Nouakchott zum Zweiten: Rein ins Geschehen. Begegnungen, Arbeit, Freundschaften

Statt drei Tage bleibe ich beinahe drei Wochen in Mauretanien. Schuld daran sind vor allem Ousmane und Sy Abdulla mit ihrer unglaublichen Energie! Erst als ich kurz vor dem Bankrott stehe reisse ich mich los und fahre in Richtung Mali weiter.

Weg von der Bettelei! Ousmane und sein Kampf



Am Tag nach meinem ersten Treffen mit dem mauretanischen Blindenverband klopfte Mom an meine Zimmertür im Restaurant Bege. Draussenn sei jemand, der mich begrüssen wollen. Der, der da war, um mich zu begrüssen, war Ousmane. Er ist der Vorsitzende des Jugendausschusses des Blindenverbands, und er war einer derjenigen, die mir am Vortag gesagt hatten, sie wollten mich unbedingt kennenlernen. Hier war er also: gross und breitschultrig, mit kräftigem Händedruck und kräftiger Stimme. Ich erinnere mich nicht mehr an unser erstes Gespräch, doch Ousmane war offenbar fest entschlossen, die Gelegenheit meines Besuches nicht ungenutzt zu lassen. Ich müsse morgen unbedingt mit ihm kommen, zuerst zur Bürgermeisterin dieses Teils von Nouakchott, dann zum Direktor des kardiologischen Zentrums im Krankenhaus, dann zum Zentrum für Mutter und Kind ... "Wir werden morgen auf eine Sensibilisierungstour gehen. Du wirst von deiner Reise erzählen und deinen kleinen Computer zeigen. Die Menschen hier müssen das sehen. Du musst mit ihnen reden. Ich warte morgen um 10 Uhr vor der Agentur der Air France auf dich. Jules kann dich doch hinbringen? He, Jules, du wirst Martin morgen dorthin bringen, gut so? Punkt zehn, okay! On va faire la sensibilisation, oui!"

Der folgende Tag war wie ein grosser Sturm: Rein ins Taxi, raus aus dem Taxi. ousmane verhandelt den Fahrpreis, sitzt vorne neben dem Taximann und erklärt ihm wohin er muss. Adressen kennt man in Nouakchott nicht. Es gibt zwar ein Verzeichnis mit Strassennamen, und man will diese in den nächsten Jahren auch bekannter machen, doch vorläufig geht's nicht ohne detaillierte Beschreibung: "Fahhr mal zum grossen Gerichtshaus. Du weisst wo das ist? Okay, sehr gut", und wenn man nach zehn oder fünfzehn holprigen und schwankenden Minuten mit geplauder und viel "ça va? ça va" und "comment Est la famille" am grossen Gerichtshaus angekkommen ist geht's weiter: "Jetzt fährst du am grossen Markt vorbei. Gut, jetzt biegst du in die zweite Piste links ein. Gut, genau hier, jetzt bis zur nächsten asphaltierten Querstrasse. Okay, gut, sehr gut. Jetzt über diese Strasse gerade aus weiter und dann, wenn's leicht rechts geht, dann sind wir da ...". Bevor Ousmane aussteigt, ruft er meist noch zu dem offenen Autofennster raus, um sicher zu sein, dass wir wirklich dort sind, wo wir sein sollten. Manchmal gibt's dann noch ein paar Extraminuten, weil der Taximann doch nicht ganz verstanden hat. Dann wird der vorher ausgehandelte Preis bezahlt und los geht's. "Komm. Komm". Anfänglich stört mich dieses "komm, komm", bei uns wär's unhöflich, diese Art zu kommandieren ohne "Bitte" und "danke" und "würdest du vielleicht", aber hier ist's normal. Ousmane nimmt mich an der Hand und zieht mich hinter sich her. Er benützt einen weissen Stock wie ich, doch 90% seiner Mobilität beruhen auf der Selbstverständlichkeit, mit welcher er die vielen immer irgendwo herumstehenden und schauenden oder plaudernden Menschen benützt: "He du dort, ist das hier der Eingang zur Bürgermeisterei? Ja, gut?" "Hallo Wache, Wache. Wir müssen zur Bürgermeisterin, kannst du uns mal da raufbringen, weisst du, wir sehen nichts, o ja, das ist sehr lieb, und wie geht's sonst, ja, wir kennen uns von früher, ich weiss. Und deine Frau? Wie geht's der? Okay, dann - he, denk daran, 5 Kinder sind genug!" Er lacht, derPortier oder wer immer uns die Treppen hochgebracht hat, lacht und geht. "Martin setz dich. Setz dich. Wir werden jetzt warten ...".

