scheinen aber mental so konditioniert, dass sie sich kaum gegen ihre Versklavung auflehnen." Am Ende seines Artikels stellt Beat Stauffer fest: "Bei allen Formen der Sklaverei ist nach allen glaubwürdigen Informationen die maurische Oberschicht direkt involviert. Da sie auch die politische Macht in den Händen hält, erklärt dies das geringe Interesse des mauretanischen Staates, die Sklaverei wirkungsvoll zu bekämpfen."

All das habe ich während der letzten Tage Stück um Stück begriffen, doch erst am Mittag vor unserem Wüstenpicknick ist die Botschaft wirklich bei mir angekommen. Schuld ist Mustar, ein stilles Mitglied der "Bege-Familie", seit Jahren arbeitslos und meist tief traurig, traurig wegen der in seinem Land herrschenden Ungerechtigkeit und der skrupellosen Machtpolitik der Maures Blancs. Mustars Klage geht mir nicht aus dem Sinn während ichmit Mohamed Salem und seinen Freundenplaudere, denn zumindest Mohamed ist ein Maure Blanc, "natürlich" sagte jemand, als ich vor einigen Tagen danach fragte. "Natürlich, er ist ja der Präsident der Assoziation". Und seine Freunde. ich weiss es zu dem Zeitpunkt nicht, aber ich weiss, dass Maures Blancs sich meist mit andern Maures Blancs zusammentun.

Mustar hatte mich am Mittag gefragt, ob ich etwas von den Demonstrationen vor einigen Tagen gehört habe. Ah, nein! Nun, eine hiesige organisation habe eine Studie über die aktuelle Situation der mauretanischen Sklaven und Sklavinnen gemacht und wollte mit einer Demonstration auf die Ergebnisse aufmerksam machen. Dabei sei es zu Gewalttätigkeiten zwischen einigen Demonstranten und der Polizei gekommen, und man habe sechs Menschen verhaftet. Diese kämen jetzt dann vor Gericht. Es sei immer dasselbe, Demonstrationen, Appelle und Polizeigewalt. O nein, es gäbe sie nach wie vor, die Sklaverei! Die weissen Mauren würden es natürlich nicht zugeben, sie würden alles schön reden. Sie hätten sogar ein oder zwei schwarze Mauren zu Ministern gemacht, sodass sie jetzt immer sagen können: Die schwarzen Mauren - versklavt? unterprivilegiert? Schaut doch die beiden Minister oder den Vicepräsidenten dieser und dieser Gesellschaft! Und diese korrumpierten Maures Noirs würden natürlich ebenfalls sagen, dass es in Mauretanien keine Sklaverei mehr gäbe! O, sie sind schlecht, die weissen Mauren, sie sind sehr schlecht. sie kontrollieren das ganze Land. Sie besetzen alle wichtigen Posten. O ja! Wenn du dich umschaust, dann wirst du es bald sehen: Alle wichtigen Stellen sind von weissen Mauren besetzt, und sie haben alle ihre Sklaven! - Aber weisst du, das schlimme ist: viele dieser Sklaven und Sklavinnen haben nicht das Gefühl, dass sie versklavt seien. Sie kennen nichts anderes! Sie können nicht lesen und schreiben und haben keine Ahnung von ihren Rechten. Vielleicht haben schon ihre Eltern und Grosseltern in dieser Familie gedient. Für sie ist es normal, dass sie für ihren Herrn arbeiten ohne dafür bezahlt zu werden. Sie bekommen zu essen und haben einen Platz zum schlafen. hier in Mauretanien, wo die Armut so gross ist, ist das schon viel. Die Mehrheit der SklavInnen will deshalb auch nicht, dass man sie von ihren Herren trennt. Aber es geht natürlich nicht so, denn sie werden ausgebeutet! Ihre Herren haben oft sehr sehr viel Geld, und sie geben ihren sklavInnen nichts! Höchstens einmal 5 euro oder so! Sie schicken sie auch nicht zur Schule und helfen ihnen auch sonst nicht, unabhängig zu werden. Weshalb sollten sie. Für sie ist das System sehr bequem! O nein, Martin, sie sind schlecht, diese Maures Blaancs! Sie nehmen uns alles und wollen nicht, dass wir uns entwickeln! Nein, wir andern, die Wolofs und die Pular und die anderen schwarzzen Schwarzen sind von der Sklaverei nicht betroffen; wir stehen da irgendwie ausserhalb. Aber wenn du kein weisser Maure bist, hast du in Mauretanien keine Chance, irgendwie weiter zu kommen. Wenn du ein Geschäft auftust, und es läuft gut, werden sie es dir unter irgend einem Vorwand wegnehmen, und wenn du dich für eine staatliche Stelle bewirbst, wird ein weisser Maure sie bekommen, auch wenn seine Zeugnisse hundert mal schlechter sind! Ja, natürlich, die Stelle ist öffentlich ausgeschrieben, aber die Bewerbung ist ein Theater. Und wenn du vor Gericht gehst, dann ist der Richter ein Maure Blanc, und er wird dich verurteilen, nicht den weissen Mauren! Aber natürlich wird alles verschwiegen, alles unter den Tisch gewischt. O ja, viele dächten wie er, sehr viele! Ja, die Lage sei explosiv! Deshalb liessen die Maures Blancs in den schwarzen Quartieren der Stadt abends nach zehn auch in jedr Strasse Militär patrulieren, Militär oder Polizei, ich weiss nicht mehr, was Mustar gesagt hat. Zum Schutz der Bevölkerung heisst es offiziell, aber sie haben Angst vor Aufständen.Ja, es sei eigentlich wie früher in Südafrika, nur dass man es hier bestreite und dort habe man sich offiziell zu dieser Art der Diskriminierung bekannt. Natürlich gäbe es schwarze Quartiere und Quartiere für die Maures Blancs, sagt Mustar, und nennt mir einige Namen. Da wo er wohne seien nur schwarze und ein paar Maures Noirs. Ein Maure Blanc würde sich da nie hingetrauen, ja, aus Angst, weil wir ihn umbringen würden! "O, ils sont mauvais, si mauvais!"

