.

Krieg? Antigon und Sokrates im Gespräch

Ich verabschiede mich für jetzt. Ich gebe das Steuer einem erfahrenerem Mann, der euch besser erklährt, wohin die Reise geht! Gute Unterhaltung, wenn das noch Unterhaltung ist!

Antigon:„O Sokrates ... Du hier? Welch unerwartete Freude! Du hier! Ach Sogrates!

Sokrates: „Wahrlich, es scheint mir beinahe als ob du mich gerufen hättest."

Antigon: „Gerufen ohne dich zu rufen, denn obschon du immer um uns bist ist es beinahe, als ob ein Fluch mich hindert, dich zu rufen, wenn ich dich am meisten nötig habe! Und nötig habe ich dich in der Tat, denn es will mir wieder einmal scheinen, als ob ich untergehe wie ein Schiff, das ohne Steuer auf dem weiten Meere treibt."

Sokrates: „Du scheinst mir eher wie ein Esel oder sonst ein Arbeitstier, welches unter 20 oder 40 Säcken Mehl begraben ist, weil es nicht gelernt hat, denen, die ihm Sack um Sack auf seinen Rücken laden, Einhalt zu Gebieten. Dabei musst du doch wissen, dass des Menschen Geist beschränkt ist, und dass der, der alles zu erfassen trachtet, am Ende keinen Schritt mehr tun kann."

Antigon: „Ich weiss es wohl und fühl es auch am eig'nen Leib. Doch wenn sie kommen und noch einen Sack und einen andern bringen so kann ich nicht widerstehen. So viele Fragen und Gedanken! Doch mal um mal wird mein Enthusiasmus mir zum Verhängnis, denn – „beladen mit zu vielen Säcken, muss ich unterwegs verrecken"."

Sokrates: „Wahrlich, du wärest weise, wenn du nur einen Sack auf's mal zur Mühle tragen würdest. Doch unter uns gesagt: ich glaube nicht, dass ich mich zu dir setzen würde, wenn du auf diese Weise weise wärest, denn wozu bräuchtest du mich noch, wenn du allein und ohne irgend einen Nebenmenschen die ganze Wirklichkeit erfassen und kapitelweise niederschreiben könntest ... Nein. Ein solcher Lügner bist du nicht, obwohl: Sie werden hoch geachtet, die Professoren und Sofisten mit ihren klugen Systemen und ihren lückenlosen Ketten von Beweisen, durch welche sie der Sklavenwirtschaft Vorschub leisten. Doch mein Fall sind diese Geisteshelden nicht, denn mit ihrem Räsonieren bemächtigen sie sich aller Wunder dieser Erde und verwandeln unsere Welt in einen grossen Zoo, wo alles hübsch geordnet und beschildert ist, der Platz gerecht verteilt, die Fütterung auf wissenschaftliche Prinzipien gestellt, Weltersatz, ob welchem wir die Fülle, aus dem sie schöpften, immer mehr vergessen! Nein, mein Freund. Neben einen solchen Herkules der Denkkraft würde ich mich nicht setzen. Lieber komme ich zu dir, denn in deiner Art der Schwäche spür ich Stärke. Du bist verzweifelt, weil du liebst, und bleibst, wo and're wissen, ein Fragender, und damit mach dem alten Sokrates ein wenig Platz auf deiner Bank. Die Grübelei am stillen Tisch hat ihre Zeit, doch jetzt scheint mir, ist's wieder einmal Zeit zum Reden." Er setzt sich ächzend hin. "Wer im Namen der Gerechtigkeit oder eines barmherzigen Gottes, im Namen der Wissenschaft oder der Freiheit Statuen zerstört und neue Götterbilder errichtet, Menschen von einer Knechtschaft erlöst um sie alsbald vor den Karren seiner eigenen Zwecke zu spannen ... Ach, es sind Tyrannen, die im Namen des Guten und Schönen alles Gute und Schöne zertrampeln, weil es nicht ihr „Gutes und Schönes" ist ... Es sind schreckliche Menschen, Löwen und klauenbewehrte Tiger im Fell des zarten Lammes! Doch was rede ich! Statt mich über das Treiben der Menschen, dieser wohlmeinenden Toren zu freuen und ihren Dummheiten mit Liebe zu begegnen, jammere ich wie der blinde Theresias, dieses Klageweib in Männerkleidern, und halte fanatische Predigten wie all die grossen Weltverbesserer, die den Menschen Weisheit, Demut und Liebe mit Fäusten und Knüppeln beibringen wollten, weil sie im Herzen den Jammer nicht mehr ertrugen ..."