So geht's von morgens um 10 bis abends fünf. Es ist wie ein Zunami. Zwischendurch klärt Ousmane mich auf: "Weisst du, Martin. Ich kenne all diese Leute. Sie hatten alle schon mit mir zu tun. Im kardiologischen Zentrum da hab ich mich als Telefonist beworben, denn das habe ich in einem Kurs in Tunesien gelernt. Nun, sie haben mich angestellt und dann hat der Direktor gesagt, ich solle am besten zuhause bleiben. Er würde den Lohn - naja, Lohn! Hungerlohn sagen wir - also den Hungerlohn würde er jeden Monat bezahlen, aber arbeiten brauche ich nicht, denn sie hätten ja keine Telefonzentrale. Weisst du, ich hab zwwar Telefonist gelernt, aber seitdem alle Leute hier Mobiltelefone haben richtet man eigentlich keine Telefonzentralen mehr ein und diejenigen, die's noch gibt, werden oft nicht mehr gebraucht. Also gut, sagt er: bleib du einfach schön zuhause. Hab ich ihm gesagt, das komme nicht in Frage. Ich sei kein Allmosenempfänger; wenn er mich als Telefonist nicht brauchen könne, dann solle er eine andere Arbeit für mich finden. Er habe mir Arbeit versprochen, nicht Wohltätigkeit. Ich wolle sein Geld nicht, wenn er mir dafür keine Arbeit gibt! Weisst du, sie nehmen uns nicht ernst. Für sie sind blinde Menschen einfach Bettler. Sie können sich nicht vorstellen, dass wir etwas anderes wollen und dass wir irgend etwas nützliches leisten können! Deshalb müssen wir jetzt hier rumgehen. Die Leute, die kennen mich alle: Die Bürgermeisterin, mit der wir am Vormittag gesprochen haben, hat sich schon für die Anliegen Blinder eingesetzt; sie ist eigentlich sehr aufgeschlossen. Du hast ja gesehen: Ihre Türe ist immer offen und es kommen und gehen ständig Leute - ja, halt die BewohnerInnen ihres Stadtteils - um mit ihr zu reden; der Direktor des kardiologischen zentrums hat inzwischen auch ein wenig dazugelernt, aber es heisst immer, "ja, das ist Ousmane, Ousmane ist ein Fall für sich", und manche denken sicher auch, ich spinne und nehmen michnicht mehr richtig ernst. Deshalb will ich jetzt mit dir in ganz Nouakchott rumlaufen und überall zeigen: Hier ist einer, der spinnt sogar noch viel mehr als ich, einer, der alleine von Europa bis hierher reist, einer der Artikel für Zeitungen und zeitschriften geschrieben und mehr als 2,000 Bücher in seinem Computer hat! Schaut mal, das können bllinde Menschen machen, wenn man es ihnen zutraut, und wenn die nötige Infrastruktur da ist. Ich bin kein einsamer Spinner, das was ich will und euch immer predige ist möglich! Weisst du, Martin, sie müssen das sehen! Vor sich, mit ihren eigenen Augen! Deshalb will ich auch, dass du ihnen deinen Computer zeigst, damit sie sehen, wie schnell du tippen und deine Emails lesen kannst!"

Allmählich verstehe ich, was Ousmane antreibt und was er bezweckt, und unsere Auftritte werden immer professioneller. Ich begreife, dass es nicht um lange Gespräche, sondern darum geht, ein paar wichtige Statements zu platzieren, und Eindruck zu machen. Ich muss mein Licht unterm Scheffel hervorholen, und es so richtig leuchten Lassen! Dabei muss alles kurz und prägnant sein. Ein paar Worte über meine Reise - ohne Führer und Begleiter ganz allein bis nach Nouakchott, dann etwas über mein berufliches Engagement, alles volltönend, und dann eine Rede darüber, was blinde und anderswie behinderte Menschen in Europa alles zustande bringen, und wie wichtig es dabei ist, dass nicht behinderte Menschen, wie sie, Frau Bürgermeisterin oder sie Herr Kardiologiezentrumsdirektor sich mit ganzer Kraft für ihre rechtliche Gleichstellung einsetzen. Dabei klappe ich schon das Netbook auf, welches in meinem kleinen Rucksack stets mit dabei ist, denn die Audienz kann jederzeit durch einen anderen Besucher oder durch einen Anruf unterbrochen werden und dann ist die Chance vorbei. "Ich weiss, dass Sie sich der Probleme bewusst sind, und ich möchte Sie doch ermutigen, im Namen aller blinden Menschen, den Kampf nicht aufzugeben und ...". Dann ist Ousmane dran, denn er hat unsere Stationen nicht zufällig ausgesucht. An jedem Ort hat er ein konkretes Anliegen. Er fragt, ob es nicht möglich ist, eine der TelefonistInnen, die eben ihre vom mauretanischen Blindenverein organisierte Ausbildung abschliessen, anzustellen, und was aus der Idee geworden ist, einen Einführungskurs für blinde Computeranwender mit zu finanzieren. Je nach Verlauf ergibt sich tatsächlich ein Gespräch; manche der Besuchten Personen wirken wirklich interessiert, bei anderen ist das Interesse wohl eher vorgetäuscht. Meist zeige ich noch kurz mein Outlook Express und tippe etwas, damit sie sehen, wie ich mit meinem Ding umgehe.

Ousmane nützt meine Anwesenheit voll aus. Es ist wie wenn man ihm für ein zwei Tage einen Hammer überlassen hat und jetzt arbeitet er damit so viel er kann: "Du bist der Botschafter für uns Blinde", erklärt er mir während wir in einem weiteren Gang auf einen neuen Auftritt warten: "Für dich ist das, was du sagst, vielleicht banal, aber für die Menschen hier ist das völlig neu, Die haben das noch nie gesehen. Die müssen sehen, was ein blinder Mensch in Europa zustande bringt, damit sie endlich glauben, dass wir dies wirklich können, und damit sie mich nicht weiterhin so leicht als Ausnahme und Sonderfall behandeln können. Wirklich, Martin, wir müssen durch ganz Nouakchott und an alle Türen klopfen! Die Dinge müssen sich ändern!"

