www.martinnaef.ch / 1.2: Persönlich >

Immer wieder Sex

.

Immer wieder Sex

Sex und Liebesgefühle aller Art stehen seit Tagen wieder einmal wie drängendes Grundwasser in meinen Kellern. Ich versuche sie zu ignorieren, versuche zu „arbeiten", doch sie drücken aus allen Ritzen, steigen durch die Wände hinauf in die bewohnten Gemächer ...

1.
Ich schwelge in Fantasien und Gefühlen aller art, beobachte dauernd die Gaynet-Seiten, lese unzählige Anzeigen und Profile, stelle hie und da einen Kontakt her, oder ich hänge am Birsköpfli rum, bis ich nach langer Warterei und scheinbar ziellosem Rumspazieren um elf oder zwölf Uhr abends in der dortigen Toilette endlich erlöst und glücklich vor einem Mann knie und seinen Schwanz lutsche ... So geschehen vor vier oder fünf Tagen. Seither zog es mich jeden Abend wieder dorthin, doch ich bin nicht gegangen – aus Scham vielleicht, aber vielleicht noch mehr aus dem Gefühl heraus, dass ich damit eine Sucht nähre, der ich nicht gewacchsen bin. Es redet irgend etwas in mir und will mir weis machen, dass ich das nicht will, was ich da erlebt habe. Dass solche Erlebnisse mich so tief berühren können, darf nicht sein, und doch ist es so. In diesem Moment gab es keine Wünsche und keine Sehnsüchte mehr in mir, nur Glück und eine grosse Ruhe... als ob sich ein energetischer Kreislauf schliesst, der normalerweise unterbrochen ist. Der Kreislauf von Lust, der in unserer Kultur höheren Zwecken Platz machen muss. Kleine Momente sind es, die sich in mir sammeln und allmählich zu einem wirklich grossartigen Erlebnis werden und dann ... vergehen.

2.
Ich bin einmal mehr im 'Park'. Ganz in Leder – etwas, was mir wirklich gefällt und was ich eigentlich gerne öfter täte, wenn es nicht so auffällig wäre. Leder ist einfach ein schönes Material! Im Park zuerst im WC ein wenig „aufgewärmt". Meine Stimmung aktiver und zupackender als sonst, mehr befehlsgewohnter Meister als devoter Diener. Ein ungewohntes, aber angenehmes Gefühl, wohl wesentlich bestärkt, wenn nicht erst herausgekitzelt, durch die zwei odr drei Dezi Wein, die ich zuhause vor meinem Aufbruch runtergeschüttet habe.

Nach ein paar geilen Minuten im WC lange und heisse Session mit einem ausländischen Kruselkopf auf einer Bank. Er nimmt mich zwischendurch einmal in seine Arme und hält mich lange fest. Ein inniges Gefühl. viel Nähe. Dann beisst er in meine rechte Brustwarze. Ich zucke zurück. Es tut weh. Doch im selben Augenblick kommt der Genuss ... Er fragt, „wo wohne". Als ich ihn dasselbe frage, bleibt er still. Auch auf zwei drei andere Fragen kommt keine Antwort. Nur um eine Zigarette bittet er mich ein paar mal. „Rauche?". Dann sitzt er vornüber gebeugt, stumm und weit weg. Traurig? Ich weiss es nicht.

Er ist aus seiner Starre erwacht, hat mich genommen und in meinen Mund gespritzt. Er wollte es, hielt meinen Kopf und drückte ihn gegen seine Lenden. Ich gab nach. Ich tat was er wollte ... Es war, wie wenn mein Wille zerbricht. Ich bin glücklich. Ich bin unterworfen und diene ohne zu fragen ...

3.
Ich sehe mich von aussen – in einem städtischen Park. Ich knie vor einem fremden Mann und tue alles, was er will. – Ich bin besiegt und ich wollte es ... Wie kann ich „nein" sagen, wenn alles in mir „ja" sagt, wenn ich „ja" gesagt habe, bevor ich es weiss. – Wieder, wie letzte Woche, nach der geilen Session in der Toilette am birsküpfli, fühle ich mich gedemütigt und beschämt, und wie letzte Woche habe ich auch diesmal das Gefühl,dass es nichts gibt was ich mehr möchte als diese Momente der Selbstaufgabe. Es ist als ob meinn ganzes Leben danach drängt ...

Ich schreibe dies alles auf, um es los zu werden, aber auch, weil ich überzeugt bin, dass in diesen schmuddeligen und zunächst einmal beschämenden Erlebnissen ein Kern steckt, den freizulegen sich lohnt. Nicht zuletzt, um diesem erschreckenden Sog nicht so wehrlos ausgeliefert zu sein, aber auch, um seine Faszination zu verstehen. Würde man dazu unter dem Stichwort "Todestrieb" etwas finden? Die Lust auf das Mirwana, das grosse Ausruhen? Gibt es einen Begriff wie "the big surrender"? Die Geborgenheit im Leib der Urmutter ... Abtauchen und mich finden, indem ich mich aufgebe? Endlich leben indem ich sterbe? Ich spekuliere, doch es hilft, die bedrückenden Erfahrungen von einer anderen Seite zu sehen.

Copy 2012, Martin Näf