.

Noch einmal Indien! - Im Herbst 2005

Vicky hatte am Sonntag früh angerufen, dass er erst am Dienstag hierr sein kann, weil er sich noch um seine Mutter kümmern muss. Sie müsse operiert werden, irgend etwas mit der Gebährmutter, wie es scheint. Er wollte an sich am Sonntag aus Bodh Gaya abfahren, doch könne er den Arzt erst am Montag erreichen. Er war ganz unglücklich – wegen seiner Mutter, aber auch, weil er mich nun doch im Stich liess. „You are my God ... I love you ...". Er will morgen hier sein. Mal sehen, ob er's schafft!

Der Flug war langweilig. Halt eben so ein Flug. Ich dachte an Sali, Martin, Saffer, Zahid und die anderen Menschen, die ich vor einem Jahr bei meiner Überlandreise nach Indien kennengelernt hatte, und die jetzt irgendwo weit unter mir waren. Man fliegt über alles hinweg, nimmt nichts von da unten war – eine Art „Welt à la carte". Wir wählen uns die Orte aus, die uns interessieren. Die anderen ignorieren wir. Langweilig, aber ungeheuer praktisch.

Als ich in Delhi zur Passkontrolle ging wirkten die sieben Monate Schweiz, die seit meiner Rückkehr aus Indien vergangen waren, plötzlich nur noch wie eine kurze Pause im Kino. Die Selbstverständlichkeit, mit der mich der indische Lufthansa-Angestellte an der Hand nahm, der muffelige Geruch des Flughafens, die leisen Tablaklänge aus den Lautsprechern, die schnelle und hohe Sprechweise vieler hiesiger Inder, der schlurfende Schritt meines Begleiters, so anders als die sonstige geschmiegelte Lufthansafreundlichkeit, die Art wie er, dicht neben mir sitzend, mein Immigration Form ausfüllte, muffelig und wenig attraktiv wie der Flughafen, aber hinter seiner scheinbaren Verschlafenheit und Gleichgültigkeit doch sehr menschlich und hilfsbereit, die Gemächlichkeit der Angestellten, die meine Travellerchecks wechselten, die Taxifahrer, die sich um uns drängten und auf mich einredeten, während ich am Schalter des "prepayed Government Taxi" stand und ihre angebote hartnäckig ignorierte ... all dies fühlte sich so vertraut an, dass ich den Eindruck hatte, nie weg gewesen zu sein. Ja, „this is India" -, die Fortsetzung eines Filmes, dessen 1. Teil mir noch viel nher ist als ich erwartet hatte. Allerdings scheint sich die Bevölkerung und der Verkehr hier seit meinem letzten Aufenthalt vor 11 Monaten verdoppelt zu haben, und die Huperei beginnt mir bereits wieder auf den Geist zu gehen wie im vergangenen März, während meiner letzten Tage in Kolkata. Doch vielleicht liegt dies vor allem an meiner Müdigkeit, denn mehr als ein, zwei Stunden habe ich während des Flugs nicht geschlafen.

Der Taxifahrer versuchte mich gleich dazu zu bringen, ihm zusätzlich zu den im Voraus bezahlten 210 Rupien noch einmal 100 Rupien zu geben. Auch das kam mir bekannt vor, es war beinahe wie eine heimelige Begrüssung. Ich drückte mein Bedauern aus, winkte aber deutlich ab und zeigte mich ungläubig, als er sagte, der gewöhnliche Preis für diese Fahrt seien 500 Rupien. Als er sah, dass nichts zu machen war, liess er das Thema ohne weiteres fallen und freute sich an meiner Freundlichkeit und meinen Scherzen. Nach fünf Minuten stieg ein Freund ein, der mir beteuerte, sie würden mich no problem an den richtigen Ort bringen. „Full service, don't worry!"
Ich hatte nach Vickys Anruf im Sunny Guesthouse reserviert und wollte dorthin. Der Taxifahrer, der am Flughafen beteuert hatte, er wisse, wo das Sunny Guesthouse sei, wirkte jetzt weniger zuversichtlich. Sein Freund rief schliesslich einen weiteren Freund an. Dieser habe ein Tourismus Informationszentrum ganz in der Nähe des Guesthouses, und er könne uns sicher sagen, wie wir dorthin kämen. Zur Ermunterung hielt er mir sein Handy ans Ohr und forderte mich auf, mit seinem Freund zu sprechen.
Fünf Minuten später empfing der Mann mich wie einen alten Bekannten. Er bat mich in ein kleines Büro und forderte mich auf, Platz zu nehmen. Ich hatte vorsichtshalber meinen Rucksack mitgenommen, um sicher zu sein, dass er nicht ohne mich weiter reisen würde. Ich platzierte ihn neben meinen Stuhl. Ich sah dabei vielleicht etwas ängstlich oder unsicher aus, war es ja auch, denn mein neuer Führer meinte beschwichtigend: „Don't worry, your pack will not go away." Danach fragte er mich, wie lange ich in Indien bleiben wolle, und wohin ich als nächstes reisen würde. Als ich ihm zu verstehen gab, dass mit mir kaum Geschäfte zu machen seien, da ich mit einem Freund aus Bihar unterwegs sei, und wir per Bus und Bahn, und nicht per Taxi und Flugzeug reisten, sagte er mir, dass es am Abend zuvor in Bihar schlimme Unruhen gegeben habe. Als ich mich interessiert zeigte wechselten wir in ein anderes Büro und begannen Tee zu trinken und Fernsehen zu schauen. Schliesslich las er mir noch einen Artikel aus der Zeitung vor. ER las mühsam, wie ein Dritt- oder Viertklässler, und er schien auch etwas im Zweifel über das, was er da las. Tatsächlich weiss ich bis jetzt noch nicht, was gestern Abend in Bihar los war. Offenbar wurde die Bahnstrecke Patna Gaya beschädigt und ein Gefängnis angegriffen -, aber wie ernst dies alles war, konnte ich bisher nicht herausfinden.
Irgendwann schlug mein neuer Freund vor, ins Sunny Geusthouse anzurufen. Okay, why not, sagte ich, erklärte ihm aber zugleich, dass ich dort erwartet würde und ein Anruf eigentlich nicht notwendig sei. O, o, solange ich keine schriftliche Bestätigung meiner Reservation habe, sei alles möglich, meinte er, und tatsächlich teilte mir der Angestellte des Sunny Guesthouse, mit dem ich eine Minute später sprach, mit, dass sie ganz voll seien! Vielleicht würde später am Tag etwas frei, aber jetzt ... Ich erklärte meinem Helfer, dass das nichts mache. Ich würde trotzdem hinfahren; es würde sicher ein Zimmer für mich geben. Ich war zwar nicht so sicher, wie ich tat, aber auf irgendwelche neuen Guesthouses wollte ich mich jedenfalls nicht einlassen.
Nach 20 Minuten war der Besuch im Tourismusbüro vorbei. Mein Gastgeber versicherte mir, er habe meinem Fahrer den Weg zum Sunny Guesthouse ganz genau erklärt. Jetzt könne nichts mehr schief gehen. So ganz eindeutig war die Erklärung wohl doch nicht, denn der arme Mensch fuhr sicher noch eine halbe Stunde durch die Gegend, bevor er plötzlich anhielt und sagte: „Sunny Guesthouse". Sein Freund war mittlerweile entschwunden – „full service". Der Taxifahrer begann wieder über den Preis zu sprechen. Ich solle jedenfalls noch einmal 100 Rupien (ca. 3 Franken) mehr bezahlen. Ich schüttelte den Kopf und sagte, let's go upstairs. Er folgte mir zur Rezeption. Dort war von einem ausgebuchten Hotel nicht mehr die Rede. Ich erhielt sofort genau das Zimmer, welches ich mir gewünscht hatte. Vielleicht waren die Zimmer seit meinem Anruf vor 40 Minuten tatsächlich alle frei geworden. Vielleicht war mein Gespräch mit dem Sunny Guesthouse aber auch getürkt, weil mein freundlicher Travel Agent noch immer hoffte, mich auf eine für ihn profitablere Strasse, d.h. u.a. in ein Guesthouse zu bringen, welches ihm für den Fang 50 oder 100 Rupien geben würde. This is India, jedenfalls ein Teil davon. Eine Mischung von Freundlichkeit, Inkompetenz und Schlitzohrigkeit, wobei einmal das Eine, einmal das Andere mehr dominiert.
Vicky kam tatsächlich am Dienstag früh. Um acht Uhr stand er, klein und wie mir schien, sehr abgemagert, vor meinm Zimmer auf dem Dach des Sunny Guesthouse. Der Empfang war freudig und voller Gespräche. Seine Mutter ist aus dem Krankenhaus zurück, kann aber noch kaum Aufstehen, sodass Vickys jüngste Tante vorläufig noch in Bhagalpur ist, um die Familie zu versorgen. Von den Unruhen in Bihar habe er auch gehört, doch was genau passiert ist, weiss er nicht, macht sich deshalb aber auch keine besonderen Sorgen.
Ich bin überrascht, wie dünn Vicky ist. Mittlerweile hat er regelmässig gegessen und seit etwa zehn Tagen macht er täglich etwas Krafttraining – Liegestützen, Hanteltraining mit seinem Koffer u.ä. – und er scheint wieder zuzunehmen. Seine Mutter habe auch nach unserer letzten Reise gestaunt, wie kräftig er unterwegs geworden sei, meint er, während er mich immer wieder fragt, ob ich wirklich glaube, dass er kräftiger ausschaue. Der im „Gim" geformte muskulöse Körper und die helle Hautfarbe, das sind zwei Dinge, die ihn andauernd beschäftigen. Dunkle Haut ist hässlich. Davon lässt er sich nicht abbringen. Immer wieder, wenn es ihm nicht besonders gut geht, schaut er seine Arme und Hände an und behauptet, seine Haut werde ganz dunkel. Einmal, vor zwei, drei Jahren, als er krank aus Kolkata zurückgekommen sei, sei er so schwarz gewesen, dass seine Mutter ihn nicht mehr erkannt tabe.

