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Wir verlieren das Spiel ...

der Kampf um knapper werdende Resourcen – Wasser, Land, Öl, Uran und andere Rohstoffe – wird von Jahr zu Jahr brutaler; die Kluft zwischen reich und arm nimmt zu; die Menschen werden austauschbar; unsere Meere sind überfischt, die Umwelt durch Schwermetallrückstände verseucht.

Sie kennen die Schlagworte, und Sie kennen das Gefühl der Ohnmacht, mit dem viele von uns auf diese Entwicklungen reagieren. Sie kennen die Unverfrorenheit, mit denen skrupellose Gewinnmaximierer von der allgemeinen Hilflosigkeit profitieren. Sie kennen die Phrasen, mit denen wir beruhigt werden. Sie kennen die Resignation, mit der wir uns in unsere Rollen als kleine Leute, als Mitmacher wider Willen und als Profitöre des allgemeinen Desasters fügen. Sie kennen die Ausreden, mit denen wir uns beruhigen, und sie kennen die Mittel, mit denen man uns zähmt.

Wir sehen die Entwicklungen; tief drinnen ist vielen von uns klar, dass wir eine grundlegende Veränderung brauchen: Vernünftige internationale Übereinkommen und Regeln unseres Zusammenlebens sind nötig, wenn wir uns im offenen und verdeckten Kampf aller gegen alle schliesslich nicht selber ausrotten und unseren gesamten Planeten zu einer unbewohnbaren Wüste machen wollen. Viele von uns fühlen dies, doch wir scheinen unfähig so in den Lauf der Dinge einzugreifen, wie es nötig wäre.

Dies Gefühl der Ohnmacht ist nicht neu. Wir begegnen ihn in Goethes Zauberlehrling, der die Abwesenheit seines Meisters benützt und einem alten Besen befiehlt, sein Bad zu füllen, der dann aber plötzlich feststellt, dass er den glücklich in Gang gebrachten Prozess nicht zu stoppen weiss. In seiner Verzweiflung spaltet er den Besen mit dem Beil, doch statt die Sache damit in den Griff zu kriegen tragen jetzt zwei Knechte immer neue Eimer voll Wasser in das Haus. In Goethes Gedicht kommt schliesslich der alte Zauberer heim und macht dem Spuk ein Ende. Wir aber gleichen dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird.

"Die Werkmeister lächeln dich überlegen an, aber der Tod sitzt in ihren Herzen", so schrieb Martin Buber in den 1920er Jahren. "Sie sagen dir, sie paßten den Apparat den Verhältnissen an; aber du merkst, sie können fortan nur noch sich dem Apparat anpassen, solang er es eben erlaubt. Ihre Sprecher belehren dich, daß die Wirtschaft das Erbe des Staates antrete; du weißt, daß es nichts anderes zu erben gibt als die Zwingherrschaft des wuchernden Es, unter der das Ich, der Bewältigung immer unmächtiger, immer noch träumt, es sei der Gebieter."(Martin Buber, Ich und Du).

Das Gefühl, hilflos einem von uns irgendwie mit verursachten, nach und nach jedoch ausser Kontrolle geratenen Prozess ausgelieffert zu sein, ist nicht neu. Neu ist allerdings das zunehmende Tempo dieses Prozesses und die Tatsache, dass seine Auswirkungen heute anders als vor 500 oder noch vor 100 Jahren nicht mehr regional beschränkt sind, sondern in zunehmenden Mass die gesamte Welt betreffen.

Vor über dreissig Jahren habe ich mit einem amerikanischen Studenten der Weltraumtechnik einen Abend lang heftig darüber diskutiert, ob der nächste Schritt der menschheit in der Besidelung des Mars und ähnlichen Projekten liege. Er war davon überzeugt, und im Gefühl, dass es neben unserer Erde weitere Welten gibt, die wir erobern und bewohnen können, machte er sich über die Zukunft unseres Planeten keine grossen Sorgen. Mir war dieser Optimismus und dieser schier unbegrenzte Technikglaube sehr fremd, und ich bin in Bezug auf die technologischen Lösungen unserer Probleme heute genauso skeptisch wie damals. Im Gegenteil. Oft führen die technologischen Lösungen eines Problems zu dessen Verschärfung oder zu neuen Schwierigkeiten, die ihrerseits nach neuen "technical fixes" rufen. Dies giltt auch für "technische" Lösungen im Bereich des Sozialen. Solche Lösungen gleichen häufig derjenigen des zauberlehrlings, der glaubte, sein Problem mit einem kräftigen Axthieb in den Griff zu bekommen, seine Lage damit jedoch nur verschlimmerte.

Ich bin skeptisch gegenüber den Bemühungen westlicher Gesellschaften, die Welt andauernd verbessern zu wollen. Solche Bemühungen haben ihren Platz, doch legen wir dabei im allgemeinen zu viel Wert auf äussere Dinge, und wir glauben zu sehr an unsere Möglichkeit, Glück, Gerechtigkeit und Friede auf Erden durch geeignete Massnahmen herstellen zu kkönnen. Anders gesagt: wir überschätzen materiellen Confort und unsere rationalen Fähikeiten, und wir unterschätzen nicht materille Dinge und die allem Lebendigen innewohnenden Kräfte der Selbstrorganisation und Selbstentfaltung. Wenn ich sage, "wir" so meine ich damit die VertreterInnen der herrschenden Mehrheitsideologie, und nicht uns alle, denn, wie gesagt, viele von uns fühlen, dass unsere westliche Zivilisation in einigen wichtigen Dingen ziemlich verkehrt tickt.

©2005 Martin Näf

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