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Lieber Georg und liebe Andrea - 2. April 2012

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Lieber Georg und liebe Andrea - 2. April 2012


Ich bin seit gestern in Niamey. Moussa hat mich hier am Flughafen abgeholt. Es liegen sieben eher strapaziöse Wochen in Mauretanien, im Senegal und in Gambia hinter mir. Jetzt bin ich hier: 41 Grad warm war's als wir gestern gelandet sind! In Dakar bin ich noch mit einem Pulli herumspaziert.


Moussa ist gut drauf, und er lässt fest fest grüssen. Morgen oder übermorgen fahren wir in sein Dorf. Er hat das letzte Jahr viel gearbeitet. Die schwielen an seinen Händen bestätigen das, was er erzählt. Er hat im Mai Hirse gepflanzt, hat gejähtet und sich auf die Ernte gefreut, doch dann blieb der Regen aus und was er angepflanzt hat ist vertrocknet. Nur Mais konnte er ein wenig ernten. Der Esel und der Karren waren seine Rettung. Damit konnte er arbeiten und seine Familie ernähren. Hie und da konnte er sogar noch etwas an seinen 85jährigen Vater in Gao schicken.

Von dem Geld, welches ich ihm für den Esel und den Karren gegeben habe, hat er auch noch ein Grundstück gekauft. Zum Bauen hat's noch nicht gereicht. Aber vier Schafe hat er und den Esel, und die Spitalkosten für die Geburt seines Sohnes Idrissa vor drei Monaten konnte er auch selber berappen. Wohnen tun alle vier (er, seine Frau, die bald zweijährige Tochter und der Baby-Junge) in einem Bugur, einer Art Gras Iglu oder einem Secco-Haus ... Ihr wisst schon was ich meine. Jetzt ist die Hoffnung natürlich gross, dass ich ihm helfe, ein richtiges Haus zu bauen, vielleicht sogar aus Zement? - Wir haben am Samstag bis vier Uhr in der früh geredet. Dabei tauchten einige Dorfgeschichten auf und am Ende haben wir über das Problem des Wassers und die Möglichkeit gesprochen, für sein Quartier - rund 40 bis 50 höfe - einen Brunnen zu bohren ....

Moussa hat früher schon einmal mit dem Dorfchef davon gesprochen, dass man doch eine Kooperative gründen könne, um gemeinsam einen Brunnen zu bohren. Der Dorfchef wollte davon nichts wissen. Wer einen Brunnen will, muss selber bohren. Einige haben das Geld und machen das. Aber für die grosse Mehrheit der armen bleibt es damit beim alten: Sie kaufen das Wasser sämtlich in Kannistern, 20 Liter zu 50 CFA, das sind im Falle von Moussa rund 4.500 CFA (rund 10 Franken) pro Monat, denn bis auch der Esel und die Schafe getrunken haben, sind 60 Liter am Tag dahin. Aber wenn er nun einen Brunnen hätte ... "Nein, nicht nur ich würde Geld sparen. Alle könnten bei mir Wasser holen und am Ende des Monats bezahlt jeder 3.000 cfa. O ja, die Leute würden mitmachen! Sie sparen und sie müssen das Wasser nicht mehr so weit schleppen!"

Als ich ihm von der Idee der Kochkisten erzählte staunte er, und als ich ihn fragte, ob so was für ihn interessant sein könnte, sagte er: "O oui, pas seulement pour moi, mais pour tout le village!" - In Mauretanien war die enthusiastischste Reaktion auf die Kochkistenidee ein gelangweiltes: "O, ça je n'ai jamais entendu parler." Dabei kaufen sie jeden Tag Holzkohle oder Holz - beides für arme Familien zu teuer und für die hiesige Landschaft eine Katastrophe.

Ich freu mich so über die neugierige und offene Reaktion von Moussa und darüber, wie er auch die ökologischen Zusammenhänge und Probleme begreift und kennt! Nach der Apathie und der Schläfrigkeit, die ich bei ähnlichen Fragen in Mauretanien, im Senegal und in Gambia getroffen habe, ist das wie ein Sonnenaufgang! Endlich nicht mehr jammern, sondern etwas tun!!!

Noch glaub ich meinem Glück nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Bohren eines Brunnens eine so einfache Sache ist wie Moussa mir erzählt, und es tatsächlich nur die Idee und 500 Franken braucht, um die Sache zu verwirklichen. Ich habe schon mal gerechnet, wie schnell so ein Brunnen abbezahlt wäre, und wieviel Geld Moussa danach jeden Monat für das Wasser bekäme, was er verkauft ... Mir wird dabei ganz schwindlig. Das ist beinahe wie wenn man in seinem Garten eine Ölquelle entdeckt. Nein nein nein. Das kann doch nicht so einfach sein. Da steckt doch irgendwo ein Wurm drin oder zwei.

easy, easy. Ich kenne meine Begeisterungsfähigkeit. Einmal war ich schon Rektor einer Uni im Kongo und dann ist das ganze in sich zusammengefallen und ich lag unter den Kisten wie diejenigen, die sich in ihrem Übermut einen Turm aus leeren Harassen bauen, höher und immer höher, bis sie runterfallen ... Ich werde mir diesmal ein dickes Seil um den Leib binden, falls der Turm zusammenkracht, und das Seil wird an den Auskünften der ExpertInnen angemacht sein, die ich in der Sache um Rat fragen will.


Copy 2012, Martin Näf