Antigon: „Sokrates! So sprachst du früher nicht!"

Sokrates: „Nein, mein Freund. Ich glaube damals in Athen sprach ich nicht so. Doch heute ... Heute fällt es mir schwer, Distanz zu wahren und dem Geschehen rund um uns her in der heiteren Gelassenheit eines Menschen zu begegnen, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, und den wir deshalb "Philosophen" nennen. Damals glaubte ich an die aufklärende Kraft des Verstandes, doch heute scheint sie mir alleine nicht mehr ausreichend."

Antigon: „In der Tat, Sokrates! Es ist genau dies, was mir mein Vorhaben ein allumfassendesBuch zu schreiben je länger desto schwerer macht: Die Probleme und der Widersinn des ganzen Unternehmens scheinen mir so offensichtlich und sie wurden von klugen Männern und Frauen seit hunderten von Jahren schon so oft beschrieben, dass ich nicht verstehe, weshalb ich ihn den Menschen noch einmal mit so viel Sorgfalt auseinanderlegen muss, und doch habe ich das Gefühl, ich muss! Ich muss das offensichtliche erklären, denn auch für viele meiner Freunde ist das, was mir offensichtlich scheint, durchaus nicht nachvollziehbar. Zugleich scheint die Erklärerei jedoch unendlich nutzlos! Ich möchte das Gewebe der Unvernunft Faden für Faden beschreiben, sodass wir es lösen könnten, ohne das Gewebe zu zerreissen, ohne einen Menschen zu verletzen. Alle würden plötzlich sehen und verstehen, sie würden lächeln, ihre Gesichter würden strahlen ... Ja, Sokrates, so möchte ich erklären können – ruhig, präzise, liebevoll! Doch ich kann es nicht. In mir ist ein solcher Schmerz und ein solcher Schrecken, dass ich nicht ruhig bleiben und meine Sache Schritt für Shritt darlegen kann. Und, Sokrates, der Schrecken wächst, je mehr ich selbst begreife. So viel Gewurstel, so viel Zynismus, so viel nutzloser Aktivismus, so viel Korruption! Nein, Sokrates! „Positive Beispiele" brauchen die Menschen nicht! Sie brauchen Prügel und Menschen, die aufstehen und „Feuer" schreien, denn liegen sie nicht schlafend in einem brennenden Haus? Und wenn sie halb erwachen wollen sie ein Glas Milch mit Honig, weil sie „Halsweh" haben! Dabei steht das Haus in Flammen! Soll ich ihnen da wirklich Honigmilch bringen? Nein! Wir müssen sie aus ihren Betten reissen, trotz ihres unwilligen Protests. Es gibt andere, die bereits erwacht sind, die bei den Ausgängen stehen, die beim Löschen helfen und beim verlassen des Hauses, und auch ich versuche zu helfen, während ich immer weiter „Feuer", „Feuer" schreie. Ach Sokrates, mein Schreien ist nutzlos. Die Menschen halten sich die Ohren zu. Sie sind empört, dass man sie aus ihren Träumen reissen will! In den Betten liegen keine gesunden Menschen; in den Betten liegen Krüppel und Kranke. Sie sind nicht fähig zu begreifen, sie sind krumm vor Angst, sie sind voller Misstrauen ihren Nachbarn und der Welt gegenüber. Sie glauben nur noch an die grosse Maschine. Sie können ohne sie nicht mehr leben. Ohne sie würden sie verhungern, erfrieren, verdursten. Ihr Rattern und Kreischen sind Teil ihrer Seele geworden; der ständige Strom an „Information" löst ihre Ängste und lullt sie ein. Sie klammern sich an ihre Befehle, durch die sie aufrecht gehalten werden wie die Marionetten durch die Fäden in der Hand der Spieler, sie bewegen sich in ihrem Takt, sie drehen und verbeugen sich, springen und rennen, doch innerlich sind sie leer. Ihr Geist ist verwirrt, ihr Herz ist voller Angst."

