Chefchaouen. Stadt in den Bergen

Vom 19. bis 27. November 2010 bin ich in Chefchaouen. Ich versuche mich mit wechselndem Erfolg an meine neue Existenz als Reisender zu gewöhnen. Das Wetter ist kalt und eigentlich gibt es nichts weltbewegendes zu Berichten. Ich treffe viele Menschen - spannende, lustige und mühsame - und lerne einiges über Marokko, seinen populären König und den Islam und vielleicht auch ein wenig über mich selbst.


Von Kriegen und Massakern, der Suche nach einem Hotel, bösen Kindern und anderen schrägen Gestalten


ich sitze hinten im halb leeren Bus. Ein paar Minuten nachdem wir die Station am Hafen von Tangier verlassen haben, halten wir erneut. Jetzt wird's voll. Neben mir lassen sich zwei Schotten nieder. Dass es Schotten sind erfahre ich von Robin, dem älteren der beiden, den ich vorsichtig danach frage, was für eine merkwürdige Sprache er da spreche. Schottisch sei es, wohlgemerkt, nicht englisch! Bestes, ursprünglichstes, stolzestes und wunderschönstes Schottisch! Robin ist offenbar zum reden aufgelegt, denn nach ein oder zwei weiteren Fragen meinerseits ist er drei Stunden lang nicht mehr zu bremsen. er erzählt mir voller Begeisterung, welch prachtvolle Abenteuer er auf seinen Reisen schon erlebt hat! Zum Beispiel vor soundsoviel Jahren in Kambodia. Das war wunderbar! Fantastisch. Überall lagen noch die Mienen rum, und die Leute völlig traumatisiert. Abgerissene Beine und natürlich das seellische! Grossartig! Er habe riesige Krokodile gesehen, und ein junger Man habe ihm erklärt, dass die roten Gmeer die Sitte hatten, bestimmte Gegner den krokodilen zum Frass vorzuwerfen. Prächtige Tiere und diese ganze wunderbare Geschichte. Robin ist begeistert. Sie hätten damals ja alle umgebracht: diejenigen die englisch konnten und diejenigen die eine Brille trugen ... Ein Gemetzel. Diejenigen, die für die Amerikaner gearbeitet hätten, habe man in Umerziehungslager gesteckt. Eine grossartige Reise sei das gewesen, einfach wunderbar diese Schicksale! Einer, der sehr gut englisch sprach, habe ihm erzählt, wie nahe er oft dem Tod gewesen sei in dieser verrückten Zeit! Er habe alles aus sich herausgekotzt, vielleicht zum ersten Mal - einfach wunderbar! Diese Ehrlichkeit, diese Dramatik!
Robin kann sich offenbar für alles begeistern, egal, ob für ein leckeres Rührei, einen richtigen Krieg oder eine verstopfte Toilette. Auch diese Sache in Tangier vor vielen Jahren, als er diesen Taschendieb verfolgte, der ihm 50 Dirham geklaut hatte! Einfach fantastisch! "Ich war so wütend, soo wütend. Ich habe gedacht, du Scheisskerl, ich krieg dich, und ich bin gerannt, all die Treppen rauf und dieser Bastard immer vorneweg!" Gott und dann die Geschichte in Glasgow, als die Polizei sein Auto zu Schrott gefahren habe! Er sei sofort ausgestiegen und habe 14 Zeugen befragt! "Du glaubst ja nicht, wie sich die Polizei in Glasgow aufführt, wollten die Sache doch voll mir anhängen! Mir! Die Zwerge. Ich kenn den Laden ja. Als ich zwanzig war, hab ich auch mal in der Polizei gearbeitet. Naja, nach sechs Monaten war ich wiedr draussen! Aber die sagten doch voll, ich sei an der Sache schuld gewesen. Naja, da hab ich sie gefragt, ob wir die 14 Zeugen vorladen sollten. Da wurden sie ganz brav und nach einer Woche hatte ich ein neues Auto. Also Reisen ist einfach super! Echt. Reisen ist das wirkliche Leben. Heute früh zum Beispiel! Ein Frühstück für nur 16 Dirham! SECHSZEHN Dirham. Stell dir vor. Ein Pfund dreissig, und da sagt man immer, man komme mit dem pfund heute nirgends mehr hinn. Orangensaft! Der Kerl hat die Orangen an seiner Bar ausgepresst. Frisch, sag ich dir. Frisch. Und dazu ein Ei und alles! Einfach super. naja gestern war ich etwas nervös, weil wir nicht wussten, ob wir ein Hotel finden würden, aber jetzt hat alles so super geklappt! Es ist einfach wahnsinnig!"
Zwei oder drei mal frage ich Robin, was es draussen zu sehen gäbe. Auch hier lässt er sich nicht lange bitten. Er findet die Landschaft, durch die wir fahren, einfach wunderbar. Ja, wunderbar! Lange Hügelketten, überraschend grün und kleine Wege in roter und rotbrauner Erde, die kreuz und quer überall hinführen. Hie und da ein paar Kühe und Ziegen und vereinzelte Häuser und überall solche gottverdammten Windräder, völlig verrückt. Ganz modern, überall. Ja, zur Stromerzeugung. Alles wirke sehr wohlhabend und sauber. Und die Menschen! Wunderbar in ihrem langsamen Gang ...
ungefähr nach der Hälfte des Weges stoppen wir. Wir sind in Tetouan, einer etwas grösseren Stadt. Einige steigen aus, andere steigen ein. Danach wird die Landschaft rauher, und die Strasse beginnt zu steigen. Chefchaouen selbst liegt in den Bergen. Nicht der Himalaia, aber doch ordentliche Höhenzüge und alles ziemlich steil. Grossartig! Diese Berge im Hintergrund und rechts unten das Wasser, ein Fluss. Wunderbar!!!
Steven, der bis dahin immer geschwiegen hat, erzählt jetzt ein wenig von seiner Arbeit. Er lehrt eine von der Israelischen Armee entwickelte Selbstverteidigungsmethode. Er ist viel ruhiger als Robin, der ihn generös als "my young friend" bezeichnet.
Wir wollten in Chefchaouen ursprünglich zusammen nach einem Hotel suchen, aber als ich meinen Rucksack gekriegt hatte und auf die zwei wartete, waren sie weg. Einfach super! Wahnsinnig! Also das Reisen, das ist schon das echte Leben! Und diese b52bomben und die Mienen und alles! Prächtig, wie ein Fluss der dich einfach mitreisst!
Jemand fragt, ob ich ein Taxi wolle; ich sage, ich warte auf meine Freunde, die eigentlich hier sein müsssten. Ein vielleicht 16jähriger Junge wirbt in gutem Englisch für ein Hotel in der Medina, mit wireless und Dachterasse, nur 60 Dirham pro Tag, "and if you want to smoke later Ihave very good Haschisch". Ich erkläre ihm, dass ich nicht rauche, weil ich von zwei Zügen immer gleich eine Woche bekifft sei. Er lacht, findet das sehr ökonomisch, aber er begreift auch, dass es für mich nicht so praktisch ist, weil ich in dem Zustand kaum mehr den Weg von meinem Zimmer zum Clo finde. Schliesslich ist er weg und endlich fährt auch der Bus, der die ganze Zeit mit laufendem Motor dastand, weiter. Da Robin und Steven immr noch nicht aufgetaucht sind, beschliesse ich, zuerst einmal nach einem Café zu suchen, um etwas zu essen und einen verspäteten zweiten Morgenkaffee zu trinken.
