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Sich aufeinander einlassen! Die Brockwood School in England

Giselle Balleys hat uns im Gespräch mehr über den Alltag von Brockwood und über die Besonderheiten dieser Schule erzählt. Die Fragen für "endlich!", Jahrgang 3, Nr. 2 Juni 1993, stellte Martin Näf.

Endlich: Wie sieht ein Tageslauf in Brockwood aus?

G.B.: Um 7 Uhr steht man auf. Meistens mit Musik - jemand spielt beispielsweise Flöte. Um 7.45 Uhr gibt es ein schweigendes Zusammensein. Man hofft, die Ruhe dieses Tagesanfangs auch im Verlauf des Tages immer wieder zu spüren. Danach gibt's Frühstück, und dann Hausarbeiten: Toiletten putzen, Wischen der Gänge, Aufräumen, Geschirr spühlen, Brennholz holen, im Winter, wenn geheizt wird ... All diese Dinge werden, das scheint mir wirklich etwas sehr besonderes zu sein, von den SchülerInnen und LehrerInnen gemeinsam erledigt. - Von 9 Uhr bis 1 Uhr mittags finden dann Kurse statt. Um 1 Uhr wird gegessen. Zwischen 2 und 3 ist normalerweise eine Ruhestunde. An den Nachmittagen macht man Musik oder Theater und sehr viel Sport - Mannschaftsspiele, Schwimmen, Radfahren ...

Endlich: Unterscheiden sich die Vormittagskurse vom Unterricht in einer gewöhnlichen Schule?

G.B.: Was die Unterrichtsmehtoden angeht, so sind diese nicht besonders revolutionär oder neu. Ein grosser Unterschied liegt jedoch in der Kleinheit der Klassen. In den Kursen sind nur 4, 5, vielleicht 7 SchülerInnen, manchmal auch nur 2 oder sogar nur einer. Dadurch wird die Kommunikation zwischen den LehrerInnen und den SchülerInnen sehr direkt und Disziplinprobleme im üblichen Sinn gibt es nicht. Was auch etwas besonderes ist, das ist das, was ich "Bildungsmarkt" nenne: Am Anfang des Jahres stellen die Lehrer und Lehrerinnen von Brockwood ihre Kurse vor; die SchülerInnen gehen von einem Lehrer zum Anderen, um sich zu informieren, um was es in dem Kurs geht. Bei der Gelegenheit können SchülerInnen auch eigene Wünsche anbringen und einen Lehrer oder eine Lehrerin bitten, einen Kurs zu diesem oder jenem Thema anzubieten. - Ich empfand die Auswahlmöglichkeiten, die dieses System bietet, als sehr gross für eine doch relativ kleine Schule wie Brockwood mit nur 50 oder 60 SchülerInnen.

Endlich: Wie sieht das Leben in Brockwood sonst aus?

G.B.: Neben dem offiziellen Unterricht gibt es immer sehr viele andere Aktivitäten und Angebote von SchülerInnen und LehrerInnen: Konzerte, Volkstanzabende, Theateraufführungen, Filme und ähnliches. Diese Aktivitäten sind auch Ausdruck des besonderen Verhältnisses, welches in Brockwood zwischen den Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrern besteht. Irgendwie fühlen sich alle als Lernende. Es gibt diese Trennung zwischen den "wissenden" Lehrern und den "unwissenden" Schülern nicht. Man ist wirklich gemeinsam am Lernen.

Endlich: Drückt sich das Besondere, was Brockwood sein will und offenbar auch ist, auch in besonderen Unterrichtsinhalten aus?

G.B.: Ja. Es gab beispielsweise zwei Kurse - einer mit dem Namen "eine Erde", der andere mit dem Namen "ein Mensch" -, in denen das Besondere von Brockwood zum Ausdruck kam. Im Kurs über "eine Erde" geht es um Fragen der Ökologie. Im Kurs über "einen Menschen" geht es um den Einfluss, den die grossen Denker und die grossen Religionen auf die Entwicklung der Menschheit hatten, und inwiefern sie uns heute noch prägen.

Endlich: Mussten alle Schüler und Schülerinnen diese Kurse belegen?

G.B.: Nein, nein. Prinzipiell sind die Schüler frei, ihr Programm selber zu gestalten. Wenn ein Schüler natürlich - sagen wir einmal - nur Malkurse belegt, dann würde man mit ihm sprechen und ihn fragen, ob er nicht auch Mathe oder sonst etwas machen müsste. Grundsätzlich sollen die SchülerInnen jedoch selber entscheiden. Diese Kurssystem wird dadurch begünstigt, dass die Abschlussexamen in England aus Teilprüfungen bestehen, die man jeweils dann machen kann, wenn man in dem betreffenden Fach bereit dazu ist.

Endlich: Nehmen die SchülerInnen an der Leitung der Schule Teil?