Märkte, Kauflust, Chaos und Rolltreppen. Delhi wie es leibt und lebt

"(...). All creation is out on the streets. An estimated 200,000 stray dogs live in Delhi, and most of them – plus the 15 million people with whom they share the capital – use the roads as if they owned them. Donkeys, camels and oxen lumber about, some apparently free-range, other working as hauliers drawing carts laden with massive turrets of goods and produce. Horses graze in the central reservation. Monkeys loiter on curbs, scornfully evading the municipal catchers who make sporadic efforts to round them up. There are goats and sheep, too. And then there are the elephants. - In Delhi, being very large and very grey is especially hazardous. Street lighting ranges from dim to non-existent; the city is regularly cloaked by mist in the morning, pollution in the afternoon, or smoke from a few million winter wood-fires – sometimes by all three. Such is the number of 'mishaps' in which cars and trucks have crashed into them that Delhi's working elephants are now required to wear four large, round reflectors on their behinds. Unfortunately, the same is not true of the cows who freely wander the streets rooting for rubbish, protected by their special religious status. They have figured out that the best place to be is in the centre of the road, because the passing cars blow away the flies. But by night that is also the most dangerous place to be. An Ambassador might win an argument with a cow; an Indica would certainly lose. (...)." - Back seat driver. In Conde' Nast Traveller, December 2003

In Delhi verbringen wir einen Grossteil unserer Zeit auf der Strasse. Vicky hat ganz in der Nähe des Sunny Guesthouse einen grossen Kleidermarkt entdeckt. Stände und Stände mit T-Shjirts, Jeans, Saris, Unterwäsche, Hemden etc. Die Händler stehen auf den flachen Betten, auf denen sie ihre Waren ausgebreitet haben, und krächzen, brüllen und schreien was das Zeug hält: „Neunzig, neunzig, neunzig! Hier bei mir alles nur neunzig!" „20, nur 20, nur 20!" „Das da nur 20 20 20!" „80 80 80 für diese Hosen! 80 80 80 für diese Hosen!" „90 90 90, bei mir ..." „80 80 80 ...". Es ist ein Gebrüll, wie ich es bisher noch auf keinem Markt gehört habe. Hie und da rufen drei, vier Verkäufer ihre Ware auch gemeinsam aus. Dabei skandieren sie ihr „hundert hundert hundert" als Wechselgesang in zwei oder drei lautstarken Gruppen. Das schnelle, durch gelegentliches Händeklatschen unterstützte Hin und Her der Stimmen bricht oft für zehn Minuten und länger nicht ab. Es ist aufpeitschend und einlullend zugleich, eine massive hirnerweichende Kaufverführung, der ich mich nur dann ganz entziehen kann, wenn ich mich wieder in Bewegung setze und weitergehe.
Wer sich keinen Marktstand leisten kann, breitet seine Waren auf einem Tuch oder einem Stück Plastik auf der Erde aus. Neben Kleidern gibt's viel billigen Schmuck. Vicky ist von allem sehr angetan. Er bleibt immer wieder stehen, probiert irgendwelche Ringe oder versucht mich zum Kauf dieses oder jenes Armbands oder T-Shirts zu überreden. Es scheint seine Methode zu sein, mir mitzuteilen, dass er gerne dies und jenes haben möchte. Dabei geht es ihm scheinbar mehr um das Vergnügen des Kaufens und Tragens. Wem ein bestimmter Ring oder eine bestimmte Halskette schliesslich „gehört" ist nicht so wichtig. Es seien alles Andenken, erklärt er mir, und er freue sich schon jetzt, sie irgendwann seinen Freunden in Bodh Gaya oder Santiniketan zu geben. Wenn ich selber etwas kaufe, so verbinde ich damit einen eindeutigen Besitzanspruch und Zweck. Bei Vicky scheint dies weniger ausgeprägt. Er benützt auch meine Dinge in viel selbstverständlicherer Weise mit als ich seine Dinge benütze. Dabei empfinde ich die Selbstverständlichkeit nicht als unangenehm. Es geht insgesamt weniger um mein und dein und um eindeutige Verhältnisse, sondern mehr um den Spass und das gemeinsame Leben. Masti, Masti und Fun sind angesagt. Ja, ja, es sei wie ein Fieber, wenn er alle diese Dinge sehe. Er werde ganz aufgeregt und wolle plötzlich alles haben ... Moralische Bedenken hat er dabei keine. Weshalb nicht Spass haben, wenn es möglich ist? Weshalb nicht noch ein modisches T-Shirt oder einen weiteren Ring. Fragen wie „brauchst du das wirklich" sind hier offensichtlich völlig fehl am Platz. Kaufen und Konsumieren sind noch immer attraktive Dinge ohne den Beigeschmack von Müll und Leere, den sie in meinem westlichen Wesen inzwischen haben. Ich weiss nicht, ob Vickys Lust „typisch indisch" ist. Sie ist auch typisch für sein Alter und die Selbstverständlichkeit, mit welcher er für die Gruppe (die Familie, die Freunde) kauft und an die Gruppe denkt, ist etwas was ich beispielsweise auch bei Pina und ihrer aus Süditalien stammenden Familie erlebe.

Am Mittwoch Nachmittag fahren wir nach Old Delhi. Die kürzlich eröffnete Metro bringt uns für 7 Rupien pro Person von Connaught Place nach Delhi Main. Vicky ist fasziniert von dieser unterirdischen Wunderwelt. Am Morgen seiner Ankunft inDelhi sei er zum ersten Mal auf einer Maschinentreppe gefahren. Auch jetzt traut er der Sache noch nicht ganz. Er ist offenbar nicht der Einzige, der hier zum ersten Mal einer Rolltreppe begegnet. Familien stehen an den Enden dieser unheimlichen Schleusen und wissen nicht recht, ob sie es den Menschen nachmachen sollen, die sich einfach so auf diese Treppen stellen. Lachen und aufgeregtes Rufen. Eine Frau klammert sich an das Band, welches - etwas schneller als die Treppe - auf dem Geländr mitläuft, und sie langsam aber sicher immer weiter nach vorne zieht bis sie - kurz bevor sie endgültig aus dem Gleichgewicht gebracht ist - oben ankommt.
Alles in dieser Metro ist neu und blitz blank. Es ist tatsächlich, als ob wir in einen ganz anderen Film geraten wären: Eben noch ein Gewirr von Menschen, ein Rufen und Hupen und gleich neben dem Eingang der Metro der penetrante Gestank eines öffentlichen Pissplatzes. Dann – ein paar Schritte weiter– plötzlich Ruhe, saubere Fliessen, ein dezentes Kommen und Gehen von Menschen. Es scheinen nur relativ wenige. Auch am Fahrkartenschalter und in den Zügen kein Gedränge, kein Gerufe und keine grosse Aufregung. Hinter jeder Personenschleuse stehen ein par Zivilpolizisten, die uns kurz abtasten. Eine nach den beiden Bombenattentaten vom Oktober eingeführte Sicherheitsmassnahme. Ständige Lautsprecheransagen auf Englisch und Hindi begleiten uns während der ca. 12-minütigen Fahrt. Für den Durchschnittsverdiener ist die Metro vielleicht zu teuer. Busse brauchen für dieselbe Strecke zwar vier oder fünfmal so lang, dafür kosten sie nur einen Drittel oder die Hälfte. Aber man scheint doch sehr stolz auf die Neuerwerbung. 60 Meter tief unter der Erde sei die U-Bahn hatte der Manager des Sunny Guesthouse gesagt, als er uns von der Metro erzählte. Als ich, immer auf der Suche nach der reinen, ganz und vollkommen reinen Wahrheit nachfragte, ob es nicht vielleicht 60 Fuss seien, sagte er, kann sein; jedenfalls sehr sehr tief und ganz neu! Als wir ihm später erzählten, wie gut uns die Metro gefallen habe, war er sichtlich zufrieden. „Yes, very good, very good."
Old Delhi ist anders als die moderne Geschäftsgegend des Connaught Place. Wir gehen ziellos durch enge Gassen, treffen hie und da auf eine Strasse, auf welchr sich Zwei-, Drei- und vierrädrige Vehikel drängen. In den Gassen überall Menschen, kleine Läden, alles halb auf der Strasse. Eine Durchfahrt ist hier höchstens für Auto- und Bicycle-Rikshas möglich. Ich erinnere mich an meine Eindrücke vom letzten Jahr, als Amie und ich auf einer Bicycle-Riksha Richtung Red Ford unterwegs waren: Damals fuhren wir u.a. durch das Quartier der Automechaniker. Wir fuhren an unzähligen Läden vorbei, in denen jemand alte, ausgebeulte Kotflügel, Baterien, Stossstangen, Cylinderköpfe oder andere Ersatzteile anbot. Über und in den „Geschäften" wird gewohnt, gelebt, gegessen, getratscht, geschimpft, geliebt und gestorben.
Diesmal sind wir ins Quartier der Glühbirnen-, Schalter- und Kabelverkäufer geraten. Die Vorstellung, an einem solchen Ort leben zu müssen, ist alles andere als romantisch. Ich würde das Gedränge, das dauernde Gerufe und Gerede, den Schmutz und die Primitivität der Räume, in denen man hier lebt, keine Woche aushalten. Dabei haben diejenigen, die hier „wohnen" immerhin ein Dach überm Kopf, gehören also in gewissem Sinn bereits zu den Gewinnern!
Nach einiger Zeit steuert Vicky mich in eine Art Bazzar, ein halb gedecktes Geviert mit kleinen, in Reih und Glied aufgebauten Geschäften. Er fragt nach Mobiltelefonen. Schliesslich steht er vor einem Ladentisch und hält ein Sony-Erikson in der Hand. Er redet mit dem Verkäufer, dann drückt er mir das Ding in die Hand und frägt: „What do you think, Uncle?" Da ich keinen Neffen mag, der sich nur für Mobiltelefone, Bodybuilding und Motorräder interessiert, reagiere ich etwas reserviert, bis Vicky die Übung abbläst und sagt: „Okay, let's go."