Ich mache ein paar Schritte und schon ist jemand da, der mir zu meinem Glück verhilft. Das Café ist gleich neben der Bushaltestelle. Ich sitze an der Sonne und bin zufrieden. Eine viertel Stunde später kommt mein guter Geist zurück und erklärt mir, wie ich von der Bushaltestelle in die neue Stadt und die Medina komme. Doch doch, man könne schon zu fuss gehen; es sei ein wenig weit, aber man könne es schon tun. "Einfach immer gerade auf den Berg rauf ...".
Die Strasse steigt ziemlich steil an. Ich bin bald ausser Puste. Wie hoch wir hier wohl sind? Wikipedia sagt 600 Meter, doch ich habe das Gefühl, dass es eher 1,600 Meter sind. Nach ein paar Minuten wird das Gelände etwas flacher. Es gibt mehr Verkehr. Ein Junge aus Casa Blanca nimmt meinen Arm und beginnt mich zu führen. Er sei bei seinem Onkel zu Besuch. Gehe sonst noch in die Schule. Er hilft mir das Hotel Ibisa, das mir von Abdelkader und seinem Freund empfohlen worden war, zu finden. Die Sache ist schwieriger als Gedacht. Doch dann haben wir's doch geschafft. Das Hotel liegt an einer ziemlich lauten Strasse und ist angeblich voll. ich bin beinahe froh, denn eigentlich suche ich ein Hotel in der Medina, also der alten Innenstadt, die fast immer autofrei oder doch beinahe autofrei sind. Schade, dass ich mich nicht dem Jungen von der Busstation anvertraut habe. Er klang okay und sein englisch war gut. But what can we do. Auf dem Weg zur Medina schaue ich mir noch das Hotel Bonsai an. Mein Helfer aus Casablanca, dessen französisch nicht sehr weit reicht, verabschiedet sich von mir. Ich weiss nicht recht, ob ich das Zimmer will oder nicht, entscheide mich schliesslich aber doch für die Medina. Der Mann im Hotel Bonsai findet es offenbar nicht so aussergewöhnlich, dass ich allein unterwegs sei. Nein nein, auch in Marokko gäbe es blinde Leute, die alleine herumgehen. Er bringt mich noch über die Strasse, von wo ich nur noch der mauer nachzugehen brauche. Wieder ein schönes Stück Weg, allerdings führt es nicht zur Medina. Jemand will helfen und gibt mich dann an Fidel weiter. "C'est un bon homme".
Gut. Da ist Fidel. Er riecht etwas nach Alkohol. Wir gehen weiter. Er erzählt dies und das von sich. Will wissen woher ich komme etc. etc. Wir kommen in die Medina. Im ersten Hotel hätte es mir gefallen, doch leider sind sie voll. Das zweite und dritte Hotel wollte ich nicht. Im einen war das Zimmer winzig, das andere war zu teuer. Fidel wird etwas missmutig. Ich müsse ihm nachher "un tabac" kaufen. Klar, sag ich. Tabak.
Die Medina wirkt unterschiedlich auf mich. Manche Gassen sind angenehm still. Andere sind voller lärmender Kinder - 6, 8 und 10jährige. "Viele böse Kinder" meint Fidel. Wenn ich alleine hier durchgehen würde, so würden sie meinen Stock zerbrechen und mit Steinen nach mir werfen. Ich gebe mich ungläubig. Weshalb würden sie so etwas tun. "Sie sind böse", sagt Fidel und zieht mich schnell weiter. Ich habe tatsächlich das Gefühl, das die Kindr über mich oder über uns beide lachen. Es ist mir etwas unheimlich zu Mute, wie vor ein paar Tagen in Tanger.
Nach dem dritten oder vierten Hotel bin ich zu k.o. um noch einmal "nein" zu sagen und weiterzugehen. ich kann mir den Namen des Hotels nicht merken: Tapoutar oder Patoutar oder Tatoutar ... Es soll der Name eines berühmten Seefahrers gewesen sein. Auch das Zimmer ist nicht ganz, was ich will. Es ist zwar ruhig, ghet auf einen kleinen Innenhof, aber es fühlt sich muffig und eng an. Immerhin. Für eine Nacht ist es gut genug.
Nachdem ich meinen Pass vorgelegt und 60 Dirham für die erste Nacht bezahlt habe gehen Fidel und ich noch zum Tabakladen auf dem Hauptplatz. ich bin etwas geschockt als er sich eine Schachtel Chesterfield für 32 Dirham (4 Franken) kauft. Ich habe mit einem Beutel Tabak für viel weniger gerechnet. Aber bon. Eine Schachtel Zigaretten ist hier verhältnismässig teuer, und weshalb soll Fidel sein kleines Glück nicht nutzen und mich ein wenig ausnützen. Als wir nachher noch Tee bzw. Kaffee trinken wird er zwischendurch allerdings ziemlich unangenehm. Er erzählt davon, das er einmal in Holland gelebt hat, wo er verheiratet gewesen und zwei Kinder gehabt habe. Doch es habe nicht geklappt mit der Ehe. Er sei blöd gewesen, sich darauf einzulassen. jetzt lebe er hier bei seiner Mutter. Während er erzählt wird er immer umruhiger, nimmt meine Hände, schlägt mich auf die Finger, redet davon, dass er Musiker bestellen wolle, fragt mich zum zweiten oder dritten Mal, ob meine Mutter und mein Vater noch lebten, schupst und boxt mich, und gibt mir ein paar sanfte, aber doch unangenehme Kopfnüsse. Ich versuche mich auf ihn einzustellen. Er hat zwar nicht getrunken seit wir uns vor anderthalb Stunden getroffen haben, aber irgendwie gerät er ein wenig ausser sich. Manchmal hole ich ihn etwas runter, sage "tranquil, tranquil" und bringe ihm bei, dass er mich nicht schlagen dürfe. Das hilft. Schliesslich bezahle ich (11 Dirham für einen guten Tee und einen Kaffee, ein färer Preis), und ich lasse mich von Fidel zu meinem Hotel zurückbringen. Hier verabschiedet er sich. "Bis morgen, vielleicht. Inshallah". Ich bin etwas bedrückt. Muss die Eindrücke der letzten zwei Stunden zuerst etwas verdauen. Es war alles nicht so romantisch und einfach, wie ich gehofft habe. Die Medina wirkt sehr verschlungen. Der Hauptplatz ist mir zu voll. Die johlenden und rennenden Kinder in den engen Gassen machen mir Angst ... Fidel - Nein, er macht mir nicht Angst. Er war zwischendurch einfach etwas mühsam; wahrscheinlich ein ziemlich armer Kerl. Aber ich hoffe doch auf andere menschen ...
Es ist nach acht Uhr. Ich will noch einmal raus, denn es ist zu früh um schlafen zu gehen, und ich möchte unbedingt noch einen freundlicheren Eindruck von Chefchaouen mit ins Bett nehmen. Im übrigen braucht mein Netbook Strom und da es in meinem kargen Zimmer wie schon in Tanger keine eigene Steckdose gibt, muss das Ding jetzt raus zu dem freundlichen Menschen an der Rezeption. Gegen elf bin ich wieder hier. Ich ging zum Platz. Die Strassen waren ruhiger als am nachmittag, und ich traf keine steinewerfenden Kinder, nur einen zwölf- oder 13jährigen Jungen, der mich auf Geheiss eines älteren Mannes, den ich nach dem Weg gefragt hatte, bis zum Hauptplatz brachte. Er war sehr behutsam und freundlich, und freundlich war auch unser Gespräch, das vor allem aus dem Wort "good" bestand. Nun denkt man sich dies vielleicht langweilig, aber wer dieses Wort wie eine Geige oder eine grosse Trommel benützt, wird bald merken, wie viele Bedeutungen man ihm abgewinnen kann. Good fragend und good bestätigend und dann noch einmal ein guturales good mit gedehntem ooo als Zeichen der grundsätzlichen Zufriedenheit. Als Abschluss ist vor allem nach dem ersten Durchgang auch noch ein glückliches good mit kurzem u möglich. Beim zweiten und dritten Durchgang ergeben sich weitere Möglichkeiten, wie zb good good good oder goooood, wobei die Bedeutungen nicht immer so klar sind. Ich versuche zwischendurch Worte wie "ecole" und "apprendre" und "l'anglais", was er jeweils mit einem fragenden "good" quittiert. Nach ein paar Minuten trepp auf und links und rechts sind wir auf dem Platz und ich bedanke mich bei ihm mit einem letzten Doppelgood und einem ermutigenden Schulterklopfen. Es war ein wirklich netter Junge.
