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Wer hilft eigendlich wem und weshalb

Wenn wir einen Blick auf die Geschichte des öffentlichen *Schul*wesens und der *Schulpflicht werfen, entdecken wir, daß ihr in Wirklichkeit nicht so sehr falscher Altruismus zugrunde liegt als vielmehr bewußte *Konzeptionen, die Bevölkerung nach den Wünschen der Herrschenden zu formen. Widerspenstige *Minoritäten sollten dem *Mehrheitstypus angepaßt werden; alle Menschen sollten den "bürgerlichen" Pflichten unterworfen werden, wobei Gehorsam dem Staat gegenüber immer an hervorragender Stelle stand. - MURRAY N. ROTHBARD

Ich höre euch lachen und sagen: Die Katze kann das Mausen nicht lassen. Ja, es stimmt, mein Helfergeist ist noch nicht erloschen, und ich will auch nicht, dass er erlischt - trotz aller Kritik an der westlichen Entwicklungshelfermanie. Ich glaube fest daran, dass es eine Art zu helfen gibt, die stimmt. ein Helfen nicht aus Altruismus, in dem sich oft ziemlich schräge und egoistische Motive verstecken, sondern aus Freude am Zusammensein; ein Helfen ohne westlichen Überlegenheitsdünkel und mehr oder weniger gut getarnten Führungsanspruch; ein Helfen, welches sich in einer konkreten Situation ergibt und sich Etappe für Etappe verändert und entwickelt; ein Helfen, von dem alle profitieren, sodass es eigentlich ein grosses Helfen und Geholfen werden ist, keine Einbahnstrasse mehr, sondern ein lebendiger Austausch auf der Basis von Neugier und Sympathie, ein Geben und Nehmen und ein gemeinsames Lernen.

Man hat auch im Bereich der Entwicklungshilfe begonnen, den alten Wein in neue Schläuche zu giessen. So spricht man jetzt von Entwicklungszusammenarbeit und betont das partnerschaftliche Element und die Wichtigkeit von Projekten, die den konkreten Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen. Aber lässt man sich wirklich ein auf Diskussionen und Argumente? Lässt man sich wirklich ein zu überlegen? Zum still sein? Zum Palaver? Ich weiss nicht, ich fürchte aber, dass es eher zum neuen Stil der Lehrer und nicht zu der aus meiner Sicht nötigen Abrüstung der Erwachsenen gegenüber den Kindern geschieht.

Entwicklungshilfe ist für viele zu einem längst integrierten Bestandteil der grossen Zivilisationsmaschine geworden, welche sich vor allem damit befasst, uns zu braven Arbeitsmenschen und nimmersatten KonsumentInnen zu machen. Die Entwicklungshelfer verdienen ganz gut, und sie haben das Gefühl, etwas sinnvolles für die Menschheit zu tun. Ich bestreite nicht, dass einige sich wirklich engaschieren; aber viele haben sich in Südamerika oder Afrika oder weiss ich wo bequem eingerichtet, und was die "Leute" auf der Strasse wollen, das interessiert sie nicht mehr, und sie verziehen sich, wenn es zu "heiss" wird, ins Hotel oder sie gehen zurück in ihre "Heimat".

Die Wirtschaft muss wachsen, Sie wissen es. Wer dieses Evangelium nicht mitbetet gerät leicht in Schwierigkeiten, das gilt auch für die Menschen in den Ländern der 3. Welt, denn bereits die blosse Tatsache, dass wir diese Länder und ihre Menschen pauschal und in der Regel ohne sie überhaupt zu kennen immernoch als "weniger entwickelt" bezeichnen zeigt, woohin die Reise geht: Hinauf auf unsere Kulturhöhe! Fleiss ist angesagt und Strebsamkeit, nicht Gottergebenheit und faules in der Sonne liegen! Die allzu fleissigen zerstören zwar die Welt, das sehen wir,doch da sind schon andere, die davon leben, den Schaden zu beheben, wobei sie nebenher meist neues Unheil schaffen, wovon dann wieder andere profitieren. Wer diese Spirale stoppen will und die Mentalität, durch welche unsere Zivilisationsmaschine angetrieben wird, als gefährlich anprangert überlebt allenfalls als Bestsellerautor oder Kolumnist, also kein ernstzunehmener Feind.

