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Paul Geheeb und Walter Schäfer - Vom heimlichen Widerstand gegen die Pädagogik

Es ist schon eine Ehre, hier heute sprechen zu dürfen, aber ich muss sagen, im Moment wünschte ich mir, ich hätte Nein gesagt, denn ich bin etwas beunruhigt und das hat mit dem Thema zu tun. „Walter Schäfer und Paul Geheeb", so habe ich meinen Vortrag überschrieben und dann ist im Untertitel die Rede vom Widerstand, vom heimlichen Widerstand gegen die Pädagogik. Also da ist Kampf angesagt. Ein zusätzliches Problem ist, ich hab hier wunderbare Notizen mitgebracht, das ist vor allem, damit Sie sehen, ich hab wirklich gearbeitet. Aber, ich bin nicht imstande, meine Gedanken im Vorherein soweit zu formen, damit sie alle hier klar sind. Das heisst also, wir gehen jetzt auf eine Reise, und ich hoffe, ich bin imstande, die Fäden nicht zu verlieren und nicht mehr als 25 bis 30 Minuten zu brauchen.

Warum überhaupt zurückgreifen auf Paul Geheeb? Es soll hier ja um Walter Schäfer gehen. Und Paul Geheeb ist nun wirklich schon einige Zeit lang tot. Er wäre vor 4 Tagen 130 Jahre alt geworden. Und doch ist die Odenwaldschule nolens volens, ob Sie das wollen oder nicht, immer noch mit dem Namen Paul Geheeb verbunden. Und nach 1934 und dann noch mal nach 1945 ging es ja auch immer wieder darum, sind wir jetzt eine Geheeb-Schule oder sind wir das nicht, und ein Teil der Arbeit von Walter Schäfer, die nicht direkt mit der Schule zu tun hatte, war auch Bearbeitung der Vergangenheit. Er hat die erste kleine Biographie über Geheeb geschrieben usw. Also diese Vergangenheit ist halt da. Ich hab mich kaum mit Walter Schäfer beschäftigt und sehr mit Geheeb und möchte deshalb gucken, ja auf was bezieht man sich denn und wovon grenzt man sich allenfalls auch ab.

Also was hat es denn mit dieser Pädagogik des Herrn Geheeb auf sich? Die Geschichte ist mit Geheeb einerseits sehr gnädig verfahren und andererseits ziemlich ungnädig. Gnädig in dem Sinne, dass er jetzt ein berühmter Pädagoge ist, er steht nach wie vor in allen Lexika usw. und die historische Odenwaldschule hat einen sehr guten Ruf in der pädagogischen Geschichtsschreibung. Also das ist sehr schön. Ungnädig ist die Geschichte mit Geheeb verfahren, weil ich denke, dass man das, was Geheeb eigentlich wollte, einfach irgendwie ignoriert, weggeredet, weggeschoben, in irgendwelche Kisten verpackt hat, das liegt jetzt in diversen Archiven, z. B. in der Odenwaldschule oder in der Ecole d'Humanité auf dem Hasliberg, also der Exilschule der Geheebs .

Also das, was Geheeb eigentlich wollte, ist verdrängt worden oder verlorengegangen. Walter Schäfer hat 1958 oder 1959 ein langes Interview mit Paul Geheeb geführt, das die Grundlage für seine Biographie war und das Interview beginnt mit einer Passage, die in der Niederschrift des Gespräches natürlich nicht widergespiegelt ist, weil sie ein Fehlstart des Interviews war. Ich hab leider das Band nicht hier, aber das fängt so an: da wird das alte Tonbandgerät aufgestellt und Herr Schäfer fragt dann: "Ja Herr Geheeb also erzählen Sie uns doch was über die Odenwaldschule" usw. und Herr Geheeb sagt dann, mit seinem damals schon etwas zahnlosen Mund, also eigentlich sei es ja ein Missverständnis, dass er ein Pädagoge geworden sei, und die Pädagogik, das sei nicht sein Gebiet. Er hätte eigentlich die naheste Beziehung zum Reich der Mineralien, Steine und dann kämen die Pflanzen und dann erst kämen die Menschen und von den Menschen kämen dann die Kinder zuerst und nachher die Erwachsenen. Vielleicht, aber er war kein Polemiker, sonst hätte er vielleicht noch gesagt: und nachher kommen die Pädagogen.