G.B.: Einmal pro Woche findet eine Schulversammlung statt, an der gemeinsame Probleme von allen erörtert werden. Zudem waren jeden Tag ein Lehrer und zwei Schüler oder Schülerinnen für den Schulbetrieb verantwortlich. Sie kümmerten sich ums Wecken oder haben, wenn das Büro zu war, das Telefon abgenommen oder das Haus am Abend abgeschlossen. Als ich in Brockwood war traf sich die Direktorin im übrigen jeden Morgen mit 4 SchülerInnen und einem Lehrer oder einer Lehrerin, um mit ihnen über bestimmte Schulprobleme zu sprechen.

Endlich: Wie alt sind die Schüler und Schülerinnen in Brockwood?

G.B.: Das beginnt mit etwa vierzehn und geht bis zwei-dreiundzwanzig, manchmal sogar noch etwas mehr. Es gibt eine Gruppe, die in Brockwood ihre Matur machen. Eine zweite Gruppe möchte einfach eine andere Art von Erziehung. Dann gibt es eine Gruppe von immerhin acht oder neun jungen Erwachsenen, die im Rahmen der "open University", also (via Fernsehprogramme und Korrespondenz etc.) irgendein Studium machen. Sie helfen im Haus mit oder arbeiten in dem neben der Schule gelegenen Krishnamurtizentrum für Erwachsene. Damit verdienen sie ein wenig Geld. Auch wenn sie vor allem für sich lernen und kaum am Unterricht in Brockwood teilnehmen, sind Sie eine grosse Bereicherung für die Schule!

Endlich: Ist Brockwood eine Schule für Reiche?

G.B.: Einerseits würde ich sagen "ja", andererseits "nein". Brockwood vergibt immer Spipendien an SchülerInnen, die sich die Schule sonst nicht leisten könnten; zur Zeit sind beispielsweise einige SchülerInnen aus den ehemaligen Ostblockländern da, für die die Schule Stipendien aufgetrieben hat. Trotzdem ist Brockwood schon auch eine Schule für Reiche, denn es gibt wenig Arbeiter, die sich für diese Art von Erziehung interessieren.

Endlich: Gibt es eine besondere Erziehungsphilosophie oder Erziehungsziele in Brockwood?

G.B.: Brockwood ist ein Ort, an dem die Auseinandersetzung mit sich selber und die Frage, wie wir auf eine andere Weise miteinander umgehen und leben können im Mittelpunkt steht. Es geht also um uns und unsere Beziehungen, die Beziehungen zu uns selber und zu den andern, und um eine Transformation dieser Beziehungen.

Endlich: Was denken Sie über die paradoxe Tatsache, dass Krishnamurti, der doch stets davor gewarnt hat, Wahrheit irgendwie organisieren zu wollen, bei einer Schulgründung mitgeholfen hat? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

G.B.: Wenn wir etwas erkannt oder, sagen wir, gesehen haben, das wir weitervermitteln wollen - z.B. im Falle Krishnamurtis die Möglichkeit anders zu leben -, da scheinen wir doch gezwungen, dies in irgendeinem Rahmen zu tun. Wenn wir in unserer Stube bleiben, ohne uns irgendwie zu engagieren - sei es im Rahmen einer Schule oder in irgendeinem Rahmen -, dann beteiligen wir uns nicht wirklich an der Veränderung unseres Zusammenlebens. Wenn wir in einer Schule (oder wie wir den Ort auch immer nennen mögen) mit jungen Menschen leben, dann können wir dort versuchen, die überall bestehende Hierarchie zwischen "Erwachsenen" und "Kindern" abzubauen und gemeinsam als Lernende im Unterricht zu sein. Das ist natürlich schwieriger, als in seinem Kämmerchen von diesem Ideal zu träumen, aber es ist real! Die damalige Direktorin sagte immer: "Man lehrt durch das, was man ist, und nicht durch das, was man sagt." Ich denke, es ist wichtig, mit anderen zu leben, sich auf andere einzulassen, denn das ist die Realität; das andere sind Gedanken. Das ist eigentlich auch die Idee von Brockwood: sich wirklich aufeinander einzulassen, und das geschieht in der relativ kleinen, geschlossenen Gemeinschaft von Brockwood, wo man ja Tag und Nacht zusammen ist, fast zwangsläufig.

Endlich: Wird dann auch über Beziehungen, über Konflikte, Ängste etc. gesprochen?

G.B.: O ja. Sehr viel. Die gegenseitigen Beziehungen sind wirklich zentral.

Endlich: Brockwood scheint wirklich eine fast ideale Schule zu sein.

G.B.: Ja und nein. Viele Menschen, die nach Brockwood kommen, sind enttäuscht, weil sie gehofft haben, eine ideale Schulgemeinschaft zu finden, und was sie dann finden ist die Realität der Leute, die da miteinander leben, und diese Realität ist natürlich nicht immer Ideal. Die Arbeit besteht ja gerade darin, immer wieder zu sehen, wohin man möchte, und wo man tatsächlich steht; die ganzen Ideale haben nur dann einen Sinn, wenn wir uns, so ehrlich wir können, auf dem Boden unserer Realität mit ihnen auseinandersetzen. Das Leben in Brockwood wird stark geprägt vom Gefühl, dass wir als Menschen weiter kommen können und müssen. Dieses Gefühl und die Absicht weiterzukommen sind jedoch nicht das Ende, sondern der Anfang der Arbeit.