Kurz danacch sass ich auf einer Terasse und ass eine leckere Hühnertajine mit Zitrone. ich sitze lange und brühte über meiner zweifelhaften Reiserei. Immer dasselbe: Weshalb tue ich dies, und wie kann ich es so tun, dass es Spass macht? Immer dieses Auf und Ab der Stimmungen, dieser Wechsel von Faszination und Langeweile. ob ich mich mit der Zeit daran gewöhne?
Schliesslich stehe ich auf, um den Kellner auf mich aufmerksam zu machen und zu bezahlen. Ich gehe noch ein wenig über den langgestreckten Platz, versuche mich zu enthadern und den friedlichen Abend zu geniessen. Irgendwann spricht mich jemand auf spanisch an - spanisch wird hier relativ viel gesprochen. Als ich dem Menschen erkläre, dass ich nur so ein wenig herumspaziere hängt er sich bei mir ein und sagt, er würde mit mir gehen und mich danach zu meinem Hotel bringen.
Der Mann ist mindestens einen Kopf kleiner als ich. Wir gehen eine halbe Stunde trepp auf und trepp ab, links und rechts durch enge Gassen und kleine Strassen. Er seufzt. "Je vois vous voyez pas ça me fait mal - vous savez - ça me fait mal ...". Danach beginnt er mir von sich und seiner Familie zu erzählen. ich verstehe nicht alles. Aber es ist keine glückliche Geschichte. Er habe bis vor zwei Jahren gearbeitet, in einem Restaurant, aber er sei zu müde dafür. Er lebt bei seinen Eltern, ist 38, hat eine Schwester, die in Belgien verheiratet ist. Ja, sie schicke manchmal Geld, aber nicht für ihn, sondern nur für die Eltern, mit denen er jedoch nicht auszukommen scheint. Ich verstehe die Details nicht, gehe nebenher und spüre die Schwere. Ich seufze. Er erzählt. Ich sage, "oui, oui, des problèmes". Er seufzt ebenfalls. Er fragt mich, ob ich rauche. Er meint natürlich dope. ich sage nein. "Un peu, peut-être?", ich sage wieder nein. Wir gehen weiter, eine andere Gasse, wieder eine Treppe.
ich überlege, ob ich ihm am Ende unseres Weges ein Trinkgeld geben soll. Vielleicht hätte ich auch dem Jungen von vorhin etwas geben sollen? Vielleicht erwarten sie es? Ich denke kurz daran, wie es wäre, wenn ein Reisenderr aus Marokko einer Frau, die ihm auf dem Bahnhof in Zürich hilft, seinen Zug zu finden, als Dank dafür zwei Franken in die Hand drücken würde. Bei dem Gedanken muss ich lachen. Ich beschliesse ihm nichts zu geben und auch den Jungen nicht, die mich wahrscheinlich noch öfter von hier nach dort begleiten. Weshalb soll gegenseitigge Hilfe nicht auch hier kostenlos sein? Natürlich, wenn ich jemanden bitten würde, mir die Medina zu zeigen, aber so ...
Nach einer halben Stunde sind wir beim Hotel Batuta angelangt. All is well. Ich sage dem seufzenden Ritter von der sehr traurigen Gestalt gute Nacht und wünsche ihm Glück.
In meinem Zimmer grüble ich wieder über meine Reiserei nach. Mein Zimmer ist klein und das einzige Fenster geht auf den Innenhof des Hauses. Ich weiss, ich habe das bereits einmal gesagt, aber es stört mich noch immer. Die Tür zu dem Zimmer befindet sich gleich neben dem Tisch, auf dem der immer anwesende Hotelbesitzer seine Buchhaltung ausgelegt hat. Das Clo stinkt nach Pisse. Ich will hier nicht bleiben. Also morgen wieder auf die Suche? Ich krabble in meinen Schlafsack und ziehe eine Wolldecke über mich. Es ist kalt hier in Chefchaouen. Nur noch ein wenig lesen - Mackay's "der Schwimmer" ist mittlerweile erledigt, Gott sei dank. Nach einer Weile schlafe ich.

Das Hotel Jasmina, Gespräche, Essen, mehr Gespräche und der Vorsatz, mir mehr Zeit zu geben


Samstag, 20. November 2010, Chefchaouen. Heute war ein besserer Tag, besser und einfacher. Als ich - auf der Suche nach meinem Morgenkaffee - über den Hauptplatz gehe, stosse ich auf Robin und Steven, die eben am Frühstück sitzen. Ich geselle mich zu ihnen und trinke meinen Café Cassé, während Robin mir voller Begeisterung erzählt, wie chaotisch gestern alles war als sie aus dem Bus ausstiegen. "Weisst du, wir haben nach dem Weg zum Stadtzentrum gefragt und da war niemand und gleichzeitig so viele und als Steven dann sagte, he lass uns schauen, was Martin macht, hab ich ihn nur angeschnauzt und bin den Berg hinaufgelaufen wie ein Tier, good damned, so steil! Es war grossartig." Danach erzählen sie von ihrem Hotel: Sauber, hell, freundlich, mit Dachterasse und auf jedem Stock eine gemütliche Sitzecke für die Gäste. Wir gehen rüber und ich beschliesse dorthin umzuziehen. Auf der Strasse läuft mir Fidel über den Weg. Er bringt mich zum Hotel Batuta, wo ichh packe und die Schlüssel abgebe. Auf dem Weg zum Hotel Jasmina kaufen wir noch ein paar Früchte. Ein Freund von Fidel begleitet uns. Ehe wir beim Hotel sind gibt Fidel mir zu verstehen, dass er für seine Dienste ein weiteres Paket Zigaretten verdient habe. Ich mache ihm klar, dass ich ihm nicht jedesmal wenn er etwas für mich tue, ein Paket Zigaretten kaufen wolle. ich wolle ihm auch nicht immer etwas geben. Manchmal vielleicht, ja klar, weshalb nicht, aber nicht immer. Wenn er mir helfen wolle, dann sei das schön, doch dann tue er es, weil er es tun wolle und nicht um Geld zu bekommen. Er lenkt sofort ein. Ja, ja, er verstehe. Aber wenigstens 10 Dirham, etwas weniger als ein Euro. Nur noch dieses mal. ich bin einverstanden und gebe ihm das Geld, bevor wir uns trennen.
Das Hotel Jasmina ist angenehm. zwar hat mein Zimmer wiederum kein Fenster - nicht einmal eines auf einen Innenhof -, doch die kleine Sitzecke ist hell und gemütlich und nur drei Schritte von meinem Zimmer entfernt. Sie wird meine Stube sein. Sie ist auch ein guter Ort, um andere Reisende zu treffen. Tatsächlich sitzen bereits fünf Minuten später drei Marokaner aus Rabat da, die für ein paar Tage in Chefchaouen Ferien machen und sich vom Al Aid-Stress erholen.