Sokrates: „Mein Freund. Das, was du da sagst, scheint mir aus derselben Wurzel gewachsen wie jenes Höhlengleichnis, von dem der rührige Platon behauptet, ich hätte es Glaukon erzählt als ich mit ihm im fernen Athen über die Möglichkeit eines idealen Staatswesens stritt. Es mag so sein; ich weiss es nicht mehr, denn ich habe damals viel geredet, Kluges und weniger Kluges, und wenn man mich fragte, ich wüsste nicht mehr zu sagen, ob dies oder jenes tatsächlich aus meinem Munde gekommen oder ob der eifrige Platon, seinem Namen weniger als dem Meinen trauend, es mir posthum zugeschrieben hat. Doch sei dem wie dem wolle. IN jenem Gleichnis sitzen Menschen in einer Höhle und diskutieren eifrig über irgendwelche Schatten, die vor ihnen an der Wand auf und ab tanzen. Sie sind gefesselt und vermögen sich nicht umzudrehen. Sie sehen deshalb nicht, dass die Schatten von Menschen herrühren, die, von einem Feuer beleuchtet, hinter ihnen auf und abgehen und allerlei Gefässe hin und her tragen. Sie ereifern sich über das, was sie sehen, sie stellen Theorien darüber auf, weshalb sich bestimmte Schatten so und andere anders bewegen. Sie argumentieren, suchen Beweise, sie bilden Klicken, stiften Preise, Gründen Clubs und Parteien, in denen sie munter weiter schreien. ... Wenn aber jemand käme und würde sie losbinden und sie nötigen, sich umzudrehen! Wie würden ihre Knochen Schmerzen und wie schwer wäre es ihnen, zu begreifen, dass sie sich bis dahin nur immer über Schatten unterhalten hatten. Wie unangenehm müssten sie schliesslich das Feuer empfinden, welches sie jetzt zum ersten Male direkt vor sich sehen. Und würde dieser jemand sie gar am Kragen packen und aus der Höhle schleppen wollen, weil all dieses Hin und Her in der Höhle ganz künstlich, draussen jedoch das „wirkliche Leben" sei -, wie würden sie zetern und schreien, und sich, wenn sie plötzlich an die helle Sonne kämen, von dieser geblendet die Augen zukneifen und sich von dem Quell dieser Pein abwendn. Wie erschreckend müsste den an die Dunklheit und Enge der warmen Höhle und an ihre Fesseln gewonten Menschen diese „Freiheit" und die „Wahrheit" sein, in die man sie mit solcher Gewalt hineinzudrängen versucht. Selbst wenn sie wollten: die geblendeten vermöchten nichts zu sehen, nichts zu erkennen! Sie wären nicht glücklich, würden ihrem Befreier keine Lobeshymnen singen. Im Gegenteil! Wenn sie könnten, so würden sie den, der sie losband und vor die Höhle schleppte, vernichten und sobald als möglich zu ihrer gewohnten Lebensweise zurückkehren. Sie könnten das Spiel ihrer kindischen Erörterungen wieder aufnehmen, und hätten bald vergessen, was sie so erschreckt hat."

Antigon: „Ja, Sokrates. Wir lasen dies Gleichnis in der Schule! Es hat tatsächlich bis heute überlebt. Du oder Platon – ihr scheint mit diesem Bild ein Thema berührt zu haben, welches die Menschen bis heute quält und bewegt. Allerdings scheint es euch damals um irgendwelche Ideen oder Ideale, um so etwas wie das absolut Gute gegangen zu sein. So jedenfalls meine ich mich zu erinnern. Mich aber dünkt, ich sehe hinter den Erscheinungen unseres Alltags, mit denen wir uns so eifrig beschäftigen, ganz konkrete Gefahren und „Entwicklungen", wie das grosse Elend genannt wird. Ich sehe hungernde Menschen, während ich im Supermarkt an der Kasse stehe. Und während ich abends die Zähne putze sehe ich Menschen nach Wasser laufen, sehe Menschen auf der Flucht, sehe, wenn ich in unsere Geschichte zurückblicke, Millionen toter Indianer, Inkas, Indios ... Ich sehe blutige Robenbabies auf arktischen Stränden liegen, ich sehe unsichere „Endlager" für Berge radioaktiven Materials, ich sehe die Veränderungen in unserer Atmosphäre und in den Weltmeeren, ich sehe mächtige Interessengruppen, die sich in vielfacherweise bekämpfen und dabei nur an ihre Macht und ihren Reichtum denken, und die im Stande sind, uns um ihrer Händel willen in einem Augenblick in einen grauenhaften Krieg zu stürzen; ich sehe traurige, zur Schablone werdende Kinder, während an immer neuen Kongressen der Fortschritt im Bildungswesen und der fortgang der Welt gepriesen wird! So sprechen wir denn vom selben und doch nicht vom selben.