Ousmane musste und muss sich in seinem Leben immer wieder dagegen zur Wehr setzen, in die Bettelei abgedrängt oder zum Almosenempfänger gemacht zu werden. Eine Episode war für ihn offenbar entscheidend. Er war damals 14 Jahre alt. Zwei drei Tage nach unserer ersten Bekanntschaft erzählt er mir davon, während wir uns in meinem Zimmer im Bege etwas ausruhen: "Mein Vater und meine beiden Brüder waren damals schon weg in Ginea, und meine Mutter war neu in Mali verheiratet als ihre Schwester mit mir in Senegal war. Auf dem Rückweg machten wir halt bei ein paar Verwandten. Meine Tante fragte mich, ob ich nicht ein wenig mit ihr spazieren gehen würde. Dann gingen wir durchs Dorf und sie begann überall von mir und meinem harten Schicksal zu erzählen und jammerte darübber, dass wir nicht einmal das Geld hätten, nach Nouakchott zurückzukehren. Ich wurde so wütend, als ich merkte, was sie da mit mir machte, und ich hab mich so geschämt! Im Haus eines ziemlich reichen Mannes sass ich auf einem Stuhl und sie redete und weinte, dann kriegte sie ein dickes Couvert - ich weiss nicht, wie viel da drin war! -, und wir gingen wieder Heim. So ist das hier bei uns. Wir werden zum Betteln erzogen und als Bettler missbraucht. Es geschieht aus Dummheit und Hilflosigkeit, wobei die Familien die Behinderung oft skrupellos ausnützen, egal wie sich ihr behindertes Familienmitglied dabei fühlt. Als meine Tante mich am nächsten Tag wieder fragte, ob ich mit ihr spazieren gehen wolle, sagte ich nein, ich fühle mich nicht wohl. Weisst du, wir sagen nicht einfach so "nein". Gehorsam ist bei uns wichtig, aber in mir drin! Ich wwar so wütend. Als wir in Nouakchott waren, hab ich der Tante gesagt, sie brauche sich nicht mehr weiter um mich zu kümmern, ich würde schon allein zurecht kommen. Sie war geschockt und beleidigt, aber ich gin. Ich ging zu einer Frau, die ich von früher kannte, und bat sie mir zu helfen. Ich sagte ihr, dass ich in die Blindenschule wolle, um meine Schulzeit fertig zu machen, und dass ich einen Ort zum wohnen brauche. Sie sagte, "gut" und nahm mich bei sich auf. Ich blieb drei Jahre bei ihr."

Vereinsdynamik, Computer und Sy Abdoullaye



Als ich Mohamed Salem am Tag nach unserer grossen Sensibilisierungskampagne erzählte, dass Ousmane und ich seine Idee einer "Caravanne Braille" am Tag zuvor bereits kräftig in die Tat umgesetzt haben, war er etwas pickiert, denn so etwas müsste doch besser koordiniert und vorbereitet werden. Ousmane sagte nichts, doch die Reaktion kränkte ihn. Mich machte eher die Tatsache stutzig, dass Ousmane gar nichts vonn Mohameds Idee der "Caravanne Braille" zu wissen schien, und dass sie innerhalb ihres Vereins auch noch nie über das Projekt der Spezialklassen für Blinde diskutiert hatten, von welchem er mir am Samstag erzählt hatte. Es scheint überhaupt nicht so gut zu klappen mit der internen Zusammenarbeit. Man mag sich zwar irgendwie und der Umgangston ist freundlich, doch Zuständigkeiten und Arbeitsweisen sind kaum geregelt. Ich habe den Eindruck, dass es auch in diesem Bereich noch einiges zu tun gäbe.

Als Ousmane und ich am Montag Mittag kurz in den Räumen des Blindenverbandes vorbeischauen - alle hier sprechen nur immer vom "Sitz" - lerne ich auch Sy Abdoullaye kennen. Er ist mitte 50 und hatte vor seiner Erblindung vor rund 20 Jahren einen technischen Beruf. Jetzt betreut er die vier oder fünf mehr oder weniger funktionstüchtigen Computer des Vereins. Er nimmt mich gleich in Beschlag und erzählt mir von seinen Computerproblemen. Wir verabreden uns für den folgenden Nachmittag, und von da an sehe ich ihn fast jeden Tag.

Sy Abdoullaye ist innerhalb des Vereins vermutlich derjenige mit den besten Jaws-Kenntnissen, das heisst mit den besten Kenntnissen des auch in Mauretanien benützten Spezialprogramms für Blinde, welches ihre PCs zum sprechen bringt und ihnen mittels zahlreicher besonderer Funktionen hilft, sich in gewöhnlichen Anwendungen wie Word, Outlook oder Skype und im Internet zurechtzufinden. Obwohl seine Kenntnisse noch bescheiden sind, und er sehr langsam arbeitet, macht es grossen Spass ihm zu helfen, denn er ist klug, er arbeitet systematisch, er versteht meist sehr genau, was ich ihm erkläre, und er ist unermüdlich. "Weisst du, Martin, jetzt bist du hier, jetzt will ich dich alles fragen, was ich nicht weiss! Du kannst mir so viel zeigen, und nachher bist du wieder weg!" Wir arbeiten oft drei vier Stunden. er schliesst sogar die Tür seines Büros und hat sein Handy ausgeschaltet, was ganz unüblich ist. Normalerweise geschieht hier alles in einem grossen Durcheinander. Menschen kommen und gehen, unterbrechen einem, egal, was man gerade tut, laufen weg, ohne zu sagen, ob und wann sie zurückkommen, brechen eine Arbeit ab, ohne sich darüber zu verständigen, wann man sich zur Weiterarbeit trifft. Nicht so Sy Abdoullaye. Wenn ich ganz k.o. Feierabend machen will, fragt er, wann wir uns morgen treffen können, und wenn ich weggehe, so bleibt er und arbeitet weiter. Nur hie und da unterbricht er kurz, weil es wieder einmal Zeit zum beten ist oder weil auch er gelegentlich auf's Clo muss. Schon nur seinetwegen hat es sich gelohnt, von Basel aufzubrechen und hierher zu kommen!