Wir sind bald in angeregteste Gespräche über marokkanische Politik, die fiktive Republik Saharah, die Polizario, das algerisch-marokkanische Verhältnis und die spanischen Enklaven in Marokko sowie die Kanarischen Inseln vertieft. Hicham, der vor einem Jahr in der Nähe von Rabat ein Restaurant eröffnet hat, erklärt mir, dass die Kanaren eigentlich marokkanisch seien, und dass Spanien u.a. deshalb ein Interesse hat, den Westsaharakonflikt im Süden des Landes zu schüren, weil die Energien Marokkos damit an einem für Spanien harmlosen Ort gebunden seien und die Frage der nach wie vor von Spanien besetzten Territorien Marokkos nicht aktiv angegangen werde. Er nennt diese Territorien die letzten Kolonien auf der Welt. Es sind zwei Städte in Marokko und die kanarischen Inseln.
Wir reden zwei oder drei Stunden miteinander. Hicham spricht fliessend französisch und englisch. Mohamed und Jassen, seine beiden Freunde, sprechen ungefähr so gut und schlecht französisch wie ich.
Irgendwann nach drei gehen wir Mittagessen. Ich versuche mir zu merken, wie das, was wir zum essen bestellen, heisst, denn da ich nicht so leicht auf diesen oder jenen Teller an einem andderen Tisch zeigen kann, bin ich froh um jedes Wort, das mir hilft, zu kriegen, was ich will. Ich glaube, das was wir assen, hiess Brochette avec léguumes. Es bestand aus zwei oder drei saftigen Fleischspiesschen mit reichlicher und guter Gemüsebeilage und Brot.
Mohammed erzählt mir während des Essens von seiner Arbeit in einer grossen Zimmerei, und als er und Hicham für ein paar Minuten über den Platz in die Moschee gehen, um zu beten, und ich Jassen frage, ob er nicht auch mit hinüber wolle, erklärt er mir, dass er nur selten in die Moschee gehe. Er bete lieber zuhause oder manchmal auch an der Arbeit, wenn er es einrichten kann. Das Einhalten der Zeiten sei nicht so wichtig. Man könne sein Gebet auch einmal zehn oder zwanzig Minuten zu spät sprechen, und wenn man wegen einer Arbeit oder weil man auf Reisen ist nicht beten könne, so sei das okay. Allerdings könne man nicht vor dem ruf des Muesins beten. Das geht nicht. In den Moscheen beten die Imame voor; zuhause sei er sozusagen sein eigener Immam. Er spreche die Gebete laut, was jeweils etwa fünf Minuten dauere. Ich frage ihn, ob es beim Beten auch darum gehe, sich zwischendurch aus der umgebenden Welt auszuklinken und ruhig zu werden. Ja, meint er, für ihn sei dieses zur Ruhe kommen und Loslassen sehr wichtig. Während des Rammadan wird mehr gebetet, ob beim vierten oder fünften Gebet, weiss ich nicht mehr. Überhaupt habe ich einige Details, die Jassen mir erklärt hat, nicht verstanden. Mein Weg bis zum kompetenten Islamisten ist noch weit und steinig.
Kurz nach fünf kehren wir in unser Hotel zurück. Wir verabreden uns locker bis zum abend, wo die Drei gemeinsam essen gehen und einen Fussballmatsch anschauen wollen. Ich gehe in mein Zimmer und ruhe mich etwas aus. Danach schreibe ich Tagebuch. Nach einer halben Stunde tauchen Robin und Steven auf und erzählen von ihrem Tag. Sie sind hinauf in die Hügel gewandert, etwa anderthalb Stunden. Danach haben sie im Städtchen einen wunderbaren Kuchen mit fantastischem Kaffee genossen. Sie fragen nach meinem Nachmittag und bald geraten wir in eine heftige Diskussion über die US-amerikanische und die englische Demokratie, über den Sinn und die Legitimität von Kriegen, die Macht der Medien und ähnlich schwere Dinge. Robin und ich fighten nach Kräften, während Steven still lächelnd daneben sitzt. Wir enttwerfen Reden für und gegen den Krieg und sind uns schliesslich darin einig, dass man das, was man tue, in jedem Fall mit ganzer Seele tun solle. Halbherzigkeit ist für Robin unerträglich. Wenn schon Krieg, dann richtig drauf, ohne Regeln und mit dem Entschluss nicht eher aufzuhören, als bis die Feinde alle abgeschlachtet sind!
Nach anderthalb Stunden packtt uns die Lust nach süssem, und wir landen nach einem friedlichen Spaziergang in ihrer gepriesenen Bäckerei, deren Kuchen und Kaffee tatsächlich sehr gut und erstaunlich preisgünstig ist (9 Dirham für einen Kaffee und ein gutes Stück Gebäck). Auf dem Rückweg trödeln wir noch ein wenig herum, besichtigen ein kleines Hamam und ein paar Läden. Es ist längst Nacht und auf dem Platz ist nicht mehr viel los. Steven erzählt mir ein wenig von dem was es zu sehen gibt. mitten auf dem Platz ein Weihnachtsbaum, daneben die Moschee und die alte Burg und die Häuser - nein, nicht alle ganz blau. In der Stadt teilweise schon, aber hier um denn Hauptplatz herum eigentlich eher weiss, aber alle hätten irgend etwas blaues: blaue Läden, blaue Türen, wobei der Blauton erstaunlicherweise immer derselbe sei. Er spricht von der Djellaba, dem traditionellen Kleid, welches die meisten Männer hier tragen, und ich sehe mir an einem Kleiderstand ein solches Ding an - nicht eines, das an einem Bügel hängt, sondern das, welches der Hüter des Standes trägt. Es gleicht in der Form dem über allem getragenen Rock Tagores - ein bis auf die Füsse fallendes einteiliges Kleid mit Ärmeln und seitlichen Taschen, formlos und ohne gurt soweit ich feststellen konnte. Im Sommer seien diese Kleider aus leichter Baumwolle. Im Winter sind es dicke Wollstoffe. Anders als Tagores wallendes Kleid hat die Djellaba auch eine Kaputze. "O yes", bestätigt der Verkäufer, "everybody wears them, old men, young men, boys. Even babies!" ich solle morgen wieder kommen, dann würde er mir eine Djellaba für meine Grösse zeigen. Jetzt habe er bereits geschlossen.
Während Steven mir von dem erzählt, was eer überall sieht, fällt mir wieder einmal auf, wie grau und leer die Welt ist, durch die ich spaziere. Anders als sonst beeinträchtigt der Gedanke meine Stimmung jedoch nicht, denn seit ein zwei Tagen beginne ich zu verstehen, dass ich mir Zeit geben und mich von der Idee trennen muss, alles sofort zu begreifen und so in mich aufzunehmen und einzusaugen, wie andere Touristen es tun. ich muss akzeptieren, dass meine Art des Wahrnehmens eine ganz andere ist als diejenige der meisten TouristInnen, und dass ich zumindest in äusseren Dingen mit diesen niemals konkurieren kann. ich muss mir Zeit geben - eine, zwei, drei Wochen, bis sich auch meine Strassen nach und nach mit ein paar konkreten Details füllen und lebendiger werden, und ich muss mich damit abfinden, dass ich in Bezug auf sichtbare Dinge - die Auslage eines Geschäftes, das Angebot der Strassenhänder, die Fassaden der Häuser, die Kleidung der Menschen, das Leben in den Strassen - immer weit hinter meiner sehenden Konkurenz zurück bleibe, selbst wenn ich zehn oder zwanzig Jahre an einem ort wohne. ich muss mich bewusst davor schützen, in dieser Disziplin mithalten zu wollen. Wenn ich dies nicht tue so setze ich mich nicht nur unter andauernden Stress, sondern ich vernachlässige auch die Dinge, die mir das Reisen wertvoll machen. Ich beginne zu verstehen, auf welche Weise ich in den letzten Tagen zu meinem latenten Unbehagen beigetragen habe. ich nehme mir vor, mir mehr,viel mehr Zeit zu geben, um mich zu assimilieren und an meine neue Umgebung zu gewöhnen, und vermehrt den Dingen nachzugehen, denen ich nachgehen will, anstatt denen hinterherzuhächeln, von denen die meisten anderen Reisenden leben, die für mich jedoch häufig so gut wie unerreichbar sind.

