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DER BODEN HIER WAR GUT - 20 Jahre Bewusstseinsarbeit in der Ecole d‘Humanité in der Schweiz

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DER BODEN HIER WAR GUT - 20 Jahre Bewusstseinsarbeit in der Ecole d‘Humanité in der Schweiz

Natalie Lüthi-Peterson wurde 1927 in Cleveland, USA geboren. Sie studierte Germanistik im Wellsley College, USA und an der Universität Zürich. Nach dem 2. Weltkrieg rief sie die "Young Leaders International" (heute Lüthi-Peterson Camps) ins Leben, um damit Jugendlichen aus verschiedenen Ländern Gelegenheit zu geben, sich kennen und verstehen zu lernen. Von 1949 bis 1953 arbeitete sie erstmals an der Ecole d'Humanité in der Schweiz. Nach 3-jähriger Abwesenheit kehrte sie 1956 an die Schule zurück. 1961, nach dem Tode des Schulgründers Paul Geheeb, übernahm sie zusammen mit ihrem Mann Armin Lüthi die Leitung der Schule. Ich sprach mit ihr über ihr Engagement für einen offeneren Umgang mit Rollenerwartungen und Rollenverhalten von Männern und Frauen bzw. Mädchen und Jungen.

"Endlich!": Wie lange beschäftigt Dich das Thema Koedukation bereits und was bedeutet es für Dich?
Natalie: Die bewusste Auseinandersetzung mit Frauen- und Männeridentität und Koedukation begann für mich erst mit der Frauenbewegung in den USA, die dort Ende 60er, Anfang 70er Jahre aufkam. Damals gab es bei uns in der Ecole d'Humanité einige Mitarbeiterinnen, die sich intensiv mit diesen Fragen befassten und viel von der neuen feministischen Literatur gelesen hatten. Mit der Zeit haben wir begonnen darüber zu sprechen, was wir in unserer Schule machen, verbessern könnten. Dabei war der Boden für dieses Thema in der Ecole günstig, denn Paulus - der Schulgründer Paul Geheeb - hatte immer schon darauf bestanden, dass Jungen und Mädchen in der Landerziehungsheimbewegung, aus der die Ecole stammt, gleichberechtigt sein sollten. Das war für die andern Pioniere jener Bewegung - Hermann Lietz oder Gustav Wyneken - damals, kurz nach 1900, kein Thema. Als Geheeb 1910 seine eigene Schule, die Odenwaldschule, eröffnete, war Koedukation einer der wichtigsten Punkte seines Programmes. Er hatte sich auch schon als Student für das Frauenstimmrecht und ähnliche Dinge eingesetzt, war also wirklich offen für diese Anliegen. Auch seine pädagogischen Ideen - die Tatsache, dass er nicht mit Noten, Angst, Konkurrenz und Druck arbeiten wollte, dass ihm das Soziale, das Zusammenleben und nicht nur die "Karriere" des Einzelnen wichtig war - entsprechen der "Frauenwelt", um es einmal so zu nennen, sehr.
"endlich!": Wie sahen die Anfänge Deiner Beschäftigung mit dem Thema Koedukation aus?

Natalie: Etwas vom ersten war der Kurs "Geschlechterrollen in verschiedenen Gesellschaften", den wir unseren Schülerinnen und Schülern seit Beginn der 70er Jahre anbieten. In ihm beschäftigen wir uns damit, wie Männer und Frauen bei uns leben, welche Erwartungen wir an uns und andere als Männer und Frauen haben und wie wir mit Erwartungen, die uns gar nicht entsprechen, umgehen. Dieser Kurs ist ein wichtiger Teil des ganzen Bewusstwerdungsprozesses, der ja die Voraussetzung jeder Veränderung ist.
1974 kam dann Ruth Cohn an die Ecole. Sie hat uns sehr bestärkt und geholfen, "weibliche" Qualitäten - das Zuhören, das miteinander Reden etc. - noch mehr in die Schule einzubringen. Wir haben, angeregt und angeleitet von Ruth, in jenen Jahren verschiedene "TZI-Gruppen" ins Leben gerufen - Gruppen, in denen es um didaktische und pädagogische Fragen ging. Ich gründete zusammen mit einer zweiten Mitarbeiterin die Frauengruppe, von der seither immer wieder wichtige Impulse ausgegangen sind. Es gab seit dieser Zeit auch andere Gruppen: eine Männergruppe, Schüler-und Schülerinnengruppen, zum Teil von Erwachsenen geleitet, zum Teil von den Jugendlichen selbst durchgeführt. Die Männergruppe ist schon mehrmals eingeschlafen und wird dann neu gegründet. Ab und zu haben die Frauen- und die Männergruppe sich auch zusammengetan, um ein bestimmtes Thema gemeinsam zu bearbeiten. Die Gespräche und Erfahrungen aus diesen Gruppen und dem "Geschlechterrollenkurs" strahlen natürlich in alle Bereiche unserer Schule aus -, in den Unterricht und sehr stark auch in die Familiengruppen.