Nein, nein, nein. Verwöhnen oder schenken? Vickys Wünsche, meine Zweifel
Drei oder vier Stunden später, als wir uns im Sunny Guesthouse von unserem Ausflug erholen, frage ich ihn, ob er vielleicht gedacht habe, dass ich dieses Mobiltelefon für ihn kaufen würde. Natürlich ist es eine rhethorische Frage, denn er hat mich bereits während der letzten Wochen vor meiner Abreise am Telefon ein paar mal gefragt, ob ich ihm kein Mobiltelefon mitbringen könne. Eines mit Digitalkamera, denn da brauche er keine Kamera mehr! Damals habe ich nur gelacht. Jetzt sagt er wieder, „yes, I think it would be nice". Ich bin ratlos, denn zum einen bin ich kein Freund dieses modernen Zeugs, zum anderen kostet so ein Ding in Indien ungefähr so viel wie bei uns, denn natürlich kommt nur eine Westmarke in Frage. Die indischen Produkte seien sehr schlecht, warnt Vicky. Davon, dass so ein Mobiltelefon mit Kamera für mich gut wäre, lässt er sich nicht abbringen. So könne ich meinen Freunden zu Hause doch zeigen, wie es ausschaue in Indien und seine Freunde in Santiniketan würden sehen, wo er überall war. „Nur wenn sie es sehen, glauben sie es" sagt Vicky.
Für mich ist die ins Handy eingebaute Kamera noch immer ein blosser Gag. Ich glaube nicht, dass sich damit wirklich gute Photos machen lassen. Aber vielleicht hat sich die entsprechende Technik in den letzten zwei drei Jahren ja tatsächlich verbessert. Doch wahrscheinlich ist die Frage der Qualität nebensächlich. „Nur wenn sie es sehen, glauben sie, dass ich dort war". Dieser Satz klingt in mir nach. Vielleicht sind die bilder für Vicky ja so etwas wie für mich das Brief- oder Tagebuchschreiben. Die Aneignung der Welt durch Schreiben oder eben durch Photographieren.

Als Vicky mir noch einmal wortreich erklärt, wie gut so ein Mobiltelefon für mich sei, lache ich. Ich sage ihm, ich hätte das Gefühl, es gehe hier im Grunde nicht um mich, sondern um ihn und darum, dass er ein solches Mobiltelefon wolle. Als ich frage, „do you think, it could be like this", wird er ganz verlegen und sagt schliesslich, „yes, I think".
Es fällt mir schwer, mich in diesen Jungen zu versetzen. Ich weiss nicht, was es für Vicky bedeutet, wenn ich ihm so ein Mobiltelefon schenke. Er wirkt wie ein Kind, das soeben seinen tiefsten Herzenswunsch geäussert hat. In meinem Kopf rattert das Hebelwerk der Gedanken: Ein Mobiltelefon mit Digitalkamera kostet ungefähr so viel, wie Vickys Vater in einem halben oder ganzen Jahr verdient, und Vicky tut dafür nichts. Ich tue ihm keinen Gefallen, wenn ich weich werde. Ich verwöhne ihn nur noch mehr. Er ist bereits jetzt eitel genug, interessiert sich nur für Äusserlichkeiten! Dabei begann unsere Beziehung doch auf dem Hintergrund seines Wunsches, etwas aus seinem Leben zu machen, etwas zu lernen, sich für die Armen in Bihar einzusetzen. Und jetzt erfüllen diese Wünsche sich in einem Mobiltelefon. Nein, ich ... ich ... – Meine Vernunft ist eindeutig dagegen, doch mein Herz ist unschlüssig. Müssen wir manchmal nicht einfach unvernünftig sein, einfach so, aus einem Gefühl heraus. Ich denke plötzlich an all die Weihnachten, die ich als Kind erlebt habe. Ich denke an all die Geschenke, die wir damals erhielten und an die Freude, mit denen wir sie auspackten und in Besitz nahmen! Die Eisenbahn, die kleine Hobelbank, die schönen Pullis, die Bücher, die Bauklötze,die Carera Rennbahn ... Ja, ja, alles nur „materielle" Dinge, alles „überflüssige Geschenke. Nichts, was wir „wirklich" brauchten, und doch: für uns war es die ganze wunderbare Welt! Und jetzt soll ich gegenüber Vicky „vernünftig" sein? Nein, ich merke, das kann und will ich nicht. Auch für ihn soll einmal Weihnachten sein, ohne wenn und aber. Ich bin noch immer unsicher. Bin ich zu „sentimental"? Lasse ich mich zu leicht herumkriegen? Fürchte ich mich vielleicht vor Vickys Reaktion, wenn ich nicht auf seinen Wunsch eingehe? Möglich. Genauso gut könnte ich jedoch sagen, dass ich mich davor fürchte, grosszügig zu sein, dass ich nicht fähig bin, zu geben ohne den Nutzen des Gebens zuvor auf Punkt und Komma durchgerechnet zu haben. Wir nennen dies Vernünftigsein, aber ist die Vernunft, auf die wir so stolz sind, nicht häufig eine Art zur Gewohnheit gewordener Hartherzigkeit. Ich weiss, ich kann schlecht „nein" sagen, aber müssen wir wirklich noch bessere Nein-Sager werden. Was kann mir denn geschehen, wenn ich „ja" zu Vickys Wunsch sage? Ein Mobiltelefon zu haben ist in Indien wie in vielen ärmeren Ländern oft der kleinere Luxus als einen der seltenen Festanschlüsse zu besitzen, und während der vergangenen Monate war ich oft froh, dass ich Vicky über sein Handy erreichen konnte. Im übrigen geht er mit dem Handy durchaus preisbewusst um. Nun – dieses Handy hat er vor ein paar Wochen verloren, doch kann das nicht allen passieren ...? – Schliesslich mache ich dem Hin und Her in meinem Innern ein Ende und sage: „Okay, we will get one" Vicky freut sich. Ich spüre die Nachwirkungen meines Beschlusses allerdings noch eine ganze Weile. Die Ambivalenz verschwindet erst nach einigen Tagen. Grosszügig und unvernünftig zu sein fällt mir offenbar nicht leicht. Der Mensch ist offenbar auch in dieser Hinsicht ein grosses Gewohnheitstier.