Von klammen Leintüchern, meinem chinesischen Urahn, marokkanischen Kuchen und Imamen


Sonntag, 21. November 2010, Chefchaouen. Robin und Steven sind am Vormittag nach Fes weitergefahren. Hicham, Mohamed und Jassen sind bei Mohameds Verwandten zu Besuch. Mein Tag beginnt spät. Es geschieht nichts aufregendes. Das Wetter ist durchzogen, wie die ganzen Tage: Hie und da scheint die Sonne, gelegentlich regnet es. Alles in allem ist es ziemlich kalt, was sich besonders bemerkbar macht, weil in den Häusern nicht geheizt wird.
In meinem Zimmer ist es ausserdem ziemlich feucht. Mein kleines Handtuch isst nach 24 Stunden noch genauso nass wie nach dem Händeabtrocknen, und als ich gestern Abend zwischen meine Laken kroch, habe ich mit Sehnsucht und voller Verständnis an die Wärmeflaschen und Kirschsteinsäcklein und all die anderen Mittel gedacht, mit denen unsere Grossmütter und Grossväter früher gegen die winterliche Kälte und Feuchtigkeit in ihren Betten angekämpft haben.
Nach dem Morgenkaffee auf dem Platz verbringe ich den grössten Teil des Tages im Hotel. Ich dusche ausgiebig und geniesse das reichlich fliessende heisse Wasser. Danach lese und schreibe ich. Ich denke daran, meinen Text über unseren chinesischen Urahn, den Diplomaten Lu (1845-1924) zu beginnen. Das Projekt beschäftigt mich schon seit einigen Jahren. ich möchte über den 15jährigen Jungen aus vornehmem Haus schreiben, der erlebte, wie die Taipingrebellen im Namen einer gerechten, klassenlosen Gesellschaft das ganze alte China zu stürzen drohten. Ich stelle mir den Konflikt vor, in dem der Junge sich damals befand: Hier die Ideale der Rebellen, dort die Forderungen seines Vaters und seiner Familie! Dann, 15 Jahre später, die Anfänge im diplomatischen Dienst, keine Wunschkarriere im damaligen China, welches eigentlich noch immer davon ausging, dass alle wichtigen Dinge dieser Erde am kaiserlichen Hof in Peking und nicht in den Hauptstädten irgendwelcher barbarischen Länder am Rande der Welt verhandelt und entschieden werden sollten ... Der Text könnte spannend werden, denn als Botschaftsangestellter in Washington und später in Berlin erlebte unser Urahn politisch sehr angespannte Zeiten ... Der Text könnte spannend werden, doch es wäre eher ein Text über das damalige China und seinen Weg in die Moderne als ein Text über den konkreten Herrn Lu, denn über diesen wissen wir eigentlich nur sehr wenig, und das wenige gibt überdies zu eher unrühmlichen Spekulationen Anlass. Nach einer Weile lande ich bei anderen Themen.
Ich langweile mich ein wenig; weiss offenbar noch nicht recht, was ich in meinem afrikanischen Exil will. Ich habe ja in zwei Richtungen gedacht, als ich beschloss, nach Marokko aufzubrechen: 1. Ich suche einen Ort, wo ich in Ruhe meinen diversen Schreibprojekten frönen kann, oder etwas krasser gesagt, ich suche einen Ort, an dem es mir so langweilig ist, dass ich mich endlich mit diesen Projekten befasse und nicht wie ein Schmetterling immer weiter von Blüte zu Blüte durch die Weltgeschichte schaukle. Als zweites dachte ich mir, dass Marokko ein guter Asgangspunkt ist, mich näher mit meinen noch ganz unentwickelten Afrika-Plänen zu befassen, um in einigen Wochen von hier aus weiterzufahren, tiefer hinein in den "schwarzen Kontinent". Bis jetzt habe ich noch in keiner der beiden Richtungen viel getan. Chefchaouen wäre zum Schreiben langweilig genug, aber noch fühle ich mich hier zu wenig zuhause. Es muss langweilig UND gemütlich zugleich sein. Ich habe offenbar immer noch die Hoffnung, den Schmetterling einmal einfangen und zum produktiven Stillsitzen zwingen zu können!
Gegen Abend kommen Hicham, Mohamed und Jassen zurück. Wir reden ein wenig und Hicham gibt mir eine kleine Einführung in marokkanische Backwaren. Nachdem die drei noch einmal rausgingen, um Mitbringsel für ihre Kinder und die Frauen zu kaufen, gehe auch ich raus. Ich frage unten im Hotel nach einer Bäckerei und gehe vorsichtig und langsam das Strässchen runter. Ich dachte, die Bäckerei sei nahe, keine 100 meter vom Hotel, doch das war offenbar ein Missverständnis. Ich frage, gehe weiter, frage wieder. Es ist eine richtige Expedition ins unbekannte, mehr als der gewohnte Weg zum Bad ohne das Licht anzuknipsen!
Schliesslich bin ich in der Patisserie Assis, etwa zehn Minuten vom Hotel Jasmina entfernt, ausserhalb der Medina, wo ich nach Hichams Instruktionen einkaufe und einen Jue de Sasa trinke. Es handelt sich dabei um einen dicken Fruchtsaft, am ehesten einem Milkshake vergleichbar, wobei dieser Sasa ganze Bananenstücke und -surprise - Stückchen eines Caramelleköpfchens enthielt. Was hier Sasa heisst, heisst sonst meist Panasch, und in Tanger war's tatsächlich ein sehr dicker Fruchtsaft oder genauer drei oder vier Schichten von verschiedenen Fruchtsäften in einem hohen Glas. Ob die Pattisserie Assis hier eigene Wege geht, oder ob die Panasch's hier generell anders als in Tanger gemixt werden? I don't know. So many things I don't know.
Auf dem Rückweg zum Hotel denke ich, dass ich ja "stolz" auf mich sein könnte, dass ich diese Pattisserie gefunden und meinen Kuchen gekriegt habe. Doch während ich mich durch die Medina vorsichtig zu meinem Hotel zurückschlängle - die Strassen sind eng und voller Leute -, bin ich eher ärgerlich, denn ich habe doch mit ziemlich viel Aufwand nur das getan, was ein gewöhnlicher Tourist so nebenher, auf dem Rückweg von einem schönen Ausflug zu irgendwelchen Tempeln, tun würde - in eine Bäckerei treten und ein paar Süssigkeiten kaufen. Und auf so was soll ich stolz sein! Es ist wirklich eine Schule der Demut, in die ich hier geraten bin, denn für mich ist dieser Einkauf tatsächlich keine Kleinigkeit. Ohne Hilfe kriege ich nicht viel mehr zustande!
Meine Stimmung ist durchzogen, aber habe ich mir nicht vorgenommen, mir Zeit zu geben, um mich hier einzuleben und mich allgemein an meine reisende Existenz zu gewöhnen? Ist das jetzt dieses "mir Zeit geben"? Ich lache über mich selbst und versuche meine Lage etwas nüchterner einzuschätzen. Das hilft. Bald bin ich wieder heiter. Ich wäre in Luzern oder St. Gallen genauso verloren, wenn ich ohne irgendwelche Kenntnisse des Layouts der Stadt aus einem Hotel treten und eine Bäckerei suchen würde. Wenn ich diesbezüglich effizienter sein will, müsste ich versuchen, jemanden zu finden, der mir die Wege zeigt, sie im Bedarfsfall auch regelrecht mit mir übt, oder mir zumindest erklärt, wie mein Weg in etwa aussieht. Weshalb soll dies hier plötzlich anders sein! Die Medina ist zwar eng und die Menschen scheinen mir nicht besonders rücksichtsvoll oder hilfsbereit, doch alles in allem ist es hier nicht schwieriger, mich allein zurecht zu finden, als in Zürich oder Basel, aber eben: von nichts kommt nichts. Ich bin beruhigt, lese ein wenig und geniesse die erstandenen Kuchen.