Nun das hat er gesagt, ein 89-jähriger Mann. Walter Schäfer ist ein freundlicher Interviewer, der sagt: „Ja aber Herr Geheeb, dass Sie Ihren Beruf verfehlt haben, das ist ja wohl ein Scherz nicht wahr? Sie sind ja so berühmt geworden und Sie haben doch soviel geleistet." Man hört nur noch, wie Paul Geheeb murmelt und sagt: „Na ja, mmh." So, und dann geht's in die offizielle Geschichtsschreibung. Also, man kann natürlich sagen, es ist die Eitelkeit dieses  89-jährigen Menschen, man muss ihm zuerst um den Bart streichen, und davon hat er ja einen langen Teil gehabt, damit er dann wirklich zugesteht, dass er ein Pädagoge ist. Ich bin von dieser Sequenz immer wieder berührt, weil ich denke ja vielleicht steckt da mehr dahinter als diese Eitelkeit. So, das war jetzt so eine Art Einleitung.

Paul Geheeb hat uns weniger zu bieten und mehr als wir meinen. Ich will zuerst auf das weniger eingehen. Das hat auch damit zu tun, dass die Geschichtsschreibung mit ihm gnädig war. Er ist ja so eine pädagogische Idealfigur geworden. Man hat gesagt, er sei einer der begabtesten und bekanntesten deutschen praktischen Pädagogen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen, so plus minus hat es sich also in der offiziellen Geschichte bis jetzt abgebildet und aufbewahrt. Wenn man in die Quellen einsteigt und guckt, wie seine empirischen Fähigkeiten als Pädagoge wirklich waren, ist die Bilanz katastrophal

Er war absolut kein guter Pädagoge. Ich hab diese Quellen ja sehr ausführlich studiert. Wenn Sie gucken, war er ein guter Lehrer, dieser Paul Geheeb? Es gibt immer wieder Quellen, die sagen nein, das war er nicht. Martin Luserke 1908 in Wickersdorf, bevor da ein großer Krach los war, schreibt dem Paul Geheeb, der damals Mathematik unterrichtet hat, ein paar Mal. „Herr Geheeb bitte gucken Sie, dass Ihre Klasse endlich auf den und den Stand kommt. Wenn ich die übernehmen muss im Herbst, Sie können es vergessen mit dem Abitur." Er war kein guter Pädagoge im landläufig verstandenen Sinne, er hat seine Schule nicht ernst genommen. Diese Odenwaldschule, dieses wirkliche Pioniermodell einer guten Progressive School, eines bedeutenden Landerziehungsheims zwischen 1910 und 1934, entstand - man könnte fast sagen - trotz Paul Geheeb, vielleicht ein bißchen gerechter ausgedrückt: unabhängig von Paul Geheeb. Er hat die Schule nicht ernst genommen. Ein Beispiel dafür, da gab es dieses Kurssystem, in den ersten Jahren nach 1910 entwickelt von einem Exschüler, Mario Jona, und einem damaligen Mitarbeiter, Otto Erdmann. Paul Geheeb hat diesen Prozess zwar freundlich begleitet, aber dann hat Erdmann z. B. gesagt, wir haben dieses System jetzt eingeführt, es ist ganz wichtig, dass wir Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen regelmäßig beieinander hospitieren, um so eine Art kontinuierliche Schulentwicklung, also eine ständige kritische Überprüfung dessen was man in konkreten Unterrichten macht, untereinander zu bewerkstelligen. Ein moderner Gedanke also, Intervision, gegenseitige Beratung, Transparenz, ständig weiterentwickeln. Wir müssen das, lieber Paul machen. Paul Geheeb sagt: „Ja, du hast recht, das ist ganz wichtig", - und nichts geschieht. Martin Wagenschein, der ja auch ein prominenter Mitarbeiter hier war, bis 1933, hat immer wieder gelobt die Qualität, dass eben nicht hospitiert wurde. Gut, man kann darüber ja verschiedener Meinung sein, aber warum sagt Geheeb dann zu seinem tüchtigen Mitarbeiter Otto Erdmann, „ja, ja, ja, wir sollen das machen" und er als Schulleiter müsste dann schon einen Finger rühren und das mal organisieren. Es passiert nichts. Es gibt unzählige Klagen darüber, Geheeb sagt, ja ich werde einen Nachmittagsplan aufstellen, ich mach das, weil, es leuchtet ihm total ein, dass da ein bißchen Struktur in die Nachmittage kommen muss. Aber, - nichts geschieht. Also er war in dem Sinn auch als praktischer Schulleiter kein intellektueller Anführer von Schulentwicklung, ja da war nicht viel los.