Besuch im Jhoogi chodry und in Karala. Von Vickys verstreuter Verwandtschaft, Slums und Möchtegernauswanderern
Am nächsten Vormittag fahren wir in einen Stadtteil irgendwo im Norden von Delhi, wo die Familie des zweitältesten Bruders des Mannes von Vickys jüngerer Tante, lebt. Die Busfahrt dauert normalerweise eine knappe Stunde. Eine Reifenpanne hält uns unterwegs jedoch für weitere 30 Minuten fest. Viele Passagiere halten Ausschau nach einem anderen Bus, doch private Busse scheinen solche gestrandeten Menschen nicht gerne aufzunehmen. Da sie ihre Busfahrt ja bereits bezahlt haben, würden sie sich im neuen Bus möglicherweise weigern, noch einmal zu bezahlen, erklärt Vicky als ein Bus ohne anzuhalten an uns vorbeiröhrt. Schliesslich ist der Radwechsel geschafft, und kurz danach sind wir am Ziel.
Die 5 oder 6-köpfige Familie lebt in einem Jhoogi chodry, einer Art Notsiedlung, die aus kleinen, dicht aneinandergebauten Zementhäuschen besteht. Die Häuschen sind zwei bis dreistöckig und haben eine Grundfläche von vielleicht vier auf sechs meter. Einige der Häuschen haben eine eigene Pumpe zur Wasserversorgung. Andere sind auf den Zisternenwagen angewiesen, der die Siedlung täglich mit frischem Wasser versorgt. Keines der Häuschen hat ein eigenes Clo. Sie sind in dieser Siedlung aus hygienischen Gründen nicht erlaubt. Stattdessen erledigt man seine Geschäfte für eine Rupie auf der Gemeinschaftstoilette. Die Massnahme scheint sich zu bewähren, denn die Luft in dieser dorfartigen Siedlung ist erstaunlich gut und die engen Strassen scheinen relativ sauber. Ich schnuppere vergebens nach Schweinen oder Hühnern. Für Tiere sei einfach kein Platz, sagt Vicky. Auch Verkehr gibt es nicht. Dazu sind die Strassen einerseits zu eng, andererseits sind die Menschen dort so arm, dass niemand ein Fahrzeug besitzt. Dagegen scheint die Siedlung von Kindern und Frauen zu wimmeln. Überall höre ich sie spielen, lachen, rufen und keifen. Ich erinnere mich an meinen Besuch in einem Flüchtlingslager ausserhalb Peshawars vor einem Jahr. Auch dort enge Gassen und überall Kinder, Kinder, Kinder. Irgend jemand hat gesagt, dass ein Grossteil der Menschen in Delhi in solchen Siedlungen lebt. Vicky sagt, es seien vor allem Zuzüger aus Bihar und anderen Staaten Indiens.
Vickys Verwandte haben den unteren Stock ihres Hauses an eine andere Familie vermietet. Eine Treppe höher treffen wir die drei Kinder und einen weiteren Cousin von Vicky, der in der vergangenen Nacht aus Bihar gekommen ist, um in der Gegend Arbeit zu finden. In dem engen Raum läuft der Fernseher in voller Lautstärke. Wir begrüssen die Kinder. Der Vater ist weg, am arbeiten. Die Mutter sei auf dem Dach am Haarewaschen. Ich füge mich dem üblichn „sit down, sit down" und harre der Dinge, die da kommen werden. Nach ein paar Minuten unschlüssiger Ungemütlichkeit schaltet Vicky den Fernseher aus. Wir haben ein oder zwei Tage zuvor darüber gesprochen, wie kommunikationstödend ich die auch in Indien vielerorts übliche Fernsehberieselung empfinde. Vielleicht reagiert er deshalb so entschieden. Vielleicht ist der Krach aber auch für seine Nerven zuviel. Ich erkundige mich noch einmal nach den Namen der beiden älteren Jungen und des kleinen Mädchens. Dabei erfahre ich, dass es noch eine ganz kleine im Angebot gibt. Sie liegt hinter mir auf dem Bett und schläft. Heute ist ihr dritter Geburtstag! Ich versuche tastend ein paar weitere Eindrücke von dem engen Raum zu erhalten: Statt der erwarteten wenigen Regale und Haken, die ich in ähnlichen Wohnungen bisher gefunden habe, entdecke ich einige Möbel, die aus einem europäischen Billigmöbelhaus der 1970er Jahre stammen könnten. Ein kleiner Tisch, ein Regal, dann eine Metalltür, die auf einen Balkon führt. Dieser berührt beinahe die Wand des gegenüberliegenden Häuschens. Die ganze Gasse ist von solchen Balkonen überdacht. Sie dienen zum Teil als Küche. Zum Teil wird auch vor dem Haus oder auf dem Dach gekocht.
Inzwischen hat die Mutter ihr Bad beendet und ist ebenfalls da. Sie wirkt interessiert und wach, kann allerdings nur ein paar Brocken Englisch. Sie habe in der Schule ein wenig englisch gelernt, doch seither habe sie nie Gelegenheit, das Gelernte zu brauchen. Es gibt Tee und Wasser und ein paar Kekse, die Vicky mitgebracht hat. Die Kinder kugeln zutraulich um uns herum; Vicky und ich, sitzen als „Ehrengäste" auf dem Bett. Die Frau steht vor uns und redet. Der Cousin aus Bihar liegt hinter uns an der Wand und schläft. Schliesslich stehen wir auf und verabschieden uns.
Wir wollen noch nach Karala, einem Dorf ausserhalb Delhis, wo Vicky im vergangenen Jahr ebenfalls gelebt hat. Er hat damals als Handlanger bei einem Schreiner gearbeitet. Der Schreiner, ein Bruder des Mannes, dessen Familie wir eben besucht haben, scheint ihn allerdings ziemlich schlecht behandelt zu haben. Inzwischen lebt dieser Mensch an einem anderen Ort, doch Vicky hofft, die ehemaligen Nachbarn zu treffen, an die er sich mit grosser Dankbarkeit erinnert. „Sometimes, when I didn't have anything to eat, they would invite me to their home and share their food with me."

Während der ca. einstündigen Busfahrt komme ich ins Gespräch mit einem jungen Mann, der eben seinen MBA (Master of Business Administration) gemacht hat. Er ist erfreut, dass ich als Mensch aus dem Westen mich mit ihm und seinen Freunden unterhalte. Touristen würden sich sonst nie auf ein Gespräch mit einem Inder einlassen. Das klingt wie die Stories, die ich von Sad und seinen Freunden vor einem Jahr in Lahore gehört habe. Bald beginnt King, wie er sich einfachheitshalber nennt, davon zu sprechen, das er unbedingt in den Westen wolle, denn hier in Indien gäbe es für ihn keine Zukunft. Ob ich ihm nicht helfen könne, in der Schweiz fuss zu fassen. Er könne doch ein indisches Restaurant eröffnen ... Kings Englisch ist mässig, und sein Gejammer beginnt mich allmählich zu langweilen. Es fällt mir auf, dass ich diesem Auswanderungsdrang in Indien bisher relativ selten begegnet bin, während ich in Pakistan dauernd mit irgendwelchen jungen Männern zu tun zu haben schien, die unbedingt in den Westen wollten. Irgendwann kommen wir auf politische Themen zu sprechen. Da hört King auf zu jammern und beginnt zu schimpfen. In Karala angekommen trinken wir zuerst noch bei Kings Familie Tee. Sein Vater scheint in Sachen Politik ähnlich zu fühlen wie sein Sohn, der mir im übrigen einen etwas angetrunkenen Eindruck macht. Nach einer Stunde fährt er uns auf seinem Motorrad zu Vickys ehemaligen Nachbarn, die wir allerdings nicht zuhause antreffen, sodass Vicky nur Grüsse ausrichtet bevor wir uns auf den Rückweg nach Delhi machen.
Der Tag war interessant, doch rückblickend merke ich wieder einmal, wie wenig ich von dem, was ich erlebe, wirklich verstehe und wie viel neue Fragen sich bei jedem solchen Ausflug auftun. Vicky erklärt mir im Nachhinein oft noch dies und das, doch häufig ist er selber auch überfragt: Wer baut diese Jhoogi chodrys? Wem gehören die Häuschen? Wie steht es dort mit Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Verwarlosung, medizinischer Versorgung, Alkoholismus ...? Je mehr ich über den Tag nachdenke, desto oberflächlicher und zufälliger kommen mir meine Eindrücke vor.

Udaipur

Gegen sieben Uhr abends sind wir in Udaipur. Die letzte Stunde scheinen wir von Steinbrüchen umgeben; Vicky sieht jedenfalls kaum etwas anderes. Vom Busstand bringt uns eine Autoriksha zum Nil Camel, einem kleinen Hotel in der nähe des People's Institute for Rethinking Education and Rethinking Development, wo Manish, einer der Gründer des Instituts, ein Zimmer für uns reserviert hat.

Im Nihl Camel ist die Hölle los: Auf der Strasse laute Musik; unser Zimmer stickig und eng. Unmittelbar vor dem Fenster ist die halboffene Küche und auch hier dröhnende Musik von mindestens drei Seiten. „Wedding season" erklärt Vicky. Wir versuchen ein anderes Hotel zu finden, dabei gibt's mehr Musik und eine Salve von Krachern und Feuerwerk, die für eine oder zwei Minuten alle Musik übertön. Schliesslich müssen wir ins Nil Camel zurück, weil ein Hotel ausgebucht ist, und sie im anderen Hotel offenbar keine Erlaubnis haben, Ausländer aufzunehmen. Ich finde mich irgendwann mit dem Raddau ab; wir essen in der Lobby unseres Hotels Abendbrot, während der Fernseher mit den diversen Musiken draussen um die Wette plärt. Ich ziehe mich bald zurück und versuche zu schlafen. Als ich um ein Uhr früh einmal kurz erwache, ist alles ruhig. Die Festerei ist zu Ende.

Am nächsten Vormittag machen wir uns auf die Suche nach dem. Institut. Dort angekommen begrüsst uns Manish's Schwester Shimpa. Manish und Shimpa sind als Kinder von indischen Eltern in den USA aufgewachsen. Shimpa kam ursprünglich nur nach Indien zurück, um ihrem Bruder eine Weile lang beim Aufbau des Instituts zu helfen, doch irgendwann beschloss sie, zu bleiben. Manish hatte zuvor in den USA gearbeitet, hatte dann aber den Eindruck, dass sich mit den herkömmlichen Institutionen und Strukturen nicht mehr sinnvoll arbeiten liess. Er ging deshalb nach Indien und begann mit dem Aufbau des People's Institute. Die beiden sind erstaunlich jung: Shimpa ist wohl erst ende zwanzig und Manish noch keine vierzig Jahre alt. Ich staune immer wiedr darüber, wie schnell und sicher andere Menschen sich eine Meinung über unsere Welt bilden. Während ich noch zweifle und nachdenke, haben sie sich längst für einen Weg entschlossen! Ich bin zum Aktivisten offenbar nur bedingt geeignet.