Alle zeigen sie in den Himmel und erklären uns, um was es auf dieser Welt letztlich geht und was wir zu tun hätten. und ich, der ich mich erst langsam an die Helligkeit gewöhne ... ich stehe mitten unter ihnen und weiss nicht, wem ich glauben, wem ich zuhören, wem ich mich anschliessen soll. Am liebsten ginge ich etwas weiter weg und setzte mich irgendwo hin, um mir die Sonne und die ganze Welt in Ruhe selber anzusehen. Doch die Weisen und Gelehrten vor der Höhle und ihr aufgeregtes reden und ihr Zeigen mit den Händen vermitteln mir das Gefühl, dass hier jeden Augenblick etwas Wichtiges geschehen könne, dass die grosse Erkenntnis plötzlich mitgeteilt würde, und wir dann wüssten, worum das Ganze geht. So bleibe ich denn auf dem Platze vor der Höhle und warte, höre hier ein wenig zu und dort und ab und zu schaue ich in den Himmel, doch ausser der Sonne und manchmal ein paar Wolken sehe ich dort nichts. Keine „Wahrheit", kein „letztes Prinzip". So steh ich da und höre viel, auch Interessantes, Schönes, Gutes. Doch am Ende bin ich ratloser und verwirrter als zu den Zeiten als ich noch gefesselt in der warmen Höhle sass und über die Figuren diskutierte, deren Schatten man vor uns auf und niedertanzen liess. Es ist schon so, wie du es in dem Gleichnis sagst: Zurück in diese Höhle will ich nicht, denn was dort geredet und gehandelt wird hat mit dem, was mich beschäftigt, nichts mehr zu tun. Wenn ich mich jedoch vom Eingang der Höhle entferne und mich auf irgendeiner ruhigen Bank niederlasse, um endlich auf meine eigene Stimme zu hören, dann ..."

Sokrates: „... Dann?"

Antigon: „... dann, Sokrates, dann merke ich, dass ich diese meine Stimme noch immer nicht wirklich kenne, ja dass es eine solche Stimme vielleicht gar nicht gibt."

Sokrates: „Dass es eine solche Stimme vielleicht gar nicht gibt?"

Antigon: „Ja, Sokrates. Schau: Eben habe ich von der scheinbar grenzenlosen Dummheit und Gleichgültigkeit gesprochen, mit der wir Menschen unsere Erde zugrunde richten. In solchen Momenten bin ich verzweifelt. Ich möchte nur schreien, so elend erscheint mir alles. Doch plötzlich erscheint mir dieses Pathos falsch und eitel, und ich bin voller Bewunderung für die Tapferkeit, mit welcher die Menschen ihr Leben leben. Ich sehe die Geduld, mit der sie ihre Kleinen aufziehen. Ich sehe ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Ich sehe, wie viele von ihnen mutig und stark sind – nicht die kranken Krüppel, als die ich sie noch vor drei Minuten bezeichnet habe. Ich sehe, wie sehr sie um ihre Menschlichkeit kämpfen – bis zum Schluss und trotz allem! Ich sehe das viele Leid und schäme mich, dass ich sie noch elender mache, indem ich über ihre Dummheit herziehe. Plötzlich scheint es mir verkehrt, mich gegen den Lauf der Dinge zu stämmen, denn zeigt die Erfahrung nicht, dass jede Aktion eine entgegengesetzte Aktion auslöst, und dass jeder Versuch, die Zustände in der Welt zu verbessern unterm Strich ungefähr gleichviel neues Glück und neues Elend gebracht hat. So bin ich denn einmal ein fanatischer Bussprediger, ein andermal der barmherzige Samariter und dann wieder der weltabgewandte Philosoph, dem alles nutzlos scheint. All dies und noch mehr bin ich, je nach Situation und Bedürfnis. Doch wenn mich niemand „braucht" und niemand mich in ein Gespräch über dies oder jenes verwickelt, wenn ich also still werde und mich abseits des Getümmels niedersetze, wer bin ich dann? Wer bin ich dann!

