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In den Affenkästen der Gelehrsamkeit

Es ist als ob wir ForscherInnen alle irgendwelche Pappfiguren vor uns her trügen, hinter denen wir uns mehr oder weniger geschickt und mehr oder weniger ängstlich verbergen. Diese Figuren tragen die seltsamsten Titel und sie sind tatsächlich oft sehr kunstvoll gestaltet und sehr interessant anzusehen.

Während man bei den Einen wirklich überhaupt nicht erkennen kann, wer hinter der Maske steckt oder die Figur herumträgt, lugt bei andern hie und da ein Hosenbein hervor, an dem man erkennt - was man sonst nur theoretisch weiss -, dass sich tatsächlich jemand hinter der Figur verbirgt, dass diese sich nicht selbständig und ohne jede menschliche Hilfe durch das Gewimmel dieser Welt bewegt. Ja ab und zu scheint ein Figurenträger geradezu Spass daran zu haben, das ruhige Spiel der anonymen Wissenschaft zu stören, indem er hinter seiner Figur hervorwinkt und dem Publikum irgendwelche Zeichen macht oder indem er seine Figur gar auf die Erde stellt und sich frei von ihr ein paar Schritte bewegt und dem Publikum zu verstehen gibt, dass auch er ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, genauso begrenzt, genau so genial und beschränkt, genau so ehrlich und genauso unaufrichtig wie jeder von uns! Es gibt Maskenbälle, an denen das unmöglich ist, an andern Orten gehört es inzwischen schon fast zum guten Ton, sich auf diese Weise zu exponieren; dort ist dann eher derjenige der Aussenseiter, der dies nicht tut. Aber, das ist wichtig, er muss beträchtlichen Einfluss haben, sonst geht der Schuss wahrscheinlich hinten raus. Das Spiel? Ja vielleicht ist es ein Spiel.

Für einige ist es tatsächlich eine wunderbare Gelegenheit sich zu vergnügen, zu tanzen, zu parlieren und zu brillieren. Für Viele ist es eine Pflicht, der sie sich gerne entziehen würden, wenn sie nur könnten! Aber eben: Man kann halt leider nicht immer wie man will, und "wer A sagt, muss auch B sagen ...". Und so zwingt man sich denn einmal mehr in das enge Korsett der Fachsprache, auch wenn man darin kaum atmen kann, und nimmt - fröhliche Heiterkeit zur Schau tragend - an dem Ereignis teil. "Gewiss, der steife Kragen der Abstraktionen, der frisch gewichste Stiefel und der so zierliche Damenschuh -, alles etwas eng und steif, etwas schwer und unbequem, doch was tut man nicht Alles, wenn es um die eigene Stelle, die Beförderung, die Ehre, die gute Partie der Tochter oder die Karriere des Sohnes geht! Was tut man nicht Alles aus Angst davor, die Pension zu verlieren oder beim Grafen in Ungnade zu fallen!

"Aber gewiss doch, Herr Professor, ja natürlich, Herr Redaktör!". Man muss sich halt einen Ruck geben! Bücklinge gehören nun halt einmal zum Leben, und von dem Bisschen Arschkriechen wird man ja nicht gleich zugrunde gehen! Und wer das Spiel nicht mitmacht - der ist im nu weg vom Fenster! Nein, nein. Machen sie sich da nichts vor. Homo homini lupus, da hatte der alte Hobbes schon recht. Wer es zu etwas bringen will, der muss dafür schon was tun! Nennen Sie es nicht Heuchelei! Nennen Sie es Convérsation und Politesse! Man unterhält sich doch immer so prächtig auf den Bällen des Grafen, ganz wie auf den pädagogischen Kongressen! Mon dieu, das Leben ist ein Kampf -, je schneller Sie das einsehen, desto besser für Sie, junger Mann! Man publiziert nicht immer aus Lust! Mais non! Aber wenn Sie nicht publizieren, dann tut's ein Anderer!"

"O, Herr Redaktör! Dass ich Sie wieder einmal sehe! Und was machen denn die Frau Gemahlin und die Kinder! Ja, ja ... Ach so! Ach Gott ... Ein Manuskriptchen ... Frau, bring mir die Suppe auf's Zimmer, ich muss wieder mal was schreiben! Die Zeitschriften quellen über, gewiss. Viel zu dick. Ich weiss. Nicht einmal mehr die Herren Kollegen (die Herren und Damen Kollegen, natürlich, verzeihen Sie!) lesen das, was wir da ständig von uns geben. Man "orientiert" sich, natürlich. Denn orientiert zu sein ist wichtig. X hat doch kürzlich einen Aufsatz über die Frage Y geschrieben, der allerdings von Z sehr kritisch beurteilt worden ist! Er soll sich um den Lehrstuhl in P beworben haben. Na! Dabei ... Frau, bring die Suppe rauf, ich werde sonst mit dem Kongressbericht nicht fertig und mit der Rezension und dem Artikel über die Bedeutung des grossen Zehs im Sportunterricht der 12 bis 14-Jährigen! Man hat ja schliesslich Frau und Kinder! Ja früher!"

