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Killing me softly oder: Tote schlafen nicht. Dramulett in secks Szenen

Die Personen:

Herr und Frau Carbonara, seit 33 Jahren verheiratet

Frau Meier, die Nachbarin der Carbonaras

Herr Barigoul, ein weltbekannter Scheidungsanwalt

Der Schaich

Die Richterin

 

1. Szene

Herr Carbonara liegt tot in seinem Bett. Mme. Carbonara sitzt neben ihm und weint. Herr Meier betritt das Zimmer ohne den Toten zu sehen.

Herr Meier: Meine Liebe, Sie weinen?

Mme. Carbonara: O Gott, ja! Es ist so schrecklich – so schrecklich!

Herr Meier: Was denn, bitte, was? Mme. fassen sie sich und sprechen sie!

Frau Carbonara: Mein Mann ist tot!

Herr Meier: Herr Carbonara? (Plötzlich sieht er den toten). O Gott, ja, Herr Carbonara! Was ist denn bloss mit ihm geschehen?

Frau Carbonara: Ich bin gestern Nachmittag nach Brüssel abgereist. Sie wissen doch, ich bin in Brüssel geboren und meine ganze Familie lebt dort! Ich bin gegen 20:00 angekommen und habe mit meiner Schwester zu abend gegessen. Ich bin eine Nacht bei ihr geblieben. Heute Nachmittag bin ich zurückgekommen und da fand ich ihn tot in seinem Bett!

Herr Meier: Gott der arme! Dabei ist er doch erst eben 56 geworden!

Frau Carbonara: Und gestern war er noch kern gesund!

Herr Meier: Es besteht kein Zweifel, hier liegt ein Verbrechen vor.

Frau Carbonara: Man hat meinen Mann umgebracht. Kaltblütig ermordet!

Herr Meier: Umgebracht. Wie das? Warum?

Frau Carbonara: Das ist doch klar ...

Herr Meier: Klar? Erzählen sie!

Frau Carbonara: Herr Carbonara ist gestern Abend ausgegangen, um seine Zeitung zu kaufen. Er tut dies jeden Abend.

Herr Meier: Dabei ist er die Treppen hinuntergefallen und gestorben ...

Frau Carbonara: Quatsch. Herr Carbonara ist nicht gefallen. Er ist auf die Strasse gegangen und während er weg war ist der Mörder die Treppen hinaufgestiegen und

Herr Meier: ist in die Wohnung von Herrn Carbonara eingetreten und ...

Frau Carbonara: Als Herr Carbonara zurückkam ...

Herr Meier: Hat er ihm den Schädel eingeschlagen!

Beide: O Gott, wie furchtbar! Wie entsetzlich! Diese brutale Welt!

Herr Meier: Es war wahrscheinlich ein Drogensüchtiger!

Frau Carbonara: Sicher so ein Neger!

Herr Meier: Sicher. O Gott, wie grauenhaft! (Nach einer Pause plötzlich nachdenklich): Aber

Frau Carbonara: Aber was?

Herr Meier: Man sieht ja gar kein Blut und sein Kopf sieht ganz intakt aus.

Frau Carbonara: Tatsächlich. Sie haben recht. (Neigt sich zu dem Toten, um seinen Schädel genauer zu sehen. Plötzlich laut schreiend) Hilfe, hilfe! Herr Meier, er atmet! Der Tote atmet!

Herr Meier: Er atmet? der Tote atmet? Meine liebe Frau Carbonara, das ist unmöglich.

Frau Carbonara: Wenn ich es sage.

Herr Meier: Tote atmen nicht ...

Frau Carbonara: Pssst, seien sie einmal ruhig ... Ich glaube, Herr Carbonara schläft bloss.

Herr Meier: Das ist unmöglich, Tote schlafen nicht.

Frau Carbonara: Wenn ich es sage!