Man könnte diese Geschichte der Fehlschläge fortsetzen. Sie hat eigentlich jahrzehntelang dafür gesorgt, dass man auf Geheeb immer so ein bißchen, ja, nicht verächtlich, aber so ein bißchen mit „Wir wissen ja" im Hintergrund geguckt hat. Also eigentlich sind die Menschen nicht wirklich ernst genommen. Das ist die Sache, wo er weniger zu geben hat und die Geschichte hat das gnädig etwas aufgemöbelt, u.a. eben durch solche Reaktionen, wohlwollend wie Walter Schäfer, der tröstend sagt: „ Ja aber Herr Geheeb Sie haben doch so Großartiges geleistet".

Wie kann man dieses merkwürdige Verhalten verstehen, dass er z. B. sagt: "Ja, natürlich sollen wir hospitieren, das ist ganz wichtig. Wir müssen unsere Schule qualitativ immer weiter entwickeln und dann passiert nichts, oder dass er so ein schlechter Lehrer war. Oder, oder, oder, all diese Beispiele. Eine Interpretation, die mir im Laufe meiner Auseinandersetzungen mit Geheeb immer mehr gekommen ist, ist die, Geheeb hat die Art von Pädagogik, mit der er umzingelt war und in die er aufgrund biographischer Missverständnisse, um es so in geheebischen Worten zu sagen hineingerutscht ist, - mit der hatte er nichts am Hut, das war nicht seine Pädagogik. Er fühlte sich darin nicht wohl und er konnte damit nicht umgehen. Er war auch nicht geschickt dafür. Ich merke schon, ich will diese eine Geschichte doch noch loswerden. „Er war nicht geschickt dafür", zum Beispiel, als Erzieher die Kinder wirklich um halb zehn Uhr abends im Bett zu haben. Er war 1904 bis 1906 Leiter des Landerziehungsheims Haubinda, das war die zweite Schulgründung von Hermann Lietz, seinem Jugendfreund. Nun er hat dieses Landerziehungsheim immerhin geleitet, als es dann zum Krach mit Lietz kam im Sommer 1906, haben Eltern - und es war in der Vorbereitungszeit von der nächsten Schule von Wickersdorf, die Geheeb dann mit Gustav Wyneken und anderen gegründet hat, - da haben Eltern aus Haubinda überlegt, wollen wir die Kinder in diese geplante neue Schule schicken? Ja oder Nein? Es gibt Protokolle dieser Elternversammlung und ein großer Prozentsatz, ich hab es nicht im Kopf, es werden wohl 80% sein, wenn man es auszählen würde, sagt, also unterm Strich: wenn Geheeb diese Schule leiten soll, und das war so geplant, dann sollen die Kinder bei Lietz bleiben. Geheeb ist ein ungewöhnlich freundlicher Mensch, ein ungewöhnlich zugewandter Mensch, aber die Kinder tanzen ihm auf der Nase herum. Die gehen nicht um halb zehn Uhr ins Bett oder sie sind im Bett und er geht in sein Zimmer, liest da in seinem Buch und die machen draußen. . ., na ja, Sie kennen das, viele von Ihnen waren ja auch hier.