"Früher ... früher. Da ging's mir noch um "Wahrheit", um "Werte" ... da wollte ich wirklich noch schreiben, wollte etwas "mitteilen"! Aber, ach Gott, wissen Sie! Diese Illusionen vergehen nach und nach. Wenn Sie einmal etwas längr im Geschäft sind, dann! Publish or perish! Die Seminararbeiten müssen immer "nach etwas" aussehen. Seit es  Computer   gibt können Sie mit Schreibmaschinenmanuskripten nicht mehr landen, geschweige denn mit der eigenen Klaue! Die schöne Form, das zählt! Fussnoten und ein möglichst langes Literaturverzeichnis sowie ein gut gegliedertes Inhaltsverzeichnis. Diese Dinge zählen. Gedanken! Einsichten! Originalität. Naja. Das zählt auch. Aber diese Dinge sind so schwer zu erfassen. Die Zeit, die man dazu braucht, einen Text wirklich zu verstehen! Nein. Die Zeit ist einfach nicht mehr da."

"Zeit ist Geld. Sie müssen sich produzieren, sich zeigen, auftreten, schreiben, um voranzukommen! Die zunehmende Automatisierung in der Texterstellung wird hier nochmal einen gewaltigen Schub bringen. Heute arbeitet man ja bereits mit Textbausteinen. Wie im Baugewerbe finden Sie auch in der Fachliteratur immer mehr Fertigbauteile. Der Autor braucht diese bloss noch gemäss Vorlage zusammenzumontieren! Und bald kommen die ersten vollautomatischen, mit integraler Logik ausgestatteten Schreibprogramme auf den Markt. Sie geben ein paar Stichworte, z.B. Geheeb, Pädagogik, Reform, Radikalität und das Programm erstellt einen Text von 8 oder 15 oder 30 Seiten, je nachdem was Sie wollen."

"Da uns die Gewohnheit und die Zeit zum genauen Hinkucken immer mehr abhanden kommt, wird niemand merken, ob hier ein Mensch oder ein Robotter mit dem Fächer wedelt! Gewöhnt daran, vor jeder Maske unseren Bückling zu machen, werden wir auch das inkoherente Gebrabbel eines intelligenten Text Erstellungs-Programms akzeptieren. Homo homini lupus! Geschäft ist Geschäft! Sie arbeiten über Geheeb! Na wunderbar! Da wird sich die Papierindustrie freuen, und auch das Zeitschriftenwesen und das Hochschulwesen. Sie produzierend weiteres, höchst relevantes Forschungsmaterial! Wunderbar. Das werfen wir dann oben in die grosse Maschine, und wir werden alle wieder eine Weile zu tun haben! Neue Forschungsgelder müssen locker gemacht werden, um die von Ihnen skizzierten „Forschungsdesiderate" endgültig aufarbeiten zu können. Man wird Rezensionen schreiben, und Sie werden zu Kongressen eingeladen. Auch die Hotelindustrie ist begeistert!

Ob Ihre Arbeit "wichtig" ist -, das spielt keine Rolle! Wichtig oder unwichtig! Diese Kategorien sind ebenso veraltet wie die Kategorie "wahr" oder "unwahr" oder die Kategorien "relevant" und "irrelevant"! Sie haben ein Produkt. Der Rest ist eine Frage des Marketings! Wenn es gelingt, Zahnpasten mit Himbeergeschmack und Katzen mit elektronisch gesteuerter Miaumechanik und Kugelradios auf unseren Märkten zu lancieren, warum soll es nicht gelingen, Geheeb dauernd auf dem Markt zu etablieren! Sie müssen nur wollen! Weg mit der Zimperlichkeit, mit diesem naiv-idealistischen Gejammer über die "Relevanz" und  all   dem pathetischen Getue! Machen Sie Sich breit auf dem Markt! Schieben Sie Ihre Nachbarn etwas zur Seite! Nehmen Sie Sich Ihren Platz! Sie haben ihn verdient! Nehmen Sie Sich, was Ihnen zusteht! Kümmern Sie Sich nicht um das Gezeter derer, die sich "verdrängt" fühlen. Paul Geheeb ist wichtig, davon müssen Sie immer ausgehen. Im übrigen -, Sie wollen doch auch von etwas Leben? Mal eine grössere Reise, eine schöne Wohnung und so? Na eben! Also los! Fangen Sie an; sagen Sie: "Paul Geheeb ist wichtig, weil ..."