Als wir in die Stadt zurückfahren denke ich dauernd daran, ob ich Mohamed Salem fragen soll, was er zum Thema der Sklaverei sagt. Ihn zu fragen ist unangenehm, aber ihn nicht zu fragen scheint mir auch nicht richtig, denn wenn wir wirklich weiter miteinander zu tun haben sollten, dann müssen wir uns auch über diese Dinge unterhalten können. Als wir bereits wieder in der Stadt und nur noch zu dritt im Auto sind frage ich deshalb, wie das eigentlich mit der Sklaverei sei. Mohamed Salem und sein Freund erklären mir bereitwillig, dass es in Mauretanien früher tatsächlich Sklaverei gegeben habe, dass dies aber heute nicht mehr der fall sei. Die Sklaverei sei auch gesetzlich verboten, aber es gäbe natürlich nach wie vor viele schwarze Mauren, die aus Tradition und aus Mangel an Alternativen mit den Familien von weissen Mauren lebten, doch sie täten es freiwillig. Dort bekämen sie zu essen und einen Platz zu schlafen, und oft würden sie auch sonst unterstützt. Sie bekämen Geld, nicht viel, das stimme, doch in einem armen Land wie Mauretanien seien viele menschen froh, wenn sie genug zu essen und ein Dach über dem Kopf hätten. Natürlich zwinge man sie nicht zu bleiben. Einige würden ihre Herren nach einer Weile auch verlassen und versuchen, sich sonst irgendwie durchs Leben zu schlagen. Aber viele seien mit diesem System zufrieden, nicht weil es gut sei, sondern weil es ihnen in einem Land, wo dies alles andere als selbstverständlich sei, zur Zeit noch ein relativ sicheres Leben ermögliche. Und, nun, bei den Demonstrationen kürzlich habe man nachgefragt und festgestellt, dass der eine Fall, den man da so an die grosse Glocke gehängt habe, nichts mit Sklaverei zu tun hatte: Die Eltern des angeblich versklavten Mädchens hätten selbst gesagt, dass sie einverstanden gewesen seien, dass ihre Tochter bis auf weiteres bei der betreffenden Familie lebe. das Problem sei die Gewalt der Demonstranten gegen die Polizei. Das gehe natürlich nicht, und diese Frage werde jetzt vor Gericht behandelt. Und dann, zum Schluss, kommt etwas für mich völlig überraschendes: "Weisst du, Martin", sagt Mohamed Salem, "hier ist leider alles Geschäft, auch die Diskussion über die Sklaverei. Es gibt eine ganze Reihe von humanitären Organisationen in Mauretanien, die davon leben, aus den Überresten einer längst überwundenen Tradition eine grosse Sache zu machen, denn natürlich können sie für so etwas in Europa Geld locker machen. Dabei geht es bloss um ein Phänomen, das sich in allen armen und wenig entwickelten Ökonomien der Welt findet." Auf meine Frage, ob man dies denn beispielsweise nicht auch von den Organisationen sagen könne, die sich für eine Verbesserung der Stellung der Frau einsetzen, sagen beide gemeinsam, "nein, diese Organissationen greifen ein wirkliches Problem auf und haben sehr viel Gutes getan - zum Beispiel im Kampf gegen die Genitalverstümmelung. Das seien reale Probleme und wichtige Themen. Aber an der Sache mit der Sklaverei sei in Wirklichkeit einfach nichts dran."

