Brief, neue Reisepläne, November 2005

Ich staune selber über meine Reiselust. Wenn das so weiter geht, dann werde ich ein richtiger Herr Kahler! Immer auf Achse. Einmal auf dem Amazonas, dann im Atlasgebirge, dann irgendwo in der Sahara ... und zwischendurch bei uns zu Hause um sich etwas zu erholen und mit seinen Diavorträgen in den Schulen des kalten Nordens ein paar Mark oder Franken zu verdienen, um danach wieder wegfahren zu können zu fremden Völkern und in fremde Länder ... Herr Kahler eben. Auch er hat einmal ein gut bürgerliches Leben geführt, damals, als Apotheker in Deutschland und Chile, aber als sein Vaterland ihn 1939 zu den Waffen rief, da wollte er nicht und lief weg, weit weg -, landete irgendwann in Peking, und als es dort mit seinem Photoshop ebenfalls zu Ende war, da ging's los mit der Reiserei ...



Doch lassen wir Herrn Kahler. Die meisten von euch haben ihn ohnehin nicht gekannt, und eigentlich habe zumindest ich für solche Abschweifungen im Augenblick sowieso keine Zeit, denn – nun ja, seit zwei Wochen kampiert mein Untermieter (ein angenehmer und freundlicher Mensch aus Deutschland) in meiner Stube und hofft, dass ich mich endlich vom Acker mache! Ich habe ihm versprochen, dass ich am Sonntag das Feld räume. Ich gehe sozusagen auf Abschiedstournee, besuche einige Freunde in Frankreich und der Schweiz und dann, am 13. November geht's los nach Indien ...



Diesmal wird die Reise voraussichtlich sehr ereignislos, denn nachdem ich vergebens nach einer irgendwie realistischen Alternative (Fracht- oder Kreuzschiff) gesucht habe, habe ich mich für diesmal für die Fliegerei entschieden. Ja ja, ich weiss. Ich habe immer gepredigt, Fliegen sei der grösste ökologische Blödsinn und so ziemlich das dümmste, was Mensch heutzutage so tun kann. Ich predige und glaube es noch, doch während ich "Wasser, Wasser" sage trinke ich inzwischen wie so viele guten, süssen Wein – und dies nicht zu knapp! Inkonsequent, ich weiss, aber ... nein, kein aber. Wir sollten mit dem Fliegen wirklich aufhören! Nach dem Motto "wenn schon, denn schon" habe ich einen Flug um die ganze Welt gebucht. Nach ca. 10 Wochen in Indien will ich, dies der vorläufige Plan, Ende Januar für eine Woche nach Malaysia. Von dort geht's dann nach Kalifornien und mit zwei oder drei Unterbrechungen rüber an die Ostküste der USA, nach New York Stadt und Staat und nach Boston, dem letzten Ziel meiner Reise. Irgendwann im April wäre ich dann wieder da. Ich sage "wäre", weil dieser Plan wirklich sehr vorläufig ist. Daten und Ziele können sich noch verschieben. Das erlaubt auch mein Around the World-Ticket (wenigstens innerhalb gewisser Grenzen).



In Indien will ich einerseits ein paar interessant klingende Orte und Menschen aufsuchen, um zu sehen, was man dort an der pädagogischen und politischen "Front" heute so tut und denkt. Auf dem Programm steht zB das "People's Institute for Rethinking Education and Development" oder das (von Gandhi inspirierte "Institute for total Revolution" ... Die Titel geben euch vielleicht eine Idee, in welcher Richtung ich denke, wenn ich von "Front" spreche. Der eigentliche Grund dafür, dass ich noch einmal nach Indien will ist jedoch meine Beziehung zu Vicky, dem jungen Inder aus Bodh Gaya, den ich im vergangenen Januar dort kennengelernt habe. Ich habe in meinen Rundbriefen ja ausfürhlich von ihm und der ganzen Szene um ihn herum, von seiner Familie und unseren Reiseabenteuern erzählt. Nun, der Kontakt zu ihm ist seither nicht abgebrochen. Seit ich zurück bin haben wir alle paar Wochen telefoniert, und unsere Beziehung ist im Verlauf des Sommers eher noch tiefer und verbindlicher geworden. Vicky freut sich mich zu sehen, denn sein Leben in Bodh Gaya war seit meiner Rückkehr in die Schweiz ziemlich schwierig.

Die mit Vicky im Februar besprochene Idee, dass er ab Sommer wieder in die Schule gehen würde, erwies sich als unrealistisch, nicht auf Grund irgendwelcher technischer Hindernisse, sondern auf Grund seiner wackligen psychischen Verfassung und vielleicht auch aus sozialen Gründen, die ich bis heute nicht recht begriffen habe. Er fühlte sich von den gleichaltrigen Jungen in seinem Dorf immer mehr verfolgt und fertig gemacht und ist schliesslich nach Santiniketan geflohen. Vicky und ich haben dort ja bereits im Februar zwei friedliche Wochen zugebracht, und er genoss die Atmosphäre in diesem von Tagores Geist durchwehten Ort vom ersten Tag an. Diesmal scheinen ihn allerdings seine Geister von zuhause zu jagen. Jetzt sind es nicht die anderen Jungens, die hinter ihm her sind, sondern es ist die indische Geheim- oder Zivilpolizei. Fragt mich nicht, was da genau los ist. Die letzten Telefonate waren wirr – schlechte Leitung, leise Stimme, Tränen, unverständliche Stories. Das Drama spielt sich vermutlich vor allem in Vickys innerem ab, ein etwas verängstigter Mensch eben, wie es sie auch hierzulande gibt. Aber wie bei so vielem weiss ich auch das nicht sicher. Ich fahre auch nicht wegen dieser Krise, sondern weil ich Lust darauf habe, noch einmal einige Wochen mit Vicky zu reisen und ihn und seine Welt besser kennen zu lernen, und weil ich ihm Anfang Jahr versprochen habe, dass ich ihn auf seiner Suche nach einer (beruflichen) Perspektive unterstützen würde.



In den USA will ich ebenfalls einige Projekte und Menschen besuchen, die mir während der letzten Jahre als interessant aufgefallen sind. Für mich im Kopf notiert sind zB Steven Harrison und die "living school" in Boulder Colorado oder Chris Griscom und das "Light Institute" in New Mexico, sowie der radikale Schulkritiker und Author John Taylor Gatto in New York und ein paar VertreterInnen der überall in den USA sehr aktiven "Home School Bewegung". Diese Besuche sind schon beinahe so etwas wie eine berufliche Kontaktaufnahme – ein Versuch, nach 10 Jahren Arbeit in den Kohlengruben der Geschichte wieder zurück zu den Menschen und hinein in die aktuellen pädagogischen und bildungspolitischen Diskussionen zu finden. Es ist also die Vorbereitung eines Comeback ... psst, nicht weiter sagen! Geheim. Daneben freue ich mich darauf, wieder einmal ein paar meiner alten USA-Freunde zu sehen und mich ein wenig in diesem eigentümlichen, mir irgendwie sehr vertrauten Land aufzuhalten.



So jetzt aber mit Schuss zum Schluss, denn eigentlich muss ich packen: Neben mir liegen noch ein paar CDs, die ich vor der Abreise morgen noch brennen und meinem Laptop verfüttern möchte. Hinter mir stehen ein paar offene Bananenschachteln, die gefüllt und auf den Estrich gebracht werden wollen. Im Keller hängt noch eine Ladung Wäsche, mittlerweile sicher trocken und froh darüber, bald von der Leine genommen zu werden …

© 2006, Martin Näf

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