los, lassen Sie Sich was einfallen. Aber bitte nicht erst übermorgen, Herr Kollege, ich habe noch anderes zu tun, als Ihnen hier auf's Pferd zu helfen. Wenn Sie nicht wollen, wenn Ihnen dies Alles zu "niedrig" ist, wenn Sie lieber noch ein wenig auf gefühlvollen Jüngling und auf Weltverbesserung und so machen wollen, dann bitte, aber ohne mich! Ich habe mich ohnehin schon viel zu lange mit Ihnen abgegeben! Wenn Sie das Spiel nicht mitspielen wollen - nun bitte! Sie werden ja sehen, wo Sie bleiben! Nur etwas möchte ich Ihnen schon jetzt sagen: Auch die Gemeinde der Wissenschaftler liebt es nicht, wenn man ihre Ehre beschmutzt! Auch wir haben unsere Ehre, bitte! Und wenn Sie unser Spiel nicht mitspielen wollen, wenn Sie auf Ihrer unreifen Protesthaltung beharren ... nun, wie gesagt, Sie werden ja sehen. Fühlen Sie sich ruhig erhaben in Ihrer Rolle als Märthyrer - das verkannte Genie! Der Kämpfer für die Wahrheit! Man wird sich Ihr Geschrei nicht lange anhören! Wir amüsieren uns gut hier, und wenn es Ihnen nicht passt, mein Herr, bitte -, es zwingt Sie niemand, hier zu bleiben! Das Korsett mag eng sein und der Kragen würgt ein wenig, doch ich habe mich daran gewöhnt! Und was ich mir mit so viel Mühe erkämpft, erarbeitet habe, das lasse ich mir von Ihnen nicht so einfach madig machen - von Ihnen nicht, ist das klar!

Was bleibt einem denn schon Anderes, als hier mit zu tanzen und herumzuhopsen und "aber ja doch, meine Gnädigste" und "nein aber so was" zu sagen. Welche Wahl bleibt uns denn, wenn wir nicht als Clown oder Bettler auf der Strasse enden wollen! Habe ich denn etwa nicht auch das Recht, Professor zu werden? Und wie kommen Sie dazu,  all   diese Menschen als bestochene Beamte eines Korrupten  Systems   zu bezeichnen? Wie kommen Sie dazu, ihre Gehälter "Schweigegelder" zu nennen? Schweigegelder?! Schweigegelder! Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit! Schweigegelder! Ich muss doch sehr bitten, mein Herr. Wer sind Sie denn, dass Sie so von unserem Bildungswesen und unserer gesamten Kultur sprechen dürfen! Unser Bildungswesen einschliesslich unserer Universitäten eine gigantische Geldverschwendung! Schreiben Sie erst einmal Ihre Dissertation -, dann sprechen wir miteinander! Eine Geldverschwendung! Ich sage Ihnen, was mit Ihnen los ist: Ein Neider sind sie, ein kleiner, armseeliger Neider, der über die Wissenschaft lästert, weil ihm selbst die Kraft und die Begabung fehlt, etwas Rechtes zustande zu bringen! So ist das doch, genau so! Wenn Ihnen Ihr Sinn für wissenschaftliche Redlichkeit schon nicht sagt, dass das, was Sie hier tun, nicht geht, dann sollte Sie wenigstens Ihr Schamgefühl gegenüber einem Toten vor dieser Art der Leichenfläderei bewaren! Aber was rede ich. Machen Sie aus Ihrem Geheeb, was Sie wollen, und dann sitzen Sie bis ans Ende Ihrer Tage auf dem Manuskript oder auf den Büchern, die Ihnen irgendein linker Verlag vielleicht druckt. Kaufen wird so etwas Niemand! Nein, nein. So gut funktioniert der Markt zum Glück noch, und wenn nicht, dann gibt es Mittel, dem Markt nachzuhelfen, das versichere ich Ihnen!

Aber was spreche ich überhaupt noch mit Ihnen. Ich verschwende nur meine Zeit. Rennen Sie in Ihr Unglück, wenn Sie müssen. Rennen Sie, junger Mann, nur sagen Sie mir später nie, ich hätte Sie nicht gewarnt! Das Publikum will die Geschichte des Herrn Geheeb hören. Das Publikum will nicht mit Ihren unreifen Gedanken und Ihren literarischen Ergüssen gelangweilt werden! Wenn Sie so weiter machen, naja, was rede ich ..."