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Elisabet S., Basel, 10. Dezember 1998

Liebe Frau S.,

Vor einer Woche mochte ich mich nicht in die Reihe derer stellen, die Ihnen und Ihren Angehörigen kondolierten, doch war ich in den letzten Wochen mit meinen Gedanken immer wieder in Ihrer Nähe:

In Vitznau drunten unter dem Nussbaum, wenn Sie uns Kindern vorlasen oder wir unsere ersten jugendlichen Kaffees tranken und dazu die unvergesslichen schokoladeüberzogenen Mandeln assen, während Ihr Mann irgendwo auf geschäftlichen Pfaden wandelte -, oder mit ihm, der hie und da aus dem nichts in Vitznau auftauchte auf dem Flying Fifteen, manchmal zu dritt oder viert, manchmal aber auch nur zu zweit: Er, pfeiffe rauchend an der Pinne, ich mit dem Vorschot in meinen Händen vorne im Cockpit, beide halb in ein Gespräch, halb in eigene Gedanken oder die friedliche Abendstimmung auf dem See versunken! Auch die  gelegentlich ziemlich turbulenten Jassabende in Vitznau tauchen wieder in der Erinnerung auf und die militärisch-strenge Tagwach, wenn wir noch etwas unentschlossen in unseren weichen Vitznauer Betten lagen. Ernster sind die Erinnerungen an Basel, wo Ihr Mann beschäftigter und oft auch angespannter wirkte: Die Zeitung, die Post vielleicht, einen kurzen Kaffee nach dem Mittagessen und dann gleich wieder fort zum Mittagsschlaf oder hinaus  ins Leben. Allerdings hat  seine freundschaftliche Energie auch dann noch immer für die obligaten Sprüche rund um den von mir damals offenbar nicht genug geschätzten grünen Salat gereicht.

Heute will ich Ihnen und  Ihrer ganzen Familie auch im Namen meiner Eltern und Geschwister meine Anteilnahme ausdrücken. Der Tod Ihres Mannes kam ja nicht überraschend, und sicher sehen auch Sie diesen Tod als das im Grunde gute Ende eines reichen Lebens. Aber ein schmerzlicher  Verlust ist es doch, auch wenn Ihr Mann in den letzten Jahren an all dem Treiben um ihn her immer weniger Anteil genommen und sich so gewissermassen bereits seit einiger Zeit Stück um Stück von diesem Leben verabschiedet hat. Wenn ich heute an Sie schreibe, um Ihnen meine Anteilnahme auszudrücken, so möchte ich Ihnen zugleich danken für  das Viele, was ich in Ihrem Hause erlebt und von Ihnen und Ihrem Mann erhalten habe! Zwar sind die Beziehungen zwischen dem Hause Suter und mir heute nicht mehr so eng wie damals, als ich als Freund von Bisa und Mümi bei Ihnen ein und aus ging, doch die frohen, dankbar empfundenen  Erinnerungen an diese Zeit, an den Rennweg, an Vitznau, an Ihren Mann und an Sie sind nach wie vor lebendig!

Sie werden in diesen Wochen viel zu tun, zu sprechen und zu schreiben haben sodass die Musse und Ruhe für unseren üblichen Jahresrück- und Ausblick zur Zeit vermutlich fehlt. Ich werde mich in ein paar Wochen einmal bei Ihnen melden, um zu hören, wie es Ihnen in der neuen Situation geht. Vielleicht ist dann der Moment, das Versäumte nachzuholen. Bis dahin wünsche ich Ihnen die Kraft und die Unterstützung durch Freunde und Familie, die Sie in dieser Zeit brauchen!

Mit lieben Grüssen an Sie und die Ihren,

besonders an Tobias und Florian