Ich sitze hinten im Auto und sage, "O oui." Tatsächlich gab es ja auch in Westeuropa vor 50 und 150 Jahrren zahlreiche Knechte und Mägde, Verdingbuben, Haus- und Stubenmädchen, die man aus heutiger Sicht genauso gut als SklavInnen bezeichnen könnte. Sie hatten, wie die mauretanischen SklavInnen keine Fesseln an den Füssen, und sie konnten sich eine neue Stelle suchen, wenn sie die Kraft dazu hatten und jung genug waren. Auch sie hattn auf dem Papier einige Rechte, die sie selten kannten, und die man ihnen noch seltener zusprach. Auch sie konnten mit ihrer Herrschaft Glück haben und human behandelt werden. Aber sie hatten weder das Recht auf anständige Ernährung und Bekleidung, noch das Recht auf eine geregelte Arbeitszeit oder eine Vergütung im Fall von Arbeitsunfähigkeit. Wenn sie Glück hatten, pflegte man sie, wenn sie krank und alt waren. Wenn sie Pech hatten wurden sie unter irgend einem Vorwand auf die Strasse gestellt ... Es war eben so, und kaum jemand der wohlhabenden Bauern und Kaufleute hatte das Gefühl, dass an diesem System etwas verkehrt sei, solange man mit den Untergebenen nicht allzu hart und herzlos verfuhr. Und auch die Knechte und Mägde selbst empörten sich in der Regel nur dann , wenn ihre Herrschaft sich offenbar ungerecht oder grausam gegen sie betrug, denn für sie war es normal, auf einem Sack Heu zu schlafen und nur einmal im Jahr einen Silbertaler und ein neues Gewand zu erhalten, auch wenn die Madame zwischen linnenen Bettlaken schlief und jeden Tag einen Silbertalervergänkelte und siebenundsiebzig Blusen undSeidenkleider in den Schränken und Truhen liegen hatte.

Ich bin empört. ich bin mehr auf Mustar's Seite. Hatte die ganze zeit in Nouakchott auch mehr mit Menschen wie ihm zu tun. Aber haben Menschen wie Mohamed Salem und seine Leute, die ungeliebten Maures Blancs, nicht auch das Gefühl, im Grunde für alle nur das Beste zu wollen? - Es tickt in mir, denn bin ich nicht ein Maure Blanc genau wie sie, ein Privilegierter dieser Erde, der seine Privilegien nicht aufgeben will, und ist mein Verständnis für sie letztlich nicht der Versuch, mich selbst vor dieser unangenehmen Wahrheit zu schützen und mich meiner Verantwortung zu èntziehen? - "Ils prennent tous, tous, tous, les Maures Blancs! Ils prenent tous et ils ne donnent rien ...". Die Stimme des mageren Schwerenöters Mustar, der seit fünf Jahren keine rechte Arbeit mehr hat, hallt in mir nach. Dann höre ich wieder die vernünftige Erklärung der anderen: Durchgangsphase jeder sich entwickelnden Ökonomie ... Humanitäre Aufregung als Geschäft ... Wann wird Verständnis zum Verrat und zum Deckmantel für die eigene Feigheit?

Ich frage mich, was die Diskussion um die Sklaverei soll? Ist sie im runde nicht ein Ablenkungsmanöver? Die weissen Mauren verwahren sich gegen die zynischen Menschenrechtskämpfer, denen es selbst bei einem solchen Thema nur um's Geschäft gehe. Dabei profitieren sie von dieser Diskussion genauso, wie die bürgerlichen Parteien zu allen zeiten von den Grabenkämpfen und Wortklaubereien der Linken profitiert haben? Denn solange man darüber streitet, ob man in Mauretanien heutzutage mit Recht von Sklaverei sprechen kann oder nicht, solange kommt die Frage danach, wer die Macht in diesem Staat hat und wie diese Macht gesichert wird nicht auf den Tisch, und wenn sie auf den Tisch kommt, so reicht das provokative Wort "Sklaverei", um die Diskussion erneut von der Frage wegzuführen, weshalb es hier in Mauretanien wie überall auf der Welt so viele menschen gibt, die im völligen Elend leben, während eine kleine Oberschicht sich ihre Taschen mit dem Geld dieser Vielen vollstopft und von diesen Vielen dazu noch verehrt und bewundert wird.

Auch ich habe diese Frage an dem Abend nicht gestellt, sondern bin im Vorhof zu dieser Diskussion stehen geblieben, hab zugehört und mich dann herzlich für den interessanten Abend bedankt. Wäre es hierzulande noch üblich, so hätte ich Bücklinge gemacht ... Wann wird Verständnis zum Verrat, und wann wird Schweigen zum Unrecht? Wann Nicht-Handeln zur Mittäterschaft? Und wann wird man mich als Maure Blanc zur Rechenschaft ziehen?

©Martin Näf 2011

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