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Vom Lernen ohne Unterricht. Arno und André Stern erzählen von der Freiheit, abseits der Schule lernen zu dürfen

Es gibt so vieles, was wir müssen. Was wir müssen sollen. Zum Beispiel in die Schule gehen, unsere Kinder in die Schule schicken. André Stern formuliert es mit einer Anekdote so: Er hat mit einem Eierbecher lesen gelernt, indem er die Zeichenfolge co als Eierbecher mit Ei betrachtete. Das weckte sein Interesse. Er fragte seine Eltern, die ihm erklärten, dass das Buchstaben sind. Er wollte wissen, wie sie heissen und wie sie klingen. So lernte er im Alter von drei Jahren lesen. Und er folgert: «Wie sinnlos wäre es nun, alle Kinder in allen Schulen genau so lesen lernen zu lassen: im Alter von drei Jahren, mit Eierbecher und Ei. Genauso sinnlos wäre es, alle Kinder in allen Schulen ab den Sommerferien nach dem sechsten Geburtstag das ABC lernen zu lassen. Warum aber tun wir genau das?» - 4. Mai 2015

André Stern, der Sohn des Mal-Labor-Erfinders Arno Stern, heisst nicht nur so, er ist ein Star. Das weiss er auch; er tourt mit Vorträgen durch Europa und seine Bücher sind Bestseller. Dabei betont er gern: Diese Popularität gründet nicht auf seiner eigenen Leistung. Sie rührt daher, dass er nie in die Schule gegangen ist und – o Wunder – trotzdem so viel gelernt hat, dass er den Anschluss weder an die Wirtschaft noch die Gesellschaft verpasst hat. Warum das klappt, weiss er aus Erfahrung, und die wissenschaftliche Erklärung liefert der Neurologe Gerald Hüther mit einem Stichwort: Begeisterung. «Begeisterung ist Dünger für das Hirn», werden beide nicht müde zu betonen. Kurz erklärt: Das Hirn entwickelt sich quasi wie ein Muskel – die viel genutzten Regionen werden stärker. So ist z. B. die für die Bewegung der Daumen zuständige Region bei heutigen Jugendlichen stärker ausgebildet als bei Jugendlichen vor 50 Jahren. Allerdings reicht es eben nicht, etwa Schulwissen einfach zu repetieren. Absolut notwendig zum Gelingen ist der Dünger: Nur was mit Begeisterung getan wird, führt zum Erfolg. Und wir alle wissen: Die Begeisterung für die Nutzung des Smartphones ist bei Jugendlichen anhaltend gross, die Begeisterung der meisten Kinder in der Schule hingegen verzieht sich spätestens ab der zweiten Klasse in die Pause.

Dieses Wissen steht in vielen Büchern und Videos im Internet zur Verfügung. Trotzdem ist der grosse Saal an diesem Donnerstagabend im Januar 2015 ausverkauft. Ist ein Vortrag der Herren Stern angesagt, werden Schul-eltern (-mütter vor allem) zu Groupies, die alles dafür geben, an dem Abend dabei zu sein. Es ist ja auch sehr unterhaltsam. Die Stimmung im Saal grossartig, die Schlange am Büchertisch hinterher lang.

Warum nur ist es so schwer, dem Vorbild zu folgen und die eigenen Kinder aus der Schule zu nehmen? In der Schweiz gibt es einige Hürden – aber es ist, anders als in Deutschland, grundsätzlich möglich. Dabei kommt es auf den Wohnkanton an: Einzelne wie Uri verbieten Homeschooling komplett, die meisten verlangen von den Eltern ein Lehrdiplom, am lockersten handhabt es der Kanton Bern. Ich bin deswegen mit meiner Familie im letzten Sommer ins Schwarzenburgerland BE gezogen, und seither besuchen unsere drei Kinder keine Schule mehr. Das Gesuch wurde umgehend bewilligt. Wir mussten einen Lehrplan einreichen, mit dem Hinweis auf unsere Steinerschulvergangenheit verzichtete der Schulinspektor sogar auf die Lehrmittelliste. Vielleicht wird es mal eine Jahresprüfung geben – das entscheidet im Kanton jeder Schulinspektor nach Bedarf. Der Besuch von ebendiesem verlief sehr freundlich, er hat das Lernzimmer inspiziert, mit den Kindern gesprochen und so ihre Lern- und Sozialkompetenz geprüft und uns ein wenig in Augenschein genommen. Fertig.

Seither geniessen wir die Freiheiten. Und davon gibt es viele: Die Kinder lernen, was, wie und wo sie möchten, bestimmen Rhythmus und Tempo selber, suchen sich ihre Lehrkräfte bei uns Eltern, den Büchern, dem Computer und in der Umgebung. Wir legen die Museumsbesuche auf die Vormittage unter der Woche, genauso wie den «Sportunterricht» Skifahren oder Schwimmen. Es gibt kein Gerenne am frühen Morgen, der soziale Anpassungsdruck an die Klasse ist verschwunden. Die Kinder sind ausgeglichen.

