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An Laurin N., San Diego, Kalifornien, 21. Februar 1997

Lieber Laurin! Habt Ihr einen Globus zuhause - eine Weltkugel, auf der man alle Länder und Kontinente sehen kann, die es auf der Erde gibt? Ja. Dann schau doch einmal, wo ich jetzt bin!

Von der Schweiz aus muss man immer nach Westen - zuerst nach Frankreich -, das ist ganz nah, gerade bei Basel. Dann kommt der Atlantik - ein riesengrosses Meer! Weisst Du, als ich mit dem Schiff gefahren bin, da fuhr ich über den Atlantik nach Amerika. Gut. Also, wenn man die Weltkugel ein wenig dreht, dann kommt Amerika: New York und ganz viele andere Städte. Amerika ist sehr sehr gross! Und Alles, was die Leute hier haben, ist sehr gross! Grösser als in der Schweiz. Zum Beispiel die Kühlschränke! Ich habe einen Kühlschrank gesehen, der war etwa doppelt so gross wie der bei Euch zu Hause und die Leute haben gesagt: Ja, gell, unser Kühlschrank ist etwas klein! So sind die Amerikaner! Die Autos sind auch grösser und in den Läden ist viel mehr Platz zwischen den Regalen!

Also. Ich bin jetzt in Amerika oder in den "Vereinigten Staaten", wie es offiziell heisst. An der Grenze waren sie nicht sehr nett -, aber das ist immer so. Die Fragen ganz viel, wie wenn man ein Verbrecher wäre, bevor sie einem hereinlassen. Aber wenn man drin ist, dann sind die Leute eigentlich ganz nett.

Seit ich hier bin habe ich schon ganz viel erlebt, und ich bin seeeeeeeeehhhhhhr viel und lange Bus gefahren. In Amerika gibt es nämlich fast keine Eisenbahn mehr. Wenn die Leute hier irgendwohin reisen wollen, und sie haben kein eigenes Auto, dann nehmen sie entweder das Flugzeug oder den Bus! Weil das Land so gross ist dauert es immer irrsinnig lang, bis man irgendwo ankommt! Damit der Bus nicht dauernd stoppen muss, wenn jemand aufs Klo muss, gibt es in den Bussen ein WC. So kann der Bus immer fahren ohne anzuhalten. Natürlich: Wenn eine Stadt kommt oder so, dann hält der Bus schon. Aber das kann stundenlang gehen. Es ist, wie wenn Ihr von Basel auf den Hasliberg fahren würdet, und es gäbe kein Dorf und keine Stadt unterwegs. Höchstens einmal ein Haus oder so, aber keine Stadt. So gross ist das Land und so wenig Menschen wohnen hier. O, halt! Da, wo mein Schiff angekommen ist, da wohnen wahnsinnig viele Menschen. Es ist als ob alle Menschen am Meer wohnen wollen: Ein Haus neben dem anderen! Wolkenkratzer und Alles! Wie eine riesige Stadt - so gross wie die ganze Schweiz! - Aber dann, wenn man weiter fährt in Richtung Westen - also die Weltkugel wieder ein bisschen drehen! -, dann wird das Land ganz leer.

Also ich bin von New York nach Washington gefahren. Dort habe ich übrigens Susi besucht. Erinnerst Du Dich an Susi. Die war einmal bei Euch zu Besuch vor ein paar Jahren. Inzwischen hat sie einen Mann geheiratet und die Beiden haben ein Kind. Von Washington bin ich weiter gefahren nach Tennessee (Nähe Nashville, wenn Ihr's genau wissen wollt). Dort habe ich drei Wochen in einer Kommune gewohnt: Ganz abgelegen zwischen vielen Wäldern und Bergen.  Eine Kommune ist eine Art Dorf, in dem ein paar Leute wohnen, die alles miteinander teilen, wie eine Familie - man könnte sagen, es sind alles Freunde, die zusammen wohnen und leben und kochen und - naja, was man halt so macht miteinander. Ich habe in einer Art Baumhütte gelebt. Das war sehr lustig, nur leider konnte ich mein Häuschen nicht heizen, und das war ein bisschen blöd, denn zwischendurch war es sehr sehr kalt. An einem Morgen konnte ich meine Zähne nicht putzen, weil meine Zahnbürste am Waschbecken festgefroren war, und einmal, da konnte ich meine Hose fast nicht mehr anziehen, weil sie ganz steif war: Sie war nass gewesen vom Regen und über Nacht war sie auch eingefroren. Als ich meine Beine endlich in der Hose hatte, da hat es immer geknackt beim Gehen bis die Eisschicht ganz aufgebrochen war!

