A large brain, like large government, may not be able to do simple things in a simple way. - Donald O. Hebb

Poor, black or hispanic - Segregation wie vor 50 Jahren

Ungleiche Bildungschancen, segregierte Schulen, rassische Diskriminierung, Analphabetismus, Obdachlosigkeit sind und waren die Themen, mit denen sich Jonathan Kozol seit den 1960erjahren befasst. Im deutschen Sprachraum nie sehr bekannt geworden gehört er in den USA zu den prominentesten Kritikern einer Gesellschaft, welche sich nur allzu gern um die Auseinandersetzung mit ihren Schattenseiten drückt.



Jonathan Kozol gehört zu den bekanntesten und engagiertesten Kritikern des us-amerikanischen Schulsystems. 1936 in Boston, Massachusetts geboren studierte Kozol, der ursprünglich Arzt werden wollte, an der Harvard University und in Oxsford englische Literatur. Anschliessend lebte er für einige Zeit in Paris, wo er sich als Schriftsteller versuchte. In die USA zurückgekehrt begann er sich in der Bürgerrechtsbewegung zu engagieren. Mitte der 1960er Jahre zog er von Harvard Square nach Roxbury, eine vorwiegend schwarze Gegend von Boston. Er arbeitete dort als Lehrer in einer vierten Klasse bis man ihn entliess, weil er seiner Klasse Gedichte von Langston Hughes vorgelesen hatte. 1967 berichtete er in "Death at an Early Age - The Destruction of the Hearts and Minds of Negro Children in the Boston Public School" über diese Erfahrungen. Das Buch, welches 1968 mit dem "National Book Award in Science, Philosophy, and Religion" ausgezeichnet wurde, ist das erste von vielen Büchern, in denen Kozol die rassische und soziale Ungleichheit in den USA anprangert und über die Lebenssituation derer schreibt, welche auf der falschen Seite der Gesellschaft geboren wurden.

Während der 1970erjhare befasste Kozol sich u.a. mit der amerikanischen Freeschool-Bewegung. 1985 erschien "Illiterate America", in dem Kozol die alltäglichen Probleme der von offiziellen Stellen meist verschwiegenen rund 60 Mio. erwachsenen AnalphabetInnen in den USA schilderte und für eine verstärkte Förderung von Alphabetisierungsprogrammen plädierte. In "Rachel and her Children" (1988) thematisierte er das Leben der Obdachlosen, die das amerikanische Strassenbild damals immer mehr zu prägen begannen. IN "Amazing Grace" (1995) und "Ordinary Resurrections" (2000) geht es um den Alltag einiger Kinder und Erwachsener in den South Bronx, dem ärmsten distrikt der USA, welche Kozol im Verlauf seiner dortigen Aufenthalte und Recherchen kennengelernt hatte. Dabei schreibt er nicht nur von Armut, Gewalt, Drogen, überforderten Vätern und Müttern oder versagenden Verwaltungen, sondern auch von Hoffnungen und Lebensmut, Klugheit und Widerstandsgeist.

In "The Shame of the Nation (2005)" seinem bisher letzten Buch, wandte Jonathan Kozol sich noch einmal dem Thema der ungleichen Bildungschancen zu, über welches er bereits in "Savage Inequalities" (1991) und bei zahlreichen anderen Gelegenheiten geschrieben hatte. Aufgrund seiner Besuche in dutzenden von Schulen in allen Teilen der USA kommt Kozol dabei zum ernüchternden Schluss, dass man, nach einer Zeit grösserer rassischer Durchmischung, in der Frage der Desegregation und der Chancengleichheit in den USA heute wieder genau dort angekommen sei, wo man vor 40 oder 50 Jahren begonnen habe. Kozol spricht denn auch von der Restauration der Apartheit, einem Skandal, der nur noch durch die Art und Weise übertroffen werde, wie dieser Zustand von den Fachleuten und den Medien schöngeredet oder ganz einfach ignoriert werde.

Kozols Bücher beschäftigen sich auf den ersten Blick mit "typisch amerikanischen" Phänomenen. Bei genauerem Hinsehen stellen wir jedoch fest, dass diese "Phänomene" sich längst auch in den reichen Ländern Europas beobachten lassen: Auch hier gibt es Analphabetismus, Obdachlosigkeit, Armut und Chancenungleichheit, und auch wir neigen dazu, diese Dinge zu bagatellisieren oder schön zu reden, und die KritikerInnen dieser Zustände mit ein paar leeren Floskeln abzuspeisen anstatt uns ernsthaft auf das einzulassen, wovon sie sprechen und schreiben.




1985 sprach Kozol In einem ca. 30minütigen Interview mit Don Swain über das Problem des Analphabetismus in den USA und über seine Doppelexistenz als Bürgerrechtler und Literat.


In einem ca. anderthalbstündigen Vortrag vom Oktober 2005 und in einem ca. 30minütigen Interview mit Radio Counterspin vom Sommer 2006 spricht Kozol von dem, was er während der Vorbereitung von "the Shame of the Nation" in den Schulen der amerikanischen Grosstädte erlebt und gesehen hat.

KritikerInnen werfen Kozol vor, nie über das Stadium von Klage und Anklage hinaus gekommen zu sein. Sie vermissen differenzierte Analysen über die Ursachen der von Kozol diskutierten Missstände ebenso wie konkrete Vorschläge zu ihrer Überwindung. Im übrigen sei Kozol, so Sandra Stotsky in einer Kritik in EdNews.org im März 2006 ein verwirrter Denker, wenn er die öffentliche Schule als Gefängnis und Häuser der Lüge bezeichnet und sich gleichzeitig mit solcher Vehemenz dafüreinsetzt, dass die Qualität und der Zugang zu dieser Schule für die sozial benachteiligten Schichten der USA verbessert werde. Die Kritik fordert zu einer genaueren Auseinandersetzung auf und bietet zugleich einen ersten Einstieg dafür.

© Martin Näf 2006

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