Später am Abend rede ich noch einmal eine gute Stunde mit Hicham. ich frage ihn nach dem Islam. Er erzählt u.a., dass der Islam sich als Vollendung des Judentums und des Christentums sieht. In beiden steckt Wahrheit, aber erst im Koran sei es Gott ganz gelungen, seinen Glauben zu formulieren. Dann frage ich ihn nach den Aufgaben der Immame und der religiösen Erziehung der Kinder. Neben den täglichen Gebeten in der Moschee sorgt ein Immam offenbar ähnlich, wie es bei uns die Pfarrer und Priester tun oder getan haben, für ihre Gemeinde. Das kann je nach Haltung und Ausbildung des Immams verschiedenes bedeuten von moralischen Belehrungen auf der Strasse bis zu moderner Gassenarbeit und seelsorgerischen Gesprächen. Solche Aufgaben würden allerdings auch in Marokko mehr und mehr von Spezialisten wahrgenommen, also von Psychologen oder Sozialarbeitern.
Traditionellerweise hat der Immam auch die Aufgabe, die Kinder zu unterrichten. Dies geschieht heute als Ergänzung der obligatorischen Schule am sonst schulfreien Freitag Nachmittag, wobei das Interesse an diesem Unterricht in grossen Städten wie Rabat heute nur noch gering sei. Wichtiger sei die religiöse Erziehung in der Schule. Sie umfasst zwei Wochenstunden und zwar von der ersten bis zur letzten Klasse, egal ob ein Kind auf eine private oder staatliche Schule geht. In diesen zwei Stunden werden die Kinder mit dem Koran und ihren Pflichten als Muslime vertraut gemacht. Dazu kommt der gewöhnliche Arabischunterricht, in dem es um die Beherrschung der Sprache, also um Grammatik und Rechtschreibung etc., sowie um arabische Literatur etc. geht. Wenn ich Hicham richtig verstanden habe, so gibt es auch Schulen, in denen der religiöse unterricht mehr Raum einnimmt, doch liegt das Hauptgewicht auch dort bei weltlichen Fächern wie Geographie und Biologie, Mathe oder Französisch. Die Situation scheint ähnlich wie in Westeuropa vor 150 und 200 Jahren: Die weltlichen Fächer gewinnen an Bedeutung und die religiöse Unterweisung, die ursprünglich der eigentliche Sinn und Zweck der Schule war, werden immer mmehr in den Hintergrund gedrängt. Der Prozess ist hier noch nicht so weit fortgeschritten wie bei uns, doch er ist unterm Strich vermutlich ebenso unumkehrbar, wie andere Prozesse, die wir auf dem Weg in die Moderne in den letzten zweihundert Jahren durchgemacht haben.
Es ist interessant, wie Hicham, dieser moderne Geschäftsmann, der anderthalb Jahre in den USA gelebt und auch viel in Europa gearbeitet hat, immer wieder auf bestimmte Worte des Propheten zurückgreift, wenn er mir etwas erklären will. Er wird ddann still, schnipt mit den Fingern und versucht sich zu erinnern. Er murmelt ein paar arabische Sätze, nimmt einen oder zwei Anläufe und sagt dann, was Mohamed zu diesem oder jenem Thema gesagt hat. Dieses gläubige Nachsprechen wirkt eigentümlich kindlich, genauso wie die zwei oder drei Minuten dauernden Gebete, welche die Drei im Verlauf unserer Gespräche nebenher in ihrem Zimmer aufsagen, kindlich und irgendwie auch unheimlich, denn es ist dabei, als ob sie plötzlich einen Schalter in ihrem Kopf umlegen -, von selber Denken auf unterwerfung. Es ist ein Phänomen, das ich seither noch oft erlebt habe.

Das Ideal des anspruchslosen Reisenden wird etwas gelockert und Rabbia erzählt von einem König zum annfassen


Montag, 22. November 2010, noch immer in Chefchaouen. Es geht voran mit der Aklimatisation. Über Nacht habe ich beschlossen, meine Lage nicht durch übermässige Nachkriegssparsamkeit (huch, wir verhungern!) und verdrehte Ideale vom wirklichen Unterwegssein zusätzlich zu erschweren. So ging ich sofort am Morgen runter in die Neustadt und hab mir bei Maroc Telecom für 250 Dirham ein USB-Modem plus einen Monat Internetzugang gekauft. Damit kann ich überall online gehen, wo es Handyempfang gibt, und dank meinem noch in Basel gekauften Skypeout-Konto kann ich auch jedes Mobil- und Festnetztelefon anrufen, sobald ich online bin. Ich bin erleichtert, denn ich fühle mich damit bedeutend handlungsfähiger, auch wenn der ideale Reisende sich natürlich nie auf ein solch künstliches Hilfsmittel einlassen, sondern seinen ganzen Wissensdurst im langsam sich entwickelnden Kontakt mit den Eingeborenen stillen würde. Well, shit. Ich fall vor mir auf die Knie und bitte um Vergebung für meine Schwäche und meine schändliche Abhängigkeit vom Internet. "Gewährt" sagt der Bonze mit schmollendem Mund. "Trottel" sag ich ihm und zeig ihm meinen Stinkefinger. Es muss mir ja bei der ganzen Reiserei auch wohl sein. Tatsächlich sitze ich beinahe den ganzen Nachmittag in der Sonne, zuerst Kaffee trinkend vor der Moschee auf dem Platz und später auf der Dachterasse des Jasmina-Hotel, schreibe und recherchiere, skyype mit Renata und Thomi und nehme Kontakt mit einigen hiesigen Couchsurfern auf. Von diesen hat sich noch niemand gemeldet, aber vielleicht kommt ja noch was. Diesmal war ich übrigens schon fast etwas stolz als ich, nach einem Besuch auf der Banc, wo ich Geld gewechselt habe, und dem Kauf des Modems, durch die Medina zurückspaziert und praktisch vor der Tür des Jasmina-Hotels gelandet bin.
Am späteren Nachmittag kommt Rabbia zu mir auf die Dachterasse, und wir haben eine Stunde oder mehr geredet. Er arbeitet hier im Hotel, 12 Stunden pro Tag, jeden Tag ausser Sonntag. Sein Lohn? 100 Euro! Er ist 28, hat vor 12 Jahren seine Eltern verloren - die Mutter starb an krebs und der Vater folgte ihr 10 Monate später, weil er nach dem Tod seiner geliebten Frau nicht mehr leben wollte. Es klang, als ob er Selbstmord begangen hat, doch sicher weiss ich es nicht. Ich will Rabbia nicht danach fragen, denn wenn die Frage schon bei uns sehr persönlich wäre, ist sie es hier, wo die Religion eine noch viel stärkere Rolle spielt, vermutlich erst recht, denn ich nehme an, dass Selbstmord im Islam eine eben so schwere Sünde ist wie er es im Christentum lange war.
Rabbia hat vier ältere und drei jüngere Schwestern. Er sei der einzige Mann im Haus, sagt er und lacht. Brudr, Vater, Onkel und Schwager in einem, je nachdem. Eine seiner Schwestern singt in der Hadra Chefchaounia , einer in der Gegend offenbar recht bekannten, nur aus Frauen bestehenden Gruppe. Die Musik, die sie spielen - Hadra - wurzelt im Sufismus. Ich finde die Gruppe später auf Youtube, doch bricht der Stream immer wieder ab, sodass ich mir kein wirkliches Bild von der Musik machen kann. Ein wenig erinnern die Frauenstimmen an die bulgarischen Frauenchöre und an den Gesang der Frauen in Tanzania, den Thomas und ich dort vor zehn Jahren gehört haben.
