Brief, Indien, Januar 2006

Meine Schreibunlust ist mir etwas peinlich. Während meiner letzten Reise konnte ich von der Schreiberei ja nicht genug kriegen, und jetzt ist des Sängers Mund zu und verschlossen. Und doch muss der Sänger singen, denn er hat’s versprochen, und die Gäste sitzen da und scharren mit den Füssen. So nimm denn die Gitarre und fang an ... Sing uns von der Fremde! Erzähl von deinen Reisen, erzähl von andern Menschen mit ihrem andern Leben, ihren andern Sorgen, ihren andern Freuden. Erheit’re uns und singe! Erzähl vom bunten Treiben auf der Strasse, von Palästen und von heil’gen Kühen, von Autorikshas, alten Sadus, Märkten, Eisenbahnen, von Bettlern und von Bettlerinnen, vom Meer und von der Sonne ... egal was, doch erzähle! Du hast dir selbst ein Publikum geschaffen, das sitzt nun da und wartet! Also los. Erzähl von Pushkar, dem kleinen Ort am heiligen See, wo Brama, der grosse Schöpfergott der Inder am Anbeginn der Zeiten eine Lotusblüte zur Erde fallen liess! Erzähl von eurem Ausflug in die Wüste Rajastans! Erzähl vom Grunzen der Kamele, wenn der Treiber will, dass sie sich niederlegen, und sie wollen nicht und brüllen. Erzähl vom gräulichen Gehupe in den engen Gässchen des heimeligen Diu, wo ihr euch ausgeruht, erzähl vom Ozean und von den Muscheln, die ihr dort gesammelt! Erzähl von nächtlichen Gesprächen über Gott und Götter, über Politik und Lebensmut, die du mit Vicky führtest, erzähl von Agra und davon, wie es war, dich nicht für den Taj Mahal zu interessieren, erzähl von alten Mauerresten, von Touristenbravheit und Touristenstarrsinn, erzähl davon, wie Indien dich empfing und wie du dich von Anfang an zuhause fühltest ... doch Mensch, vor allem, mach den Mund auf und erzähle! Die Karten sind bezahlt, der Saal ist voll, du kannst jetzt nicht so einfach sagen: „Keine Lust“. Wo kämen wir da hin ...

Even the Gods of Pushkar are helpless with Martins email troubles


Der Sänger hört die innern Stimmen. Er fühlt den Druck. Er ist ein Mensch und weiss, was man von ihm erwartet. Doch sein Mund ...? Er macht ihn langsam auf ... der Kiefer knirscht und dann ... blubb ist er wieder zu. Er will nicht singen, kann nicht. Nichts zu machen. Die Vorstellung ist aus! Das Publikum verlässt den Saal. Hie und da hört man geschimpfe, manche lachen und sind gedanklich schon weit weg. Doch in der Luft für alle bleibt die Frage: Was ist wohl mit dem Sänger? Was hindert ihn am singen?



Tja. Was ist wohl mit dem Sänger? Ich habe euch bisher vor allem deshalb nicht geschrieben, weil ich diesmal für Indien so gut wie kein Interesse aufgebracht habe. Ich war zwar wirklich dort und habe auch dies und das erlebt: Ich habe Vicky, wie vereinbart, einen Tag nach meiner Ankunft in Delhi getoffen, wir haben in Delhis Vororten Verwandtenbesuche gemacht, haben uns auf den Kleidermärkten der Stadt herumgetrieben, waren in Agra, in Jaipur, Pushkar und im „People’s Institute for Rethinking Education and Rethinking Development“ in Udaipur im Süden Rajastans. Zum Schluss waren wir noch zehn Tage am Meer, in einem echt gemütlichen Hotel 10 km ausserhalb des kleinen Diu im Süden des Staates Gujarat. Äusserlich war also alles okay – nix krank, nix Diebstahl, nix andere Probleme. Aber innerlich war ich an der ganzen Reiserei und all den exotischen Dingen, die man auf einer solchen Reise erleben könnte, offenbar nicht interessiert. Ich hab es zwar versucht, habe mit mir geschimpft und mich gepuscht, ein wenig Neugier an den Tag zu legen. Doch es war nichts zu machen. Ich fand die Sonne zu heiss, das Essen zu fad, die Städte zu laut, die Tempel zu schmutzig und die überall stattfindenden Hochzeiten schlicht überflüssig. – Wie gesagt, ich habe versucht, mich aufzuraffen und Indien zu geniessen, doch das Resultat blieb mager. Meine Stimmung verbesserte sich erst, als ich mit meiner Apathie und meinem penetranten Desinteresse Frieden geschlossen und aufgehört hatte, von mir Begeisterung und Neugier zu erwarten.