Auf der Web-Seite des Instituts (www.swaraj.org/shikshantar/) hatte ich einiges über die dem Projekt zu Grunde liegenden Ideen gelesen, konnte mir jedoch kein Bild davon machen, wie das Institut konkret ausschaut: Es hätte alles sein können von einem kleinen Büro bis zu einem Universitätsinstitut, von einem Einmannbetrieb bis zu einer Riesenanlage. Wir fanden schliesslich ein an einer relativ ruhigen Strasse gelegenes zweistöckiges Haus, in dessen unteren Räumen das Institut untergebracht ist, während das obere Stockwerk vom Hausbesitzer bewohnt wird. Es gibt eine Küche, einen Aufenthaltsraum mit Bibliothek, Video- und DVD-Anlage, einen kleinen Raum, eigentlich eher eine mit Ketten aus altem Zeitungspapier abgetrennte Nische, in welcher Filme geschnitten werden können, zwei Büros und ein Vorraum, in dem eine Gandhianische Handspinnmaschine (eine sogenannte Charka) steht, und wo u.a. auch genäht wird. An einer Seite des Hauses gibt es einen Garten, in dessen hinterem Teil die ca. 10 KernmitarbeiterInnen des Instituts Gemüse und Kräuter anbauen. Im vorderen Teil ist Platz um zu spielen, zu essen oder zu liegen.

Anliegen des Instituts ist es, individuelle Projekte und Projekte kleinerer oder grösserer Gruppen zu begleiten und sie durch Beratung oder auch auf materiellem Weg soweit möglich und sinnvoll zu unterstützen. Dabei sei, so erzählt Shimpa am Samstag Vormittag, der Inhalt der Projekte weniger wichtig als die Tatsache, dass überhaupt eine Initiative von unten da sei. Innerhalb der Kerngruppe des Instituts gibt es zwar Prioritäten: Die Arbeit am Charka erinnert an Gandhis Prinzip der selbstgenügsamen lokalen Ökonomie. Ein Mitarbeiter erklärt mir das Prinzip der Maschine, mit der lose Baumwolle zu festem Zwirn versponnen wird. Das People's Institut versteht sich nicht als autarke Einheit. Verbindungen zur näheren und weiteren Umgebung sind erwünscht und werden gesucht. Die Baumwolle erhalten sie aus der Umgebung und das Garn wird von örtlichen Webern und Schneidern weiterverarbeitet. Im Institut selbst wird zwar auch genäht, doch geht es dabei nicht um Massenproduktion, sondern eher um experimentelle und private Projekte. Überhaupt sehe ich Vieles, was ich als Bastelei bezeichnen würde: Bunt, nicht sehr solide, witzig in der Idee und immer knapp brauchbar. Dabei steht die Idee des Upcycling, d.h. der Weiterverwertung von Material im Mittelpunkt: Statt aus neuem Material werden Büchsen und Schachteln oder die Lamellen von Sonnenstoren und die Ketten, die hie und da als Raumteiler von der Decke baumeln, aus alten Zeitungen hergestellt. Das Material fühlt sich an, wie in Wasser gepresste und mit etwas Leim durchsetzte Zeitungen; die daraus gefertigten Gegenstände sind leicht und erstaunlich stabil, wenn auch offenbar nicht für die Ewigkeit gemacht. Doch nicht nur Zeitungen werden weiterverwand: Aus alten CDs entstehen Lampenschirme und 3,5 Zoll Disketten werden zu Bleistiftständern.

Anfänglich rümpfe ich etwas die Nase. Diese Basteleien sollen also die neue Ökonomie darstellen, an deren Entwicklung das Institut mitarbeitet? Nach einer Weile spüre ich jedoch, wie mich diese einfachen Dinge erheitern. Die Freude, etwas herzustelln, auch wenn das Produkt vergänglich und alles andere als perfekt ist, ist etwas, was in unseren Wohnungen kaum mehr zu finden ist. Shimpa erklärt mehrmals, dass es nicht um dieses oder jenes Produkt, sondern um die Überwindung unserer Abhängigkeit von den fertigen Produkten geht. Initiative von unten ist so gesehen auch Initiative von Innen: Die Lust, eine alte Zeitung in ein Gemälde, eine Flasche in einen Kerzenständer, eine Büchse in einen Aschenbecher zu verwandeln. Aus diesen spielerischen Anfängen kann mehr werden, mehr an technischer oder künstlerischer Qualität und Ernsthaftigkeit, doch wichtig ist die Umkehrung des Blicks – die Abkopplung von den vorgefertigten Waren in den grossen Geschäften hin zu den eigenen Ideen und Impulsen. Damit sind die fröhlich naiven Gegenstände, von denen wir im Institut unmgeben sind, tatsächlich der Beginn einer neuen Ökonomie.

Die zehn KernmitarbeiterInnen des Instituts wohnen in verschiedenen Quartieren von Udaipur. Sie bilden damit die lebendigen Verbindungen zur Stadt und zur Welt. Es sei wichtig, so erklären Manish und Shimpa, dass das Institut nicht zum Ort allen Geschehens werde, sondern dass sie möglichst viele Projekte an Orten ausserhalb unterstützen könnten. Neben den konkreten praktischen Dingen, dem Experimentieren mit organischem Gemüseanbau in einem städtischen Umfeld oder dem Upcycling von Alltagsabfällen, versuchen die MitarbeiterInnen des Instituts ihr Tun auch theoretisch zu begreifen und zu erläutern. An den Wänden hängen viele Blätter mit entsprechenden Statements, statt Zitate aus der Bibel oder der Tora sind es Zitate Gandhis oder Zitate von Ivan Illich und SONSTIGEN westlichen VordenkerInnen einer anderen Erziehung und ÖKONOMIE, DIE DIE ALLGEMEINE Richtung angeben. In der Bibliothek – einigen Regalen mit einem Sammelsurium von Broschüren, Photokopien und Büchern – finden sich alle SchulkritikerInnen von Freire bis Gatto, John Holt oder Chomsky. In der ökonomischen Abteilung fallen mir Titel wie „the making and unmaking of the third world" auf. Während der vier Tage unseres Dortseins werden verschiedene nationale und internationale Initiativen erwähnt, mit denen das Institut offenbar in Kontakt steht: ökologische Gruppierungen in Indien, einige Colleges in den USA, einige Menschn in Pakistan. Die grosse Theorie und die kleine Praxis scheinen hier in einer ehrlichen Beziehung miteinander zu leben. Entwicklung wird nicht nur über den Kopf gemacht.

Persönlich bin ich während unseres Besuches allerdings weder für Entwicklung noch für sonst etwas zu haben. Ich geniesse die Ruhe im Garten und im kühlen Aufenthaltsraum des Instituts, spreche mit einigen der dortigen Menschen, zwei oder drei Mal auch ausführlicher mit Shimpa und Manish, doch insgesamt bin ich sehr energielos und passiv. Es ist, als ob ich zwar alles aufnehme, aber nichts verdauen und bedenken mag. Ich nehme zwar wahr, dass hier Interessantes geschieht, doch lässt mich das Interessante kalt. Die Geschichten der einzelnen Menschen interessieren mich wesentlich mehr. So rede ich lange mit einer ausgebrannten Lehrerin aus Sanfranzisco, die sich auf unbestimmte Zeit in einen Ashram in Haridwar zurückgezogen hat, und von dort für ein paar Wochen nach Udaipur gekommen ist um am Institut einen Jogakurs zu geben. Ich spreche auch mit Rachel Schattman, ebenfalls Amerikanerin, die seit ein paar Monaten als Praktikantin im Institut mitlebt und mitarbeitet, wobei ihr die Anpassung an dieses so andere, ganz und gar indische Leben sichtbar schwer fällt.

Vicky hält sich meist am Rande des Geschehens auf; er fühlt sich im Institut nicht besonders wohl. Die ökologischen und politischen Anliegen der dortigen Menschen scheinen ihn nicht zu interessieren. Ein Junge von 14 oder 15 Jahren, der jede Woche ein paar Stunden im Institut zubringt, weil er die Offenheit und Tiefe des dortigen Denkens schätzt, freundet sich ein wenig mit Vicky an, was diesem sichtbar gut tut. Die beiden verziehen sich für ein paar Stunden auf zwei alten Fahrrädern.

Am zweiten und dritten Tag ist Vicky damit beschäftigt, einen Umhängebeutel für sein Handy zu nähen. Er nimmt etwas mehr Kontakt mit den Menschen um ihn herum auf, doch fühlt er sich bis zum Schluss nicht wirklich wohl in dieser Umgebung. Er wird von einigen MitarbeiterInnen offenbar auch als eher arrogant und faul empfunden, jedenfalls weist Manish mich darauf hin, dass Vicky vielleicht auch durch seinen Kontakt zu mir etwas verdorben werde. Shimpa ist einfühlsamer und weniger schnell in ihrem Urteil. Sie deutet Vickys Verhalten wie ich eher als Zeichen von Unsicherheit denn als Zeichen von Arroganz. Diese Unsicherheit wird sehr deutlich als die Lehrerin aus Sanfranzisco, die ihm bei seiner Näharbeit beisteht, ihn nach seinem Namen und seiner Herkunft fragt. In wenigen Minuten hat er die Ärmste durch seine strapaziösen Witze („I am from Nigeria") und seine undeutliche und schnelle Sprache so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass ich eingreife, um einen Nervenzusammenbruch bei Vickys zugegebenermassen ziemlich angespannten Gesprächspartnerin zu verhindern.