"endlich!": So eine Auseinandersetzung geht sehr tief, da ihr ja nicht nur abstraktes Wissen über Geschlechterrollen u.ä. vermittelt, sondern offenbar auch sehr intensiv von euch und euren Erfahrungen sprecht, um eigenen Prägungen auf die Spur zu kommen. Was geschieht mit Jugendlichen oder Erwachsenen, die sich auf diese Auseinandersetzung nicht einlassen wollen?

Natalie: Es geht uns bei diesen Auseinandersetzungen nicht darum, auf einmal die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, und die Männer sozusagen zu zwingen, sich alle "weiblichen" Verhaltensweisen und Eigenschaften anzugewöhnen und umgekehrt. Es geht eigentlich nur darum, die Palette der möglichen Verhaltensweisen zu erweitern und nicht automatisch in einem bestimmten Verhalten stecken zu bleiben oder gefangen zu sein. Wer sich nicht ändern will oder kann, muss nicht!

"endlich!": In der Ecole ist es ja durchaus möglich, dass in einem Kurs oder einer Gruppe Jugendliche aus Japan, aus den USA, der Schweiz, aus Norwegen und Spanien sind. Und auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kommen aus sehr verschiedenen Gegenden der Welt. Wie beeinflusst dies eure Auseinandersetzung mit all diesen Fragen?

Natalie: Die Auseinandersetzung wird dadurch komplexer, aber auch viel spannender! Wir laufen viel weniger Gefahr, einfach eine Vorstellung von Mann- und Frausein als allgemeingültig aufzufassen, denn andere Vorstellungen sind ja bei uns, in unserer Schule, immer auch anwesend. Dass Männer sich beispielsweise in südlichen Ländern viel eher berühren als bei uns, während man sich in Japan so gut wie überhaupt nie anfasst, ganz gleich ob Mann oder Frau, das sind Dinge, von denen wir hier nicht nur lesen. Wir erleben sie auch ganz direkt.

"endlich!": Was hat sich in der Ecole durch Eure Bewusstseinsarbeit im Laufe der letzten 20 Jahre verändert?

Natalie: Wir haben z.B. in den 70er Jahren einmal festgestellt, was für merkwürdige Texte in unserem Liederbuch stehen und haben einige Lieder durch andere ersetzt. Wir singen jetzt z.B. nicht mehr "girls are Sugar and spice and everything nice". Wir singen auch nicht mehr "mit meinem Glas Weine und meinem Mädchen alleine!". Das ist eine kleine Sache, aber trotzdem wichtig. Wir bemühen uns auch, nicht nur männlich dominiertes Wissen weiterzugeben. So gab's z.B. gerade vor kurzem einen Kurs über grosse Frauen in der Geschichte. Auch im Literaturunterricht schauen wir sehr bewusst darauf, dass wir Bücher von Männern und Frauen lesen. Irgendwann einmal im Laufe dieser Jahre habe ich gemerkt, wie sehr ich mich beim Vorbereiten meines Unterrichts an den Bedürfnissen der Jungen orientiere. Dahinter steckt die Erfahrung: wenn die Jungen zufrieden sind, dann läuft der Kurs; die Mädchen passen sich viel eher an als die Jungen. Wir haben über solche und ähnliche Themen meistens zuerst in der Frauengruppe gesprochen und sie dann in die Konferenz gebracht, wo unsere Anliegen und Vorschläge meist sehr gut aufgenommen werden. Überhaupt sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im allgemeinen sehr offen und interessiert. Das hat sicher auch mit dem Konzept unserer Schule zu tun. Menschen, die Konkurrenzkampf, Hierarchien, Aufstieg und andere typisch männliche "Bewährungsmöglichkeiten" suchen, kommen nicht zu uns. Die fühlen sich bei uns nicht wohl.