Celebrating the wedding in the streets of Pushkar

Die Heftigkeit meines Desinteresses hat mich zwar erstaunt, aber so ganz überraschend war mir die Sache nicht. Ich hatte nämlich schon im September, als ich mich zu der Reise entshcloss, das Gefühl, dass ich diesmal eigentlich nicht wegen Indien, sondrn wegen Vicky fahre. Seit ich im März aus Indien zurück gekommen war, war die Beziehung zu diesem jungen Inder, den ich Anfang Jahr in Bodh Gaya kennen gelernt habe, nicht eingeschlafen. Im Gegenteil. Im Verlauf des Sommers war mein Gefühl, mit diesem Menschen wirklich etwas zu tun zu haben, ständig gewachsen. Zugleich entstanden im Verlauf unserer ziemlich regelmässigen und spannenden Telefonate jedoch auch immer mehr Fragen, die sich, so mein Eindruck, nicht von meinem Sofa an der Ramsteinerstrasse aus lösen oder weiter bringen liessen. Deshalb entschied ich mich schliesslich im Verlauf des Septembers, noch einmal nach Indien zu fahren.

Der Knackpunkt war und ist Vickys Zukunft: Als wir uns kennen gelernt hatten, hatte er mir oft davon erzählt, dass er etwas aus seinem Leben machen und aus dem Kreislauf der Armut, in dem er und seine Familie zusammen mit Millionen anderer Inder gefangen ist, ausbrechen wolle. Ich habe ihm damals versprochen, ihm bei diesem Versuch finanziell zu helfen, doch war die Sache seither nicht vom Fleck gekommen. Wir hatten zwar diverse Ideen, doch keine schien wirklich zu stimmen. Statt uns also weiter im Kreis zu drehen wollte ich hinfahren, um Vicky wieder zu sehen und mit ihm noch einmal gründlich über die verschiedenen Projekte sprechen zu können.

Vicky and Martin on top of Fort Nargarh


Der Aufwand mag gross erscheinen, aber ich glaube er hat sich gelohnt! Ich habe das sichere Gefühl, dass wir in der Sache einen wichtigen Schritt vorangekommen sind, und ich habe die Zeit mit Vicky sehr genossen. Doch schon vor meiner Abreise nach Indien spürte ich immer wieder, dass ich in nächster Zeit im Grunde vor allem einen ruhigen Ort brauche, an dem ich mich einem Buchprojekt widmen kann, das mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. Ich dachte zwar, dass sich das Reisen vielleicht mit dem Schreiben kombinieren liesse, doch schon eine Woche nach meiner Ankunft in Indien war klar, dass das nicht gehen würde, denn 1. war ich nicht alleine unterwegs, 2. ist es nicht ganz leicht, in Indien einen wirklich ruhigen, bequemen Ort zum Schreiben zu finden und 3. ... naja, ich fahre ja nicht nach Indien, um Indien dann sozusagen andauernd vor die Türe zu sperren. Das wäre ungefähr so, wie wenn ihr ein paar alte Freunde besucht, nur um ihnen dauernd zu sagen, dass ihr eigentlich keine Lust habt, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Martin mit Koffer

Anfang Dezember beschlossen Vicky und ich deshalb, unsere Reisepläne nicht weiter in die Länge zu ziehen, sondern nach Delhi zurückzukehren. Zugleich mit dem Entschluss kam auch Bewegung in die Debatte über seine Zukunft. Am 10. Dezember waren wir in Delhi, wo wir noch einmal drei friedliche und gute Tage erlebt haben. Vom 14. bis zum 18. Dezember war ich bei Tso und Miwako in Japan, dem Ersatz für den ursprünglich geplanten Aufenthalt in Malaysia. Inzwischen bin ich bereits mehr als zwei Wochen in Kalifornien. Ich bin bei Amie, mit der ich vor einem Jahr in Indien war. Sie arbeitet viel, und ich habe genau die Ruhe zum schreiben, die ich eigentlich gesucht habe. Vicky ist wieder bei seiner Familie in Bodh Gaya und freut sich auf sein neues Leben.




Was dieses Leben angeht, so wurde mir im Verlauf unserer Reise immer klarer, dass meine westlichen und gut bürgerlichen Konzepte einer „Ausbildung“ für ihn nicht taugen: Zwei drei Jahre in irgend einer Schule weg von zu Hause dies oder das zu lernen, um dann heimzukommen, eine „gute Stelle“ anzutreten und danach damit zu beginnen, die Situation seiner Familie und seine eigene Situation zu verbessern ist eine Vorstellung, die nicht in seine Welt passt. Er hat zwar seit einem Jahr ebenfalls in dieser Richtung gesucht, denn auch ihm schien dieser Weg irgendwie logisch, doch hat er keine der von ihm und mir entwickelten Ideen wirklich weiterverfolgt. Es war, als ob der Kopf „ja“ und das Herz „nein“ gesagt hätte. Gleichzeitig hat er immer wieder davon gesprochen, ein eigenes Geschäft auftun zu wollen. Inzwischen habe ich begriffen, dass dies sein Weg ins Erwachsenenleben ist. Wenn er irgendwo als Junge-für-Alles oder als Hilfskellner arbeiten würde, würde er vielleicht zwei Franken, vielleicht auch weniger pro Tag verdienen. Das ist zu wenig, um wirklich entscheidend helfen zu können. Der bycicle repair shop seines Grossvaters, die bisherige Haupteinnahmequelle der Familie ist dringend renovationsbedürftig. Dazu gibt es eine Reihe kleinerer Kinder, die zur Schule müssen. Auch das bedeutet Zusatzausgaben. Und schliesslich kann jederzeit wieder ein Arztbesuch oder eine andere ins Geld gehende Sache anfallen. All diese Dinge lassen sich ohne zusätzliche Einnahmen nicht finanzieren. Deshalb also der dauernde Gedanke an ein eigenes, in der Familie verankertes und von dieser mit betriebenes Geschäft und zwar jetzt und nicht erst, wenn der bycicle repair shop ganz zusammengefallen und Vikram den Anschluss an die Schule völlig verloren hat ... Nicht das abstrakte Lernen und irgend eine Zukunft stehen hier also im Mittelpunkt, sondern eine konkrete Situation und der Wunsch, etwas zu tun. Das Lernen ergibt sich dabei von allein, als Nebenprodukt sozusagen, denn lernen tun wir immer, wenn wir etwas tun!