Ich gehe mit Vicky in den Garten und schimpfe ihn in echt väterlicher Pose zuerst einmal wegen seines taktlosen Verhaltens aus. Danach versuchen wir zu verstehen, was da wohl schief gelaufen war. Er hört aufmerksam zu und nimmt offen Stellung zu meinen Vermutungen. Die Unsicherheit scheint ihn wirklich manchmal zu extrem unsensiblem Verhalten zu treiben. Er muss lernen, und ich denke, er tut es. Vor unserem Besuch im Shikshantar Institute hatte ich die leise Hoffnung, dass Vicky dort vielleicht auf eine heisse Spur für seine Zukunft stösst. Doch seine Reaktion auf das Institut haben bald gezeigt, dass seine Zukunft nicht in dieser Richtung liegt. Auch ein Gespräch mit Manish, in welchem ich ihm von Vicky erzählt habe, hat nichts gebracht. So bleibt der Besuch ein halber Erfolg – interessant, aber menschlich nicht wirklich verbindend, dies sicher auch, weil ich einfach andauernd zu müde und lustlos bin.

Am Montag und Dienstag verbringen wir jeweils nur ein paar Stunden im Institut. Sonst sind wir vor allem damit beschäftigt, unsere Weiterreise nach Diu zu planen, denn ich merke, dass es höchste Zeit für mich wird, ans Meer zu kommen. Diu liegt im Süden Gujarats am indischen Ozean oder an der arabischen See, ich weiss nicht, was hier gilt. Die durch eine Brücke mit dem Festland verbundene Halbinsel war zusammen mit dem rund 1000 km weiter südlich gelegenen Goa bis 1961 portugiesische Kolonie. laut Lonely Planet können die Strände Dius zwar mit denen von Goa nicht konkurrieren; dafür ist Diu übersichtlicher und weniger touristisch -, ein richtig ruhiger Ort, so hoffe ich.

Die Planerei ist nervig. Eine überzeugende Auskunft darüber, wie wir am einfachsten nach Diu kommen kriegen wir ebenso wenig wie eine Auskunft darüber, ob Diu wirklich eine gute Wahl sei. Während ich wieder einmal sehnsüchtig an die präzisen Auskünfte denke, die ich in solchen Fällen in der Schweiz erhalten würde, begreife ich langsam, dass Indien hier nicht nur anders ist, weil die Inder anders sind als wir, sondern dass die Grösse des Landes in der Sache ebenfalls eine Rolle spielt. Ich sollte mich also wirklich nicht mehr so aufregen. Auf einem Schweizer Reisebüro würde ich auch nicht viel genaues über die Bretagne oder über die Ortschaften in der Nähe Dubrovnics erfahren. Ich versuche deshalb, gelassen zu bleiben, und nach längerem Hin und Her stehen die Entschlüsse fest und die Fahrkarten sind gekauft: Am Dienstag Abend geht's mit dem Nachtzug nach Endrabad, wo wir gegen fünf oder sechs Uhr morgens ankommen. Von dort bringt uns ein weiterer Zug in rund acht Stunden nach Varival oder so ähnlich. Nach weiteren drei Stunden in einem engen, überfüllten Minibus sind wir endlich am Ziel unserer Reise.

Da wir diesmal länger bleiben wollen, bin ich bei der Hotelsuche pingeliger als sonst. Wir fahren deshalb noch einmal eine gute Stunde per Riksha von Guest House zu Guest House bevor wir uns gegen halb elf uhr Abends für das Hoka Resort Hotel entscheiden. Das Hoka Resort liegt an der Nagoa Beach, ca. 10 km von Diu entfernt. Unser Hotel ist eine gute Wahl. Es liegt ruhig. Ich bin froh, dass ich so lange gesucht habe. Beim einschlafen höre ich nur ein paar Grillen und das Meer.

Am nächsten Tag, dem 1. Dezember, erholen wir uns. Ich geniesse das Zimmer – mit 550 Rupien pro Tag die teuerste Unterkunft, die ich mir in Indien bis dahin geleistet habe. Aber ich habe mich zum Glück rechtzeitig daran erinnert, dass ich nicht hier bin, um zu sparen. Wir haben sogar einen eigenen Balkon und das Zimmer hat einen anheimelnd rustikalen Charakter. Der Strand ist nah, doch meine Badelust ist unromantisch klein. Ich bin in den zehn Tagen, die wir in Diu zubringen, vielleicht drei oder vier Mal im Wasser. Sonst verbringe ich viel Zeit mit Schreiben, wobei ich vor allem an den ersten Seiten dieser Tagebuchblätter herumwerkle. Meine ursprüngliche Idee, irgendwo in Indien an meinem pädagogischen Buch zu schreiben, hat sich schon auf dem Weg nach Diu in Luft aufgelöst. Ich bin noch immer ziemlich k.o. und mehr als Tagebuch schreiben liegt nicht drin. Zudem merke ich auch, dass ich nicht einfach tagelang in meine Schreibwelt abtauchen kann, während Vicky unbeschäftigt und mehr oder weniger gelangweilt herumhängt. Wenn er ein Lesetyp wäre oder die Zeit sonst wie nutzen würde, dann ginge es vielleicht. Doch ein solcher Typ ist er offensichtlich nicht. Wir haben in Pushkar einmal einen Anlauf genommen, und ich habe ihm auf seinen Wunsch hin zwei Französischstunden gegeben. Er hat sich einiges in ein Heft notiert, doch nach dem zweiten Mal war der Traum des eifrig lernenden Schülers, der sein Zusammensein mit mir benützt, um die Vorräte in seinem Kopf aufzufüllen, für mich und ihn ausgeträumt. Er hat keinen Sinn oder kein Interesse für diese Art des Lernens, und ich habe keine Lust, ein Projekt fortzusetzen, das offenbar mehr meine als seine Idee ist. Wir hatten schon zehn Monate früher in Santiniketan einmal davon gesprochen, dass er jeden Tag eine Viertel oder eine halbe Stunde an seinem Englisch arbeiten könne. Er war ganz interessiert, sagte „yes, good idea", doch danach passierte nichts mehr. Vicky ist offenbar kein Aufvorratlerner. Er lebt im Moment und wenn er an die Zukunft denkt, dann entweder träumend an die westliche Frau, die er irgendwann heiratet, oder besorgt an den Grossvater und seine Familie und daran, was er für diese tun könnte.

Während ich auf unserem Balkon sitze und schreibe, verbringt Vicky seine Zeit vor allem am Strand, wo er irgendwo abseits sitzt und vor sich hinträumt und meditiert. Er scheint ziemlich schüchtern, hat entweder kein Bedürfnis oder traut sich nicht, Kontakt mit anderen Touristen aufzunehmen. Da ich ihn nicht so allein lassen will und da ich auch gerne mit ihm zusammen bin, schränke ich die Schreiberei bald auf zwei oder drei Stunden pro Tag ein. Den Rest der Zeit sind wir unterwegs. Wir haben am ersten oder zweiten Tag eine kleine Vespa gemietet, um uns freier bewegen zu können. Nach zwei oder drei Tagen tauschen wir unser Scootie gegen ein zweiplätziges Mopha ein; dieses ist zwar wesentlich unbequemer, aber wir bezahlenstattdessen auch nur 125 Rupien statt 200 Rupien pro Tag. Wir machen ein oder zwei längere Ausflüge auf der Insel und auf's Festland jenseits der Brücke, gehen zum Frisör und testen die verschiedenen Beizen Dius. Zwischendurch sitze ich im Internetkaffee und korrespondiere ein wenig mit der grossen Welt. Einmal sammeln wir Muscheln, ein ander mal besuchen wir die Befestigungsanlagen, welche die Portugiesen gebaut haben, als sie die Halbinsel Diu in Besitz nahmen.

Es ist alles angenehm, aber auch etwas langweilig. Ich bin zwar körperlich wieder fit; aber mein touristisches Interesse an Indien ist immer noch gleich Null. Von der Neugier der ersten Reise ist nichts zu spüren. Ich bin selber etwas erschreckt und enttäuscht von meinem Desinteresse, doch allmählich begreife ich, dass ich diesmal tatsächlich nur wegen Vicky nach Indien gekommen bin. Ich will mit ihm über seine Zukunft sprechen und mich dann mit meinem „Buch" befassen. Dazu brauche ich jedoch einen anderen Ort. Wir haben uns im Grunde auf dem falschen Dampfer eingerichtet. Zunächst überlegen wir zwar noch, nach Mumbay und vielleicht sogar bis hinunter nach Kerala zu reisen, denn ich hatte in der Schweiz daran gedacht, ein oder zwei Gandhidörfer in Maharashtra und einen Menschen in Kerala zu besuchen, der sich seit Jahren mit schriftlosen Kulturen befast. Irgendwie ist es Schade, diese Pläne einfach fallen zu lassen und schon jetzt an das Weiterreisen zu denken; irgendwie will ich mich auch nicht von Vicky trennen; wir hatten ja vor, vier bis acht oderzehn Wochen zusammen zu sein. Aber ich glaube, so wie die Dinge liegen, macht es wirklich keinen Sinn, die Reise noch lange auszudehnen. Irgendwann spreche ich mit Vicky darüber, und er scheint auch nicht unglücklich, denn er denkt recht oft an seine Mutter, die noch immer nicht voll einsatzfähig ist.