2. Szene, Im Büro des Advokaten Barigoul.

Herr Barigoul sitzt hinter einem grossen Schreibtisch. Es klopft kurz an der Tür, und Shaich Mohammed Ali Al Bengurion stürzt herein. Als er Herrn Barigoul erblickt bleibt er überrascht stehen und sagt dann leise und staunend..

Der Schaich: O Himmel, was sehen meine Augen! Was sieht mein Herz! Pepino! Pepino, du Spross meiner Lenden, o stolz meiner alten Tage! Dass ich dich endlich wieder finde! Pepino, mein Junge, mein Fleisch und Blut ...

Der Schaich geht auf M. Barigoul zu und will ihn umarmen. M. Barigoul versucht sich der Umarmung zu entziehen.

M. Barigoul: Aber mein Herr, mein Herr! Ich bitte sie! Ich bitte sie!

Der Schaich: Ach diese Stimme! Wie lange habe ich sie nicht mehr gehört.

Er versucht Herrn Barigoul erneut zu umarmen.

M. Barigoul: Mein Herr, mein Herr, ich bitte sie! Lassen sie mich los! Ich bitte sie! Sie verwechseln mich mit jemandem.

Der Schaich: Verwechseln? Unmöglich! Erinnere dich doch! Ich habe dich damals auf dem Markt von Marakesch gegen einen Sack Mehl eingetauscht! Ach die Zeiten waren hart und du warst das letzte was wir hatten, Pepino. Du hast geschrieen und gezappelt, aber was will man. Der Bauch (dreht sich zum Publikum) der Bauch, dieser Tyrann der Menschheit, dieser Feind aller höheren Gefühle! Aber jetzt mein Kleiner sind wir wieder vereint!

Er will Herrn Barigoul erneut umarmen. Dieser bringt sich auf einem Aktenschrank in Sicherheit.

M. Barigoul: Mein Herr, ich bitte sie, ein Missverständnis! Ich stamme aus einem Waisenhaus in Toulous! Ich bitte sie!

Der Schaich: Diese alte Hexe! Hat gesagt, sie würde dich aufziehen wie deinen eigenen Sohn! Stattdessen hat sie dich gleich nach Toulous weiterverkauft. Diese Hexe! Und ihr Mehl war voller Würmer ... (dreht sich wieder zum Publikum) O, die Menschen sind schlecht. Schlecht, sage ich! Schlecht wie das Mehl dieser Hexe! (Wieder zu Herrn Barigoul) Hat sie dich also weiter verschachert, statt dich im ihrem Hause grosszuziehen. (Er zieht einen Stuhl zum Aktenschrank und steigt hinauf) Aber jetzt, jetzt mein kleiner, wird alles gut. Dein Papa ist zurückgekommen ... Jetzt wird alles wieder gut!

M. Barigoul hält plötzlich eine Pistole in der Hand: Mein Herr, rühren sie mich nicht an! Noch eine falsche Bewegung und ich schiesse!

Der Schaich springt erschrocken vom Stuhl und stolpert rückwärts gegen die Wand des Büros.

Der Schaich: O mein Junge, mein Kleiner. Schiessen sie nicht! Es waren harte Zeiten damals in Marakesch, und wir hatten am Tag zuvor unser letztes Brot gegessen. Bitte, schiessen sie nicht. Väter sind so leicht verletzt.

Herr Barigoul steigt von seinem Aktenschrank herunter. Er zielt mit seiner Pistole auf den Schaich.

M. Barigoul: Mein werter Herr. Lassen sie uns vernünftig sein. Ich verzichte darauf, sie zu erschiessen, wenn sie damit aufhören, mir ihre Vaterschaft aufzudrängen!

Der Schaich: O Pepino, mein Kleiner ...

M. Barigoul drohend: Hören sie auf oder es knallt!

Es klopft. Frau Carbonara tritt ein. Sie schaut die beiden Männer erstaunt an. Langsam wendet herr Barigoul sich ihr zu. Er lässt seine Pistole in der Hosentasche verschwinden.