Rabbia spricht neben marokkanischem Arabisch auch englisch und französisch. Er ist gesprächig und sehr wach und interessiert. Als ich ihn danach frage, erzählt er vom Hanfanbau in der Gegend und von König Mohamed VI, dem seit 1996 oder 1997 regierenden Sohn König Hassans. Im Gegensatz zu jenem sei Mohamed bei den Leuten wirklich beliebt. Er tue unglaublich viel für das Land und die einfachen Leute. Er sei viel unterwegs und dies oft auch spontan, ohne grosse Sicherheitsvorkehrungen und Medienrummel. Bei einem Besuch in Chefchaouen sei der König einmal ausserhalb der Stadt einem seiner Freunde begegnet. Er sei auf diesen zugegangen und habe ihn begrüsst, einfach so. "Du weisst, wer ich bin", habe er gesagt, und sein Freund daraufhin, "ja, schon, du bist derr König". Daraufhin hat der König gefragt, "est-ce qu'il y a quelque chose, que je peux faire pour toi?" So sei der König! Rabbia ist ebenso begeistert wie Hicham. Allmählich beginnt mich dieser König zu interessieren. Wie schön wäre es, wenn er wirklich wäre, wie die beiden sagen!
Seit der Zeit von König Hassan sei Marokko viel offener und moderner geworden. Der König lasse Schulen und Strassen bauen, bringe Elektrizität auf's Land etc. etc. Auch in Bezug auf den Hanfanbau tue der König einiges. In den letzten Jahren seien viele reiche Bosse der Drogenmaffia angeklagt und teils zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Mit den Hanfbauern sei es schwieriger. Das Riffgebirge, an dessen Rand Chefchaouen liegt, sei landwirtschaftlich gesehen ein schwieriges Terrain. Bauern könnten hier kaum überleben, es sei denn, sie bauen Hanf an. Dabei verdienen sie jedoch so gut, dass sie später auch dannn, wenn sie eine andere Verdienstmöglichkeit haben und aus irgendeinem Grund tatsächlich aus dem Geschäft aussteigen wollen, nicht aussteigen, weil sie dann statt 20000 Euro im Jahr nur noch zwei oder dreihundert verdienen würden. Alternative Arbeitsmöglichkeiten allein helfen da also nicht weiter. Deshalb verstärke man jetzt auch denn Druck auf die Hanfbauern. Bis vor einigen Jahren sei die Polizei, die den Hanfanbau kontrollieren sollte, sehr bestechlich gewesen, sodass man von der Seite kaum Probleme bekommen habe. Jetzt sei dies anders. Chefchaouen habe beispielsweise Photos von Gendarmen ins Internet gestellt, die sich haben bestechen lassen. Solche Gendarmen würden heute viel öfter vor Gericht gestellt oder entlassen. Damit steigt das Risiko der Hanfbauern und einige würden deshalb tatsächlich aussteigen. Die meisten dieser Aussteiger gingen allerdings nach Europa, besonders nach Spanien in den Gemüseanbau, weil sie weiterhin vom schnellen Geld träumen.
Am Abend gehe ich im Restaurant nebenan, wo ich bereits am Samstag mit Hicham, Mohamed und Jassen war, Brochette mit Gemüse essen. Ich habe das Gefühl, inzwischen tatsächlich ein klein wenig mehr angekommen zu sein und mich allmählich in meinen neuen Lebensstil zu finden.

Gefangen im Luzern Marokkos, Jawads Träume und ein paar Gedanken über Hagenbeck und Neckermann


Dienstag, 23. November 2010, Chefchaouen. Ich sitze in der Sonne gegenüber der Moschee - "nothing special, I have seen lot's of nicer Mosques", hat Steven vor zwei Tagen gesagt -, trinke meinen Morgenkaffee und lese ein wenig über Marokko. Ein Artikel von François Maher Presley auf "Suite 101" malt ein düsteres Bild: Steigende Armut, massive Korruption, steigende Kriminalität und Intolleranz ... Und Welt Online stellt im Dezember 2008 in einem Beitrag über das malerisch bunte Marakesh fest: "Es ist nicht allles Gold, was glänzt in Marakesh".
Ich bin etwas verwirrt. Was ist mit dem guten König? Ich nehme mir vor, der Sache später nachzugehen. In meinen Mails finde ich eine Nachricht von Jawad Lehlou. Er wohnt in Chefchaouen und hätte Lust, mich zu treffen. Ich rufe ihn an, um etwas mit ihm abzumachen. Er weiss nicht recht. Er sei krank. ich solle doch heute Abend noch einmal probieren. Okay. We will see. Ein anderer Couchsurfer hat sich aus Fes gemeldet. Ihm will ich noch schreiben. Dann will ich auch konkreter in Richtung Blindenschulen recherchieren und mein diesbezügliches Interesse nach Afrika hinein streuen.
Ich merke, wie es mich weiter zieht. Chefchaouen ist schön, doch so wie ich hier lebe komme ich mir vor wie ein Tourist in der Luzerner Altstadt. Natürlich sind die Gassen und Strassen in der Altstadt von Chefchaouen enger und verwinkelter als in Luzern, und natürlich sind auch die Läden und Stände anders: Einfacher, improvisierter, kleiner, und Chefchaouen ist auch sonst nicht Luzern. Aber ich bin unterm Strich dennoch nur ein Tourist: Ich sitze im Kaffee oder gehe durch die malerischen Gassen, werde bedient, bezahle hohe und sehr hohe Preise und meine, ich sei in Marokko. Dabei bin ich in einer Kunstwelt aus allerlei touristischen Angeboten, die man geniesst und absolviert. Die Menschen um mich sind nett, doch wirklich persönliche Kontakte kommen kaum zu Stande, denn der alte Ladeninhaber, mit dem ich mich gestern und heute ein wenig unterhalten habe, oder Rabbia und Achmed vom Hotel Jasmina wissen, dass ich mich nach 3 Wochen kaum mehr an ihre Namen erinnern werde. Ich bin ein Tourist, eine Ware, die bearbeitet und weitergereicht wird, einer von vielen. Diese Situation gefällt mir nicht. Mal sehen, ob und wie sich dies im Laufe der nächsten Tage noch ändert.
Inzwischen habe ich den Couchsurfer Jawad besucht. Er hütet eines der anderen Hotels in Chefchaouen, spricht davon, dass er gerne reisen möchte und dass er es heute bedauert, sein Studium vor zwei oder drei Jahren abgebrochen zu haben. er habe sich damals vorgemacht, es seiner kränkelnden Mutter wegen zu tun, um bei ihr sein und ihr helfen zu können, doch vielleicht habe ihm einfach die Kraft gefehlt, so wie ihm jetzt die Kraft zum Reisen fehle. Natürlich fehle auch das Geld, doch für ein paar Reisen innerhalb Marokkos würde es reichen ... Er entschuldigt sich, dass er so viel jammere, erkundigt sich ein wenig nach meinem Woher und Wohin, wobei er sich kaum von seinem alten Drehstuhl in dem obligaten Kabuff neben der Hoteltreppe wegbewegt. Er wendet sich während unseres Gesprächs immer wiedr dem Computer zu, schaut, ob sich in Facebook oder auf Couchsurfing etwas getan hat, tippt eine kurze Meldung und dreht sich dann wieder zu mir. Nach einer guten Stunde scheint sein Interesse an mir und der Welt draussen vollends zu erlöschen, und er zieht sich in die virtuelle Welt seiner Facebookfreunde zurück. Ich verabschiede mich. Ich stelle zufrieden fest, dass ich mich in Chefchaouen bereits ein ganz klein wenig auszukennen beginne. Von Jawad's Hotel runter zur Hauptstrasse, dann links an ein paar Ständen und dem Duft und Gerede des Sandwitch-Ladens vorbei und durch's Tor in die Medina. Dort kommt bald die Ecke, an der es so lecker nach Kaffee duftet, dann die kleine Rechts-links-kombination und der letzte Anstieg hinauf zum Jasmina Hotel. Ich gehe wie wenn ich den Weg kennen würde und versuche, Jawads Schwere und Traurigkeit hinter mir zu lassen.