Sokrates: „Mein Freund. Es scheint mir, du behandelst dich wie jene Geisteshelden, von denen ich zu Anfang sprach. Weshalb willst du dein Wesen unbedingt in einen Käfig sperren, indem du ganz genau und ein für alle mal bestimmst, wer und was du bist und denkst? Bist du etwa ein Streitwagen oder eine Pflugschaar oder ein Weinschlauch? Bist du ein obrigkeitlicher Erlass oder ein Stück gefror'ne Psychologie? Du versuchst es mit diesem und jenem Gewand, glaubst einmal, dass diese, dann wieder, dass jene Deutung dein „eigentliches Wesen" trifft. Es ist beinahe so, als ob du dich selber fangen und auf eine Nadel spiessen willst so wie einige es mit den hilflosen Schmetterlingen treiben, nur damit sie ihre hübsch beschrifteten Trophäen ihren Freunden zeigen können. Weshalb willst du nur Eine Stimme haben? Weshalb nur Eine Position, nur einen "Kern"?

Schau diesen Baum dort drüben. Von hier aus lässt er sich genau beschreiben. Nun stell dir vor, du liegst in seinem Schatten und blickst hinauf in seine Krone. Ist es derselbe Baum? Hast du dieselbe Position? Und stell dir vor, du wärest eine Spinne und lebtest irgendwo in diesem Baum. Was sähst du dann? Und was, wenn du ein junger Borkenkäfer wärst, der sich an seinem Stamme gütlich tut?

Nein mein Freund. Mir scheint der ein Tor, der glaubt, wir seien immer Einer, immer gleich und unbeeinflussbar, und der, der dies von uns verlangt, ist ein Tyrann! Wir sind im Grunde immer alles: Du bist der Gläubige und bist der Zweifler, du bist der Zyniker und bist der leidenschaftlich Liebende, du bist ein Opfer und bist Täter, bist klug und dumm, bist Ausbeuter und Ausgebeuteter, bist Realist und Utopist, bist Lehrer und bist Lernender, hast eine und hast viele Meinungen ... So ist es und so soll es sein! Du bist kein festes Ich, sondern das Gespräch von vielen Ichen.

Antigon: Ja, Sokrates! Es war so, einst! aber jetzt fürchte ich, wir sind im Krieg! Schnell zu sein und schlagfertig, nie um eine Antwort verlegen, keine Fehler zu machen oder diese abzustreiten und kleinzureden und stets darauf zu achten, im Kampf nicht zu weit zurück zu fallen, das lernen die Söhne und Töchter aus besserem Hause jetzt mehr als je! . Die Kinder des Volkes können sich an diesem Wettkampf beteiligen, doch wo sie es tun, fallen sie aus mancherlei Gründen meist bald zurück. Sie lernen, dass sie nicht zum Regieren, sondern zum Dienen gemacht sind.

Krieg ist überall. In Verbänden und Vereinen, an der Arbeit, in der Schule, in der Politik, in den Redaktionen der Zeitungen, in der wissenschaftlichen Forschung, in der Erziehung, auf den Ämtern unserer Städte, in den Dörfern, ja in jedem einzelnen von uns, in unseren Herzen und in unseren Köpfen. Wir alle sind infisziert von dem Krieg. Wir leiden unter ihm, abr zugleich nehmen wir auch Teil an ihm. Wie in jedem Krieg gibt es Momente und Orte, wo er kaum zu spüren ist. Doch auch dann wissen wir,es ist Krieg. Wir sind im Krieg geboren und in ihm gross geworden. Wir sind von ihm geprägt und können uns ein Leben im Frieden kaum vorstellen. Sokrates, du kennst die Welt nicht mehr! Einst war es so wie du es sagten. Aber jetzt! Sie dreht sich schneller und schneller um die eigene Achse bis sie auseinanderbricht."

Sokrates: „Mein Freund! Du sprichst tatsächlich wie ein Mensch, der jahrelang im Kriege lebte -, erschreckt, verstört und voller Angst. Aber gibt es diesen Krieg denn wirklich? schwanken die Menschen nicht seit Urzeiten zwischen diesen beiden Polen ihres Wesens? Gehört es nicht zur menschlichen Natur, dass wir einmal unsere Arme öffnen und den Fremdling vertrauensvoll bewirten als ob es unser eig'ner Bruder oder uns're Schwester wäre, und ein ander Mal verschliessen wir das Haus und lassen ihn hungernd weiter ziehen? Sind wir nicht manchmal zum Kriege gestimmt und dann wieder zum Frieden? Kennst du nicht die Freude, wenn du deinen Diskus weiter wirfst als alle anderen oder wenn du deine Gegner mit Worten geschlagen hast und du, umkränzt mit duftenden Blumen, das Podest des Siegers besteigst! Und kennst du nicht die Wut, mit der du einen Schwächeren schützt, wenn er angegriffen wird? Kurz, mein Freund. Gehören Vertrauen und Misstrauen nicht zusammen wie Geschwister und ist es mit der Rivalität nicht genau so?