Im Laufe der Zeit merke ich, wie gross die Menge der Computerprobleme am "Sitz" tatsächlich ist. Um all diese Probleme zu lösen, und die ganze EDV-Infrastruktur des Vereins auf eine einigermassen solide Grundlage zu stellen bräuchte es 1. ein Konzept und 2. einen Fachmann für alle das Betriebssystem und die Wartung der PCs betreffenden Fragen. Sy Abdoullaye sieht das genauso; er hat manchmal auch einen sehenden Freund, der ihm bei der Installation neuer Programme und bei der Lösung grösserer Probleme hilft. Doch die zur Zeit bestehenden Schwierigkeiten sind so gravierend, dass das nicht reicht. Ich spreche mit Sy Abdoullaye, Mohamed und Ousmane darüber und versuche ihnen klarzumachen, dass sie keine sinnvolle Schulung für blinde Menschen durchführen können, wenn Jaws, das auch in Mauretanien benutzte Spezialprogramm für Blinde nicht richtig installiert sei, wenn ihre Systeme nicht richtig laufen, weil sie beispielsweise völlig verseucht sind, und wenn jeder auf jedem Computer alles machen und damit auch jederzeit alles wieder durcheinander bringen könne, weil alle mit Administratorenrechten arbeiten und sie auch nicht klar zwischen Büro- und Schulungscomputern unterscheiden. Ousmane, der unermüdliche Netzwerker, macht mich mit einem seiner jüngeren Onkel bekannt, der genau der richtige scheint, die notwendige Basisarbeit für den Verein zu leisten. Mohamed hat allerdings einen anderen Kandidaten, und dann ist da noch der Freund von Sy Abdoullaye ... Ich empfehle Ousmanes Onkel, doch ich fürchte, dass man sich für Mohameds Kandidaten oder für gar nichts entscheiden wird, sodass Sy Abdoullaye wohl noch für eine Weile mit einem halbfunktionierenden PC zurecht kommen muss.

Meine Lust überall zuzupacken ist gross; ich sehe viele Defizite und viele Möglichkeiten. Ich rege Mohamed Salem gegenüber die Gründung einer Mailingliste an, welche blinden und sehbehinderten Menschen quer durch Afrika die Möglichkeit gäbe, intensiver als bisher miteinander zu kommunizieren. Mohamed ist begeistert und ermuntert mich sofort, diese Mailingliste einzurichten. Ich sage ihm, wie wichtig es mir scheint, das der Verein sich unbedingt viel mehr als bis jetzt mit der besonderen Situation sehbehinderter Menschen und den in diesem Bereich vorhandenen Hilfsmitteln befassen müsse, statt alle sehbehinderten Menschen zu behandeln, als ob sie völliig blind wären. Ich erzähle ihm von speziellen Vergrösserungsprogrammen für Computer und von Bildschirmlesegeräten. Er ist sehr interessiert und fragt mich, was ich in der Richtung für sie tun könne. Das ist Mohamed Salem: Aufgeschlossen und interessiert, aber immer mit dem Blick auf die von aussen kommende Hilfe, da sie ja das Know-How nicht hätten oder da es ihnen an Geld fehle. Je öfter ich diese Reaktion bei ihm wahrnehme, desto wirkungsloser werden seine Appelle, und desto klarer und freundlicher kann ich ihm auch sagen, dass ich dies leider häufig für eine ziemlich billige Ausrede halte.
Ousmane stimmt mir darin zu. Für ihn ist es klar, dass es nicht meine Aufgabe ist, die Probleme des mauretanischen Blindenverbandes oder die Probleme seines Landes zu lösen. "Ihr könnt helfen, aber tun müssen wir es und es stimmt: Wir sagen oft, für dies und jenes fehlt das Geld, dabei ist das erste, was fehlt nicht das Geld, sondern die Entschlossenheit, eine Sache anzupacken, die entschlossenheit und vielleicht auch die Erfahrung, aber wie sollen wir die Erfahrungen jje sammeln, wenn wir uns nicht auf den Weg machen und unsere Probleme zu lösen versuchen."

Ousmane hat schon einiges Zustande gebracht, und er versucht überall zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird. An einem Nachmittag sitzen wir zusammen in einem tunesischen Kaffee, als sich ein junger Mann zu uns setzt und mit uns zu reden beginnt. Da er nur Spanisch und Hassani sprichht, verstehe ich nur halb, was er erzählt, doch Ousmane beginnt nachzufragen und sich ein Bild von dem zu machen, was der Mensch von uns will. Schhliesslich sagt er ihm, dass er sich per Mail an den spanischen Botschafter wenden und diesen um ein Gespräch bitten solle. Am nächsten Tag treffen wir den verträumten Jüngling erneut, und er liest uns voller stolz vor, was er dem Botschafter geschrieben hat. ich weiss nicht, ob die zwei inzwischen miteinander gesprochen haben, und ob der Botschafter helfen konnte, doch die Art, wie Ousmane zugehört und nachgefragt hat, hat mich beeindruckt. Ein andermal stellt er mich dem katholischen Bischof von Nouakchott, einem deutschen namens Martin vor, weil ich gesagt habe, wie gerne ich wieder einmal deutsch sprechen würde. Tatsächlich wächst mir das dauernde Französisch sprechen hie und da über den Kopf. Als mir der äusserst liebenswerte und sympathische Bischof von einigen Projekten seiner Kirche erzählt und dabei auch ein Mutter-Kind-Zentrum erwähnt, mischt Ousmane sich ein und fragt, ob sie dort nicht eine Ernährungsberaterin brauchen könne, denn seine Tante, die jahrelang in diesem Bereich für Terre des Hommes gearbeitet habe, suche eine solche Stelle, da Terre des Hommes das entsprechende Programm vor einigen Jahren beendet habe. Der Bischof ist nicht abgeneigt. Ousmane solle doch einmal ihre Papiere vorbeibrinngen. Zwei Tage später sind die Papiere beim Bischof. Auch in diesem Fall weiss ich nicht, ob die Tante, es ist die Frau, die Ousmane als 14jährigen Jungen bei sich aufgenommen hat, inzwischen für den Bischof arbeitet, doch die Papiere sind immerhin deponiert und die Verbindung ist hergestellt. "Il faut frapper à la porte, toujours, il faut bouger!"

ousmane steht am Strassenrand und horcht auf den vorbeiziehenden Verkehr. Plötzlich ruft er "Taxi, Taxi" und da hält tatsächlich ein Wagen. Wie weiss er bloss, dass dies ein Taxi ist. "Bon, ce sont des Mercedes." Ach so, natürlich, Mercedes ... Ich denke an Ousmane und seine Energie und wünsche mir sehr, dass ich ihm bei seiner Arbeit helfen kann.

