Pädagogischer Rebell oder sentimentaler Träumer? Paul Geheeb zum 125. Geburtstag

Am 10. Oktober war der 125 Geburtstag des berühmten deutschen Reformpädagogen Paul Geheeb. Ich habe diesen Tag gefeiert, indem ich einmal mehr zwischen all den in den letzten Jahren gesammelten Unterlagen sass und an seiner Biographie weiterschrieb; ein Projekt, das
mich seit Jahren beschäftigt.

Erstmals erschienen in "unterwegs", Dezember 1995, Martin Näf

Was ist es eigentlich, das Geheeb zu einem «grossen Pädagogen» gemacht hat? War es die Gründung der
Odenwaldschule im Jahre 1910? War es seine Mitarbeit bei Hermann Lietz in den Jahren zuvor? War es seine «klare Haltung» gegenüber dem Nationalsozialismus in den Jahren 1933/34, als er seine inzwischen weltbekannt gewordene Odenwaldschule eingehen Hess und in die Schweiz emigrierte, wo er dann die Ecole d'Humanite - die «Schule der Menschheit» - gründete, nicht obwohl, sondern weil dies angesichts des überall zunehmenden Nationalismus anachronistisch erscheine. Worin liegt die
Grösse dieses Pädagogen?


Wenn ich mich anhand der unzähligen Briefe, die heute in seinem Nachlass in der Ecole d'Humanite liegen und anhand all der anderen in Archiven und der pädagogischen Literatur unseres Jahrhunderts verstreuten Informationen mit seinem Leben befasse, so wird aus dem «grossen Reformpädagogen» eigentlich immer mehr ein ziemlich kleiner, blasser Mensch. Ein Mensch, der im Grunde immer, wenn er etwas «leisten» sollte versagt hat! Jede Erzieher- oder Lehrerstelle, die er zwischen 1893 und 1906 inne hatte, endete mit Türenschlagen, mit plötzlicher Kündigung, mit Verletztheit, gegenseitiger Enttäuschung - Enttäuschung auch über das Versagen des so sympathischen Geheeb. ... Dabei war an diesen Krächen natürlich nie er schuld, sondern es waren immer die Anderen, die nichts von Erziehung verstünden und mit denen weiterhin zusammenzuarbeiten ohnehin wertlose Zeitverschwendung wäre!
Es fehle ihm gewiss nicht an Aufopferungsbereitschaft und an Liebe zu seinen Zöglingen, schrieb Carl Gmelin im Januar 1900 über den jungen Geheeb, aber gerade in dieser Liebe und Hingabe liege auch seine Schwäche. Er verliere sich oft ganz in einzelnen Kindern, wobei er die übrigen ganz zu vergessen scheine. Sechs Jahre später verliess Geheeb das von ihm zwei Jahre lang geleitete «deutsche Landerziehungsheim Haubinda», um zusammen mit seinem Freund Gustav Wyneken eine eigene Schule zu gründen. Der Tenor innerhalb der Haubindaer Elternschaft war ähnlich: Geheeb sei ein aussergewöhnlich sympathischer, integerer und liebenswerter Mensch, aber als Schulleiter oder Erzieher sei er nicht geeignet. Er könne sich den Kindern gegenüber nicht durchsetzen, habe keine Disziplin im Unterricht und auch in ihrer Freizeit fehle es den ihm anvertrauten Kinder an Führung. Wo also liegt die Grösse dieses Menschen?
Im Winter 1908/09, zweieinhalb Jahre nach der geglückten Gründung der eigenen Schule, der «Freien Schulgemeinde Wickersdorf», ging es auch dort nicht mehr. Geheeb musste gehen. Aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem viel entschiedeneren, dynamischeren Wyneken hatte Geheeb seine Aufgaben als Mitleiter der Schule immer mehr vernachlässigt und sich aus dem Schulgeschehen zurückgezogen. Wenn Geheeb in Wickersdorf nicht die junge Edith Cassirer, die Tochter eines reichen (und grossherzigen!) Berliner Industriellen, kennengelernt hätte, dann wäre sein Name heute wohl so gut wie vergessen dann wäre er 1909, mit 39 Jahren, wieder, wie schon so oft, auf der Strasse gestanden: ein nicht mehr ganz junger, nervlich oft angeschlagener, sympathischer, aber irgendwie doch nicht lebenstüchtiger Idealist, einer, der es nicht zu schaffen schien, seine Träume tatsächlich auf den Boden zu kriegen!
