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Wie Wellen fortgespühlt

Ich verbringe den grössten Teil meiner Zeit damit, die schwarzen Schatten, die dauernd dicht um mich kreisen, wegzuscheuchen. Ich kämpfe gegen das Dunkel der Depression an. Äusserlich bin ich auf der Höhe meines Lebens. Nächstes Jahr werde ich 40. Innerlich scheine ich am Ende. Am Ende meines Lateins. Bis hierhin, so habe ich vor ein paar Tagen gedacht, bis hierhin haben mich meine Eltern, meine Lehrer und mein ganzes übriges Milieu begleitet. Bis hierhin haben sie mich geschupst, gestossen, geführt. Jetzt stehe ich am Anfang meines eigenen Weges. Ob jetzt noch was kommt, ob noch was geschieht, hängt nur von mir ab.

Ich habe innerlich auf die Steiner'sche Lebensphasentabelle geschaut, doch das, was ich dazu einmal gewusst habe, ist zur Zeit nicht abrufbar. 1., 2., 3. Lebensjahrsiebt ... Passt mein Zustand in das Steiner'sche Schema? ... Mein Gott, wie tief sitzt doch das Bedürfnis in uns, uns irgendwo festzuhalten, an irgendeiner Theorie, irgend einem Lebensziel, einem Sinn, einer Erkenntnis. Meine persönliche Krise kriegt erst ihren richtigen Glanz durch den alten Rudolf oder sonst einen grossen Geist, der sie als legitim und normal erkannt und in irgend ein Schema aufgenommen hat. Ohne solche Würdigung durch eine Autorität bin ich nichts, darf Krise nicht sein ...

In einem Buch über das US-amerikanische Hochschulwesen habe ich kürzlich gelesen, in welche Not Verlage und mehr noch Bibliotheken durch das in den USA vielleicht nochg mehr als hier herrschende Gesetz von "publish or perish" (veröffentliche oder verrecke) geraten. Schon längst haben Verlage damit begonnen, bestimmte Publikationen gar nicht mehr als Buch zu drucken, sondern sie nur als Veröffentlichung zu registrieren. Sollte je jemand den Wunsch haben, den entsprechenden Text zu lesen, so kann dies zum Teil nur auf Mikrofish geschehen oder der Verlag produziert dann - auf Bestellung - einen Ausdruck ... Die Katalogisierungssysteme sind überfordert, die Bibliotheken quellen über, die Menschen an den Universitäten, die am stärksten unter dem Publish und Perish Gesetz leiden, sind immer ausgelaugter, aber "the show must go on"! So lange noch irgendjemand die Kraft hat, weiterzumachen, wird weitergemacht. Man besteht auf dem Sinn des Ganzen. Zweifel werden nur privat geäussert und auch dort immer weniger, weil Menschen, die nur immer jammern und zweifeln, die mag man nicht so, wie die, die den Eindruck vermitteln, dass alles o.k. und prima und super ist.

Ich bin regelmässig entsetzt über die Flut von Gedrucktem, unter der wir uns, wie unter den Styroporverpackungen von McDonald und unter all dem andern Kram, langsam begraben, und dennoch scheine auch ich nicht anderes zu können und zu wollen, als auch noch zu dieser Flut beizutragen! Das System überfordert sich selbst.

Die schwarzen Wolken der Depression, der Verzweiflung! Ich spüre sie beinahe körperlich. Die Redewendung von der Stirn, die sich verdüstert, bezeichnet wohl diesen Zustand. Die schwarzen Vögel scheinen mir zuzurufen: Hör auf, hör auf! Geh weg, geh weg! Vorbei, vorbei! - Sie rufen wie Krähen am grauen Himmel, hoch über den winterlich kalen Bäumen, hoch über den brach liegenden Feldern.

O Götter. Ihr habt mich in diese Wüste geführt. Wer führt mich wieder aus ihr heraus? Ihr vielleicht, Trugbilder, Täuschungen, Illusionen, falsche Hoffnungen, romantische Träume, an die ich trotz allem noch glaube, führt ihr mich wieder hinaus. Soll ich noch einmal vertrauensvoll eure Hand ergreifen, um mich einmal mehr betrügen zu lassen durch euch?

Da ist ein Wahn in mir, ein Wahn, der sich trotz aller Niederlagen immer wieder zu Wort meldet, ein Wahn, der sich bis jetzt nie ganz totschlagen liess, und der mir sagt, dass ich nicht einfach so als Wassertropfen im unendlichen Meer der Menschheit mich auflösen werde ohne weitere Umstände und ohne Aufsehen zu erregen. Wenn ich schon hingehen und Teil des grossen Vergessens werden muss, so sollen doch vorher noch ein paar Trompeten spielen und ein paar Menschen klatschen, und lachen, ja lachen, das würd' ich auch ganz gerne noch einmal.

Ich ertrinke im Meer der Sinnlosigkeit. Da, wo die Blasen aufsteigen, da unten bin ich - irgendwo. - Spiele ich, um den Traumprinzen endlich doch noch aus der Reserve zu locken, oder ertrinke ich wirklich? Eingekeilt zwischen Philosophie, Depression und Exibitionismus weiss ich es zur Zeit nicht -, wirklich nicht. Wenn aber der Traumprinz kommen sollte, dann lasst ihn jedenfalls herein und hindert ihn nicht, ob Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in meinen Schlund hinab!

Wäre das nicht eigentlich seine Gelegenheit? Der glanzvolle auftritt jenes kraftvollen Mannes, auf den ich schon seit Jahrhunderten warte. Jetzt, wo ich ganz in der Scheisse stecke, wo mich die Midlife-crisis so richtig im Griff hat, jetzt tritt er auf: Trara Trara, tütü, tütü! Der Vorhang geht auf und da steht er: Stark, zielsicher und immer heiter! Braun gebrannt, voller Zärtlichkeit und jugendlichen Schwungs! Unsterblich verliebt in mich - ja, gerade mich, das lang verkannte Mauerblümchen, das einsam an so vielen Wegen stand, von so vielen prinzen bis heut übersehen wurde! Oh komm und erlöse mich vom bösen Staub des Alltags, von den tausend Abnützungen des Alters, das mich immer mehr zu umzingeln droht. Komm und errette mich, damit ich fähig werde zur Tat ...

Ich erwache, reibe mir, am Strassenrand der Weltgeschichte sitzend, verwirrt und erschrocken die Augen. "Lass alles Dunkel untergehen, denn, was dich untergehen dünkt, ist Aufgehn einer andern Flur! 's ist Alles wandel nur. Du musst das wahrlich erst verstehen!" Ja. Das muss ich wahrlich erst verstehen, denn mir erscheint es wirklich bös wie Untergehen!