Ein Projekt nehmen wir aber doch noch in Angriff. Es ist der Besuch beim Doktor. Wir hatten in Udaipur beschlossen, damit bis Diu zu warten, da wir hier länger sein würden. Damit haben wir im Bedarfsfall mehr Zeit, die Resultate diverser Untersuchungen abzuwarten. Am dritten oder vierten Tag unseres Aufenthalts fragen wir schliesslich im Medicin Shop nach einem guten Arzt. Der Apotheker nennt uns eine Adresse und wir fahren hin. Der Doktor wohnt Mitten in der Altstadt von Diu. Er scheint zunächst nicht zuhause. Das Tor ist verschlossen. Doch nach ein wenig rufen und klopfen kommt eine ältere Frau und bittet uns ins Haus. Der Doktor komme sofort. Fünf Minuten später ist er tatsächlich da und wir sitzen in seinem kleinen gleich neben dem Hauseingang gelegenen Behandlungszimmer. Er hört sich Vickys Geschichte an und untersucht ihn dann kurz. Danach schickt er uns mit einem Zettel zum Labor, wo Vicky ein wenig Blut und Urin hinterlässt. Nach einer Stunde können wir die Resultate abholen und um vier Uhr nachmittags sind wir wieder beim Doktor. Dieser schaut sich die Ergebnisse der diversen Tests an und stellt fest, dass Vicky im Prinzip kerngesund sei. Einzig seinen Penis müsse er besser waschen, denn dort habe er einen kleinen Pilzbefall. Vicky scheint noch immer nicht ganz überzeugt, dass er wirklich gesund ist. Davon, dass der Doktor sogar seinen Penis untersucht hat, ist er jedoch nachhaltig beeindruckt. Never somebody has done before! Und davon, dass und wie man diesen nie zur Schau gestellten Körperteil waschen muss, habe er bisher auch noch nie gehört.

Ich habe zunächst das Gefühl, Vickys Ängste in Bezug auf seine Gesundheit seien damit beseitigt, doch am Abend ist er erneut niedergeschlagen. Als ich ihn frage, was los sei, sagt er, der Doktor habe nicht die Wahrheit gesagt. Er habe ihm erzählt, er habe ein Jahr lang Akurit 4, später Akurit 3 Tabletten bekommen, und der Doktor habe nur „yes, yes" gesagt. Er sei sicher, dass er dabei etwas verheimlicht habe.

Ich frage ihn wieder nach jener Krankheit, von der er mir in den letzten Monaten ein paar Mal erzählt hat. Ja, nach dem Abschluss der 10. Klasse sei er nach Ludiana gegangen, wo er in einer Verpackungsfabrik gearbeitet habe. Nach vier Wochen sei er so Krank geworden, dass der Verwandte, der ihm diesen Job organisiert hat, ihn heimgeschickt habe. Zuhause habe er sich ziemlich schnell erholt und sei dann, nach ungefähr zwei Wochen, nach Kolkata gefahren, wo er wieder in irgend einer Fabrik gearbeitet hat. „It was a soft work, but again I got the sick, so after four weeks again I went home." Das sei irgendwann im Sommer 2001 gewesen. Diesmal erholte er sich nicht mehr, und nach ein paar Wochen habe der „kleine Doktor" gesagt, er müsse unbedingt zum „grossen Doktor", denn er könne ihm nicht mehr helfen. Der „grosse Doktor" begann ihn ab Herbst 2001 mit Akurit zu behandeln. Er habe jeden Monat eine Röntgenaufnahme seiner Lungen gemacht, doch obwohl er mehrmals gefragt habe, habe der grosse Doktor ihm nie gesagt, was er eigentlich habe. Seine Mutter und seine Grossmutter wissen es; der Arzt habe mit ihnen gesprochen, doch auch sie wollten ihm nichts sagen: er mache sich sonst nur unnötige Sorgen. Die Behandlung habe ein Jahr lang gedauert. Seither sei die Krankheit nicht mehr zurückgekommen, doch er habe immer wieder das Gefühl, irgend etwas ihn ihm stimme nicht. – Ja, gehustet habe er auch während dieser Zeit und das Atmen habe weh getan. Ja. Es sei etwas mit seiner Lunge. Tierchen, die die Lunge auffressen. Er habe so etwas auch auf einem Röntgenbild gesehen.

Unser Besuch bei dem netten Doktor hat offenbar nicht ausgereicht. Jetzt mache auch ich mir Sorgen. Ich schlage Vicky deshalb vor, dass ich am nächsten Tag quasi offiziell, als sein verantwortlicher Onkel, noch einmal mit dem Doktor reden und ihn bitten wolle, mir zu sagen, welche Krankheit er damals gehabt haben könnte. Vicky ist einverstanden, sodass wir uns am nächsten Tag wieder auf unser gemietetes Mofa setzen und nach Diu fahren.

Ich mache noch einen Abstecher im Internetkaffee, checke meine Mails und schaue dann, ob Google irgend etwas zum Stichwort Akurit weiss. Ein flüchtiger Blick auf die ersten Treffer bestätigt den Verdacht, den Vicky und ich bereits haben. Akurit wird in Indien seit einigen Jahren zur Behandlung von Tuberkulose eingesetzt. Obwohl TB heute im Prinzip heilbar ist, sterben in Indien jedes Jahr offenbar noch immer tausende von Menschen an dieser Krankheit, weil sie keine ausreichende Behandlung erhalten, oder weil sie den Anweisungen der Ärzte nicht folgten oder folgen können.

Eine Stunde später sind wir beim Doktor. Auch diesmal scheinen wir die einzigen Patienten. Der Doktor ist sofort bereit, mit mir zu sprechen, und während Vicky – auf eigenen Wunsch – draussen bleibt, erklärt mir der freundliche Mensch, dass es sich bei Vickys Erkrankung tatsächlich mit grösster Wahrscheinlichkeit um TB gehandelt habe, doch Vickys Blutwerte seien eindeutig: Die TB sei ausgeheilt. Vicky habe ihm gestern nichts von den regelmässigen Röntgenaufnahmen gesagt und die ganze Geschichte auch sonst eher en passant geschildert, sodass er nicht weiter darauf eingegangen sei. Doch er sei tatsächlich gesund. Sein Problem sei jetzt vor allem ein psychologisches. Nach etwa 10 Minuten kommt Vicky rein und setzt sich zu uns. Der Arzt erklärt ihm noch einmal, was er mir erzählt hat. Er nimmt sich viel Zeit für uns. Er redet Vicky gut zu und betont immer wieder, dass er jetzt wirklich ganz gesund sei. Wenn er kräftiger werden wolle, dann solle er Blut spenden! Nicht gegen Bezahlung bei einem kommerziellen Unternehmen, sondern als freiwilliger Spender beim roten Kreuz oder in einem staatlichen Krankenhaus. Das würde seine Blutproduktion ankurbeln, und es sei das beste, was er zur Kräftigung seines Körpers machen könne. Er erzählt, dass er als Student genau das getan habe, und es habe gewirkt! Beim Abschied fordert der Doktor mich auf, ihn unbedingt wieder zu besuchen, wenn ich das nächste mal in Diu sei.

Zurück im Hoka Resort Hotel frage ich Vicky, ob er glaube, dass der Doktor ihm diesmal wirklich alles gesagt habe. Vicky nickt. „Yes, I think". Die Sache scheint ihn ziemlich mitgenommen zu haben, und so einfach wird er die Vorstellung, dass irgend eine Krankheit an ihm nage, nicht los. Er sagt mir, er wisse jetzt zwar, dass dies „rong thinking" sei, aber er wisse nicht, ob er dieses „rong thinking" wirklich hinter sich lassen könne. „I will try, but I don't know. Maybe it is not possible". Ich bin wieder einmal berührt von Vickys Realismus, von seiner Ehrlichkeit und seiner Direktheit.

Am Abend des 8. Dezember machen wir uns auf den Rückweg nach Delhi. Diesmal ist die Organisiererei relativ einfach. Unser Hotelmanager wusste über die diversen Routen Bescheid und der Mensch, bei dem wir unser Mopha gemietet haben, verschaffte uns die Fahrkarten. Wir nehmen einen Sleeperbus nach Endrabad. Für Vicky und mich ist das Vehikel eine Premiere. Der Bus hat keine Sitze; stattdessen gibt es links und rechts vom Mittelgang zwei übereinander liegende Reihen von Doppelbettkabinen, die durch eine Wand und einen Vorhang vom Gang abgetrennt sind. Es ist echt gemütlich. Der Mensch über uns droht zwar einige Male durch den dünnen Zwischenboden durchzubrechen; jedesmal wenn er sich bewegt knarrt es bedrohlich und das dünne Sperrholz wölbt sich sehnsuchtsvoll dem Erdmittelpunkt entgegen. Doch die eisernen Querstreben verhindern den Durchbruch. Vicky und ich lachen viel und schlafen gut. In Endrabad haben wir ein paar Stunden aufenthalt. Wir frühstücken vor dem Bahnhof und nehmen dann den Zug nach Delhi ... vielleicht für lange meine letzte Eisenbahnfahrt in Indien. Die Reise dauert knapp 24 Stunden. Unterwegs geschieht kaum etwas. Ich sitze meistens still am Fenster und geniesse das monotone Geklapper der Geleise und die lauwarme Luft, die durch das hochgeshobne Fenster zieht. Ich hänge meinen Gedanken nach und nehme innerlich Abschied von Indien.