Er hätte wohl irgendwo als Lehrer Unterkommen können, denn ein Diplom als Oberlehrer hatte er, der sich ständig überfordert fühlte, ständig seine «Erholung» leben musste, nach 20 Semestern in Berlin und Jena schliesslich doch noch geschafft. Aber berühmt wäre er sicherlich nicht geworden. Es war zunächst hart für die Eltern von Edith Cassirer, dass ihre Tochter ausgerechnet diesen Menschen heiraten wollte. Als sie schliesslich ihren Segen zu der ungewöhnlichen Verbindung gaben, war ihnen klar, dass sie dafür sorgen müssten und würden, dass aus den hochfliegenden Plänen dieses Geheeb diesmal wirklich etwas wird. Er wollte eine Schule gründen, eine Lebensgemeinschaft, die all ihren Mitgliedern - von den Kleinsten bis zu den Grössten - eine möglichst optimale Umwelt bieten sollte, damit sich alle, gemäss den ihnen innewohnenden Anlagen entwickeln könnten!
Durch die Auflösung der starren Jahrgangsklassen und die Etablierung eines flexiblen Systems frei wählbarer Kurse, durch ein grosses Angebot an musischen und handwerklichen Betätigungsmöglichkeiten und durch eine demokratische Struktur, die es jedem Mitglied der Schule ermöglichte, die Schule und das gemeinsame Leben seinen/ihren Bedürfnissen und Ideen gemäss mitzugestalten, wollte er dieses Ziel erreichen.
Er wollte eine Schule ohne Noten und äusseren Leistungszwang, eine Art Kinder- und Erwachsenenparadies. Gut. Er sollte diese Schule haben, dafür würden sie, die Eltern von Edith sorgen, ihrer Tochter zu liebe und vielleicht auch ein wenig deshalb, weil diese unrealistische, abgehobene Idee, von der dieser Geheeb so erfüllt war, ihnen irgendwie gefallen hat.
Im April 1910 eröffneten Paul und Edith Geheeb die Odenwaldschule, die - von Max und Hedwig Cassirer bis in die 30er Jahre tatkräftig unterstützt und auch finanziell gefördert - innerhalb weniger Jahre zu einer der bekanntesten Reformschulen Deutschlands werden sollte. Natürlich wurde an ihr auch reichlich herumkritisiert: Die Schule sei gar nicht so demokratisch, wie man immer sage, und die Koedukation von Mädchen und Knaben, auf deren Einführung Geheeb so stolz war, klappe auch nicht so wunderbar, wie Geheeb immer sage, und ob diese Schule wirklich lebenstüchtige Menschen erziehe, das müsste dann bitteschön auch noch bewiesen werden. Aber die Anerkennung überwog bei weitem. Und wenn wir davon ausgehen, dass eine Schule an sich immer einen Kompromiss zwischen spontanem Lebenswillen und kulturellen Notwendigkeiten ist, dann muss die damalige Odenwaldschule tatsächlich ein bemerkenswerter Ort gewesen sein.
Dass wir uns also voller Dankbarkeit an Edith Geheeb und an ihre Eltern, besonders an ihren mit der Odenwaldschule sehr verbundenen Vater erinnern sollen, das leuchtet ein -, aber an Paul Geheeb? In den Schulreformdebatten seiner Zeit hatte er nicht viel zu bieten. Seine Schulen wurden eigentlich immer mehr von seinen Mitarbeiterinnen geprägt und gestaltet -, und auch in seinen persönlichen Beziehungen war er oft ein eher schwieriger Typ. Und doch. Wenn er einige Zeit nicht da war, erzählte Edith nach seinem Tod oft, dann fehlte irgend etwas. Dann ging's irgendwie nicht mehr. Was fehlte, wenn er nicht da war? Was ist der Kern dieses immer wieder gescheiterten, unbeirrbaren Menschen?
