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Spuck mir nicht in meine Tagessuppe. Rechthaben und Rechtschreiben

Haben Kommaregeln und das Dehnungs-H etwas mit Faschismus zu tun? Sie meinen "nein", ich meine "ja" ...

Paul und ich sind auf dem Weg zur Trammhaltestelle. Es ist ein friedlicher Nachmittag, und wir wollen noch irgendwo hin. Plötzlich bleibt Paul stehen und sagt mit leichter Empörung in der Stimme: „Tagessupe". Ich verstehe nicht und frage: „Was ist damit?" Er wiederholt: „Tagessupe!" Ich verstehe noch immer nicht, bis er mich aufklärt: „Tagessupe mit einem p. Eröffnen ein Restaurant und dann so was auf der Speisekarte!" Paul ist ein guter Kerl, aber über so was kann er sich sehr aufregen. Tagessupe mit einem p! Er findet das eine Zumutung, denn, naja, man weiss doch, dass man Suppe mit zwei p schreibt. Ich sage ihm, dass die Inhaber des Restaurants das vielleicht nicht wissen, und dass es doch eher auf die Qualität der Suppe als auf die Anzahl der in ihrem Namen enthaltenen ps ankomme. Was mir logisch scheint befriedigt Paul jedoch nicht.
„Sie könnten die Speisekarte doch jemandem zum Korrigieren geben, wenn sie sie schon vor der Tür aufhängen!" Ich bin mit ihm einverstanden, das könnten sie, Vielleicht haben sie die Speisekarte ja jemandem gezeigt und dieser jemand hat gesagt, es sei alles okay. Vielleicht ist ihnen die Rechtschreibung auch nicht so wichtig. Möglicherweise haben sie andere Sorgen; ein Restaurant zu betreiben sei ja vermutlich kein Klax. „Schon, aber Suppe mit einem p, bitte!" ... Paul beruhigt sich nicht leicht, was mich allmählich in Rage bringt, sodass wir in einen richtigen Streit geraten. Er beschuldigt mich, dass ich immer alle in Schutz nehme, und dass es bestimmte Regeln gäbe, an die man sich einfach halten müsse, sonst könnte man ja gleich die ganze Orthographie abschaffen. Ich stimme ihm zu. Das wäre wahrscheinlich das beste, dann wäre solchen Nörglern und Pedanten wie ihm endlich der Wind aus den Segeln genommen, und sie würden nicht mehr über andere Menschen herfallen nur weil sie Suppe mit einem statt mit zwei p schreiben. Es gehe nicht darum, belehrt er mich. Es gehe ums Prinzip, um die Lesbarkeit. Er wolle nicht vier Mal hinschauen und stundenlang herumrätseln müssen, wenn er eine Zeitung oder eine Speisekarte lese. Ich wende ein, dass er das Wort „Tagessupe" ja sofort erkannt und begriffen habe, um was es gehe. Aber sie könnten es trotzdem richtig schreiben. Natürlich, ich stimme ihm zu. Aber Du könntest etwas toleranter sein ... Paul ist wirklich ein friedlicher Mensch, aber in Sachen Orthographie ist er unnachgiebig: Richtig ist richtig und falsch ist falsch!
Nach ein paar Stunden können wir uns noch einmal über das fehlende p unterhalten. Jetzt stimmt er mir zu, vielleicht hätten die Pächter des Restaurants tatsächlich andere Sorgen. Eigentlich sei seine Reaktion wirklich idiotisch. Aber irgendwie sei er immer stolz auf seine Rechtschreibung gewesen, und „da kommen die und schreiben Suppe einfach mit einem p!". Das enttäusche ihn und mache ihn wütend. Er wisse, auch nicht recht warum. Vielleicht denke er, „wenn ich mir immer Mühe geben muss, dann sollen die auch". Vielleicht bedrohe es ihn auch, weil die alte Ordnung zusammenbricht: So viele Fremde, andere Sprachen, ungewohnte Verhaltensweisen ... damit habe er ohnehin Schwierigkeiten. Er sei einfach ein ängstlicher Mensch, und dann dieses p!
Paul hat in der Schule viel gelitten, und er ist im Leben nirgends wirklich gut. Und jetzt will ich ihm eine der wenigen Dinge wegnehmen, auf die er jemals stolz war. Ich verstehe seinen Ärger und seine Enttäuschung. Da hat man ihm beigebracht, dass die Sache mit den zwei p so enorm wichtig sei, und plötzlich soll das nun nicht mehr gelten. Zum Glück ist er nicht nur ein manchmal unausstehlicher Kleinbürger, sondern auch ein philosophischer Kopf und ein wirklich friedlicher Mensch ... jedenfalls „im Grunde seines Herzens". Er meint es nicht böse, wenn er so reagiert, wie er reagiert. Und doch: seine biedere Rechtschaffenheit ist alles andere als harmlos. Sie ist der Notschrei eines Menschen, der auf erlittene Gewalt und Demütigung mit Gewalt reagiert. Gebt ihm einen Führer und eine Uniform, und er wird für eure falschen Ziele zum Mörder. ... Tagesupe mit einem p! Und so was will ein Restaurant führen! Hier bei uns! ...

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