.

Interview mit Bernhard Horstmann August 2010

Martin Näf: Bernhard, ich möchte ein bisschen mehr über dich und die anderen dir Nahestehenden wissen. Du bist in China geboren und ungefähr 1950 hast du wegen der Übernahme der Kommunisten das Land verlassen. Du warst noch ein Kind. Was weisst du zum Beispiel von Herrn Ben Lu oder der Frau Lu-Baumann oder der Frau Clemann, meiner Mutter?

 

 

Bernhard Horstmann: Ja, ich bin ja ein Nachzügler. Ich bin 1942 auf die Welt gekommen, und meine Schwester oder auch Martheli, also meine Stief-Cousine, 10 Jahre früher. Ich habe meinen Bruder Klaus und meinen Grossvater Wen Bin Lu  nie kennengelernt. Mein Bruder ist ja mit 5 gestorben.

Ich hatte eine sehr enge Beziehung mit meiner Schwester Brigitte. Meine Mutter ging kurz nach der Geburt nach Shang-Hai, weil der Grossvater von uns sehr krank war. Wir lebten damals in Han-Kau. Weil die Japaner da waren konnte sie nicht zurück. Also wurde ich sozusagen von meiner Schwester und einer Ama aufgezogen. Die Ama hatte auch ein kleines Kind das es stillen musste. Wir lebten also in Han Kau mit Brigitte und meiner Schwester Renate und meinem Vater zusammen.

1944 oder 45 sind die Amis gekommen und beschossen die ganze Stadt. Wir waren im Keller, und der Vater hat gesagt, dass 13 Bomben auf das Haus und den Garten gefallen sind. Da war Schluss mit Han Kau. Wir sind also mit den Schiff den Jance herunter gefahren, natürlich nur in derNacht, die Japaner beschossen am Tag die Industrie der Städte, und ja, dass war eine lange fahrt, aber dann kamen wir endlich nach Shan-Hai und mit der Bahn nachPeking. Da war auch unsere Mutter. Wir wohnten mit der Grossmutter in Peking. Frühere Erinnerungen habe ich kaum. Von Peking an habe                            ich viel mehr Erinnerungen. Einmal waren alle, also auch die Diener und die Ama und alle,  im Luftschutzkeller, und da sagte einer, wo ist Bernhard! Ich war oben und schlief wie wenn nichts gewesen wäre. Die Ama ging mich dann holen, es war gefährlich. Also ich weiss es nichtso genau, aber man hat es mir erzählt ...

Ah, da kommt mir eine lustige Geschichte in den Sinn! Jahrzehnte später war ich in der Nähe Washingtons an eine Party eingeladen, und da erzählte ein Air Force General im Ruhestand, wie sie  Han Kau bombardiert haben: Es war der grösste Angriff des zweiten Weltkriegs aus der Luft! Ja Herr sowieso, und ich war im Keller! Der General ad hat sich so scheniert und sich im laufe des Abends tausend Mal entschuldigt ... Weisst du, der Herr hat das ganz stolz erzählt und da sitzt einer im Keller wie Sie die Bomben geschmissen haben! Ja, ich war im Keller und 13 Bomben sind in den Garten und das Haus gefallen, natürlich war der Garten und das Haus komplett zerstört!

Also dann lebten wir zuerst bei Grossmutter Lu, Vater und Mutter und wir drei. Und dann sind wir in ein eigenes Haus umgezogen. Da war eine grossartige Strasse! Mit Pappeln links und rechts! Die Strasse war aus Lehm. Wenn es Winter war – im Winter war es in Peking sehr kalt! - dann ist Schnee gelegen. Sonst, wenn es geregnet hat dann war sie eine Matschstrasse, aber sonst eben -, ja, und am Anfang der Strasse war ein grosser Brunnen. Da kamen immer Karawanen vorbei und Leute holten am Abend Wasser vom Brunnen. Das Schöne daran ist, der Brunnen ist viereckig, also nicht viereckig und da schwammen Goldfische drin! Weil die Goldfische immer die Algen und sowas assen, war der Brunnen immer sauber. Das war wunderschön. Ich und Renate spielten da, auf dem Dach. Das Dach grenzte an die verbotene Stadt, und da wohnte ein hoher Mann aus Kaiserlichen Blut. Da gab es ein Riesenzimmer, vielleicht 12 auf 30 oder 40 Meter. Und da waren 6 Säulen!, Man ging rein in den Innenhof und dann ein Garten und dann musste man rechts gehen, also man kam durch das Gitter in einen Mond-Hof und einen Garten, und dann rechts versetzt nochmal einen Innenhof – die Chinesen glaubten ja, die Geister können nur in eine Richtung sich bewegen, und da machte man rechts  und links das nächste Tor und einen Garten mit einem, nein zwei Trauerweiden. Da konnte man sich in Sommer gar nicht drunter setzenm weil das Harz raus quoll, und da haben wir an Ostern, wenn es schön war, gefrühstückt.