Also gut, wie kann man das verstehen, wenn man Geheeb nicht einfach abschreiben will? Also, eine Enttäuschung! Er war offenbar doch nicht so. Die Theorie, die mir näher und näher gerückt ist, ist die, Geheeb hatte eine ganz andere Pädagogik im Sinn, wenn er an Pädagogik dachte. Und da kommt nun das Kampfelement ins Spiel. Die real existierende Pädagogik war nicht sein Gebiet, er war eine Art pädagogischer Utopist. Da ist immer die Gefahr, dass man eine lächerliche Figur wird, ist aber nicht unbedingt notwendig. Wenn es mir gelingt, das so jetzt in den nächsten paar Minuten ein bißchen verständlich zu machen, dann bin ich ganz froh. Ja, er war auch kein Kämpfer, er war kein offensiver Mensch, er war nicht sehr konfliktfähig und er war auch nicht sehr konfliktfreudig. Wenn es zu pädagogischen Auseinandersetzungen kam, hat er auch nicht Stellung genommen für seine Pädagogik, für das, woran er geglaubt hat. Er hat sich auf billigste und unbefriedigendste Weise aus solchen Disputen rausgezogen. Er hatte einen großen Krach mit Wyneken. Wyneken war ein sehr schlauer Kopf, der hat viel zu Pädagogik gesagt und Geheeb sagt nur: „Ja, wer Wynekens Schriften gelesen hat, der weiß ja, dass von diesem Mann nichts zu halten ist, und ich brauche ja wohl nicht näher darauf einzugehen. Dahinter kaschiert ist wirklich seine Unfähigkeit, offensiv seinen Standpunkt zu vertreten und deswegen werde ich das jetzt so ein bissel versuchen zu tun, für ihn.

Was war denn seine Pädagogik? Er hat verschiedene Schriften geschrieben, die sind weitgehend verschollen, die sind nicht wahnsinnig attraktiv zu lesen, aber die sind eigentlich doch sehr spannend. Darin sagt er u.a. immer wieder, und zwar mit wachsendem Alter immer deutlicher: Eigentlich möchte ich das Wort Erziehung gar nicht mehr brauchen. Ich möchte nur noch von Entwicklung sprechen. Denn Erziehung im Sinne einer bewussten Beeinflussung der Erwachsenen auf die Kinder, eines bewussten Formens der Kinder ist eigentlich, so Geheeb, eine Illusion. Diese Maßnahmen, die wir auf Kinder anwenden, damit sie so und so werden, sind eigentlich illusorisch. Ich glaube nicht daran. Wir Erwachsenen können Kinder, werdende Menschen nicht bilden. Der Mensch entwickelt sich von alleine, wir können diesen Entwicklungsprozess begleiten, wir können dabei sein, aber ob wir Einfluss nehmen können oder nicht, das ist eine Frage, eine Glücksfrage, eine Frage des Zufalls, der günstigen Situation. Dasselbe gilt für Unterricht. Unterricht oder intellektuelles Wachstum, ist für ihn eigentlich ein bissel dasselbe wie physisches, emotionales Wachstum, es ist Entwicklung. Wir können natürlich Unterricht organisieren, so als eine Beeinflussungsmaßnahme, aber es wird nolens volens irgendwie immer den Aspekt von Indoktrination und Dressur kriegen. Was funktioniert, sind Begegnungen, Gespräche, echte Momente des Sich-Treffens. So abwegig ist das nicht, es haben das auch berühmtere Menschen als Geheeb gesagt und Menschen, die das auch besser formulieren konnten. So was liegt nahe bei dem Gedanken eines Martin Buber, es liegt auch nahe bei dem Gedanken z. B. eines Karl Rogers, eines der bekanntesten Vertreter der humanistischen Psychologie, ein amerikanischer Psychologe. Es gibt auch viele Menschen, ich denke da leben wir alle, und damit kommen wir so automatisch aus der Geschichte auch in die Gegenwart rein, wir alle leben immer, wenn es um Pädagogik geht, in so einer Art ‚Ja-aber-Situation'. Die echten Lernsituationen, die wichtigen Situationen das waren solche spontanen Begegnungen, die waren nicht im Lehrplan vorgesehen, man wusste nicht, dass das diese entscheidende Situation sei, aber wenn ich so zurückgucke, was hat mich wirklich gebildet, wo habe ich wirklich was gelernt, das war so in diesem Bereich.

