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Jane oder das falsche und das wahre Bewusstsein

Als ich Jane, die drei Monate zuvor in die Schule gekommen war, fragte, wie ihr die Schule gefalle, reagierte sie mit einem enthusiastischen „super". Ich studierte damals in den USA und hatte eben damit begonnen, alles, was mir an schulkritischer Literatur in die Hände fiel, zu lesen. Janes Begeisterung enttäuschte mich deshalb etwas;ein trauriges „es geht" oder ein wütendes „die Schule ist Mist" hätten besser in meine schulkritische Gedanken- und Gefühlslandschaft gepasst.

In der leisen Hoffnung, vielleicht doch noch etwas mehr zu dem Thema zu erfahren als dieses militärisch stramme „super" fragte ich sie: „Würdest du auch in die Schule gehen, wenn du nicht hingehen müsstest." Sie begriff nicht, und ich erklärte: „Würdest du auch in die Schule gehen, wenn du stattdessen beispielsweise zuhause bleiben und spielen oder eine Freundin besuchen oder sonst was tun könntest?" Jetzt hatte sie verstanden, und ihr entrüstetes „natürlich nicht" liess an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig.

So wie die kleine Jane lernen Millionen von Kindern rund um die Welt jeden Tag, sich mit einem Alltag abzufinden, der ihnen im Grunde ihres Herzens gleichgültig oder gar zuwider ist. Sie lernen brav und ohne weiteres Nachdenken „super" zu sagen, denn jede andere Antwort würde sie nur in Schwierigkeiten bringen. Auch wir haben gelernt, uns in die Verhältnisse zu fügen und „das beste" daraus zu machen. Was bleibt einem schon anderes übrig. Hätte die kleine Jane keine Lust auf die Schule, so würden die Eltern sie dennoch hinschicken! Nach drei Monaten war es Jane bereits schwer gefallen, meine Frage zu verstehen, und nach weiteren drei oder sechs Monaten hätte sie auf mein Freiheitsangebot vielleicht mit einem klaren „nein" geantwortet, denn sie war ein „braves Kind", welches seine Eltern und die Lehrerin nicht enttäuschen wollte. Adorno und Horkheimer blicken resigniert. Sie haben es schon immer gewusst! Es gibt ein „wahres" und ein „falsches" Bewusstsein, wobei uns die Schule – getreu dem Motto, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans vielleicht nimmer mehr! – früh und nachhaltig daran gewöhnt, das „falsche" Bewusstsein für „wahr" und seine Pseudobedürfnisse und Pseudobefriedigungen für unsere eigentlichen Bedürfnisse und Befriedigungen zu halten. Und sind wir doch ehrlich: So schlimm war's ja nicht – und was würden wir denn wollen, wenn wir frei wären, zu wollen, was wir wollen?

Copy Martin Näf 1997