Ousmane's Tante, die Pirogen der Fischer und Amadous Scham wegen des Lesens



Seine Arbeit, das ist u.a. ein Verein namens "Nouvelle Génération". O nein, das seien keine blinden menschen, naja ein paar, so wie er, nein, das seien einfach junge Leute. Er habe den Verein gegründet, um etwas zu tun, um den Menschen ein Ziel zu geben. Die beiden Filmprojekte waren Projekte dieses Vereins. Er wolle nicht nur für die Blinden arbeiten. Ihre Situation sei oft schwierig, aber die Situation anderer sei genau so schwierig! O, ob ich einmal mit seiner Tante reden wolle? - "Mit deiner Tante? Weshalb?" "Nun, damit du ein Bild von dem kriegst, was hier los ist. Weisst du, die Tante, die bei Terre des Hommes war und die mich damals aufgenommen hat." ich bin einverstanden, obwohl mir bei solchen Begegnungen meist nicht recht wohl ist. Ich habe das Gefühl, man erwarte etwas von mir, bestimmte Fragen oder eine bestimmte Art der Höflichkeit, vielleicht auch Hilfe oder irgend ein neunmalkluges Wort aus dem Mund eines weissen Expertn ... Jetzt sitzen wir in der Küche seiner Tante ... naja "in der Küche" erweckt vielleicht einen verkehrten Eindruck, denn die Küche ist eher ein offener Anbau am Hinteren Ende eines Ganges, auf deren einen Seite der Salon, das Zimmer der Tante und das Zimmer der Kinder liegen. Hinter der Küche, nur durch einen Zaun getrennt, stehen ein paar Schafe und ein Bock. Sie beteiligen sich rege an der Unterhaltung, die allerdings, wie ich befürchtet habe, nur langsam in Gang kommt. Die Tante sitzt auf der Erde und hebt kaum ihren Kopf, während sie ein wenig von ihrer früheren Arbeit erzählt. Sie klagt darüber, dass Terre des Hommes das Mutter-und-Kind-Programm damals eingestellt habe. Ich versuche zu verstehen, doch ich merke, wie schwer es mir fällt. Sie spricht zu undeutlich, und ich bin bald in den von ihr benutzten Begriffen verloren. Schliesslich ergreife ich die Flucht nach vorn und frage sie, was sie denn jetzt tue, wo sie keine offiizielle Arbeit mehr habe. Sie beginnt leise zu erzählen: Frauengruppen, einmal pro Woche, hier im Haus. Nachbarinnen, arme Frauen. Jetzt schaut sie mich an: "Wissen Sie, die Frauen hier, viele sind allein mit ihren Kindern, sie müssen sie füttern, müssen für ihre Kinder arbeiten, und sie wissen oft nicht, woherr das Geld für das Abendessen kriegen. Sie sind den ganzen Tag weg, auf dem Markt und versuchen ein oder zwei tausend Uguya zu verdienen, und die Kinder sind allein zuhause. Ich versuche den Frauen zu erklären, wie sie ihre Kinder mit fast nichts trotzdem gesund ernähren können. Ich versuche ihnen auch sonst zu helfen. Wir sprechen über Hygiene, familienplanung und all diese Dinge, aber es reicht nicht. Wir haben ja keine Mittel. Ja ich arbeite mit anderen Frauen, aber wir können kaum helfen. Wenn ich etwas Geld habe, dann kann ich denen, die am schlechtesten zurecht kommen, ein Bisschen etwas geben. Das, was hier wirklich teuer ist, das sind die Kohlen zum Kochen und das Öl, also kaufe ich manchmal etwas Öl für eine Frau oder einen Sack Kohlen." Während sie erzählt sitzt ihr 14jähriger Enkel neben ihr. Er hört zu. Neben ihm sitzt ihre Tochter und schneidet Gemüse. Es ist eng in der Küche. Überall sind Fliegen. "Wir versuchen immer wieder, jemanden zu finden, der unsere Arbeit finanziert, denn das, was wir tun, das reicht nicht. Wir bräuchten ein richtiges Zentrum mit täglicher Beratung, mit medizinischer Hilfe, mit Ernährungsberatung, mit finanziellen Möglichkeiten ...". Nach einer halben Stunde brechen wir auf. Ich danke Ousmane's Tanbte, dass sie mir dies alles erzählt habe, da ich diese Welt nicht kenne und die Armut, die sie beschrieben hat, auch nicht sehen könne. Ousmane ist zufrieden. "Sie ist eine gute Frau. Sie hat selber nichts, aber sie hilft immer und setzt sich immer ein."


Ousmane und ich am Atlantikstrand bei Nouakchott


Am Freitag, dem 24. Dezember fahren wir ans Meer. Der Freitag ist im muslimischen Mauretanien der eigentliche Sonntag. Ousmane bringt Amadou und zwei junge Frauen mit, seine kleine Schwester und die kleine Schwester von Amadou. Amadou ist ein Mitglied der Gruppe der "nouvelle Génération" und ein guter Freund von Ousmane. Er ist anfang oder mitte zwanzig, hochgewachsen und unglaublich schlank.

Amadou kümmert sich rührend um mich, lässt mich auf dem Fischmarkt alle Fische anfassen, zeigt mir die Stände und klettert mit mir über die grossen, auf dem Strand aufgebockten Piroguen, die man hier zum Fischfang braucht. Es sind klobige, offene Boote mit einem starken Aussenbordmotor. Ihr Kiel wird von einem von hinten bis vorne durchgehenden, massiven Stamm gebildet. Er hat eine Lebensdauer von 15 bis 17 Jahren. Der Rest des Bootes muss alle 3 bis 4 Jahre völlig erneuert werden.