Natürlich haben wir Eltern viele Fragen und einige Sorgen: Werden sie genug lernen? Fehlen ihnen nicht die Gschpönli? Haben wir neben unserer eigenen Arbeit die Kapazität, den Kindern genug Stoff zu bieten, sie genügend zu begleiten? «Dem Leben vertrauen» heisst der Vortrag von Arno und André Stern – und mit diesem Slogan versuchen wir, uns selber zu antworten: Ja, ohne Zwang suchen sich die Kinder ihre Betätigungsfelder und begeistern sich dafür. Ja, die Übergangszeit – unsere Kinder waren ja im Unterschied zu André Stern unterschiedlich lange in der Schule – ist nicht ganz einfach, da gibt es Durchhänger und Unsicherheiten, bei den Erwachsenen wie bei den Kindern. Aber wer die Institution Schule genau betrachtet, diese Zwänge- und Gängelei mit dem Verweis auf die Gruppe der vermuteten Normkinder, erkennt bald, dass der Schulstoff (wenn gewünscht) in sehr kurzer Zeit bewältigt werden kann und daneben sehr viel Zeit bleibt für all das, was die Kinder gern machen und gut brauchen können für ihr ganzes Leben.

«Es ist doch sehr merkwürdig, dass ich so eine Ausnahme bin», sinniert André Stern auf der Bühne. «Jedes Kind würde Ähnliches erleben, wenn es ähnliche Bedingungen hat.» Sind denn diese Bedingungen das Verdienst seiner Eltern? Braucht es den Malort und die Grossstadt, damit Kinder ohne Schule aufwachsen können? «Kinder brauchen die ganze Welt», weiss André Stern. «Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land zu Hause, sie wollen zwei Dinge: spielen und in die weite Welt hinausziehen. Dafür sind sie geboren.» Wichtig sind deswegen zwei Rahmenbedingungen: Wir müssen die Kinder lassen – spielen lassen, entdecken lassen, fragen lassen, ziehen lassen – und sie brauchen Vorbilder. Menschen, die bei sich sind und ihr Werk vollbringen, egal ob als Pizzaiolo, Baggerfahrer oder Polizist. Menschen, die Kinder unterrichten wollen, stören die kindliche Entwicklung, erklärt André Stern und ergänzt: Es ist viel wichtiger für uns Erwachsene, von den Kindern zu lernen, ihre Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit zu übernehmen.

In diesem Punkt decken sich die Aussagen von Vater und Sohn auf der Bühne. Jegliches Lehrenwollen, führt Arno Stern aus, bringt Kinder von ihrer natürlichen Entwicklung der Audruckskraft ab. Gemäss seiner jahrzehntelangen Beobachtung entwickelt jedes Kind seine Darstellungskraft nach demselben Muster. Aus der Bewegung entstehen Formen, zuerst der Kreis, dann das Viereck, der Tropfen und daraus das Dreieck, dann Punkte und Striche und daraus das Kreuz und die Grätenform. Mit diesen Mitteln ausgestattet beginnt das Kind Häuser, Wege, Menschen zu zeichnen – nicht, weil es die Welt abbilden will, sondern weil es Ähnlichkeiten mit seinen Formen entdeckt. Es ist ein Spiel, das nicht mit Kinderkunst verwechselt werden darf. In diesem Spiel gewinnt es innere Balance, freudigen Ausdruck und sogar organische Erinnerung an seine Anfänge, Geburt und Vorgeburtliches. Das Schlimmste sei daher, so Arno Stern, Kinder zeichnen lehren zu wollen oder ihre Zeichnungen zu deuten und auszustellen – Kernaktivitäten der Schule. Für ihn ist das Wichtigste für Kinder: tanzen, musizieren und das Malspiel erleben.

Habt Vertrauen in die Kinder, sagen beide. Lasst sie, verbietet ihnen nichts, seht auch Computer als Werkzeug wie den Hammer, mit dem die Kinder die Welt erleben. Unsere Kinder dagegen dürfen nur eingeschränkt am Computer spielen und im Internet surfen. Versuche, die Beschränkungen aufzuheben, führten zur Zwölfstundennutzung, zu schlechter Laune, zu Unlust, aus dem Haus zu gehen. Vertrauen wir noch zu wenig? Oder braucht es Übergangsbestimmungen nach bis zu siebenjährigem Schulbesuch?

Wir lernen noch. Mit unseren Kindern, die sich prächtig entwickeln.

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Arno Stern ist der Gründer des Malorts in Paris und Erforscher der Formulation. André Stern, sein Sohn, ist Musiker. Er hat nie eine Schule besucht und lässt auch seinen Sohn ohne Schule lernen und wachsen. Sein bekanntestes Buch heisst:
«... und ich war nie in der Schule: Geschichte eines glücklichen Kindes», Zabert-Sandmann 2009. Beide sind auch beteiligt am Film «Alphabet».
www.oekologiederkindheit.com
Infos über Homeschooling: www.bildungzuhause.ch

Bruno Blume ist Autor von Kinderbüchern und Verleger des kwasi verlags in Solothurn: blume@blumengleich.de

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