MN: Auf der Strasse, was war da los, um den Brunnen herum und auch sonst?

BH: Ja, am Brunnen waren nicht eigentliche Karawanen, die sind ausserhalb der Mauern der Stadt gebliebenm aber Handler und so haben dort Wasser geholt und -, weisst du, es hatte grosse Mauern um die Stadt rum und wir kletterten natürlich auf die Mauer, eine alte Mauer ist es, also da kletterten wir herum, und wenn der Vater uns gesehen hat, dann wurde er sehr böse, und wir dursten nie mehr auf die Mauer – also Brigitte und sein Freund machten es trotzdem.

Und ja, die Kamele waren vor der Stadt. Wir lebten ja innerhalb der Mauern, in der verbotenen Stadt mit den Kaiserlichen Hoheiten und den Delegations Quarters. Das gibt Es nicht mehr. Aber ausserhalb der Mauern da hatten die Chinesen Marktstände und sie Handelten und weiss ich was, Innerhalb der Mauern verkauften sie.

MN: Also innerhalb der Mauern gab es nichts.

BH: Ja doch. Ich erinnere mich, das es auch innerhalb der Mauern einen Markt gab, der war wie ein Suk. Die Martheli erinnert sich natürlich auch, und wir Kinder liebten die Süssigkeiten, Granatäpfel und Äpfel, die man in den Zucker getaucht und auf Schnüre gezogen hat, es war wahnsinnig billig! Wir liebten diesen Markt und wir gingen auch mit dem Koch oder mit der Ama dahin. Und da gab es so einen kleinen Laden am Ende der – naja, der Brunnenstrasse -, und da gab es Schaubings – du weisst was Schaubings sind? -, da tut man Mehl und ich glaube Eier rein und dann brät man sie im Fett, und dann schneidet man die Schaubings auf und füllt die Füllung rein,  das schmeckt so köstlich! Wenn ich das jetzt Essen könnte, oh das wäre delishious!Ich war viele Jahre später wieder in Peking, und die Hutungs und alles ist weg, abgerissen! Und wir -, die Mutter hatte viel Antiquitäten -, alles Futsch!

Ja, das habe ich dir erzählen wollen:  Früher konnten wir aufs Dach hochm das Dach ging weit über das Haus hinaus,  und das Dach hatte runde, grüne und gelbe Kacheln, und man hatte die ganze Stadt unter sich, Paläste, Pagoden und Tempel und alles! Atemberaubend schön! Im Sonnenlicht schimmerten diese Dächer, wahnsinnig schön, Und das alles ist weg, ratzekahl weg. Ausser natürlich die Verbotene Stadt, aber alles andere hat man abgerissen und scheussliche Hochhäuser da hingestellt.

Die verbotene Stadt, das hat man -, zuerst war es the Backing Palace des Kaisers und der Berater, und dann waren die Beamten da und dann die Kommunisten.Ausserhalb der Stadt war es unglaublich schön, aber jetzt eben alles Hochhäuser, scheusslich.

Eine andere Sache ist, das kann dir auch Martheli erzählen, in den Strassen hatte es überall Händler, die durch die Strassen gingen und ganz verschiedene Sacken anpriesen, vor allem Essen, und die hatten alle eine andere Art zu Singen. Einer war ein Scherenschleifer, der andere putzte die Schuhe, und die sangen, um Kunden anzulocken, aber alle verschieden.

Man wusste jetzt kommt der Scherenschleifer, jetzt kommt einer der Zucker-Bonbons macht,   jetzt kommt der Schuhmacher und jetzt kommt einer, der verkauft Gemüse und ein anderer verkauft Tofo ... Da konntest du am Singsang der Stimme hören, wer kommt. Und, ja wenn wir als Kinder eine Einladung machten, dann holte die Mutter jeweils einen Magier rauf, und er führte ein Puppentheater auf oder machte für uns Kunststücke!