Ja, das ist die Ja-Seite, aber das reicht nicht, mit so einem Konzept kann man keine Schule machen. Schule ist eine organisierte Geschichte, Erziehung ist eine organisierte Geschichte. Bis zum 18. Lebensjahr muss so und so viel Latein in den Köpfen drin sein und so und so viel Mathematik, ob es dir jetzt gefällt oder nicht. Dieses Zufallsprinzip ist nicht verlässlich genug. Wir sind damit eigentlich mitten in der Diskussion, um die Geheeb sich dann immer so ein bissel rumgedrückt hat, in dem er seine Rehe gefüttert hat und traurig war, dass man ihn nicht versteht. Er hat dann in seinen Schriften zu den Klassikern, Humboldt, Herder, Fichte usw. Zuflucht genommen, weil, da fand er seine Ideen immer wieder prägnant ausgedrückt. Er war kein Wissenschaftler der deutschen Klassik, aber er hat dort solche Sätze gefunden, da hat er gedacht, das spricht mir aus dem Herzen, zum Beispiel Johann Gottlieb Fichte: ‚Kein Mensch wird kultiviert, jeder hat sich selbst zu kultivieren.' ‚Alles bloß leidende Verhalten ist das gerade Gegenteil von Kultur.' ‚Bildung geschieht durch Selbsttätigkeit und zweckt auf Selbsttätigkeit ab', das heisst, nur wenn ich selber tätig bin, wenn ich lebe, wenn ich von morgens früh bis abends spät an meinen Themen dran bin, wenn ich nicht gehindert werde, wenn ich auf spannende Menschen treffe, die mir Anregungen geben auf diesem Weg, wenn ich zu gegebener Zeit auch noch ein gutes Buch dazu finde und in dem Sinn immer tätig bin, dann bilde ich mich, aber nicht, wenn ich meine 7, 8 oder 13 Schuljahre absitze. Da kann die raffinierteste Didaktik nichts dagegen machen, und das ist wirklich ein pädagogisch hochbeladenes Kampfthema.

Ich, als Martin Näf, der u.a. Pädagogik studiert hat und inzwischen auch 25 Jahre aktive Leidensgeschichte in dem Metier hinter mir habe, ich denke es ist wirklich ein nach wie vor bestehender Konflikt. Die Menschen vom Typ des Herrn Geheeb haben zur Zeit schlechte Karten. Die Menschen, und da werden uns die Beiträge bei der kommenden Veranstaltung mehr sagen, die Menschen vom Typ Walter Schäfer, die sich mehr befasst haben mit real existierender Pädagogik, die auch irgendwie daran geglaubt haben ‚Unterricht ist machbar', ‚Lernen ist organisierbar', die haben bessere Konjunktur. Geheeb war in dem Sinn ein rückwärtsgewandter, altmodischer Mensch, das kann man ruhig auch sagen. Er kam mit der modernen Zivilisation nicht zurecht. Sein Vorbild von Schule war eigentlich so ein bissel was Vorindustrielles, ein Dorf oder ein kleines Städtchen, in dem Menschen da sind, wo die Kinder schon mit 3 Jahren auf der Straße rumhüpfen können, ohne dass man Angst hat, sie werden entführt, überfahren oder von sonst irgendeinem Unglück betroffen, also eine heile Welt. Es war eigentlich so ein bissel romantisiert, idealisiert, die Welt, in der er selber als Kind groß geworden ist, ein kleines thüringisches Städtchen namens Geisa, das vor 2, 3 Jahren noch ungefähr so aussah, wie damals anno 1870/1875. Ich war dort und es hat mich so angesprochen, das war sein Bild der Welt, in der Menschen sich menschlich entfalten könnten. Es gab schon zu seiner Zeit Schulreformdiskussionen, also das Thema was nachher ansteht. Wie kann man den großen Koloss, dieses komplizierte Gebilde Schule reformieren. Das hat ihn nicht interessiert, weil er gesagt hat, wir sind da auf dem falschen Dampfer, Schule und die ganze dazugehörige Pädagogik ist eine Fehlentwicklung. Wie gesagt, er war kein offensiver Mensch, er hat diese Diskussionen so nicht geführt. Hätte er es gemocht, dann wäre er auch in dieser Odenwaldschule, auch in der Odenwaldschule zu seiner Zeit nicht so glücklich gewesen, wie er alles in allem dann wohl doch war. Dann hätte er nämlich sagen müssen: „Was bedeuten denn diese radikalen utopischen Gedanken, wenn ich nicht daran glaube, dass Unterricht organisierbar ist, wenn ich wirklich dieses freie Aufwachsen von Kindern will, wenn ich wirklich „werde der du bist", als meine höchste pädagogische Weisheit nur habe. Wenn das wirklich so ist, dann ist diese Odenwaldschule, wie der Erdmann sie mir hingestellt hat, immer noch zuviel Schule, immer noch zu viel Apparat, immer noch zu viel Planung. Und ich glaube, aufgrund meiner langen Beschäftigung mit Geheeb, wenn Schäfer damals vielleicht mehr nachgefragt und gegrübelt hätte: „Herr Geheeb was meinen Sie damit, dass das ein Fehlentscheid war"? Das Gespräch hätte sich in diese Richtung entwickelt.