Also, das war nicht besonders gemütlich. Am Tag bin ich meistens in der Küche gesessen und habe mit den anderen Leuten dort geschwatzt und beim Gemüserüsten geholfen oder abgewaschen oder Holz für das Feuer geholt. Es war fast so eine Art Bauernleben. Wir hatten auch Hühner und Geissen. Diese waren alle trächtig, aber es sind keine Jungen auf die Welt gekommen, während ich dort war.

Schliesslich war's mir zu kalt dort, und ich bin weiter gefahren. Wieder mit einem Bus: Ich glaube einen Tag und eine Nacht. Da war ich in Houston. Von dort gibt es nichts zu erzählen. Ich glaube es ist eine sehr hässliche Stadt, und - oje! Gefährlich! In den Schulen von Houston haben viele Kinder richtige Messer oder sogar Pistolen und es gibt viele Lehrer, die richtig Angst davor haben, in diesen Schulen zu arbeiten, weil sie denken, dass sie vielleicht erschossen werden. Ich war auch bei einer solchen Schule und da war wirklich ein Polizist draussen mit einer Pistole; der hat aufgepasst, dass nichts passiert. Also Houston ist glaube ich nicht so eine tolle Stadt. Es ist dort im Sommer übrigens so heiss, dass alle Autos und alle Häuser eine Kühlanlage haben! Das ist viel wichtiger als eine Heizung, denn so recht kalt wird es dort nie, aber eben: heiss! Wenn man dann die Haustür aufmacht, um rauszugehen, ist es, wie wenn Du den Backofen aufmachst, so heiss ist es draussen. Dann sitzen die Leute schnell in ihr Auto, machen die Türe zu und schalten die Kühlung an!

Nach ein paar Tagen bin ich wieder in den Bus gestiegen und weiter gefahren - fast ohne zu stoppen bis nach San Diego, wo ich jetzt bin. San Diego ist auf der anderen Seite von Amerika. Man müsste es eigentlich ganz leicht finden. Ich glaube übrigens, dass Werner auch schon hier war - oder nein: Das stimmt glaube ich nicht. Aber Hans und Omama sicher! - Also San Diego ist wieder am Meer, und zwar am Pazifik. So heisst das Meer hier. Ich wohne ganz nahe vom Strand. Gestern Abend bin ich extra an den Strand gegangen, nur um ins Meer zu pinkeln! So nahe ist das! Das Wetter hier ist wunderbar: Bis jetzt hat jeden Tag die Sonne geschienen und der Strand und das Meer ist voll von Leuten, die Wellenreiten oder Windsurfen oder schwimmen - so warm ist es hier!

Leider ist hier bis jetzt nichts besonders lustiges oder spannendes passiert, sodass es auch nichts zu erzählen gibt. Überhaupt finde ich das Herumreisen manchmal ein wenig langweilig -, und ich denke manchmal, dass ich doch in Basel hätte bleiben und mir die ganze Reise nur hätte vorstellen können, im Kopf. Das ist manchmal fast spannender. Da kann man sich alles erfinden, was man will, zum Beispiel, dass man auf einem kleinen Segelboot vier Wochen in einem Sturm gewesen ist oder dass einem alles Gepäck gestohlen wurde oder dass man einen Fallschirmspringer kennengelernt hat und dass dieser mich mitgenommen hat, und wir irgendwo Fallschirm gesprungen sind, oder dass ich im Zoo von San Diego auf einem zahmen Löwen geritten bin oder was könnte ich mir noch vorstellen? Dass der Bus eine Panne hatte und alle Leute im Bus zwei Tage und zwei Nächte in der Wüste auf einen Ersatzbus warten mussten oder dass es hier am Strand Muscheln gibt, die grösser sind als Eure Badewanne oder dass ich hier in einem Haus wohne, das ganz aus Schokolade gemacht oder dass Susi, die ich in Washington besucht habe, einen Tiger zuhause hat, als Haustier. Also. All dies ist eigentlich interessanter als das, was bis jetzt wirklich passiert ist. Aber wer weiss! Vielleicht passiert ja noch etwas ganz ganz spannendes! Und wenn nicht, dann komme ich einfach so wieder nach Basel, und ich erfinde meine Abenteuer einfach! Zum Beispiel, dass ich einen Menschen getroffen habe, der einen Heissluftballon besitzt, und dass wir zusammen bis zum Nordpol geflogen sind, und dass der Ballon dort geplatzt ist und wir fast von einem Eisbären aufgefressen worden wären, wenn ich nicht im letzten Moment ein Spezialzauberspruch für Eisbären gesagt hätte, und dass der Eisbär uns dann in seinem Spezialeisbärensschlitten zum nächsten Flugplatz gebracht hätte, und   dass wir dort ein kleines Flugzeug gestohlen hätten und und und! ...