Nun, wie gesagt, es hat etwas gedauert, bis ich die Sache ganz begriffen habe, doch während unserer letzten Tage in Diu ist der Groschen langsam hinabgerutscht ins Denk- und Fühlgehäuse und wir haben einen entsprechenden Plan geschmidet. Eine Chance, etwas für sich und seine Familie zu tun. Ich drücke ihm die Daumen! – Die ganze, zum Teil zähe Auseinandersetzung, die sich über elf Monate hingezogen hat, war und ist übrigens auch für mich als „Erziehungswissenschaftler“ höchst lehrreich und spannend. Denn die Frage, ob wir manchmal nicht einfach damit anfangen sollten, ein Projekt in Angriff zu nehmen, anstatt uns (häufig auf ineffizient abstrakte Weise) in irgendeiner vom Leben isolierten Schule auf vage Möglichkeiten vorzubereiten, ist eine Frage, die wir uns auch in unserem schul- und diplomgläubigen Westen öfter stellen sollten! Wie sehr wir dabei umdenken müss(t)en, habe ich in den letzten Wochen am eigenen Leib erlebt. Huk, ich habe gesprochen!



Damit ihr Lieben lebt wohl. Weitere Rundbriefe wird es vermutlich nicht geben. Zwar liesse sich noch vieles über meine USA-Eindrücke schreiben; Schon jetzt habe ich das Gefühl, dass das Land nicht nur im Regen, sondern auch in allerlei anderen Krisen zu versinken droht! Auch mein kurzer Besuch in Japan (dem Ersatz für Malaysia) wäre einen Rundbrief wert. Und natürlich könnte ich euch noch stundenlang von all den mit Vicky verbundenen Stories und Überlegungen erzählen. Er ist wirklich ein süsser Kerl, und wir hatten auch diesmal wiedr viele höchst spannende und lebendige Gespräche über seine und meine Weltsicht, über die Macht von Geistern und den Sinn des Lebens ... Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr andere Dinge erwartet: Eben einen Reisebericht und nicht einen Bericht über das interkulturelle Kuddelmuddel in meinem Kopf und meinem Herzen; auch keine politischen Analysen der USA und keine tiefschürfenden Abhandlungen zum Thema reich und arm oder zum Verhältnis von Geiz und Grosszügigkeit oder zur Frage der Rückständigkeit der sogenannt Rückständigen und dem Fortschritt der sogenannt Fortgeschrittenen. Diese Dinge sind zwar alles andere als langweilig, doch wie gesagt: ich habe das Gefühl, ihr habt eine andere Art von Rundbrief abonniert. Zudem habe ich während der letzten Wochen gemerkt, dass ich selber im Augenblick im Grunde ohnehin gar keine Zeit und Ruhe habe, um wirklich mitLiebe und Lust über alles erlebte zu schreiben. Schade? Ja, vielleicht, aber es kochen zu viele andere Suppen auf meinem Herd!



Ich werde noch bis Ende Januar, evtl. sogar länger hier bei Amie in Davis sein und kräftig in meinen Schreibtöpfen rühren. Dann beginnt meine Reise quer durch die USA, die mich über zwei drei Zwischenstationen nach New York und schliesslich nach Boston führen wird. Ich will einige alte Freunde und vielleicht auch ein paar interessante Projekte und pädagogische Berühmtheiten besuchen. Irgendwann im März bin ich – so die Götter es erlauben und nichts unvorhergesehenes dazwischen kommt - wieder zurück in good old Switzerland!



Damit ihr Leute:

Schluss für heute

und Schluss für eine Weile.

Es naht die letzte Zeile.



Ich weiss, ich bin ein schlechter Kanton. Aber ihr findet sicher eine andere Lektüre, um die Leere auszufüllen, denn manchmal kommt es eben anders, als man denkt, und zur Not könnt ihr euch ja noch immer mit den Briefen der letzten Reise trösten!



Ganz herzliche Grüsse Euch allen und ein gutes Jahr 2006!



Bis bald,



Martin







© 2006, Martin Näf

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