Mit 14 Jahren hatte Geheeb seine Mutter verloren. Sie starb im November 1884 an Krebs. Obschon Geheeb mitbekommen hatte, dass seine Mutter krank war, war ihr Tod für ihn ein Schock - «die grösste Katastrophe meines Lebens», wie er später oft sagte. Danach war er zwei bis drei Jahre lang innerlich vollkommen aus dem Gleichgewicht. Er war «ausgesprochen gemütskrank». Was ihm damals wieder auf die Beine half war ein heftiger «Zusammenstoss» mit der «Persönlichkeit Jesu». «Hierbei», so erzählte er 1926 seinem Freund Adolph Fernere, «entdeckte ich eine nahezu wahnsinnige Menschenliebe in mir und beging nun den irrigen Entschluss, diese grosse Menschenliebe bestimmend für meine Berufswahl werden zu lassen. Ich entschloss mich zur Theologie, wollte Priester werden, bis ich einsah, dass man, um den Menschen zu helfen, den Kin-
dem helfen muss. So kam ich zur Pädagogik.»
Er sei kein intellektueller Mensch gewesen, erzählte Geheeb, nachdem viele Stürme des Lebens schon hinter ihm lagen. Er habe immer eher intuitiv gelebt. Oft habe er erst viel später begriffen, weshalb er dies oder jenes getan, dies oder jenes so und nicht anders entschieden habe. Erst in relativ späten Jahren ist es ihm gelungen, das was er wollte zumindest ansatzweise zu formulieren. Er benützte zu diesem Zweck gerne Zitate seiner «Heroen»: Goethe, Fichte, Herder, Humboldt oder Schiller.
«Kein Mensch wird kultiviert. Jeder hat sich selbst zu kultivieren... (Fichte)», sagte er beispielsweise. Oder «Der wahren Moral erstes Gesetz: Bilde dich selbst, und erst ihr Zweites: Wirke auf Andere durch das, was du bist (Humboldt)!» Er selbst sagte immer wieder: «Ich würde am liebsten die Ausdrücke und überhaupt nicht mehr gebrauchen, sondern vorziehen, von menschlicher Entwicklung zu sprechen.» «Werde der Du bist, entwickle deine Individualität zu höchster Vollkommenheit, werde das Selbst, das auf der ganzen Welt nur du, unersetzlich und unvergleichlich ... zu werden vermagst», das sei für ihn die «oberste Maxime menschlicher Entwicklung» und zugleich der «Inbegriff höchster pädagogischer Weisheit!»
Geheeb glaubte im Grunde nicht an die Möglichkeit von Erziehung im üblichen Sinne einer aktiven Beeinflussung des Kindes durch den Erwachsenen. Er verliess sich viel lieber auf die in allen Menschen wirksame Tendenz zu Wachstum und Selbst-Entfaltung. «Was können wir dazu tun, dass alle diese Anlagen und Kräfte sich möglichst stark und schöpferisch entfalten», diese Frage stand im Zentrum seiner praktischen Arbeit. Was ihn interessierte war nicht eigentlich die «Erziehung» der ihm anvertrauten Kinder, sondern die Schaffung einer für deren Entfaltung (und die Entfaltung der mit ihnen lebenden Erwachsenen) optimalen Umwelt. Dass zu einer solchen Umgebung natürlich auch Menschen gehören, und zwar möglichst verschiedenartige und möglichst lebendige, verstand sich von selbst. Es verstand sich für Geheeb ebenso, dass das, was für die Erziehung im Allgemeinen galt, auch für den Unterricht zutraf.