"Endlich!": Euer Vorstoss in Sachen Sprache hat anfänglich aber doch einige harte Reaktionen provoziert. Kannst Du davon etwas erzählen?

Natalie: Die Auseinandersetzung um die Sprache war tatsächlich ungewöhnlich turbulent. Wir Frauen hatten immer wieder davon gesprochen, dass wir es wichtig finden, dass wir nicht nur von Schülern, sondern von Schülerinnen und Schülern oder von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sprechen, auch wenn diese Gleichbehandlung in der deutschen Sprache relativ kompliziert und mühsam ist. Nachdem unsere Vorstösse eigentlich nie viel gebracht haben, haben drei von uns vor 4 Jahren beschlossen, eine Art Shocktherapie durchzuführen. Wir haben in einer unserer wöchentlichen Schulversammlungen allen MitarbeiterInnen und KameradInnen (so heissen bei uns die SchülerInnen) erklärt, dass wir es wichtig finden, dass auch Mädchen und Frauen einen Platz in unserer Sprache haben, und dass wir deshalb bis auf weiteres nur noch weibliche Formen brauchen würden. Dabei seien Buben und Männer selbstverständlich immer auch mitgemeint. Dieser Shock hat einiges in Gang gebracht: Unterstützung bei einigen, Unwille und Ärger bei andern. Vor allem viele unserer Jungen so um 14, 15 Jahre hatten ziemlich Mühe mit diesem Vorgehen, fühlten sich diskriminiert und verletzt, merkten also wie es sich anfühlt, nicht direkt erwähnt zu werden. Seither hat sich die Situation zumindest bei den Erwachsenen eindeutig verändert. Heute sprechen alle von MitarbeiterInnen oder von Kameraden und Kameradinnen oder suchen Ersatzausdrücke wie Unterrichtende oder Jugendliche. Auch in Ansagen und Mitteilungen im Essaal wird sehr auf diese Gleichbehandlung geachtet. Unter den Jugendlichen selbst wird sie nicht so konsequent betrieben, ist aber immer wieder Thema in Kursen, in den (Ecole)-Familien und überall.

"Endlich!": Wie sind wichtige Ämter und Arbeitsgruppen bei Euch besetzt? Habt ihr da Quotenregelungen oder etwas ähnliches?

Natalie: Eine Gruppe aus dem "Geschlechterrollen-kurs" hat einmal vorgeschlagen, in den verschiedenen Gremien unserer Schule, z.B. in der SchülerInnenmitverwaltung Quotenregelungen einzuführen und wichtige Ämter abwechselnd mit Männern oder Frauen bzw. Jungen und Mädchen zu besetzen. Der Vorschlag wurde in der Schulgemeinde, der Vollversammlung unserer Schule, vorgebracht. Die Schulversammlung beschloss dann allerdings, auf feste, unbewegliche Regelungen zu verzichten. Stattdessen soll vor jeder Wahl geschaut werden, wieviel Mädchen und wieviel Jungen bereits in einem bestimmten Gremium sitzen. Auf diese Weise können alle frei entscheiden, ob sie bei der Wahl vor allem auf den Ausgleich zwischen den Geschlechtern schauen wollen oder ob ihnen andere Überlegungen in dem bestimmten Fall wichtiger sind. Die Konferenz geht mit der Quotenfrage ähnlich um.

"Endlich!": Es gibt heute Menschen die sagen, die Koedukation sei gescheitert. Manchmal wird sogar die Rückkehr zu den alten Mädchen- und Jungenschulen empfohlen. Was denkst du dazu?