Antigon: „Gewiss, Sokrates. Sie gehören zusammen wie der Mond und die Sonne, wie das Einatmen und das Ausatmen, wie das Wachen und das Schlafen, das Beten und das Arbeiten. Doch mir scheint, die beiden Pole alles Daseins, die du als Freunde kanntest, sind keine Freunde mehr. Sie haben sich entzweit und der Pol, bei dem Misstrauen, Angst und kalte Rationalität zu hause sind, verdrängt den Pol, der von Weichheit und Vertrauen, von Offenheit und zarten Träumen weiss! Ein paar Gelehrte und PhilosophInnen behaupten, auch ihr im fernen Hellas, ja du persönlich, Sokrates, seist mitschuldig an dem Streit. Ihr habt, so wird gesagt, das Denken damals, vor zweieinhalbtausend Jahren aus seinen magisch-mythischen Fesseln befreit und als Instrument der Planung und Gestaltung in euren Dienst genommen.

Das Instrument, die rationale Logik, bewährte sich: Sie half den Menschen beim Bau von Häusern und Schiffen und in vielen anderen Dingen des praktischen Lebens, sie befreite die Menschen von manchem Aberglauben und stärkte sie gegenüber den übermässigen Ansprüchen von Dämonen und Göttern. Dank des neuen Instrumentes wurde die Welt etwas sicherer und das Leben berechenbarer. Doch die rationale Logik, die bei euch in Griechenland, in Rom und dann bei den Arabern nur eine Art des Umgangs mit der Welt gewesen war, eine unter anderen, wurde in Europa mit einem Mal zu der alleine geltenden Methode der Welterklärung und der Welterschliessung. Alles nicht rationale wurde an die Ränder der Gesellschaft und in das Unbewusste der Menschen zurückgedrängt. Zu lange hatten diese Kräfte, so scheint es, den Menschen beherrscht.

Als Kolumbus aufbrach, um Indien zu entdecken, liess er sich nicht mehr durch die Angst behindern, er könnte bei seinem Unternehmen vielleicht über den Rand der Erde hinabstürzen. Seine Fähigkeit rational und analytisch zu denken gab ihm die Kraft, wochenlang auf diesen von vielen gefürchteten Abgrund zuzusegeln ohne aufzugeben. Er wusste, die Welt MUSSTE rund sein, was auch immer die Menschen redeten! Es bestand kein Grund zur Angst. Und Columbus war nur einer unter Vielen! Egal ob in der Seefahrt, der Astronomie, der Medizin, der Malerei oder einem anderen Feld: überall war Aufbruch. Überall wagte man neues, setzte anstatt auf alten Aberglauben und auf alte Vorurteile auf eigene Erfahrung, eigenes logisches Denken und eigene Beobachtung! Es war wie eine neue Geburt!

Man begann zu messen und zu wägen, aufzuschneiden, abzuzeichnen, einzuordnen, nachzurechnen, einzuteilen. Man wandte Logik an und „Köpfchen". Plötzlich verstand man Vieles, was man lange nicht verstanden hatte; man erkannte die Gesetzmässigkeit von Abläufen und Erscheinungen, die bis dahin unverständlich und geheimnisvoll waren. Weit davon entfernt, nur abstrakte Spekulation und Sofisterei zu sein erwiesen sich die Entdeckungen dieser „Naturforscher" in allen Dingen des Alltags als höchst nützlich: Dank ihnen wurden die Gewehre und Kanonen der Menschen besser, die Mühlen effizienter und die Seefahrt sicherer!

