www.martinnaef.ch / 2: Erfolge, Miserfolge & Probleme / 2.3: Kindheit und andere Lügen > Peter und der Wolf. Über das Klavierspiel und die Wege des Lernens und Entlernens
.

Peter und der Wolf. Über das Klavierspiel und die Wege des Lernens und Entlernens

"Unterricht" verhindert oder beeinträchtigt oft genau das, was er eigentlich fördern will. Die Geschichte meines Klavierunterrichts scheint mir dafür ein bezeichnendes Beispiel.

Meine beste Kindergartenfreundin wohnte in einem grossen Haus mit vielen Zimmern. In einem davon stand ein altes Klavier, das scheinbar von niemandem gebraucht wurde. Ich erinnere mich daran, dass wir beide auf unserer Suche nach Abenteuern und unterhaltsamen Spielen gelegentlich in diesem Zimmer landeten und uns vor dem Klavier aufstellten um „Peter und der Wolf" zu spielen. Meine Freundin stand immer rechts von mir. Ihr gehörten also die hohen Töne, während ich für die tiefen Töne zuständig war. Die Stimmung an jenem Sonntag morgen, als Peter früh erwacht und hinaus in den Garten des grosselterlichen Hauses gegangen war, seine Neugier, die offene Gartentür, das Zögern bevor er hinausging, der kühle Morgen draussen, die Vögel und dann plötzlich der Wolf, Peters Angst, seine Flucht auf den Baum, sein schlechtes Gewissen-, all das war uns beiden damals offenbar sehr nahe. Wir konnten jedenfalls nicht genug davon kriegen, dieverschiedenen Episoden der Geschichte auf dem Klavier nachzuspielen. Die Vögel und alles heitere, der frühe Morgen und die frische Luft, gehörten in die Abteilung meiner Freundin. Da klimmperte und klingelte sie drauf los während ich allenfalls Kommentare abgeben und Wünsche anbringen durfte. Peter war in der Mitte des Klaviers zuhause, da konnten wir also beide zugreifen. Das gab manchmal streit, weil wir uns nicht einig waren, wie lange Peter im Garten bleiben und wann er aus dem Gartentor auf die Wiese hinausgehen würde. Wenn er draussen war, waren die Verhältnisse wieder klarer. Während Peter in den hohen Tönen herumspazierte und noch keine Angst haben durfte, weil er ja nichts wusste, wartete ich vor meinen tiefen Tönen, wartete noch ein wenig und liess dann den Wolf auftauchen. Peter - in einem Wirbel von hohen und nicht ganz so hohen Tönen - flüchtete sich in panischem Schrecken auf den Baum. Unten rumpelte das Klavier. Der Wolf kam näher, und dann war er da! Gross und wütend und laut, direkt unter dem Baum, in dem Peter zu oberst zwischen schrillen hohen Tönen sass und Angst hatte.

Oft spielten wir eine Szene zwei oder drei Mal, weil sie so herrlich gruselig war, oder weil wir mit unserer Darstellung noch nicht ganz zufrieden waren und die Effekte verbessern wollten. Die Sache mit dem Jäger und der Beerdigung des Wolfes hat uns nie interessiert, und irgendwann war auch unsere Romanze mit Peter vorbei. Jemand hatte meiner Freundin inzwischen den Flohwalzer beigebracht, und wenn wir auf unseren Streifzügen durch ihr grosses Haus wieder einmal beim Klavier landeten, stellte sie jetzt ihre Kunst zur Schau - sie beherrschte auch die Variation mit den über Kreuz gehenden Händen! -, während ich mehr oder weniger gelangweilt zuhörte.