Natalie: Was alle wollten, die sich zu Beginn dieses Jahrhunderts für Koedukation eingesetzt haben, war, dass Mädchen dieselben Chancen haben sollten wie Jungen. Heute - nach all diesen Jahrzehnten - erkennen wir, dass sie doch nicht dieselben Chancen erhalten haben, weil ihre Welt, ihre Werte im Grunde nicht erkannt und anerkannt wurden. Man hat Mädchen in "männliche" Schulstrukturen mit männlich geprägten Vorstellungen von Lernen und männlich dominiertem Wissen aufgenommen, ohne diese Strukturen oder die Lerninhalte und -methoden wirklich zu ändern. Hier müssen wir weiterarbeiten. Dass man sich punktuell trennt, um klarer zu verstehen und zu spüren, was einem selbst eigentlich entspricht, das kann dabei ganz sinnvoll sein. Um jedoch unsere Einseitigkeiten und Rollen zu erkennen und uns davon frei machen zu können, brauchen wir uns; gemeinsame Erfahrungen von Jungen und Mädchen, Gespräche, auch Konflikte sind wichtig! Die völlige Trennung wäre da ein Schritt zurück.


Mädchen und Jungen zwischen 14 und 17 zu ihren Erfahrungen im "Geschlechterrollenkurs"

Mädchen: "Ich fand es sehr gut, dass beide Geschlechter im Kurs sind. Ich habe öfters über die Dinge nachgedacht, die wir im Kurs besprochen haben, aber immer nur allein, für mich. Ich konnte noch nie mit einem Jungen richtig sprechen, weil er entweder sagte, "ja ja, ich bin einverstanden, ich bin ja emanzipiert", oder er wurde geärgert und agressiv. Jetzt habe ich viel mehr Möglichkeiten, über die Seite der Jungen nachzudenken."

Mädchen: "Ich habe dank dem Kurs viele alltägliche Dinge ganz anders zu sehen gelernt. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mich in der Ecole nicht als Mädchen fühle, sondern als Mensch, als ein weiblicher Mensch. Und ich fühle mich wohl so. Ich kann mich wehren, kann sagen, was ich denke und fühle."

Junge: "Es ist für mich sehr viel Neues, was ich hier erlebe. Als ich in die Gruppe kam, konnte ich nur die Ohren und Augen aufsperren! Es sind so viele neue Gedanken in mir, dass ich sehr viel zu verdauen habe."

Junge: "Was mich besonders interessiert hat war zum Beispiel, als wir einander erzählt haben, wie wir unsere Eltern und unsere eigene Erziehung erlebt haben. Ich freue mich jetzt immer auf diesen Kurs, und es hat mir bis jetzt jede Stunde gefallen -, ausser der mit der Auseinandersetzung mit den Mädchen damals. Aber es muss wahrscheinlich auch solche Stunden geben, wenn wir uns verstehen wollen."

Junge: "Als wir das Rollenspiel mit vertauschten Geschlechterrollen spielten, habe ich mich vor allem am Anfang ekelhaft gefühlt. Ich fand es schrecklich, als jemand meinen Arsch anfasste. Es war auh nicht schön, mit den andern Frauen über Haushalt und Kinder zu reden, während die Männer sich über Politik unterhielten. Die Politik hätte ich mich auch interessiert, aber beim Spielen dachte ich von mir, dass ich ja nicht viel davon verstehe."

Mädchen: "Ich fühlte mich gut im Spiel mit den vertauschten Rollen. Ich habe es genossen, mal diejenigen zu sein, die Männern nachpfeiffen kann und dass nicht mir nachgepfiffen wurde. Es tat gut mal einen Moment lang anders sein zu können als sonst, aber ich möchte auf keinen Fall, dass die Frauen so weit gehen, dass sie die Männer so behandeln, wie die Männer jetzt sie. Mich ekelt nichts mehr an, als wenn ich von Männern angequatscht oder sogar angefasst werde."

Junge: "Ich musste auch über das nachdenken, was gesagt wurde, dass wenn zwei Jungen sich umarmen, dass sie dann für viele Leute gleich schwul sind, wenn sie keine Entschuldigung für ihre Umarmung haben."

Mädchen: "Ich wusste gar nicht, dass heulen für Jungen so ein Problem sein kann."


In: Endlich, Zeitschrift der Vereini¬gung Freier Schulen der Schweiz, 3. Jg., Nr.1, März 1993, S.19-22: Gespräch mit Natalie Lüthi-Peterson, Leiterin der Ecole d'Humanité, Goldern-Hasliberg. - Die Fragen stellte Martin Näf