Wir hatten einen vor allem gern, der hatte eine Blume oder einen Vogel  und dann machte er immer einen Spruch  wie Abrakadabra, der ging so: Yangdang Yangdang i Yangdang  deudeu deudeu jge deudeu! Das hatte nichts zu Bedeuten aber Schwups war die Blume ein Esel!

Ja und dann, 1948 wurde der Vater schwer, schwer krank, und er flog ... Sie hatten in einem Teil des Palastes Elektrizität, die die ich glaube Japaner nachträglich eingebaut hatten, und Die verliefen an der Wand. Der Vater – es war Sommer – der hatte einen Hakenwurm, den man in China vom Wassertrinken bekommt, also nicht ein Bandwurm sondern ein Hakenwurm. Der war ganz Klein, aber er hat irgendwie eine Auswirkung – ganz schlimm. Der Vater war schon in einem anderen Schlafzimmer wie Mutter, ein bisschen weiter weg, und da hatte er einen Fieberanfall, Dilirium, und da stand er auf, es regnete eine Woche lang!, und da stiess er an eine Wand und – die Japaner machten die Leitungen nicht so wie in Europa, und da blieb er in der Leitung kleben. Das war grässlich, ein Kuli löste ihn dann vom Elektrischen Draht! Das werde ich nie mehr vergessen. Wir standen – ich weiss nicht - die Putzfrau hat geschrien, weil sie Funken an der Wand sah, und wir kamen alle angelaufen, und dann hat der Koch oder einer der Diener sich ins Zimmer gewagt und den Vater mit einer Decke oder so was von der Wand weggezogen.

MN: Dann hätte er auch an der Wand geklebt, Gott sei Dank hat er eine Decke genommen. Der Vater hat sich dann erholt oder ...

BH: Ja ja, er hat sich erholt, in Peking gab es ja gute Ärzte und Medizin.

MN: Mary Clemann hat zum Beispiel Herrn Esser gekannt und Herr Wirz. Kannst du dich an die erinnern?

BH: Nein, ich war ja noch klein. Nur der Zahnarzt Kandel oder Kenzel! Er hatte eine Fussdrillmaschine von Singer glaube ich.  Über Lederriemen fing der Bohrer sich zu drehen an und er musste den Bohrer mit den Fuss in Schwung halten. Der Herr Kandel war aber schon alt, und darum hatte er Mühe, den Bohrer in Schwung zu halten. Ich hasste das Ganze, aber Gott sei Dank musste ich nicht viel zum Zahnarzt!

MN: Der Vater ist 1948 nach Tienzin umgezogen. Damals trennten sich Mutter und Vater, und ich war vom Gericht dem Vater zugesprochen worden, und die zwei Schwestern der Mutter. An der Hochzeit von Renate hatte ich neue Schuhe gekriegt, die die Mutter gezahlt hat, und ich fand sie scheusslich. Da wurde die Mutter ganz wütend, sonst eigentlich nicht. Ich blieb in Peking, weil der Vater keine Arbeit mehr hatte, vorher war er auf der Hamburgischen-Asiatischen Bank in Peking. In Tienzin arbeitete er dann für AEG.

MN: 1946 sind viele Deutsche entlassen worden, die Hamburgisch-Asiatische Bank musste vermutlich schliessen. Dein Vater war vielleicht auch Nationalsozialist oder ...

BH: Ja, ich weiss es nicht. Er war sehr liberal, die Mutter auch ... Er war vor allem gegen die Missionare von Deutschland und Amerika und so; er hat gesagt, wenn die Missionare nicht wären, dann würde China viel besser leben. Die Chinesen konnten nichts anfangen mit dem Christentum und man drängte sie den Chinesen auf. Er hasste es! Wenn du kein Essen hast, dann konvertierst du, weil du Hunger hast! Das hat er den Missionaren immer vorgeworfen.

MN: Du hast gesagt, dein Vater, also Fritz Horstmann, ist in Bielefeld aufgewachsen?

BH: Ja, das stimmt.

MN: Und wann?

