Grossvater erzählt, Moussa übersetzt

Nonantisches Leben



Aishas Vater erzählt, früher habe es keine Autos gegeben. Sie seien immer zu fuss unterwegs gewesen. Sie hätten nie daran gedacht, einen Bus zu nehmen oder sonst ein Fahrzeug. "O, wir haben viel gelitten!"



Er sei in einem Dorf gross geworden. Allerdings seien sie nur immer kurz in einem Dorf gewesen. Sie seien immer mit den Kühen weiter gezogen. Dabei hätten sie ihr Haus mit sich geführt. Grosse, lange Matten, länger als diejenigen, die sie jetzt für die Bougourous brauchen. "Und wenn wir einen guten Ort für die Tiere gefunden haben, dann haben wir unsere Häuser aufgebautt und sind eine Weile geblieben."



In der Regenzeit blieben die Einen im Dorf und haben ihre Felder bestellt, während die anderen mit den Kühen weiter von Ort zu Ort unterwegs waren. Die Häuser im Dorf waren etwas stabiler.


Milch, Hirse und Leder



"O, damals gab es dauernd Milch, aber jetzt! Jetzt gibt es keine Milch mehr. Früher, ja da konnte ich so viel Milch trinken, wie ich wollte. Das war unser essen. Hie und da haben wir ein wenig Hirse dazugegeben, aber wir haben keinen Hirsebrei gegessen, nur Milch! Wir hatten nicht genügend Zeit, lange zu kochen. Ja Fleisch, Fleisch gab's auch, ab und zu, wenn eine Kuh alt war und sterben wollte. Ja, dann haben wir sie geschlachtet. Verkaufen konnte man das Fleisch damals nicht. Dann haben wir sie alsogegessen. Aber die Milch, das war das Hauptnahrungsmittel. Und jetzt sitze ich da ohne eine Kuh und ohne Milch.



Wenn wir viel Fleisch hatten, dann haben wir es ander Sonne getrocknet. Dann konntest du es mitnehmen, und es verdarb nicht. – Die Häute. Die Haut haben wir natürlich nicht gegessen. Es gab solche, die daraus Schuhe und ähnliches gemacht haben; andere haben die Häute weggeschmissen. Lederschuhe waren damals nicht üblich. Überhaupt hatten wir in der Trockenzeit nie Schuhe an. In der Regenzeit machten wir uns Schuhe von einem Baum." Aishas Vater erklärt die Details. Lederschuhe waren offenbar nicht gebräuchlich und auch andere Ledersachen scheinen keine grosse Rolle gespielt zu haben. Er sei seit seinem siebten Lebensjahr als Viehhirte unterwegs gewesen. Als Kind habe er Angst gehabt, allein im Busch zu sein. Doch dann habe er sich daran gewöhnt. Und später bekam er dann eigene Kinder. Sie hätten keine sehr langen Reisen gemacht. Es waren meist kurze Etappen und wo man einen guten Ort fand, ist man geblieben.



„Wir waren nicht in Eile. Wo es Futter für das Vieh gab, sind wir geblieben. Einen Tag, zwei Tage. Die Frauen waren auch dabei. Sie blieben bei den Grashütten. Wir waren mit dem Vieh im Busch. Nur um zu melken haben wir das Vieh zu den Hütten getrieben. Das Melken war Frauensache. Nach dem Melken ging es jeweils gleich wieder raus in den Busch. Wenn keine Frauen dabei waren, dann haben wir selber gemolken. In harten Zeiten waren alle mit dem Vieh unterwegs. In guten Jahren gingen einige, vielleicht die Hälfte. Die anderen blieben im Dorf.“


Die Heirat mit 17

Mit 17 habe er dann geheiratet. Danach sei das Leben härter gewesen, denn dann kamen die Kinder und die wollten Essen. Klar, wenn man viele Tiere habe, dann sei das kein Problem, aber sonst. Manche Freunde von ihm hätten dies beobachtet, und sie seien bis 30 ledig geblieben. „Ja, wenn du viele Kühe hast, dann kannst du machen, was du willst. Und wenn du gesund bist.“



Wenn sie umgezogen seien, so hätten sie früher immer Esel gehabt zum Transport ihrer Sachen. Das sei einfach gewesen. Aber jetzt, jetzt habe er keine Kühe und Schafe und Ziegen mehr. Und er habe auch nicht mehr die Kraft, um hinter dem Vieh herzuziehen. Er sei zu schwach. Was er sich wünsche, und worum er Gott immer bitte, das sei bloss eine einzige Kuh. Die würde er hier vor der Hütte anbinden und ihr zu essen geben. Dann hätte er jeden Tag Milch! Das sei sein gröster Wunsch.