M. Barigoul: Meine beste, was kann ich für sie tun?

Während Herr Barigoul Mme. Carbo zu einem Stuhl führt und sich setzt, sagt der Schaich zu M. Barigoul in ganz anderem Ton:

Der Schaich: Nun gut, mein Klei...,ee Herr Barigoul. Ganz wie sie wollen! Natürlich ganz wie sie wollen. Wir werden die gesamte Problematik bei anderer Gelegenheit diskutieren, denn das Zusammensein mit einer holden Dame sollte durch nichts getrübt werden! Wirklich! Diese Schönheit! Dieser Hals! Diese Haare, diese Hände, diese Knie! Ach, wenn ich könnte, wie ich wollte, meine Verehrteste, mein Prunkstück ... Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde vor ihnen hinsinken und sie zu meiner Königin machen, ich würde  ...

M. Barigoul: Schluss damit! Sie sehen doch, dass die Dame zu MIR will und nicht zu IHNEN.

Der Schaich: Natürlich, natürlich, mein klei... eh Herr Barigoul. Natürlich. Ich gehe dann. Bis später! Es war mir ein Vergnügen. (Er geht zur Tür, verbeugt sich noch einmal und verlässt die Szene).

3. Szene:

M. Barigoul: Uff, das wäre geschafft! Ein schrecklicher Kerl. Frankenstein lässt grüssen. Aber (plötzlich sehr nachdenklich) was er da von Marakesch gesagt hat, Marakesch, ja ist es vielleicht möglich  ... (während er spricht beginnt er geistesabwesend seinen Schreibtisch aufzuräumen. Plötzlich erinnert er sich an Frau Carbonara, die inzwischen still zu weinen begonnen hat). Er sieht sie voll Mitleid an und sagt dann mit sanfter Stimme.

M. Barigoul: Meine Teuerste! Beruhigen sie sich. Sie befinden sich im Büro des weltbekannten Anwalts Raymond Paul Maurice Barigoul. Es gibt keinen Grund zu weinen. Bei mir sind sie sicher. Ich mache aus jedem Kriminellen einen Heiligen und verwandle jede Gemeinheit in eine Tat reinster Tugend! Deshalb meine beste, trocknen sie ihre Tränen und sagen sie mir, was sie bedrückt!

Mme. Carbo, nachdem sie ihre Tränen getrocknet hat: O Monsieur Barigoul! Es ist schrecklich!

M. Barigoul: Gewiss, schrecklich, meine Teuerste. Schrecklich!

Mme. Carbonara: Es kann so nicht mehr weitergehen.

M. Barigoul:Ganz recht. Es kann so nicht mehr weitergehen.

Mme. Carbonara: O Monsieur, sie verstehen mich!

M. Barigoul: Aber ja doch, Madame. Ich verstehe sie!

Frau Carbonara: O Monsieur, wie ich ihnen danke!

M. Barigoul: Sicher, sicher, doch sprechen sie. Erzählen sie!

Frau Carbonara: O es ist schrecklich. Mein Mann ist tot. Es ging ganz langsam, aber vor drei Tagen, als ich von Brüssel zurückkam, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Er schläft und isst und geht herum wie gewöhnlich, aber er ist tot.

M. Barigoul: Ein sehr spezieller Fall, sehr speziell und interessant, doch sagen sie mir, meine Beste, wie kann ich ihnen helfen?

Frau Carbonara: Man hat mir gesat, sie seien der beste Scheidungsanwalt weit und breit!

M. Barigoul: Gewiss, jede Ehe, mit der ich mich befasse, endet in einer Scheidung. (Er blinzelt ihr zu und lächelt)

Frau Carbonara: Monsieur. Helfen sie mir. Ich will mich von meinem Mann scheiden lassen. Ich kann nicht mit einem Toten zusammenleben.

M. Barigoul: Gewiss nicht. Das wäre gegen das Gesetz!

Frau Carbonara: Sie werden mir also helfen?