Nun kann man sagen, das ist für praktische Schulleute ein völlig unsinniger Ansatz. Davon hat man nicht gelebt, man muss ‚Probleme organisieren', ‚wie soll das geschehen?' Schulreform, Realitäten, Bundesländer, Gesetzesbestimmungen usw., usw. Aber man kann, wenn man von weiter weg guckt, auch sagen, es ist wichtig, dass dieser Standpunkt in unserer Welt nicht verloren geht, sondern massiv vertreten wird in Menschen, so wie es Geheeb in seiner etwas hilflosen Art aber doch gelebt hat und war, dieses, den eigenen Weg suchen mit seiner Pädagogik oder in Diskussionen. Es ist wichtig, weil wir ja vielleicht eine immer bessere Schule haben usw. Wir haben die immer klügeren didaktischen Konzepte und unterm Strich die immer ähnlichen Klagen, dass Schule zu Passivität führt, dass Schule mit dem Leben nichts zu tun hat, dass man eigentlich ganz grundsätzlich erneuern muss. Der Unterschied ist nur, es kommt immer eine neue Generation, die denkt: Ja, wir haben jetzt die Rezepte gefunden. Man springt immer über diesen Punkt rüber, kein Mensch wird kultiviert, jeder hat sich selbst zu kultivieren. Das Modell Schule, vermittelbare Lerninhalte, ist ein Irrtum. Wenn Geheeb gesprochen hätte, hätte er vielleicht gesagt: „Wir müssen Lebensgemeinschaften entwickeln, wie wir sie ansatzweise in der Odenwaldschule haben und wie sie zu seiner, zu Geheebs Zeit auch war, Lebensgemeinschaften, die reich sind, in denen vielfältiges Leben ist, Lebensgemeinschaften, in denen zumindest ein Teil auch Musse ist, um eigenen Dingen nachzugehen, in denen es keine Schüler und Lehrer mehr gibt und kein Lernen und Leben, sondern in der es Menschen gibt, die was suchen, die neugierig sind und in der gelebt wird.

So als Ganzes ist das natürlich eine hilflose Utopie, da können Sie alle mit dem Kopf nicken und sagen: "Ja, ja, schön, okay, und ich fahre am Montag zurück zu meiner Arbeit". Viele von Ihnen sind wahrscheinlich selber jetzt inzwischen Lehrer und Lehrerinnen. Was mache ich damit? Okay, das ist schwierig zu beantworten, aber der Kampf ist da und Geheeb mit netten Worten vorzeitig auf diesen Sockel zu stellen und ihn dann links oder rechts stehen zu lassen, ist schade. Ich denke, da hat er in seiner hilflosen Weise aber in seiner konsequenten Weise, und das ist auch konsequent in seinen Schriften zu sehen, etwas zu sagen, was heute nicht verloren gehen darf in der Pädagogik, weil es sonst eine leere Maschine wird. Was Geheeb wollte, das waren Menschen. Menschliche Entwicklung zu begleiten, zu fördern, das lag ihm ganz nahe. Mit vernünftiger Pädagogik hatte er irgendwie nichts am Hut, da machte er eine ganz traurige Figur, wenn wir mal die Schleier der Mystifizierungen etwas wegziehen. Das ist wirklich so ein generelles Kulturproblem, und das war auch vielmehr seine Ebene. Ihm ging es darum, „wohin geht die Menschheit?" „Wie viel Rationalisierung, also wie viel  Vernünftigung?", „wie viel noch mehr Vernunft?". Er trägt die Menschheit als Ganzes und auf diesem Hintergrund sind seine scheinbar veralteten, utopischen, romantischen Konzepte, seine scheinbar naive Pädagogik eine sehr explosive Geschichte. Punkt. Fertig.

Referat im Rahmen des Treffens der Altschüler der Odenwaldschule

Odenwaldschule, 14. Oktober 2000

So weit ich weiss bisher nicht abgedruckt und natürlich auch nicht so gehalten, jedenfalls nicht Wort für Wort. – MN 26.03.08