Pirogen auf dem Strand bei Nouakchott. Fischer verbringen oft eine Woche auf dem offenen Atlantik in diesen Booten.

Die Fischer sind manchmal eine Woche oder länger unterwegs, wobei ihr Fang von andern Booten abgeholt und an Land gebracht wird, da sie an Bord nur über einige eisgekühlte Boxen zur Lagerung der Fische verfügen. Wenn ein Boot zurückkehrt ist dies immer ein grosses Ereignis, an dem sich viele helfend, lachend und zuschauend beteiligen. Das Boot wird entladen, der Motor abgeschraubt und dann wird es unter rhythmischen Rufen und Singen von einem Team von Bootschiebern auf den Strand geschoben. Dabei liegt der schwere Kiel auf leeren Gasflaschen, und eine Reihe von Männern sorgen links und rechts dafür, dass das Boot nicht umkippt.


Eine Piroge auf dem Land mit Männern und Kisten.

Mich alten Segelfän und Nostalgiker interessiert dies alles sehr, während ousmane ständig zum Weitergehen drängt. Er will Kuchen essen und dies nicht erst um Mitternacht! Vor allem will er Aktion. Zwischendurch schnappt er deshalb meine Hand und ziehht mich von den Pirogen fort. Er lacht: "ich hab dir gesagt, ich bin kein geduldiger Mensch. Es gibt dafür einfach zu viel zu tun."

Bevor wir uns im Sand zum Kuchenessen und Kokatrinken niederlassen will ich jedoch noch schwimmen.

Ousmane und ich im Atlantik am 24. Dezember 2010

Diesmal bin ich es, der den plötzlich ganz zögerlichen Ousmane hinter sich herzieht. Er kann nicht schwimmen und diese ganze Wassersache ist ihm nicht recht geheuer. Aber die Tatsache, dass wir beide offenbar das Gespräch des ganzen Strandes sind, gefällt ihm: "Ich sag dir, die werden die ganze Woche davon reden und das ist gut so!"


Nicht lesen und schreiben können ... Amadous Geschichte


Während der anschliessenden Kuchenesserei beginnt Amadou, der nicht nur mein Führer, sondern auch unser Hofphotograph ist, ein wenig von sich zu erzählen. er arbeitet als Chauffeur für einen angestellten des Justizdepartements und dessen Familie. Er muss jeden Tag von acht Uhr vormittags bis acht uhr abends bereit sein, falls seine Dienste gebraucht werden. Nurr am Freitag hat er frei. Früher habe er als Karosseriemaler gearbeitet, doch musste er damit wegen gesundheitlicher Probleme aufhören.


Amadou und ich am Strand von Nouakchott


Seine Arbeit sei eigentlich nicht schlecht, nur verdiene er leider fast nichts. 60 euro im Monat. Er wohnt nicht bei seinen Arbeitgebern, sodass das Geld auch für seine Unterkunft reichen muss. Er suche dauernd nach einer besseren Arbeit, aber er finde einfach nichts, weil er nicht lesen und schreiben könne. "Ja, Martin, das ist wirklich mein Traum, aber mein Vater liess mich nicht zur Schule gehen und jetzt kann ich eben nichts, und wenn ich mich irgendwo bewerbe heisst es immer, können Sie lesen? Können Sie schreiben? Und wenn ich nein sage ist's wieder nichts mit der Arbeit." Es klingt ein wenig wie ein Geständnis.

ich frage Amadou, ob er sich schäme, dass er nicht schreiben könne. Er sagt, "natürlich. Ich bin doch erwachsen; ich sollte es doch können, und ich kann es nicht, und einen Kurs kann ich auch nicht nehmen, weil ich das Geld dazu nicht habe und weil ich jeden Tag bis um acht uhr abends arbeiten muss." Ich sage ihm, dass man auch ohne Kurs und ohne Lehrer lesen und schreiben lernen könne. "Weisst du, so wie Kinder, die lernen ja auch viel, weil sie dauernd kucken und fragen und wieder fragen." Und Ousmane pflichtet bei: "Ja, genau so wie du französisch gelernt hast. Einfach durchs Zuhören und Probieren und Fragen." "Ja, aber mein Französisch ist nicht gut." "Amadou, was heisst dein französisch ist nicht gut", schimpft ousmane. "Du redest und du kannst dich unterhalten, darauf kommt es doch an. Dass du manchmal einen Fehler machst ist doch ganz egal. Lass die andern dich auslachen, wenn sie so blöd sind! Überleg doch mal: Wieviele Menschen wie du, die nicht in die Schule konnten, können so gut französisch wie du? Die meisten können überhaupt nichts, und viele von denen, die in die Schule gegangen sind, trauen sich nicht zu sprechen, weil sie dauernd Angst haben, einen Fehler zu machen." "Ja, ich probier's einfach, weil ich sprechen will, aber die anderen lachen."