Wir sind zwar gegen den Materialismus unserer Zeit, und gegen die menschen, die immer mehr und noch mehr wollen: mehr Autos und mehr Ferien, ein schickeres Haus und einen besseren Beruf, einen grösseren Kühlschrank und ein teureres handy. Wir finden diese Entwicklung entsetzlich deprimierend und reden gerne von den nicht-materiellen Werten, von Musse und vom freundschaftlichem Zusammensein, von Hilfsbereitschaft und vom Staunen können, doch in unseren Schulen gewöhnen wir den Kindern und Jugendlichen genau diese Dinge ab. Wer zufrieden vor sich hin träumt wird ermahnt, weil er nicht aufpasst, und wer dem Nachbarn bei einem Test ein wenig hilft wird gerügt, weil er betrügt, und wer nach der Pause nicht ins Schulzimmer zurückkommt, weil es draussen mit den Freunden gerade so gemütlich ist, der wird verwarnt und wenn er's wieder tut, dann fliegt er! Wer seine Freunde dagegen stehen lässt, sobald die Klingel ertönt, und wer dem in Not gerat'nen Nachbarn seine Hilfe verweigert, indem er mit seiner Hand ängstlich verdeckt was er schreibt, wer bereit ist, auch dann noch weiter zu lernen und zu büffeln, wenn er eigentlich längst satt, ja übersatt ist, und wer nur mit den besten Noten zufrieden ist, obwohl "genügend" doch genügen würde, der gilt als guter Schüler. Er wird zum Vorbild, dem man nachzueifern hat. So wird man abgeschliffen und in die vorgegeb'ne Form gepresst, oder wenn man allzu resistent ist, aussortiert und abgeschoben! Erinnert sie das nicht auch ein bisschen -, naja, an uns! Wir, die Guten und die anderen, die weniger guten, die Neger eben?

Dieses ABC der Werte, welches unsere Schulen zu einem so gräulichen Schlachtfeld machen - nicht offiziell, aber de facto -, dieses ABC der Werte, das uns im Laufe dieser Prozedur so selbstverständlich geworden ist, wie unser Atem und der Himmel über uns, dieses "höher", "schneller", "weiter", welches unsere Fabriken und Büros antreibt, gilt auch in der Welt der Entwicklungszusammenarbeit. Wir kommen als kleine und grosse Missionare und Missionarinnen der Effizienzsteigerung und der Profitmaximierung; wir predigen oft implizit und ohne es zu wissen, Unzufriedenheit mit dem Status quo; wir predigen Konsum und Aufstieg als Weg zum Glück und zur Erfüllung. In vielen Ländern ist das noch kein Problem, denn der Mangel ist dort so gross, das ein wenig mehr Komfort gerecht scheint. Doch wo ist die Grenze, wo wir nicht mehr helfen, weil man uns fragt und weil uns Hilfe sinnvoll scheint, sondern weil wir zum Helfen ausgesandt wurden; weil wir dazu gezwungen sind (oder es doch meinen), wenn wir den Job behalten wollen; weil uns die Rolle des überlegenen Helfers schmeichelt; weil es im Programm so vorgesehen ist? Wo ist die Grenze, wo Hilfe zu Manipulation und zu Verführung wird? Oder anders gefragt: Wie ernst nehmen wir die Bedürfnisse der Menschen mit denen wir arbeiten tatsächlich? Wie steht es mit dem Ideal des Dialogs in einem machtfreien Raum, einem Raum, wo menschen auf menschen stossen, nicht auf mehr oder weniger beredte Missionare, die ihre ZuhörerInnen mit der Aussicht auf ein paar billige Möbel oder ein Auto für sich gewinnen, so wie man sie früher mit ein paar Glasperlen oder einer Flasche Schnaps für sich gewonnen hat.

Entwicklungszusammenarbeit als Ort der Begegnung und des gemeinsamen Nachdenkens darüber, was wir auf dieser Erde wollen -, das sind grosse Worte, doch sie gehen in der Richtung, in der ich gehen möchte. Sie bedeuten, unseren Führungsanspruch aufzugeben, nicht nur äusserlich, im Sinne eines politischen und wirtschaftlichen Machtabbaus, sondern auch innerlich. aufgabe des Gefühls, den anderen in Sachen Bildung und Kultur überlegen zu sein und die Möglichkeit ernst nehmen, dass wir mindestens ebenso sehr auf Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit angewiesen sind wie diejenigen, an die wir in diesem Zusammenhang immer denken: Neger und Missionare -, pardon Entwicklungshelferinnen. Wir können stolz sein, auf was für Höhen wir es gebracht haben.

Unsere Zivilisation hat tatsächlich einiges zu bieten; doch ich glaube, wir haben noch immer nicht begriffen, wie destruktiv diese Zivilisation in den letzten 500 Jahren geworden ist, und wie dringend wir - die Helfer - selber der Hilfe bedürfen, um zu einer weniger zerstörerischen Lebensweise zurückzufinden.

Copy Martin Näf 2012, 2018

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