BH: Am 17. April 1900, und gestorben ist er am 6. Juli 1964. Er hat sehr viel geraucht, und er hatte Lungenkrebs. Ja, 1948 war ich mit meiner Mutter Charlotte Horstmann und meinen zwei Schwestern in Peking, und als die Schule im Sommer fertig war, ging ich mit dem Zug nach Tienzing und blieb bis kurz vor der Abreise aus China. Ich weiss noch, Herr Wilderg wollte aus der Stadt, um einen Mann in Sicherheit zu bringen, und da ist er erschossen worden. Damals wohnte er und zwei Hunde, ich glaube es waren Golden Retrievers vorübergehend bei Mary und Martheli. Wir waren alle da und weinten, natürlich ich nicht, ich war zu klein, aber ich fragte wieso ist Herr Wilberg jetzt tot und so weiter. Er war ein Deutscher oder ein Englischer Journalist. Das war wahnsinnig tragisch. Und dann, 1950,  bekamen wir die Erlaubnis China zu verlassen. Ja ich konnte damals nicht mehr in die Schule. Die europäischen Schulen und französischen Konvente waren geschlossen und eine chinesische Schule war nicht möglich.

MN: Weil sie dich nicht genommen haben oder ...

BH: Nein, die chinesischen Schulen konnten wir nicht besuchen, weil wir das chinesische Lesen und Schreiben nicht gelernt haben. Wir sprachen flissend Chinesisch, aber das Chinesisch wie man es auf der Strasse sprach. Brigitte war schon an der Universität, da musste sie natürlich auch chinesisch Lesen und Schreiben. Wir hatten Privatunterricht von Herry  Mills. Da wohnten wir schon in der Französischen Botschaft, weil wir von den Chinesen aus der Wohnung heraus geworfen wurden, also  Charlotte und wir drei Kinder. Wir warteten auf die Ausreise. Charlotte musste jede Woche zu einem kommunistischen Verhör. Ich hatte Angst, und ich habe noch jetzt Schwierigkeiten mit Autoritäten.

MN: Andere hatten auch Angst.

BH: Ja. Charlotte dachte immer daran, dass sie und die Kinder nicht ausreisen dürfen, da sie vielleicht als Chinesin gezählt wird. Das wäre der Tot von Charlotte gewesen. Überhaupt, keiner wollte mit den Kommunisten etwas zu tun haben.

MN: Mary Clemann war nicht so sicher. Im April 1950 sagt sie zu den zwei Töchtern, die in Europa studiert oder gearbeitet haben, sie wolle nicht, dass die Töchter keine Heimat mehr haben, wenn sie nach China zurückkommen.

BH: Nein, Charlotte wollte raus! Ich mag mich erinnern, dass wir den Gebursttag von mir gefeiert haben, ich glaube im Juli 48 oder 49, vielleicht ist es 1949 gewesen. In der Zeit versprach Shankaischek allen Studenten, kommt nach Peking, und sie kamen alle, aus den Dörfern, ganz verhungert. Sie demonstrierten friedlich für eine Sache auf der Strasse, und wir feierten auf dem Dach meinen Geburtstag. Da kamen zwei drei Tanks und feuerten in die Menge! Ich dachte zuerst es wären Feuerwerkskörper, aber alle anderen legten sich flach auf den Boden, also da merkte ich es ist ernst. Es war grässlich. Es gab viele viele Tote und Verletzte.

Ein Student schleppte sich zu unserem  Haus, und Charlotte hat ihn rein geholt. Er war angeschossen worden und hat wahnsinnig geblutet. Charlotte und die Diener und Oma Lu verarzteten ihn. Fritz Horstmann, also mein Vater, der hat ihn irgendwie ins Spital gebracht. Da hat sich die Bevölkerung gegen Shankaishek gewandt, weil er so viel versprochen und nichts gehalten hat.

MN: Wenn Rosi oder Anne-Marie über diese Zeit sprechen, dann hört es sich ganz idyllisch an.

Aber wenn ich andere Berichte lese, dann habe ich das Gefühl, sie waren exprem privilegiert und behütet. Wenn einer eine Rikscha fuhr, dann schlief er meist auch dort, um zur Stelle zu sein, wenn er gebraucht wurde. Je nachdem was für einen Meister du hattest, konntest du auf einer Matte auf der Strasse schlafen oder in der Rikscha. In den Städten gab es so viele Bettler und auf dem Land gab es in den 30er und 40erjahren immer wieder Hungersnöte. Die Armut muss grauenhaft gewesen sein. Wie kann man das alles ausblenden und sagen, es ist eine glückliche Zeit gewesen.