ich habe im übrigen begonnen, meinen Morgenkaffee nicht mehr auf dem Platz, sondrn in einem eine Treppe hoch gelegenen Kaffee gleich neben meinem Hotel zu trinken. Der Kaffee dort ist halb so teuer und doppelt so gut als in den Restaurants auf dem Platz. An den zwei drei Tischen in dem hallenden leeren Raum sitzen ein paar Einheimische und würfeln. Ich habe keine Ahnung, was für ein Spiel sie spielen, doch das Tempo und der vom Lärm aus dem Fernseher unterstützte, manchmal fast wütende Rhythmus, in dem sie die Würfel auf den Tisch werfen und dabei reden und schreien, faszinieren mich. Die Atmosphäre ist auf eigenartig ungemütliche Weise sehr gemütlich. Ich sitze, schreibe Mails und wache langsam auf. Einmal gehe ich zu den Männern an den Tisch und gebe ihnen mit Händen und Füssen zu verstehen, wie sehr mir ihr Spiel und ihr Engagement gefällt. Sie lachen und sagen: "passer le temp. Non travail." Wäre es weniger Kalt und würde es zwischendurch nicht immer wiedr leicht regnen, könnte ich meinen Kaffee auch auf dem ruhigeren Dach trinken, doch davon wollen die spielenden Männer nichts wissen. Ich solle hier bei ihnen bleiben, das sei besser so. Zwei drei Mal während der nächsten Tage stellen sie auf meine Bitte hin sogar den Fernseher für ein paar Minuten etwas leiser.
Auch Fidel treffe ich noch ein oder zweimal. Seit ich ihm deutlich gesagt habe, dass er mich nicht mehr anbetteln solle, ist er friedlicher, sitzt neben mir und seufzt, dann lacht er wieder, stösst mich an, sagt "ça va" und lacht noch einmal. Doch viel mehr scheint in Chefchaouen nicht mehr zu geschehen.
Ich beginne mir zynische Gedanken über den modernen Tourismus zu machen: Früher gab's die Völkerschauen bei Hagenbeck und im Basler Zoo gab's 1904 auf der grossen Wiese, auf welcher später die Flamingos standen, ein Negerdorf mit richtigen Schwarzen, die man für 10 oder 20 Rappen bestaunen konnte. Wie alles hat sich auch diese Sache seither gewaltig entwickelt. Dank der modernen Verkehrsmittel können wir die Einheimischen jetzt direkt vor Ort bestaunen. Die Rollenteilung ist zwarr geblieben, aber die Gehege gleichen in keiner Weise mehr denen von vor hundert Jahren. Es wirkt alles offener und freier. Die früher üblichen plumpen Zäune und Gitter sind weitgehend durch unsichtbare Schranken ersetzt und alles ist durchh erlebnispädagogische und interaktive Momente aufgelockert. Während man seine urlaubphotos zeigt, kann man jetzt auch erzählen, wie man mit einem Eingeborenen um den Preis dieses Teppichs und jener Lampe gefeilscht oder mit ihm über das Ergehen seiner Frau gesprochen hat.
Der Vergleich gefällt mir, obschon ich damit vielleicht nur gegen meine touristische Unzulänglichkeit ankämpfe, denn Chefchaouen ist wohl tatsächlich sehr schön: Pitoreske Gassen, romantische kleine Restaurants mit grossartigen Ausblicken über die kleine Stadt und hinein in die umgebenden Berge ... Ich will nicht ungerecht werden und etwas nur deshalb abwerten, weil mir dafür im wahrsten Sinn des Wortes der Sinn fehlt. Aber ich merke doch, wie mir dieser überall propagierte Hinflieg-, Anschau- und Knips-Tourismus auf den Geist geht. Etwas daran stimmt nicht. Hagenbeck lässt grüssen. Der heutige Tourismus alls eine Art organisierten Boyeurismus. Touristen als Voyeure und die üblichen Reiseführer vom alten Bädecker bis hin zum Lonely Planet als Anleitungen zum Voyeurismus! Man müsste einmal eine zynische Abhandlung in der Richtung verfassen! Ein Plädoyé für die wahre Art zu Reisen und gegen den Toruismus von der Stange. Vielleicht mit dem Titel "Von Hagenbeck zu Neckermann und Easy Jet" oder so ähnlich! Mein Grollen tut mir gut und schon der blosse Gedanke an eine solche Abhandlung erfreut mein Herz derart, dass ich - neu belebt und mit der welt versöhnt - beschliesse, Chefchaouen und seinen touristischen Attraktionen noch eine Chance zu geben, denn das, was ich beispielsweise auf Wiki Travel über Chefchaouen lese klingt tatsächlich verlockend.
ich frage Rabbia deshalb, ob er mir einen Führer organisieren kann, der mir mehr von Chefchaouen zeigt. ich erkläre ihm, was mich interessiert und was ich mit dem Führer gerne täte. Rabbia scheint zu verstehen. Er will sich erkundigen, denkt, dass sich das machen lässt. Für Donnerstag oder Freitag. Doch danach geschieht nichts. Meine Frage scheint vergessen. Dasselbe geschieht mit dem Handtuch, welches ich auf dem Dach zum Trocknen aufgehängt habe. Wahrscheinlich hat die Frau, die bei uns putzt, das Handtuch abgenommen und irgendwo hingelegt. Rabbia und Achmed sagen beiden, sie wollen sich drum kümmern, doch auch hier geschieht nichts weiter. Ich frage noch ein oder zweimal nach, dann gebe ich auf. Es scheint überhaupt alles zu stagnieren: Von den angeschriebenen Blindenverbänden in Marokko, Senegal oder Mauretanien habe ich noch nichts gehört und meine Suche nachVolunteer-Jobs hat auch noch keine konkreten Resultate gebracht. Ich bin enttäuscht, denn das wäre immerhin ein Schritt mehr hinein ins reale Afrika. Dafür finde ich dank Abdelkader's Vermittlung einen Couchsurfer in Fes, der mich dort am Samstag Abend treffen will. Auf meine Frage, ob es nötig sei, ein Busticket im voraus zu kaufen und ob man gegebenenfalls einen Platz auch telefonisch reservieren kann, reagieren Achmed und Rabbia wiedr in freundlich unbestimmter Weise: Doch doch, möglich sei es, sie würden sich darum kümmern ... Können wir jetzt dort anrufen? - Ja natürlich, doch am Abend komme der Chef hier voorüber, dann werde er ihn direkt fragen. - Den Chef direkt fragen ... Ich verstehe nicht, was das soll, aber ich denke an die undurchsichtigen Wege indischer Buskartenverkäufe und stimme zu. Doch am nächsten Tag weiss Rabbia nicht mehr als am Tag zuvor, und als ich sage, ich werde zum Busbahnhof gehen, um ein Ticket zu kaufen, meint er, dass dies sicher das Beste sei. Man ist nett mit mir, doch ich will mehr und bin deshalb froh, als ich am Samstag im Bus nach Fes sitze.
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©Martin Näf 2010

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