Im übrigen - das ist jetzt wirklich wahr! -, wenn ich von hier weiterreise, dann werde ich vermutlich in Richtung Norden fahren - Stückchen um Stückchen die Küste hinauf in Richtung San Francisco und Oregon. Da habe ich überall ein paar Freunde von früher, die ich besuchen will. Das mache ich also ganz sicher. Vielleicht fahre ich aber auch noch nach Mexico ... aber das weiss ich jetzt noch nicht. Ich möchte auch gerne ein wenig Windsurfen oder Segeln hier, aber dazu muss ich zuerst jemanden finden, der mit macht. Vielleicht schreibe ich dann auch noch ein Buch und werde berühmt in der Erwachsenenwelt! Aber auch das weiss ich noch nicht - und ich weiss auch nicht, ob ich genug Ideen dazu habe!

Übrigens würde ich Dir ja gerne einen Brief mit ein paar Zeichnungen schicken statt so einen Wörtli-Schwätzi-Salat-Buchstabensuppen-Brief! Aber mit meinen Augen ist das Zeichnen wirklich schwer! Ich bin hier nämlich genauso blind wie in Basel! Was ich übrigens manchmal wirklich doof finde, weil ich viele Sachen nicht sehe, von denen andere sagen, wie superschön sie seien, zum Beispiel die Wüsten, durch die ich gefahren bin auf dem Weg nach San Diego! Die sei ganz irrsinnig schön! Rote Felsen mit ganz verrückten Formen gibt es da und irrsinnig tiefe Schluchten! Es gibt auch viele Indianer, da wo ich durchgefahren bin, und wenn ich ausgestiegen wäre und mir dafür Zeit genommen hätte, dann hätte ich diese Indianer auch besuchen können, aber daran habe ich gar nicht gedacht!

So. Jetzt ist genug Buchstabensuppe-Schwätzi-Tätschi-Lesi-Besi-Brief-Schreibi-Beibi! Ich will ja nicht, dass dem Menschen, der Dir diesen Brief vorliest, alle Zähne ausfallen vor lauter Kiefer rauf und Kiefer runter gewackel! Und ich weiss auch gar nicht, ob Dich das Alles interessiert! Aber ich wollte Dir jedenfalls mal einen richtigen Brief schreiben, denn erstens habe ich dich doch richtig gern, zweitens habe ich's versprochen, drittens bist Du mein Spezial und Sonder und Überhaupt-Göthibub und viertens würde ich ja auch gerne einmal etwas von Dir hören. Ihr könntet doch zum Beispiel mal eine Kassette aufnehmen und mir ein wenig von Euch erzählen, oder Du schreibst mir einen Brief oder diktierst ihn dem Werner oder der Miri! Hhmmm. Wohin schicken? Das ist ein Problem. Ihr müsst Martin Frick fragen. Der wohnt in Basel und weiss immer, wo ich bin! Seine Telefonnummer ist: 681 44 07! Also! Vielleicht höre ich mal was von Dir oder von Euch! - Ich umarme Euch und Dich ganz fest und schicke Euch viele viele Grüsse und Schmützlis! Ich hoffe, es geht es Euch allen gut - auch Dir Miri und Werner und Nora und Zoe! Lebt wohl und bis bald!