BH: Ja. Man hat es schon wahrgenommen. Es war ja auch der Hauptgrund, warum Maozetung an die Macht gekommen ist. Schangaischek ist ein Dieb und ein Verbrecher. Er und seine Kohorten hat China ausgeplündert und ...Sie haben Riesenbeute mitgenommen als sie Main Land China verlassen mussten und sich auf die Insel Taiwan zurückgezogen haben. Antiquitäten und Gold und – weisst du, der Finanzminister Schangkaischeks hat einen Frachter mit Gold nach Brasilien gebracht, und er hat damit ein Vermögen gemacht

MN: Wenn Schankaischek nach den Krieg mit den Amerikanern zusammengearbeitet hätte, dann wäre es nicht zur kommunistischen Revolution gekommen?

BH: Ich glaube, MAO  hatte sehr viel Hoffnungen auf die Amerikaner gesetzt. Die Amerikaner haben zu spät entdeckt, was für ein Gauner Schanghaischek ist, und dann haben sie sich zurückgezogen anstatt Mao zu helfen. Ohne die Amerikaner war Schankaischek verloren, aber die Republikaner die Trottel halfen Schankaischek sich in Taiwan Niederzulassen.

MN: Also du sahst Armut, aber du nahmst sie hin wie eigentlich ich auch. Ich sitz in einem Restaurant und einer bedient mich. Ich weiss, dass ich 10 Mal mehr verdiene, aber what ever, es ist so.

BH: Die allermeisten Chinesen links und rechts waren wahnsinnig Arm! Wir, auch Mary Clemann und ihre Töchter oder Charlotte oder Frau Lu-Baumann waren reich! Die Chinesen hatten auch kein Geld; wir haben Dollars oder eine andere Währung bekommen, der einfache Chinese nicht. Ich weiss gar nicht was die einheimische Währung ist! Also alles war wahnsinnig billig! Ich weiss noch wie der Grossvater Lu noch in der Bank gearbeitet hat, hat die Oma Lu das Geld verwaltet. Jeden Monat kam ein Lastwagen voll Münzen, aussen Rund und in der Mitte ein Viereckiges Loch eingestanzt. Die Oma legte das Geld in einen Kasten und holte 10 oder 15 Münzen raus und gab sie dem Koch! Also wir lebten wie die Könige! Aber die Chinesen waren wahnsinnig arm! Ich erinnere mich – ich lebte damals mit meinem Vater -, dass ich zur Schule gehen musste und ein Tintenfass ausgelaufen ist. Der Rikscha-Fahrer weinte wie er das meinem Vater erzählte. Er habe nicht das Geld um den Stoff reinigen zu lassen. Der Vater hat es bezahlt, und es kostete nichts einmal einen Dollar! Der Rikscha Fahrer hätte das nicht bezahlen können.

MN: Wie seit ihr mit der Armut umgegangen?

BH: Man hat es gesehen, aber gesprochen hat man über das nicht, jedenfalls mit Renate und mir nicht, weil wir noch zu klein waren. Vielleicht an der Uni; die Bri war vielleicht mehr interessiert. Wir hatten auch fast nichts zu tun mit den Chinesen. Also berührte uns das wenig. Wir sprachen flissend chinesisch, aber das Gefälle Chinesen / Europäerinnen  war enorm! Ausser den Reichen Chinesen, das war es was anderes. Die reichen Chinesen waren viel in Schankhai mit den Europäern zusammen, die Europeen Community war sehr gross, nicht zu vergleichen mit Peking.

MN: Als Bub hattest du chinesische Freunde mit denen du Fussball spielen konntest?

BH: Eigentlich nicht, auch später nicht. Wir lebten wie die Europäer. Man kannte sich nicht. Ich glaube, auch in der Schule waren keine Chinesen. Später, als Charlotte in Hongkong war, da hatte sie immer noch Zugang zu Antiquitäten aus China, aber die Leute haben sich alle nach Hongkong oder nach Europa abgesetzt wie die Kommunisten kamen.