M. Barigoul: Widmen sie mir eine Stunde, legen sie mir ihre Gründe dar und arrangieren sie einen Gerichtstermin, und ich werde mich so für sie einsetzen, dass nach 15 Minuten nichts mehr von ihrer Ehe übrig ist als ein paar blasse Erinnerungen. Vertrauen sie mir, Mme.. Mir widersteht man nicht lange!

Frau Carbonara: Was für eine Kraft und was für ein Herz! Man hat es mir gesagt: sie seien unwiderstehlich.Ich spüre es genau, sie sind der rechte Mann, ich meine derrechte Anwalt, mich von meinem Gatten zu befreien!

4. Szene

Im Gericht. allgemeines Gemurmel. Anwesend sind Die Richterin, Herr und Frau Carbonara, Monsieur Barigoult und ein paar ZuschauerInnen.

Die Richterin: Meine Damen und Herren, ich erkläre die heutige Sitzung als eröffnet. Herr Carbonara wird von seiner Frau beschuldigt, tot zu sein, weshalb sie von ihm geschieden werden will.

Madame Carbonara: Jawohl. Er bewegt sich, er schläft, er isst, er spricht, aber er ist tot! Ich schwöre es. Es hat lange gedauert – 33 Jahre lang. Ein langsames sterben, doch als ich kürzlich aus Brüssel zurückkam und er so ruhig in seinem Bett lag und schlief, da wusste ich: Der Mann ist tot. Ich war erschüttert, denn, hohes Gericht, ich liebe meinen Gatten, aber bei aller Liebe – ich kann nicht mit einem Toten zusammenleben. Ich kann es nicht, Frau Richterin. Ich flehe sie deshalb an: Scheiden sie meine Ehe. Ich liebe meinen Mann zu sehr, als dass ich die Tatsache seines Todes gleichgültig hinnehmen könnte.

Die Richterin: Monsieur Carbonara trete vor. Sie hören die Anklage ihrer Frau. Was haben sie dazu zu sagen?

Monsieur Carbonara: Die Klage ist verständlich, aber nicht gerecht. Ich bin so tot wie die meisten hier in diesem Saal, nicht mehr und nicht weniger. Dass meine Frau sich heute über mein Totsein beklagt, ist absurd, denn sie hat den Mord vollendet, den wir Erziehung nennen! Sie hat mir beigebracht, sparsam und vernünftig zu sein. Sie hat mir beigebracht, mich nicht gegen die Monotonie meiner Arbeit aufzulehnen. Sie hat mir beigebracht, sie an unserem Hochzeitstag jeweils mit einem Strauss Rosen zu überraschen. Sie hat mir beigebracht, dass es unschicklich ist, ihren Hintern zu tätscheln, wenn sie daran ist, einen Kuchen zu backen oder mit ihrer Mama zu telefonieren. Sie hat mir beigebracht, dass es kindisch ist, wütend zu werden, wenn sie im Treppenhaus unseren Nachbarn küsst. Sie hat mir beigebracht, dass ein guter Ehemann nie aus dem Haus geht ohne seine Frau liebevoll auf die Wange zu küssen. Sie hat mir beigebracht, dass es verantwortungslos ist, für zwei Wochen in die Karibik zu fliegen, solange die Hypothek auf unserem Haus noch nicht abbezahlt ist. Kurz: Als ich meine Frau kennenlernte war ich ein unreifer Kindskopf. Jetzt bin ich ein reifer, erwachsener Mann. Deshalb, verehrte Richterin: Wenn meine Frau auf ihrer Anklage besteht, so sehe ich mich gezwungen, sie meinerseits der Beihilfe zum Mord anzuklagen.

Madame Carbonara, sichtlich erregt: Ich, eine Mörderin! (Sie fasst sich ans Herz)

Monsieur Carbonara: Beruhigen Sie sich, meine liebe, wir sind alle Mörder, mehr oder weniger.

Madame Carbonara: Ich, eine Mörderin ... (sie bricht röchelnd zusammen).

