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Liebe Freunde, Familie und Bekannte, Mauretanien, 26.12.2010

Ich bin Anfang November auf eine grosse Reise aufgebrochen. Ich habe die meisten von Euch darüber informiert und bei der Gelegenheit versprochhen, Euch hie und da über mein Ergehen zu berichten. Nun, es hat gedauert, aber heute habe ich eine erste Ladung von Reiseberichten auf meiner Webseite platziert. Ihr könnt sie dort, d.h. auf

www.martinnaef.ch

unter der Rubrik "On the road", "Quer durch Afrika" lesen oder ausdrucken oder ganz einfach ignorieren. Dieses letzte würde ich eigentlich empfehlen, denn die ersten Wochen meiner Reise waren zwar interessant, aber irgendwie nicht wirklich aufregend, und der Bericht darüber schleppt sich denn auch etwas mühsam dahin. Aber jetzt, wo die Geschenke ausgepackt und die Bändeli für's nächste Jahr schon wiedr zusammengerollt in der Schachtel liegen, aber man doch noch ein wenig reläxen muss - naja, jetzt habt ihr ja vielleicht Musse für so was. Die ersten vier Tranchen reichen bis zum 3. Dezember, sie decken zeitlich also den 1. Monat meiner Reise und räumlich den Weg von Basel bis nach Marrakech ... Tja. Ich schreibe und schreibe und bin der Zeit doch immer hinterher, aber so ist's eben mit den HisttorikerInnen.

Inzwischen bin ich schon seit 11 Tagen in Mauretanien und hier hat die Reiserei plötzlich schwung gekriegt! Ich habe noch in Marokko mit den Blindenverbänden von Marokko, Mauretanien, Senegal und Mali Kontakt aufgenommen und ihnen geschrieben, dass ich in der Gegend sei und mich freuen würde, ein paar blinde menschen ihres Landes kennen zu lernen und mit ihnen über ihre Situation zu diskutieren oder auch von europa zu erzählen etc. Auf diese Weise bin ich mit dem mauretanischen Blindenverband in Kontakt gekommen (die andern haben bis jetzt nicht geantwortet), und die erste Begegnung war soo spannend, dass sie bis heute anhält. Ein Mitglied des Vorstands hat mich gewissermassen adoptiert - menschlich und beruflich.  Er stellt mich allen möglichen Menschen als sichtbaren Beweis dafür vor, dass blinde Menschen tatsächlich mehr können als zuhause sitzen und mit dem Kopf wackeln oder (was hier die Norm ist) auf der Strasse betteln. Andere haben mich gekapert, um ihre Internet- und andere Computerprobleme zu lösen und wieder andere kommen einfach und erzählen mir aus ihrem Leben ... Alles ist extrem interessant und entspricht eigentlich genau dem, was ich mir von meiner grossen Reise durch Afrika erhofft habe: Menschen kennenlernen und ihnen helfen, wenn Hilfe angesagt ist, und auf diese Weise ein Gefühl für das bekommen, was  hier menschlich, sozial und politisch abgeht. Das heisst nicht, dass ich nicht zwischendurch auch gerne mal einen Löwen streicheln oder auf eine Kokospalme steigen würde, wenn sich's gerade so anbietet, aber mein wirkliches Interesse liegt nicht dort!

So wie's im Augenblick aussieht bleibe ich noch bis Anfang Januar hier. Dann fahre ich vermutlich via Mali nach Niger, wobei ich in Mali vielleicht nicht einmal gross halt mache. ist natürlich schade, denn Mali ist sicher auch eine Reise wert, aber vielleicht hat ja jemand von euch mal Lust, dann fahren wir zusammen hin! In Niger will ich mich mit einem nigerischen Studenten treffen, der seit einigen Jahren in Neuenburg studiert. Er ist ebenfalls blind und möchte in Niger eine Schule oder sonst was für blinde Kinder aufbauen. Eigentlich könnte ich danach noch nach Burkina Faso und Ghana, wo ich ebenfalls entsprechende Kontakte angeknüpft habe, doch daraus wird vermutlich nichts, denn seit zwei Wochen verhandle ich mit der "Pan African Peace University", die im Oktober 2010 im Osten der demokratischen Republik Kongo (nahe an der Grenze zu Burundi und Wranda) ihren Betrieb aufgenommen hat. Der Initiant dieser Idee hat vor 8 Jahren eine Schule für benachteiligte Kinder aus dieser Region eröffnet, und weil Unis dort, sowie offenbar fast überall in Afrika, in der Praxis nur  den Kids reicher und privilegierter Schichten offenstehen, will er

jetzt mit Hilfe von freiwilligen aus ganz Afrika und aller Welt ein zumindest ansatzweise universitäres Angebot für die AbsolventInnen seiner Schule und andere Interessierte aufbauen.

http://panafricanpeaceuniversity.pbworks.com/

Anfänglich schien mir der Kongo schlicht zu weit weg und zu unberechenbar und das ganze Projekt zu vage, doch nach einigen Mails und einem Telefonat mit dem Initianten, einem Besuch auf Google Maps sowie ein paar Recherchen betreffend Sicherheit im Kongo bin ich eigentlich entschlossen dorthin zu fahren. Das bedeutet ziemlich viel Grenzübertritte und Visas, viel Sand und  Staub, viele Tage auf irgend welchen Lastwagen oder in irgend welchen Bussen ... Doch es heisst ja nicht vergebens: Wer nicht fliegen will, mmuss fühlen! So sei's denn. Wenn's überland (oder evtl. auch von Ghana aus per Schiff) absolut nicht zu machen ist, so werde ich fliegen, aber wenn's irgend geht bleib ich hier unten auf der Erde, bei den Menschen, dem Chaos an den Grenzen, dem Sand, den Schlaglöchern und den Ess- und Pinkelpausen, den neben mir hockenden Mitreisenden und ihrem Rufen und Reden, denn fliegen ist ein wenig wie Klappentexte lesen! Der eigentliche Roman spielt sich hier unten ab!

Das ist also der Stand der Dinge. Die Pläne können sich natürlich noch ändern, aber was mich angeht würde ich sagen: Bis in einem Monat drüben in Kivu oder wie die für ihre Bürgerkriege und Flüchtlingsprobleme, aber auch für ihre Gorillas und Nationalparks berühmte Provinz dort heisst! Ich umarm euch ganz fest und freu mich total, dass mein Afrikaprojekt sich so entwickelt!

Dieses Mail geht ann rund 180 Menschen. Bei Durchsicht der Adressen habe ich festgestellt, dass einige darunter sind, denen ich schon lange ein persönliches Mail schulde: Susi in Bern und Helga irgendwo südlich von Stuttgart zB.. Andere haben auch seit Ewigkeiten nicht mehr von mir gehört. Ich schicke euch trotzdem einfach dieses anonyme Mail und - naja, vielleicht klappt's ja mal mit einem persönlicheren Kontakt! Und last but not least: wer keine solchen Massenmails von mir mehr kriegen will, soll mir einfach kurz schreiben und ich lösche den Namen aus der Liste.

Damit ihr alle good bye! ich wünsche euch friedliche Tage zwischen den Zeiten, einen guten Rutsch in ein hoffentlich gutes Jahr 2011 und ein frohes Wiedersehen irgendwann im Frühjahr!

Martin

PS: Denk an allfällige Eltern oder Tanten, die kein Internet haben und druckt für sie doch aus, wovon ihr denkt, dass es sie interessieren könnte. Danke!