Ja, und dann kamen wir, Charlotte und wir Kinder , raus aus China, 1950 oder 51. Die Mutter hatte noch 1700 Dollar mitnehmen dürfen, das war genug für zwei drei Jahre, aber Reich war sie damit nicht. Hongkong war schon damals ein teures Pflaster. Wir wohnten im Hotel  Harbor View zu viert in einem Raum. Wir kamen raus wie der Korea-Krieg begonnen hatte, also Weihnachten 1950. Ich erinnere mich, dass Charlotte einen Baum gekauft hat, wahrscheinlich auf der Fahrt nach Bangkok ... Also Charlotte hatte viele Freunde in Hongkong, und einer hat gesagt, die Deutschen Pässe würden lange brauchen, Charlotte und wir waren Staatenlose, also Flüchtlinge, sie sollten doch bis die Pässe kommen bei ihm im Pieck wohnen.

Wie wir dann in Bangkok angekommen  sind, Anfang 1952, hat Charlotte ein Geschäft In Soi Langsoang aufgemacht, also mitten in Bangkok. Renate und ich mussten in die American International School. Wir hatten von acht bis zwölf oder Halb eins Schule, und dann war es zu heiss für die Lehrer und Schüler. Es war ein Paradies für uns Kinder! Die Häuser standen auf Hügeln, Fenster gab es nicht, Millionen von Moskitos gab es, an den Fenstern waren Moskitonetzte angebracht, und wir gewöhnten uns daran, mit Moskitos zu leben. Wassergraben mit Booten gab es, aber das meiste spielte sich auf den Strassen ab, da hatte es Autos und Busse und Tuktuks ... Es war einfach toll! Die einheimischen Frauen hatten nur ein  Zarong und oben nichts. Allerdings mauserte sich die Stadt, und so sah man weniger und weniger Frauen Oben ohne.

Charlotte fand die Tailänder schrecklich. Sie lächelten immer, und sagten ja, ja Madame und wussten nicht, was sie Weissen überhaupt wollten.

. Wir hatten im Garten einen halben Zoo!           ! Wir hatten einen Gibbon, einen Menschenaffen mit sehr langen Armen und Beinen und Zehen- und Fingernägeln! Und dann hängt er immer in einen Baum. Herr Gottfried brachte den Gibbon – Mumu namten wir ihn - Einestages mit und gab ihn der Renate. Am Anfang liebten wir Mumu! Dann hatten wir fünf Katzen, wir hatten vier oder fünf Hunde, dann hatten wir Hünger und Enten, die im Wasser herum paddelten. Dann hatten wir eine Pythonschlange  von 5 Sechs oder sieben Metern. Wir sassen eines Abends im Garten – es war ja wahnsinnig heiss! - und da sah ich einen Baum auf uns zuzukriechen! Wir hatten immer Angst um die Katzen und die Enten gehat. Aber die Tailänder sagten uns, dass wäre ein gutes Omen. Ja dann kam sie ab und zu und verschlang ein Huhn oder eine Ente. Ja, ein Nachbar brachte eine Katze um, das heisst, sie war gelähmt und da mussten wir sie einschläfern lassen. Ich hatte so eine Wut auf den Mann, ich wollte ihn erschiessen!

Ja, dann musste ich in eine wirkliche Schule. Charlotte hatte einen Norwegischen Freund und er riet ihr, eine Internatsschule in Peniang, Malaysia zu probieren. Also kam ich dort hin. Da war ja Krieg, die kommunistischen Rebellen kämpften gegen das malaysische Militär. Die Engländer hatten dort riesen Gummi-Plansaschen, also schickten sie alle Kinder ins Internat nach Peniang. Der Direktor der Schule war ein Pädophiler, aber wir wussten natürlich nichts davon.

Endlich hat Ein Mädchen der Schule der Mutter gesagt, was dort so geschieht. Da haben sie den Rektor der Schule entfern.

Charlotte hatte inzwischen beschlossen, das Geschäft in Bangkok Zu schliessen und nach Hongkong überzusiedeln. Sie packte alles ein, und sie machte ein neues Geschäft in Hongkong auf. Sie hat auch eine Wohnung gefunden, und damit konnten Renate und ich Gott-sei-Dank auch zur Charlotte zurück.

MN: Wann war das?