Ich habe bis dahin überhaupt nicht daran gedacht, dass französisch für Amadou eine Fremdsprache ist. Französisch ist zwar in den meisten westafrikanischen Ländern Nationalsprache, aber viele Menschen kommen in ihrem Alltag kaum je mit dieser Sprache in Berührung. Sie sprechen eine oder mehrere der vielen lokalen Sprachen. Französisch ist die Sprache der Schule und der Beamten. Ich sage Amadou, dass ich bis jetzt gar nicht über sein französisch nachgedacht habe, dass es aber doch ein Beweis sei, wie viel er ohne Lehrer und ohne Schule lernen könne! Dann frage ich ihn, ob es in Nouakchott auch Schilder und Plakate gebe, und wir sprechen darüber, welche buchstaben oder Worte er bereits ein wenig kennt. Schliesslich sage ich ihm, dass es auch Bücher gebe, mit denen man ganz allein lesen und schreiben lernen könne. Er ist neugierig, sagt, dass er sich das eigentlich vorstellen könne, und dass er tagsüber ja häufig Zeit habe, wenn er irgendwo im Auto sitze und auf die Madame oder den Monsieur warte. Es stimme, er könne ja andere fragen, was auf diesem oder jenem Schild stehe und nach einer Weile würde er sich dann immer besser zurechtfinden und erinnern. Ich sage ihm, dass ich mich auf die Suche nach einem Büchlein machen würde, mit dem er lernen könne, und dass ich ihm dies und ein Heft und einen Bleistift schenken würde. Er ist berührt. "Ja, ja. Ich werde es lernen. Ich kann es lernen und dann werde ich dir schreiben! Ich muss es einfach tun und nicht denken, dass es sowieso zu spät ist." "Voilà, c'est ça", stimmt Ousmane zu. "Du musst es einfach tun und du kannst es", und ich sage, "und Ousmane wird dich zwischendurch fragen, wie's mit dem Schreiben und Lesen geht."

Ich frage mich, ob Amadou nicht schon dutzende ähnlicher Gespräche hatte, oder ob das Gefühl, dass man lesen und schreiben nur in einem Kurs oder einer Schule lernen kann, wirklich so verbreitet ist, dass niemand mehr darüber nachdenkt, wie man diese Künste auch ohne einen solchen rahmen lernen kann. Dass man es kann, zeigen uns ja die vielen Kinder, die bereits vor Schuleintritt können, was sie erst dort lernen sollen. Ob der Same bei Amadou wirklich aufgeht? Es klingt eigentlich zu einfach, aber wer weiss, vielleicht hat es tatsächlich nur dieses Gespräch gebraucht! Er kommt in den nächsten Tagen jedenfalls noch hie und da auf das Thema zu sprechen, und als ich ihm vor meiner Abreise tausend Uguya gebe, weil es mir nicht mehrr gereicht hat, ihm das versprochene und inzwischen tatsächlich ausfindig gemachte Büchlein zu kaufen, klingt er zuversichtlich. "Ich werde dir schreiben!"

Djaia, der gelähmte Heilige, Projektideen, der Kongo-Plan und das grosse Good Bye!


Auf dem Rückweg in die Stadt machen wir noch bbei einem weiteren der vielen menschen halt, die ich unbedingt kennenlernen muss. Es ist Djiaia. Er liegt im zweiten Stock eines Hauses in einem ruhigen, von einem Ventilator angenehm gekühlten Zimmer. Er ist seit früher Kindheit gelähmt. Es war eine Krankheit, vielleicht Kinderlähmung, ich weiss es nicht. Als wir eintreten ist er eben am Telefon. Er ist schwer zu verstehen, murmelt eher als dass er spricht und lacht immer wieder. Mit hilfe eines Stöckchens, welches er in einer Hand hält kann er mühsam den Ventilator und sein Handy bedienen. Doch sonst ist er auf ständige Hilfe angewiesen. "Es war schon immer so, seit ich mich erinnnern kann", erzählt mir Djaias jüngerer Bruder nachdem unsere Audienz beendet ist. "Er kann nichts machen. Wir sind eben da und helfen."


Yaya mit seinem Telefonierstöckchen

Ousmane hat mir auf dem Weg zu Djaias Haus erklärt, dass dieser andauernd von zahllosen Menschen besucht werde, die bei ihm Rat und Hilfe suchen. "Weisst du, Djaia hat das Ohr Gottes. Er spricht immer mit ihm, und durch Djaia wirkt Gott. Als er ein junge war, liess er sich einfach nicht in seine Ecke schieben. Er hat seiner Familie gesagt, sie solten ihn nicht verstecken, er wolle Freunde wie alle anderen auch, und heute kommen grosse Leute zu ihm, und er ernährrt durch seine Arbeit die ganze Familie." Auch wenn mein Besuch bei Djaia nicht über einen Höflichkeitsbesuch hinaus ging, so ist seine Geschichte doch erstaunlich: Ein physisch völlig abhängiger Mensch, der in einem Land grösster Armut seine ganze Familie ernährt! "Ja, es ist seine Nähe zu Gott" sagt der sonst so nüchterne Ousmane noch einmal.

Mit Sy Abdoullaye, Mohamed Salem und Ousmane spreche ich immer wieder über mögliche Projekte und über die Frage, was ich oder was "die Schweiz" dazu beitragen könne, unbd welche Resursen sie selber zur Verwirklichung einerIdee anzapfen können. In den letzten Tagen meines Aufenthalts in Nouakchott nimmt vor allem ein Gedanke konkretere Formen an. Es ist ein Alphabetisieurngskurs, den Ousmane im Rahmen der "Nouvelle Génération" anbieten möchte. Dabei ginge es nicht nur ums reine Lesen und Schreiben, sondern auch um die persönliche Situation der TeilnehmerInnen, um ihre Hoffnungen und um ihre beruflichen und persönlichen Möglichkeiten. Zu Beginn würde die Alphabetisierung in einer der lokalen Sprachen durchgeführt, im zweiten Jahr würde man dann auch Französisch mit einbeziehen. Es wäre ein Kurs, der alles in allem vielleicht drei Jahre dauert und der stark von den Interessen der Beteiligten mitgepräft wird. Man würde sich einmal pro Woche treffen, vermutlich am ehesten am Freitag Nachmittag, denn der Freitag ist in Mauretanien arbeitsfreier Sonntag. Ousmane trägt die Idee schon länger in sich. "Wir bräuchten Geld, um Lehrer engagieren und gewisse Unkosten abdecken zu können." ich sage, dass auch der Projektleiter bezahlt werden müsse, und dass Ousmane ja dieser Projektleiter seinn könnte. Ich traue es ihm zu. Er hat die geistige Beweglichkeit, die Beziehungen und die menschliche Integrität ein solches Projekt zu leiten, und ich würde mich freuen, wenn er auf diese Weise mehr Boden in der Arbeitswelt gewinnen könnte. Ich verspreche ihm, zuhause nach Menschen zu suchen, die dieses Projekt unterstützen würden, dass er dazu aber einen konkreten Projektentwurf schreiben müsse ... Wir lassen die losen Enden dieser und einiger anderer Ideen vorerst einmal in der Luft baumeln. Die Zeit reicht nicht für definitive Beschlüsse, aber das Gefühl, dass die Dinge sich hier weiterentwickeln werden, und ich vermutlich nicht zum letzten Mal inNouakchott war, ist stark. .