Mit 12 oder 13 Jahren kam ich in den Klavierunterricht. Dort waren weder „Peter und der Wolf" noch der Flohwalzer, den ich mittlerweile ebenfalls konnte, gefragt. Jetzt ging es um ernsthaftere Dinge, um die richtige Krümmung der Finger und die ideale Haltung des Unterarms beim absolvieren der nach systematischen Gesichtspunkten angeordneten Fingerübungen. Dann kamen die ersten richtigen Stücke, und ich musste lernen, schön im Takt zu spielen. Ein Metronom wurde angeschafft und mein Klavierlehrer führte mir vor, wie ich diesen oder jenen Übergang spielen sollte, hier etwas leiser, dort etwas lauter, und die Hände dabei schön ruhig! So dass man ein Fünffrankenstück drauflegen konnte, ohne dass es herunter fiel. Der Klavierlehrer war nett; wir redeten viel. Ich glaube, es störte ihn auch nicht, wenn dabei ein Teil der Klavierstunde drauf ging. Mit 14 oder 15 wollte ich mit den Klavierstunden aufhören, doch meine Eltern meinten, ich solle durchhalten, und so machte ich eben weiter bis zur Mozart-Sonate in B-dur KV 570. Dann kam die Matur und die Klavierstunden waren zu ende.

Ich spiele heute noch immer und mit zunehmender Lust Klavier. Viele Menschen sehen darin die Rechtfertigung für unsere Neigung, unsere Kinder zum Durchhalten zu ermuntern, wenn ihnen die Schule, der Klavierunterricht oder der Sportverein langweilig zu werden beginnen. Sie übersehen dabei allerdings, dass das Durchhalten oft zu einer lebenslänglichen Abneigung führen kann, und dass wir auch im Falle eines scheinbaren Erfolges nicht wissen, welche Entwicklungen wir durch unser braves „Durchhalten" verpasst haben. Ich jedenfalls hätte vermutlich wesentlich mehr gelernt, wäre auch „technischh" einiges weiter gekommen, wenn mein Klavierlehrer oder sonst ein musikalisch interessierter Mensch damals mit meiner Lust an deer spontanen Improvisation, am Ausdruck von Gefühlen und am Erzählen von Geschichten gearbeitet und von dort zusammen mit mir nach und nach in die „höheren Sphären der Musik" vorgestossen wäre. Vielleicht wäre aus mir ein wirklich guter Schlagzeuger oder Sänger oder ein Tänzer geworden; vielleicht hätte ich die Musik nach ein paar Jahren auch ganz verlassen, und hätte angefangen, Geschichtenzu schreiben oder wäre zum theater gegangen. Wer weiss. Ich bin seit dem Ende meiner Klavierstundenzeit damit beschäftigt, mich (wieder?) zur „Musik", diesem Konglomarat von Seufzen und Lachen, von Trampeln und Schreien, von staunendem Schauen und Rennen, Freude und Angst, Ruhe und Sturm, von dem auch eine Fuge von Bach oder eine Sonate von Mozart lebt, durchzugraben und meine urtümlichen musikalischen und kreativen Lüste und Fähigkeiten neu zu entdecken und zu entwickeln. Dabei muss ich mir fast alle damals antrainierten Reaktions- und Verhaltensweisen abgewöhnen, um Raum für wirkliches Verstehen und Können zu schaffen. Es ist ein Prozess, der in schulkritischen Kreisen seit einiger Zeit als „unlearning", also als Ent- oder Verlernen, bezeichnet und beschrieben wird. So lange wir damit zufrieden sind, angelernte Dinge mit relativ geringer gefühls- und Verständnistiefe zu reproduzieren ist dieser Prozess nicht notwendig. Wer aber mehr möchte - echtes Verständnis, wirkliches Können, überzeugende Wirkung -, dem kommt das in unserer Jugend angelernte Zeug oft in die Quere, und manchmal muss man viel von dem Krempel rausschmeissen und entsorgen, bevor man damit beginnen kann, sein Haus nach eigenen Vorstellungen einzurichten. Ich erlebe dies bei allen Dingen, mit denen ich mich ernsthafter befasse -, beim Nachdenken über Politik oder Erziehung ebenso wie beim Versuch, mich schreibend oder musikalisch auszudrücken.

Diese Prozesse des Ver- und Umlernens sind spannend, doch sollte uns die Freude eines Genesenden an seinen wiederkehrenden Kräften nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eine Krankheit hatte, an der viele Menschen zu Grunde gehen. Durchhalten ist gut, aber besser ist es, weiter zu gehen, den Fährten nach, die locken.

Copy 1998, 2018 Martin Näf

Dieser Artikel wurde bereits 25 mal angesehen.