BH: Also meine älteste Schwester Brigitte hat sich 1953 in Bangkok verheiratet und ging mit seinem Mann Thom Jonson anschliessend nach Taiwan. Dann muss Charlotte Ende 1953 in Hongkong angefangen haben. Wir kamen schnell nach, und ich konnte in die Georg the fivth School gehen. Dort war ich bis 1957. Dann besuchte ich meinen Vater Fritz Horstmann in  Batzra, Israel, und dann weiter nach Düsseldorf in Deutschland. Da hat mich Oma Lu abgeholt, und  die Glassens, Freunde von Charlotte, adoptierten mich wie einen eigenen Sohn. Herr Glassens war jetzt Vorstandsvorsitzender der Götze-Werke, obwohl er in der Nationalsozialistischen Partei gewesen ist. Er war sehr gescheit, er sprach fünf oder sechs Sprachen fliessend. Ja, dann haben sie mich in einem Schicken BMW in die Odenwaldschule gebracht. Da habe ich mich Sechs Monate hindurch fast jede Nacht in den Schlaf geweint. Es ist grässlich gewesen.

In der Odenwaldschule war es kalt; man musste die Schuhe selber putzen, die Wohnung sauber machen, abwaschen ... Das musste ich nie, da waren Kulis und der Koch und die Ama und hunderte von Dienern! Ich sprach fast nicht Deutsch. Michael Bülow kam Gott sei Dank auch in die Odenwaldschule und der konnte auch kein Deutsch. Der Vater arbeitete für AGFA. Wir hatten Nachhilfeunterricht bei Frau Kupfer. Ich lernte verhältmismässig schnell. Ich hatte viele Freunde und Spass; am Schluss wäre ich am liebsten in der Odenwaldschule geblieben, aber 1961machte ich das Abitur und damit good bye Odenwaldschule. Ich kam in die Arbeitswelt.

In Mainz machte ich eine dreijährige Lehre als Sekt- und Weinhändler. Das war vielleicht die schönste Zeit meines Lebens. Ich war nicht mehr im Internat, und ich war frei.  Charlotte hat mir die Miete und – ja, vielleicht 150 oder 200 Mark bezahlt, ich hatte im ersten Jahr der Lehre 50 Mark pro Monat Taschengeld. Ich hatte einen aussergewöhnlichen Lehrmeister, Artur Meier. Er hat mich geliebt! Er hatte keine eigenen Kinder. Er liebte mich! Er hat mich immer beschützt! Ich konnte viel machen, was andere Lehrlinge noch nicht machen durften. Die Lehrlinge waren alles Mädchen; sie hassten mich. Die mussten auch viel Rutinearbeiten machen, und Artur Meier sagte einfach, sie sind zu gut für diese Arbeit.

Ich musste immer in die Gewerbeschule, da hat Herr Meier gesagt, nimm doch den Merzedes. Das war der Firmenwagen H. Bichel und Söhne in der Kaiserstrasse 28 bis 30. So fuhr ich hoch in die Gewerbeschule und parkierte den Wagen vor dem alten VW des Direktors. Ich stieg aus und sagte dem Direktor gute Morgen wie wenn nichts wäre. Der Direktor hat den Herr Meier angerufen und gefragt, „haben sie einen Lehrling mit Namen Bernhard Horstmann". „Ja doch". „Erlauben Sie dem Lehrling den Firmenwagen zu benützen" „Ja klar, wie soll er sonst zur Schule kommen"? ". „Bitte sagen sie ihm, dass er seinen Wagen wo anders parken muss!"

Zuerst wohnte ich gerade neben dem Dom; die Schwestern oder Nonnen waren so grauenhaft! Ich wollte weg! Es erinnerte mich auch an Peking und an die Nonnen von Sacre Ceur. Ich ging nach drei Monaten zu Herrn Meier, und er hat mir ein anderes Zimmer besorgt. Da hatte ich ein kleines Waschbecken, einen Schrank und auf dem Schrank zwei Herdplatten. In Gang haben wir uns ein Bad und ein WC zu zweit geteilt. Und dann ging es wirklich los!