Obschon ich Nouakchott eigentlich nicht verlassen wollte, begann meine Zeit dort knapp zu werden. Inzwischen hatte nämlich eine Idee konkrete Form angenommen, die mich bereits in Marokko zu beschäftigen begann. Es war der Plan, ab Februar 2011 für drei Monate in der Université Panafricaine de la paix in Uvira im Ostkongo mitzuarbeiten. Ein Couchsurfer hatte mich auf dieses Projekt aufmrksam gemacht, nachdem er in einem der Couchsurf-Foren eine Anzeige gelesen hatte, in der ich nach Möglichkeiten der Freiwilligenarbeit in Afrika gefragt hatte. Ich hatte danach mit dem Initianten des Projektes Kontakt aufgenommen, und nach ein paar Mails war mir klar, das ich nach uvira fahren würde. Ich hatte vorher zwar nicht daran gedacht, einen solchen sprung zu machen, aber weshalb nicht. Die Projektidee war zu reizvoll und auch die Idee, über land quer durch Afrika bis in den Osten des Kongo zu fahren reizte mich. Denn dass ich nicht fliegen würde stand für mich von Anfang an fest. Mittlerweile hatte ich auch eine ungefähre Idee, wie die Reise zu schaffen wäre: Via Mali und burkina Faso nach Niger, wo ich mich ja noch mit Ismael treffen wollte. Von dort durch Nigeria nach Kamerun und von dort durch Gabon nach Kongo Brazavill, dem "kleinen Kongo". Dort müsste ich nur noch über den Fluss und ich wäre in Kinshasa, derr Hauptstadt der demokratischen Republik Kongo. Da dieses riesige Land verkehrstechnisch noch sehr schlecht erschlossen ist, würde ich von dort vermutlich noch etwa zehn Tage bis zwei Wochen brauchen um nach Uvira zu kommen. Es war also höchste Zeit, mich auf den Weg zu machen.

Wir hatten eigentlich vor, an Silvester so eine Art Abschiedsparty in den Räumen des Blindenverbandes zu geben. Open House. Wer kommen will, der kommt, es gibt ein wenig zu essen und zu trinken und die Gelegenheit zusammenzusitzen und zu reden. Ousmane hatte den Vorschlag gemacht, und ich war einverstanden. Ich würde also endgültig am 1. Januar abreisen. Als ich Ousmane zwei Tage vor dem Event fragte, wieviel so ein Abend ungefähr kosten würde, bat er mich, ihm für die Antwort einen Tag Zeit zu geben. Als ich mit ihm tags darauf die Einzelheiten unserer Party besprechen wollte, zögerte er. Dann holte er zu einer langen Rede aus, in der er mir darlegte, dass ich zuerst an die Kosten denken müsse, die in den nächsten Tagen auf mich zukämen, denn ja, du willst ja noch weit und so eine Reise kostet! "Du hast das Visum gekauft und die Medikamente gegen die Malaria, und morgen wirst Du die Fahrkarte kaufen und unterwegs wirst du ein wenig Geld brauchen um zu essen, tu comprends? Und wenn du in Bamako bist brauchst du auch ein wenig Geld und im Bege musst du noch dein Zimmer bezahlen und nun ja, du hast ja versucht, hier deine Kreditkarten zu benützen, aber da dies nicht funktioniert hat, meine ich eben, diese Rechnung muss zuerst gemacht werden, denn siehst du, du willst ja weiterreisen, und da musst du eben auch an dich denken. So ist das halt mal im Leben, verstehst du?" ich verstand, und zu meiner grossen Überraschung und Bestürzung stellte ich fest, dass Ousmanne recht hatte. Auch wenn ich meine letzten 50 euro in die Schlacht werfen würde, würden mir bei nüchterner Betrachtung der Dinge zum Zeitpunkt meiner Abfahrt gerade noch 7 oder 8 Euro bleiben. Damit war der Plan der Abschiedsparty gestorben, und nachdem ich am Freitag Nachmittag noch einmal eine gute Stunde mit dem unermüdlichen Sy Abdoulaye vor seinem Computer gesessen war, verbrachten Ousmane und ich den Abend zusammen mit Amadou. Zuerst waren wir im Bege und betitelten die eine Woche zuvor am Fischmarkt entstandenen, seither in mein Netbook transferierten Photos. Dann sassen wir noch ein letztes Mal bei den Tunesiern und gegen neun sagten wir einander tschüss. Obwohl er dann sicher weinen müsse, hatte Amadou mir angeboten, mich am nächsten Tag um sechs Uhr in der früh beim Bege abzuholen und mich zum Bus zu bringen. Ob er geweint hat, weiss ich nicht. Er hat mir im Gedrängel vor dem Bus noch einen Begleiter organisiert, einen Mitreisenden, der auf mich aufpassen und mir helfen solle, "vous savez, lui, il est non voyant, alors il faut que vous lui assister, comme c'est mon papa, il faut l'aider, vous comprenez?" Dann sass ich im Bus, und er stand draussen vor der Scheibe, hat geklopft und gerufen und los ging's mit geruckel und geschwanke über eine Sandpiste zur Strasse ... 38 Stunden später war ich in Bamako.

© Martin Näf 2011

Letzte Änderung 17. Juni 2011


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