Die Richterin: O Gott, Mme. Carbonara stirbt! Schnell ein Arzt! (Sie rennt aufgeregt von der Bühne, Monsieur Barigoul kniet neben seiner ohnmächtigen Klientin. Er tätschelt ihre Wangen):

Monsieur Barigoul: Madame, Madame.

Die Türe öffnet sich und der Sheik tritt ein. Er blickt sich gehetzt und verwirrt um.

Der Sheik: Diese Stimme, diese Stimme! Ist es möglich? Ich hörte sie im Vorübergehen! Ist es möglich ...

Der Sheik sieht die auf der Erde liegende Madame Carbonara. Er stösst einen Freudenschrei aus, dann beugt er sich besorgt zu ihr hinunter.

Der Sheik: Madame, Mein Herz, mein Leben! Endlich habe ich sie gefunden. Seit ich sie im Büro meines kleinen ... e, ich meine im Büro von Pepi ... e Monsieur Barigoult gesehen habe, habe ich in ganz Paris nach ihnen gesucht. Ich bin vor Sehnsucht beinahe umgekommen, doch Madame (er blickt Frau Carbonara erstaunt an): Sie sehen so blass aus, und sie sind so still! O meine Königin, o mein Herzkäferchen, es ist ihnen doch nichts geschehen? Man hat sie doch nicht beleidigt? Blicken sie mich an! Sprechen sie! (Er beugt sich tiefer zu ihr hinab. Plötzlich erschrickt er). Madame, sind sie etwa tot, antworten sie, Madame, was ist mit ihnen!

Er springt voller Verzweiflung auf und stürzt zum nächsten Fenster. Während er dieses vergebens zu öffnen versucht schluchzt er:

Tot. Meine Königin tot! O ihr Götter, helft mir doch dieses verdammte Fenster zu öffnen, damit ich ihr in den Tod nachspringen kann. (Er rüttelt vergeblich am Fenster) Dieses verdammte Fenster ...

Madame Carbonara, halb zum Sheik und halb zu sich selber: Seien Sie ruhig, stören sie meinen Traum nicht.

(Alle Schauspieler frieren ein.)

Madame Carbonara mit leiser Stimme: Der Film meines Lebens spult sich vor mir ab. Ich sehe alles ganz deutlich, ich als kleines Mädchen, wie ich durch die Strassen von Toulous renne ... (mit einem verklärten Lächeln auf dem Gesicht) Wie ich Robert kennenlerne ... O, wie war alles so anders damals ...  (Pause) ... Wir waren so anders ... (Pause) ... wie Kinder ...

(Die SchauspielerInnen tauen wieder auf)

Der Sheik schluchzend: Meine Prinzessin ... (er rüttelt am Fenster). Meine Prinzessin. Sie ist tot. (endlich öffnet sich das Fenster. Der Sheik steigt umständlich auf's Fensterbrett)

Der Sheik: Mein Täubchen, warte, ich folge dir!

Während der Sheik seine Arme ausbreitet und aus dem Fenster springt, springt Monsieur Barigoult plötzlich von seinem Stuhl auf.

Monsieur Barigoult: Papa! Papa! Springe nicht! Papa! (Er rennt zum Fenster und springt dem Sheik nach).

5. Szene, noch immer im Gericht

Die Richterin kommt zurück. Sie schaut sich um und schlägt wütend und nervös mit ihrem Hammer auf das Pult.

Richterin: Ruhe bitte. Ruhe. Was ist denn das für ein Theater! Wie soll man hier noch Rechtsprechen! (Sie geht zum Fenster und schlägt es zu; dann kehrt sie zu ihrem Stuhl zurück und beginnt erneut): Die Ärzte haben Mittagspause, die Angeklagte ist gestorben; ihr Anwalt ist zum Fenster hinausgesprungen ... (sie schaut verloren in den Saal)

Die Türe öffnet sich und der Sheik kommt fluchend herein:

Der Sheik: Diese unfähige Justiz! Haben ein 6stöckiges Gerichtsgebäude, aber dieser Prozess muss natürlich ausgerechnet im Parterre stattfinden!