Um Sieben in der Früh sind wir ins Geschäft. Zuerst haben wir eine Stunde gearbeitet, und dann haben wir gefrühstückt, weckwurst, Senf  und Wein. Ich habe drei Monate da gearbeitet und dann wo anders und noch einmal wo anders. Das Tollste war, dass ich von Anfang an beim Wein probieren dürfte! Wir haben einen Blauen Mosel-Wein ausgesucht; die Händler gingen in die Weinberge und kauften ein. Wir versuchten die Weine. Wir standen alle um den Tisch herum. Zuerst ruchen wir daran, dann probierten wir und spuckten den Wein wieder aus. Wir gingen um den Tisch herum und versuchten alle Weine. Dann bestimmte Herr Meier soundso viele Flaschen behalten wir für den zweiten Test. Dann wurde noch einmal ausgesiebt und dann bestimmte Herr Meier, die und die Flaschen kaufen wir. Also 500 Flaschen hellen Mosel-Wein, 700 Flaschen schweren Mosel, 300 Flaschen Blauen Mosel und so weiter! Es hat einen Sau Spass gemacht! Ich war am Anfang fast betrunken, weil ich natürlich ein bisschen gemogelt und den Wein getrunken habe anstatt ihn brav auszuspucken! Ich habe dort gelernt ohne Etikett Weine zu unterscheiben. Zum Schluss hat Herr Meier immer gesagt, jetzt gehen wir ein Bier trinken!

Ja und dann hat Herr Meier gesehen, dass ich auch sehr gut war mit den Menschen klar zu kommen. Also beschloss er, ich solle die Menschen aus der ganzen Welt am Flughafen abholen und ihnen alles zeigen, was zu zeigen sich lohnt. Also tourten wir durch halb Deutschland, wir speisten am Mittag und am Abend sehr gut, alles auf Kosten der Firma! Ich hatte gelebt wie der letzte König von Frankreich.

Ich habe in Mainz sehr viele Freunde gemacht. Ich hatte das erste Auto von Charlotte geschenkt bekommen. Harald und ich fuhren viel nach München. Frankfurt war die Stadt der Nutten und der Prügeleien. München, das war einfach eine tolle Stadt! Wir waren viel in der Disko in der Leopoldstrasse. Wir haben getanzt und schöne Mädchen aufgetan. macht. Wir haben in München nie ein –Hotel gebraucht, weil – ja, einerseits haben wir oft die ganze Nacht durch getanzt, und andererseits sind wir immer von Mädels eingeladen worden ...

MN: Und dann?

BH: Ich habe die Weinhändlerlehre 1964 beendet, und dann wollte ich zum Theater, Schauspieler werden. Weinhändler genügte mehr nicht. Charlotte hat gerade eine Dame getroffen, die hat in München ein kleines Theater, ich glaube, es heiss „die kleine Freiheit" oder so ähnlich. „Geh doch mal da hin".  „ hat Charlotte gesagt, und ich ging hin und die Dame nahm mich als Praktikant in die „kleine Freiheit" auf. Ich war nun in München, und da half ich gelegendlich auch der Mary Clemann. Die führte damals ein Geschäft mit Asiatischer Kunst, die Charlotte da aufgemacht hatte. Sie nahm Mary Clemann, weil Charlotte und Mary Halbschwestern waren, und man half in der Familie wie es ging. Charlotte hatte dort einen Geschäftswagen, und ich konnte ihn fahren. Der VW hatte ausgedient! Ich half Mary immer wieder in Laden oder ich besuchte Kunden und so weiter.

Wir waren wieder einmal in einer Disko, tanzten und Flirteten. Es war drei Uhr früh und ich war nicht mehr ganz nüchtern. Plötzlich war eine Ansage: Ist da ein Herr Bernhard Horstmann. Ja gut, ich sagte, ich bin es, OK kommen sie bitte mit.   Im Eingang waren drei Polizisten, die sagten etwas wie mein Wagen und so. Mitten auf der Strasse stand wirklich mein Auto! Ich hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen! Aber das schnimmste war meine Tante Mary. Sie wartete draussen und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Der Wagen war ja auf Ost-Asiatika gemeldet, und darum rief die Polizei Mitten in der Nacht die Tante Mary an. Sie hat sich angezogen und da war sie. Sie hat mich so fertig gemacht, das vergesse ich nie mehr! Ich war fix und fertig! Aber sie hatte natürlich recht! Ich hab sie dann nach Hause gebracht. Weisst du: Die Mary hat alles wahnsinnig ernst genommen, sie konnte nicht mehr Lachen, und dich war das gegenteil von Tante Mary. Ich habe immer gelacht, nie gedacht, das und jenes könnte passieren, ich war jung und unbeschwert. Sie nicht mehr.