An unserem letzten Abend in Diu habe ich mit Vicky lange über seine Zukunft gesprochen. Seine Zukunft – das war ja das Thema, welches uns vor einem Jahr zusammengebracht hat. Seither hatten wir viele Gespräche darüber und vor allem der Plan, im Gaya College das elfte und zwölfte Schuljahr zu absolvieren, schienen vorübergehend ganz realistisch und sinnvoll. Doch Auch dieser Plan zerfiel, als die Zeit näher rückte. Seit wir uns in Delhi getroffen haben, haben wir das Thema zwar hie und da angeschnitten, und er hat mir vor allem von der Idee erzählt, in Santiniketan eine STD-Booth zu mieten. Dazu müsste er offenbar ein ziemlich hohes Depot hinterlegen, doch an sonsten war er, was die Aussichten eines solchen Geschäftes betraf, optimistisch. Auch an dem Abend sprachen wir noch einmal kurz davon, doch irgendwie konnte ich mich für die Idee nicht begeistern. Ich sehe Vicky in diesem kleinen Shop sitzen und sich langweilen – sogar, wenn ein wenig Geld reinkommen würde – eine interessante Arbeit ist das nicht.

Da scheint die Idee mit dem Taxi, die er im April einmal aufgebracht hat, wesentlich interessanter. Als ich dies sage stimmt er zu, und wir beginnen überseinen damaligen Plan und meine Bedenken zu sprechen. Im Verlauf des Gesprächs beklagt Vicky sich darüber, dass ich offenbar kein Vertrauen in ihn habe. Ja, er habe seinen Plan auch deshalb fallen lassen und nicht mehr auf mein Mail mit all den Fragen reagiert, welches ich ihm damals (im April oder Mai) geschickt habe. Ich erkläre ihm, dass ich ihm tatsächlich nicht ganz und ohne wenn und aber vertraue, da ich seine Fähigkeiten als Geschäftsmann bisher nicht kennen gelernt habe. Was dies angehe, wisse ich einfach nicht, wie geschickt und fähig er sei, doch, dass ich an seinen Fähigkeiten alsGeshäftsmann zweifle, bedeute nicht, dass ich an seinerEhrlichkeit und an ihm als Menschen zweifle, und es bedeute auch nicht, dass ich ihm keine Chance geben wolle, etwas zu probieren.

Ich empfand das Gespräch als gut. Vicky scheint verstanden zu haben, dass ich bis jetzt tatsächlich nicht wissen kann, wie geschickt er in geschäftlichen Dingen ist, und dass mein Zweifel nicht ihm als Person gilt. Er scheint auch verstandn zu haben, dass er auf meine Zweifel eingehen muss, wenn er von mir Geld will. Nachdem wir noch ein wenig über die technischen Seiten des Projekts gesprochen haben, gebe ich mir einen Ruck und sage zu, die Idee mit rund 5.000 Franken zu unterstützen.

Irgendwie habe ich an dem Abend begriffen, dass meine westlichen und gut bürgerlichen Konzepte einer „Ausbildung" für ihn nicht taugen: Zwei drei Jahre in irgend einer Schule weg von zu Hause dies oder das zu lernen, um dann heimzukommen, eine „gute Stelle" anzutreten und danach damit zu beginnen, die Situation seiner Familie und seine eigene Situation zu verbessern ist eine Vorstellung, die nicht in seine Welt passt. Er hat zwar seit einem Jahr ebenfalls in dieser Richtung gesucht, denn auch ihm schien dieser Weg irgendwie logisch, doch hat er keine der von ihm und mir entwickelten Ideen wirklich weiterverfolgt. Es war, als ob der Kopf „ja" und das Herz „nein" gesagt haben. Gleichzeitig hat er immer wieder davon gesprochen, ein eigenes Geschäft auftun zu wollen.

Inzwischen habe ich begriffen, dass dies sein Weg ins Erwachsenenleben ist. Wenn er irgendwo als Junge-für-Alles oder als Hilfskellner arbeitet, würde er vielleicht zwei Franken, vielleicht auch weniger pro Tag verdienen. Das ist zu wenig, um wirklich entscheidend helfen zu können. Der bycicle repair shop seines Grossvaters, die bisherige Haupteinnahmequelle der Familie ist dringend renovationsbedürftig. Vicky denkt, dass er höchstens noch eine oder zwei Regenzeiten überstehen wird. Danach wird das Dach runterkommen. Dazu gibt es eine Reihe kleinerer Kinder – den Sohn von Guddu und den Sohn seiner jungen Tante, sowie Rakhi und Vikram, die zur Schule müssen. Auch das bedeutet Zusatzausgaben. Und schliesslich kann jederzeit wieder ein Arztbesuch oder eine andere ins Geld gehende Sache anfallen. All diese Dinge lassen sich ohne zusätzliche Einnahmen nicht finanzieren. Deshalb also der dauernde Gedanke an ein eigenes, in der Familie verankertes und von dieser mit betriebenes Geschäft wie es das Taxiunternehmen wäre oder doch werden könnte. Nicht das abstrakte Lernen auf Vorrat und irgend eine theoretische Zukunft stehen hier also im Mittelpunkt, sondern eine konkrete Situation und der Wunsch oder die Notwendigkeit, etwas zu tun. Das Lernen ergibt sich dabei von allein, als Nebenprodukt sozusagen, denn lernen tun wir immer, wenn wir etwas tun!

Die Auseinandersetzung um Vickys Zukunft ist für mich spannend. Jetzt, ein paar Wochen später, bin ich zwar nicht mehr ganz sicher, ob ich an jenem Abend nicht zu schnell „weich" geworden bin, und ob er bei dem Projekt nicht etwas mehr Hilfe braucht. Doch im Prinzip denke ich nach wie vor, dass die Entscheidung richtig war. Die Frage, ob wir nicht öfter einfach damit anfangen sollten, ein Projekt in Angriff zu nehmen, anstatt uns (häufig auf ineffizient abstrakte Weise) in irgendeiner vom Leben isolierten Schule auf vage Möglichkeiten vorzubereiten, ist im übrigen eine Frage, die wir uns auch in unserem schul- und diplomgläubigen Westen öfter stellen sollten! Wie sehr wir dabei umdenken müss(t)en, habe ich jetzt ja am eigenen Leib erlebt.

Am Morgen des 10. Dezember sind wir in Delhi. Nachdem wir zuerst ein paar andere Hotels angeschaut haben landen wir schliesslich wieder im Sunny Guesthouse, welches auch jetzt nicht voll besetzt scheint. Ich mache mich noch am selben Vormittag daran, meine Reise neu zu organisieren. Das prozedere ist nicht ganz einfach, doch nach ein paar Stunden in den Büros von Singapore Airline und Lufthanssa kriege ich am Dienstag früh schliesslich mein erneuertes Ticket. Statt über Malaisia fliege ich jetzt über Japan in die USA. Amie hat schon einige Tage zuvor gesagt, ich könne jederzeit bei ihr aufkreuzen und so lange bleiben, wie ich wolle. Nach Neujahr sei Shauna wieder weg, spätestens ab dann hätte ich auch ein eigenes Zimmer. Tso ist mit seiner Frau Miwako und ihrem Baby bei den Schwiegereltern in ?Ogauvala, ca. 45 Eisenbahnminuten südlich von Sendai. Er freut sich auf meinen Besuch. Da er sich im Hause seiner Schwiegereltern nicht ganz wohl fühlt kann ich nicht unendlich lange bleiben, aber drei, vier Tage seien okay.

Neben der Organisiererei verbringen Vicky und ich wieder viel Zeit mit Einkaufen. Wir suchen Stoffe für Roswita – ohne Erfolg -, einen Sari für Pina – mit halbem Erfolg – und Geschenke für die Familie in Bodh Gaya, sowie für Tso, Miwako, Shasha, Amie, Lois und Shauna. Als ich in einem Laden ein aufziehbares Grammophon mit unglaublich grossen und romantischem Messingtrichter entdecke gerät die Einkauferei definitiv ausser Kontrolle. Ich kaufe das Grammophon und ein altertümlich ausschauendes Telefon. Beides wird irgendwo in Indien hergestellt und ist relativ billig. Der Ladenbesitzer schwört, dass das Telefon funktioniert. Andernfalls könne ich es jederzeit zurückschicken. Wir schliessen den Handel am Montag Nachmittag ab. Im selben Geschäft finde ich ein paar hängende Elefanten für Shasha und eine Holzschachtel für meine immer zerbröselnden Bidis. Am Dienstag Mittag holen wir das Grammophon und das Telefon ab. Auf Vickys Anordnung hat der Ladenbesitzer sich um die Verpackung gekümmert und die beiden grossen Kartons auch bereits zum Schneider gebracht.

Wir müssen also „nur" noch auf die Post. Dort verbringen wir ungefähr eine Stunde mit dem Ausfüllen von 6 Formularen, drei für jedes Paket ... Sechs mal dieselben Fragen und Informationen ... Vicky schreibt und schreibt, während ich neben ihm kauere und halb geduldig, halb erschlagen auf das Ende der Übung warte. Nachdem Vicky Adresse und Absendr auch noch per Stift auf den beiden in Stoff eingenähten Paketen vermerkt hat, werden die Nähte von dem Beamten, der Vicky durch das ganze Prozedere begleitet hat, versiegelt. Ich glaube, er braucht dazu eine Kerze, ich bin jedoch nicht sicher. Als ich zu fühlen versuche, was

Dieser Artikel wurde bereits 72 mal angesehen.

Powered by Papoo 2016
7062 Besucher