Bald schon segelten hunderte, ja tausende von Schiffen auf den von Kolumbus und anderen gefundenen und beschriebenen Routen nach Süd- und Nordamerika, nach Indien und Indonesien, nach China und nach Afrika, denn die Menschen an den Fürstenhöfen und die BürgerInnen in den wachsenden Städten Europas und der 'neuen Welt', sie waren neugierig, was sie alles entdecken und jetzt auch ausbeuten würden. Ja, ausbeuten, das war geil! Gold und Silber, Pfeffer, Seide ... Man tauschte, kaufte, raubte. Die Zeiten waren viel versprechend! Bald kam zur Sicherung der Handelswege die Armee. Man baute Fords und richtete sich ein. Man machte sich die Erde Untertan, verlangte Steuern, erliess Gesetze und wo die Menschen aufbegehrten, da schoss man. Man war stark, war rational und logisch; man war technisch überlegen und fühlte sich als Herren dieser Welt.

Nicht nur die Völker in den Kolonien, auch die eigene Bevölkerung geriett in den Sog des neuen Denkens: Alles, Staat, Verwaltung, Militär, Armen- und Gefängniswesen, Polizei- und Zollwesen, Verkehr und Rechtspflege, Handel und Gewerbe, Müntzwesen, Masse und Gewichte, Schule und Erziehung wurden dem Geist der Zeit entsprechend um- und ausgebaut. Man ordnete und regelte, vereinfachte und vereinheitlichte. Immer rationeller, immer effizienter sollte alles werden. Das ganze menschliche Leben eine Art grosse Maschine zur Erzeugung von Mehrwert! Die Dampfhämmer gaben den Takt, die Uhren zählten die Minuten und die Buchhalter errechneten die Gewinne. Schlafen – aufstehen – in die Fabrik gehen – heimkommen – essen - schlafen – aufstehen – in die Fabrik gehen ... Alles eine grosse Maschine.

Zur Vorbereitung auf das Leben in der grossen Maschine gab es immer mehr Schulen, die nicht mehr auf Bibelstunden und Singen, sondern auf Schreiben und Lesen, Rechnen und Geografie wert legten. Sie lernten, sich einem über ihrem eigenen Willen stehenden Willen zu fügen. Wer sich nicht fügen wollte wurde ermahnt und bestraft und wieder bestraft bis er aufgab. Tatsächlich waren sehr viel Prügel, sehr viel Ermahnungen und Strafen und immer wieder Prügel, Prügel, Prügel nötig, bis die grosse Maschine so recht in Schwung kam.

O Sokrates. Nicht nur in fernen Ländern, auch hier, wo alles begonnen hatte, wollten Viele den „Fortschritt" nicht, doch schliesslich fügten sie sich den Prügeln und begannen an das neue Evangelium zu glauben. „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben", sagen sie; sie reihen sich ein in die grosse Maschine und beginnen die alte Zeit zu verachten, denn, Sokrates, wir merken es kaum, doch die Geschichte, die wir in der Schule lernen, ist von den SigerInnen geschrieben! Ihnen ist alles, was sich dem Fortschritt in den Weg stellt, ein Ärgernis, welches ihr Ego und ihre Profite bedroht. Sie sprechen von Menschenrechten, von Demokratie, von Wohlstand. Sie glauben daran, dass die Welt dank ihnen immer besser wird. Sie sehen nicht, was sie in ihrem Eifer und ihrer Habgier vernichten! Sie sehen nicht, dass das, was einst schön war, zu einem Tyrannen geworden ist!

Manchmal, etwa dann, wenn wir in einem abgelegenen Winkel irgend eines „Entwicklungslandes" die Ruhe und Gelassenheit sogenannt „einfacher" und „armer" Menschen erleben, oder wenn wir, durch einen Umfall oder ein anderes starkes Erlebnis aus der Glücksmaschine, in die wir eingesperrt sind, herausgeschleudert werden, fühlen wir vielleicht für einen Moment, wie armselig unser ganzer Reichtum, wie eng unsere Rationalität und wie illusionär unsere „Freiheit" im Grunde sind. Doch wir wischen dieses Gefühl schnell fort, denn wir haben Angst davor, aus der Ordnung der Dinge herauszufallen; wir haben gelernt, unsere Zweifel als unbegründet und unsere Hoffnungen auf eine andere Welt als utopisch beiseite zu schieben. Wir haben gelernt, den Versprechen der Planer und Macherinnen zu folgen, statt auf unser inneres zu hören. Deshalb, Sokrates, sage ich, es herrscht Krieg in unsern Ländern... es herscht Krieg! Der Mond hat sich verdunkelt. Die Sonne gleist heller als je!

Copy 2008 2018 Martin Näf

Dieser Artikel wurde bereits 17 mal angesehen.