(Madame Carbonara seufzt und schlägt die Augen auf)

Der Sheik plötzlich verändert: O meine Prinzessin, meine Erbse, meine Sonnenuhr! Sie sind nicht tot! O welche Weitsicht der Gerichte! Einen Sprung aus dem 6. Stock hätte ich vermutlich nicht überlebt! Sie sehen. Es muss sein. Wir gehören zusammen! Auf, lassen sie uns nach Algier fliehen.

(Er tätschelt Madame Carbonara auf die Wangen und versucht sie von der Erde hochzuziehen. Sie ist noch etwas schlapp von der Ohnmacht)

Der Sheik: Auf auf, mein Täubchen! Es ist alles vorbereitet, zögern sie nicht! Sie erhalten die Suite im oberen Stock. Alles in grünem und Gelbem Marm ...

Herr Carbonara, der bis jetzt alles starr von seinem Stuhl aus betrachtet hat, plötzlich aufspringend: He he, mein Herr! Was fällt ihnen ein! Lassen sie diese Dame sofort los!

Der Shaich: Mein Täubchen, lass uns gehen!

Madame Carbonara, sich losreissend: Was fällt ihnen ein! Ich will nicht!

Der Sheik: Was? Wie? Sie wollen nicht?! O, diesmal suche ich mir aber ein Fenster im 6. Stock! O diese Welt! Ich bin fertig mit ihr.

(Er stürzt zur Tür und stösst in ihr mit Monsieur Barigoult zusammen).

Monsieur Barigoult: O Papa! Sie leben! O Papa! (er fällt seinem Vater um den Hals) Als ich sie vorhin auf dem Fensterbrett sah wusste ich es plötzlich ... Die Zeit vor Toulous. Meine Erinnerungen an damals ... Alles wieder da! Und mitten drin Sie, auf einem Fensterbrett ... Wie oft sind sie herausgesprungen! O, wie ich mich erinnere, mein lieber, guter Papa!

Der Sheik: Aha, jetzt plötzlich. Zuerst wird man mit der Pistole bedroht und dann heisst es auf einmal "mein lieber guter Papa".

Monsieur Barigoult: O bitte, bitte, Papa, nicht böse werden, ich meinte ja nur ...

Der Sheik beleidigt: "Ich meinte ja nur ..." Du ungezogener Flegel! Undankbar und frech. Nichts als Sorgen hat man mit euch Rotznasen! Aber Schluss jetzt mit dem Gerede! Wir werden heute Abend in Algier erwartet. Die Palastwache ist informiert. Die Feuer in den Kaminen brennen! Also, hopp hopp, beweg dich. Du wirst die Suite im oberen Stock beziehen. Alles grüner und gelber Granit! Zum Glück hat diese Dame dort auf mein Angebot verzichtet! (Im Abgehen) Undankbares Weib, elendes ...

(Monsieur Barigoult und der Sheik verlassen die Bühne).

6. Szene

Die Richterin plötzlich ganz verwirrt: Aber ... er kann doch nicht ... ein Mann wie dieser Sheik ... ganz ohne Frau? Er wird sich an dem Jungen vergreifen, man kennt das ja! (Sie rafft ihre Papiere zusammen. Während sie diese in einen Plastiksack stopft erklärt sie den verblüfften Carbonaras):

Die Richterin: Es tut mir Leid, aber ich muss! Die Feuer brennen im Kamin und ... (im Hinausrennen), Es tut mir leid, aber ich muss!

Herr und Frau Carbonara schauen sich lange an.

Madame Carbonara: Und wir? Was machen wir jetzt?

Monsieur Carbonara: Ach, ich glaube, wir gehen Heim (breites Grinsen) ...

Madame Carbonara lächeln: Und versuchen's noch einmal?

Monsieur Carbonara: Warum nicht ...

(beide ab).

Ende

 

Ergebnis eines Französischkurses im Herbsttrimester 2007 an der Ecole d'Humanité

 

Copy Martin Näf