Für Geheeb war seine radikal auf das Wachstum des Kindes vertrauende pädagogische Position nicht eine Frage der persönlichen Präferenz von moralisch höher stehenden Menschen. Das allgemein verbreitete Konzept von Erziehung und Unterricht - «direkte und willkürliche Beeinflussung der Entwicklung des Kindes aus einer allgemeinen Idee des Erziehers oder im Sinne eines von Aussen an das Kind herangebrachten Zweckes» - sei etwas, was von ihm aus gesehen ganz einfach nicht funktioniere. «Dass diese Bestrebungen und Mühen sich immer wieder als ganz vergeblich erweisen», stellt er mit einer gewissen ironischen Schadenfreude fest.
Geheeb scheint aufgrund seiner persönlichen Geschichte eine Sensibilität mit auf seinen Lebensweg bekommen zu haben, die es ihm beinahe unmöglich machte, in einem pädagogischen Betrieb - sei dieser auch noch so «alternativ» - zu überleben, geschweige denn dort etwas «tüchtiges» zu leisten. Erziehung und Unterricht ereigneten sich für ihn in gelingenden Begegnungen mit einer Sache, einer Idee oder einem Menschen. Wenn er als Lehrer versagte und nicht fähig war, seinen Zöglingen beizubringen, dass sie um halb Zehn im Bett sein mussten, so versagte er in diesen Dingen auch, weil es ihm zutiefst widerstrebte, auf diese Weise in die sich selbst entfaltende Ordnung der Dinge einzugreifen.
Geheeb liess sich seine unpraktische, «heilige Scheu vor den Kindern» nie austreiben, weder durch seine permanenten «Misserfolge» (die in Wirklichkeit vielleicht Erfolge waren), noch durch die «Vernunft» der pädagogischen Fachwelt (die sehr oft nur mehr oder weniger gut getarnte Dummheit ist) oder den «gesunden Menschenverstand» der Allgemeinheit (der oft so geschunden und gedrillt wurde, dass er jede Grausamkeit und jede Idiotie als gut und normal anzunehmen bereit ist, solange sie nur von «Oben» kommt).
Im Gegenteil. Je älter Geheeb wurde, desto radikaler formulierte er seine Opposition gegen die bis heute übliche pädagogische Vernunft: «Bei zu häufigen Gelegenheiten noch' steht die Welt der Erwachsenen mit ihren von dem grauen Altertume her geheiligten, vermeintlichen Vorrechten, Verboten und Despotismen als solidarische Macht der Kindeb weit gegenüber. Völlig ausrotten muss der Mensch in sich den Dünkel, in irgendeiner Hinsicht mehr zu sein als ein Kind.» «Wer alle dem gegenüber die bestehenden Schul- und Erziehungsverhältnisse aller Länder prüft, muss zu der Überzeugung gelangen, dass hier nicht mehr durch Reformen zu helfen ist, sondern nur durch Revolution von Grund aus.»
Ein seltsamer Heiliger -, ein wenig wie Graf Myschkin in Dostojevskijs «Idiot». Einer der am liebsten ganz allein wochenlang durch Wälder und über Berge zog, Steine, Pflanzen und Tiere beobachtend. Ein Seelen- und Geistesverwandter von Carl Rogers, den er nicht kannte, und von Martin Buber und Rabindranath Tagore, die er kannte. Ein Mann, «bei dem immer etwas Erotisches mitschwang», wie mir Walter Corti ein paar Jahre vor seinem Tod erzählte. Ein Mann, der während des Ersten Weltkrieges Schiller und während des Zweiten Goethe las, um über die Runden zu kommen. Ein pädagogischer Rebell und Querdenker erster Güte. Ein Mann, der sich vor der Liebe seiner Frau fürchtete. Einer, der als Schulleiter seelenruhig seine Rehe und Käuze versorgte, während seine Mitarbeiterinnen sich um den Betrieb seines Institutes kümmerten. Ein armer Kerl. Ein wahrhaft grosser Mensch -, Gründer der Odenwaldschule und der Ecole d'Humanite. Im 91. Altersjahr ebendort gestorben. - Das fällt mir zu unserem Geburtstagskind ein.


© Martin Näf, 2016

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