15 Kinder und eine lange Ehe

„Wir hatten 15 Kinder. Elf davon sind gestorben. Es bleiben vier: Oefi, Addi, Mamoudou und Aisha.“ Ja, ja, die Kinder seien alle von derselben Frau gewesen. „O ja. Wir sind schon sehr lange verheiratet!“


Schlimme Zeiten und die letzte Kuh in Makalondi

Dinge, die er nie vergessen werde? O ja! Die Feste als sie jung waren, und dann das Sterben ihrer Tiere. Einmal, als sie eine Weile an einem Ort gewesen seien, da seien 20 oder 30 Tiere innerhalb einer Woche gestorben. Und danach, an einem anderen Ort, noch einmal dasselbe. Das werde er nie vergessen. Ein Jahr habe es gegeben, da sei der Regen nicht gekommen, und es habe kein Futter mehr gegeben für die Tiere. Die Kühe hätten Sand gegessen und Erde. Dieses Jahr sei schlimm gewesen für alle Peul. Das könne niemand vergessen. Da sei man an Orte gekommen, wo es junge Kälber gab, Kälber, deren Mütter alle tot waren, und niemand wollte die Kälber, niemand hatte Milch für sie. Man liess sie einfach liegen und sterben. – Nach dem Jahr dieser Dürre gefragt, sagt er, er sei damals 44 Jahre alt gewesen, und Moussas Onkel, der sich eine halbe Stunde vorher zu uns gesetzt hat, sagt, er sei damals 17 gewesen. Dann ergänzt Aishas Vater: Als er 32 gewesen sei, hätte es bereits ein solches Jahr gegeben. Das sei sogar noch schlimmer gewesen. Ich weiss nicht, ob die Zahlen sich auf sein Alter bezihen, oder ob er gesagt hat „vor 44“, resp. „vor 32 Jahren“. Auch als ich nach den Verlusten frage sind die Antworten für mich etwas unklar: Einmal habe er 17 tote Kühe gehabt. Er habe nur noch geweint und sie alle liegen lassen. Dann spricht er von 40 Kühen, die insgesamt gestorben sind – alle trächtig. Also kann man sagen, es waren eigentlich 80. Dann sagt er, dass ihm 30 Kühe geblieben seien – dann wieder erzählt er, dass sie nichts mehr gehabt hätten – rein nichts! Deshalb seien sie schliesslich auch nach Makalondi gekommen, und er habe für seine Kinder andere Arbeit gesucht: Addi sei jetzt bei der Polizei und Oefi war beim Zoll. Dort gefiel es Oefi allerdings nicht, sodass er wieder fortgegangen sei. Jetzt lebe er mit einer Kuh und ein paar Schafen wie ein Peul. Ja. Die 30 Kühe hätten sie alle verloren, alle bis auf eine. Sie sind entweder gestorben oder er habe sie verkauft. Dann seien sie hierher nach Makalondi gekommen, mit einer einzigen Kuh. Vor 23 Jahren. Er habe einfach nicht gewusst, was er sonst tun könne.



Damals habe seine Mutter noch gelebt, hier in Makalondi. Doch sei sie arm gewesen und habe gehungert! O, sie habe schrecklich gehungert. Da habe seine Frau gesagt, lass uns die Kuh verkaufen, damit wir deiner Mutter helfen können. Die Kuh gehörte jedoch seiner Frau, sodass er gesagt habe, „nein. Die Kuh gehört dir. Wir werden sie behalten.“ Da habe die Frau gesagt, „ich will aber, dass wir sie verkaufen und deiner Mutter helfen“, und so hätten sie es dann gemacht. Das war das Ende der Kühe. Diese letzte Kuh habe ihnen viel geholfen. Sie hätte ein Kind gehabt, das hätten sie verkauft, sodass Addi heiraten konnte. Dann habe sie noch eines gehabt, sodass Oefi heiraten konnte, und dann noch eines, sodass Mamoudou heiraten konnte. Danach hätten sie die Kuh verkauft, um der Mutter zu helfen. Zur selben Zeit seien auch seine Kräfte zu Ende gewesen. Er sei jetzt 73 Jahre alt und zu schwach für eine Arbeit.


Kolonialzeit und heute



Sie hätten damals nichts gewusst von der Welt ausserhalb. Wenn ein Fahrzeug gekommen sei, seien sie weggelaufen. Und von Franzosen hätten sie keine Ahnung gehabt. Gefragt, ob die Zeiten sich gegenüber früher geändert hätten, sagt er, „ja. Drei Dinge sind anders. Erstens haben wir heute keine Kühe mehr, zweitens haben wir kein Geld mehr und drittens sind meine Kräfte verbraucht.“



Ich bitte Moussa, seinen Schwiegervater zu fragen, welche Veränderungen er in der Welt um ihn her, also nicht nur in seinem eigenen Leben, beobachte. Er bestätigt, dass sich das Leben wirklich verändert habe. „Früher konnte ich aufstehen und nach Torodi gehen. Ich konnte dort übernachten und am nächsten Tag zurückkehren. Ich konnte das, und jetzt kann ich nicht einmal bis zum Markt an der Strasse gehen.“



Als ich insistiere und noch einmal nach Veränderungen in der Welt um uns herum frage, sagt er, „O, die Welt da draussen ist am Ende! Früher, da gab es überall Tiere: Elefanten, Giraffen und alles. Heute gibt es nur noch Menschen. Wenn du ein Tier sehen willst, musst du in ein Flugzeug steigen und weit weit weg fliegen. Doch früher, da waren sie hier und wir waren mitten drin. Wir haben sie angeschaut und gestaunt. Es war friedlich. Sie haben uns nichts getan. Doch das alles ist vorbei, und auch mit dem Leben ist es vorbei.“ Er habe keine Kraft mehr, könne nichts mehr tun und die Menschen untereinander seien misstrauisch geworden. O, das sei kein Leben mehr. Alles sei anders. Früher habe es viel Liebe gegeben, auch in der Familie, aber heute gäbe es nur Missgunst und Misstrauen. Die Menschen seien auch nicht so arm gewesen wie heute. Es habe eigentlich überhaupt keine Armut gegeben. Es sei alles reicher gewesen. Es habe viele Tiere gegeben, und man habe gut leben können.

Moussa und ich


© 2013, Martin Näf

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