A large brain, like large government, may not be able to do simple things in a simple way. - Donald O. Hebb

Werner Zimmermann - vergessener Vorläufer der Homeschoolbewegung, Lebensreformer und Freiwirtschaftler

Seine Biographie wurde bis heute nicht geschrieben. Seine Bücher verstauben in den Magazinen unserer Bibliotheken ... Leider, denn dieser unorthodoxe, mutige Querdenker und Abenteurer der Seele hat uns noch heute viel zu sagen - auch aber nicht nur zum Thema Erziehung!



Werner Zimmermann (1893-1982) begann sein Leben als Primarlehrer im Kanton Bern. 1919 brach er auf seine erste grosse Reise auf. Ihn interessierte alles, was die damalige Lebensreformbewegung beschäftigte angefangen mit der Frage nach einer ganz anderen Erziehung über Fragen der Sexual- und Ernährungsreform bis hin zu Fragen einer neuen Wirtschaftsweise jenseits von Kapitalismus und Sozialismus. Er vertrat seine Ideen in zahlreichen Büchern und Zeitungsartikeln, als Herausgeber der Zeitschrift TAO und als unermüdlicher Vortragsredner. Er gehört zu den Mitgründern des schweizerischen Freiwirtschaftsbundes, der Siedlung Schatzacker und der schweizerischen Freikörperkulturbewegung, auf deren Gelände in Thielle er am 17. August 1975 über die damals heftig diskutierte Frage eines möglichen Nullwachstums und über sein Engagement im Kampf gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst und die Atomkraft überhaupt sprach. Gegen Ende seiner beinahe zweistündigen Rede betont er, dass wir zwar nie wissen könnten, was wirklich wahr und richtig sei, dass wir uns aber immer bemühen können und müssen, uns um die Wahrheit und um ein vernünftiges und gutes Leben zu bemühen.


Hören Sie hier seine Rede vom 17. August 1975 über Nullwachstum, Atom- und Windkraft


Werner Zimmermann ist heute nur noch wenigen ein Begriff. Seine Sprache klingt veraltet und sein Pathos ist uns fremd. Doch das, was er wollte und vertrat, ist so aktuell wie vor 50 und 100 Jahren. Eine umfassende Darstellung seines Lebens und Denkens fehlt bis heute. Eine kurze biographische Skizze gibt's hier.


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„Jedes winzige Keinlein trägt seinen Plan, seinen Willen, seine Kraft in sich – ein vollkommenes Wesen - Rose, Tanne, Schmetterling – eben sich selbst zu werden. Auch das Kind ist solch ein Keimlein, wohl der wunderbarsten eines. Warum lasst ihr es sich nicht entfalten und riesenstark und gütig werden. Die Erkenntnis, dass auch jeder Mensch seinen Lebensplan in sich trägt, den goldenen Faden, der ihn zu sich selbst, zu seinem Ideal, zur Vollkommenheit führen will, muss uns als tiefste Weisheit durchdringen. Wer erziehen will muss erst lernen, seine klotzigen Finger, seine Aufdringlichkeiten vom Kinde, diesem köstlichen Pflänzchen, fernzuhalten. Wird ein Gärtner die Knospen seiner Nelken, die Blüten strecken und formen wollen? Nein. Der sonnige Mensch gedeiht nicht unter den Augen der Staatspädagogen, nicht in Schulstubenluft. Diese Gräul sind auch zu einem ganz anderem Zwecke geschaffen worden: Unser seelenmordender Erziehereibetrieb in Schule und Familie wurde nötig, weil man den Menschen, dessen Leitlinie ihn zur Freiheit, zum inneren Frieden führen will, zu etwas abzurichten sich abmüt, das er seinem tiefsten Wesen nach nicht ist. Zum Sklaven. Knechte haben sie nötig, unsere Götzen – Staat, Mammon, Kirche, Moral, Mode -, Knechte, die willig und fleissig und geduldig sind. Und wahrlich, viele Jahre aufreibender Arbeit erfordert es, das Freie, Göttliche, das Eigenstarke im Menschen zu zermürben, das Leuchten des Blickes zu brechen, den stolzen Nacken zu beugen unter schmäliches Joch. Weist mir nicht auf den heutigen Massenmenschen, auf unsere verrohte Schuljugend hin, sie hätten Zucht und Rute nötig. Wer hiess euch den Löwen in stinkigen Käfig sperren? Woher nehmt ihr euch das Recht, den Zorn des Beraubten, die Hinterlist des Betrogenen, die Gier des Verdurstenden als Beweis für die Notwendigkeit weiterer Unterdrückung zu betrachten.“

"(...). Was soll man ein aufgewecktes Kind, das sich in jugendlicher Schaffensfreudealles selber erarbeitet, acht, neun herrliche Jugendjahre lang in überfüllten Klassen verbittern lassen, wo es tausend mal längst zum Ekel gewordenen Unsinn immer wieder hören und sogar wiederkauen muss; wo ihm durch die schulmeisterliche Behandlung das Grösste und Schönste – Gedankenwiedergabe, Musik, Malen, Natur, selbst die edelsten Werke unserer Dichter und Künstler - zum Gräul werden. (...). Wünschen sich die Eltern für ihre Kinder den fördernden Einfluss eines sonnigen Menschen mit umfassenderem oder eingehenderem Wissen und Können, Handwerker, Künstler auf bestimmtem Gebiet, so werden sie ihn fragen: "(...) darf ich dir meine Kinder jede Woche einige Stunden schicken?" Oder sie könnten – vielleicht zusammen mit anderen nahe wohnenden Gleichgesinnten – einen sonnigen Erzieher ihres Sinnes und Geistes die Weiterbildung ihrer heranwachsenden Jugend anvertrauen. (...)."

"Weiter kann ich mir freie Volkshochschulen denken, wo wissens- und werdensdurstige sich um geliebte, geachtete Lehrer und Lebenskünstler scharen, sei es für Stunden oder für Monate und Jahre. Für letzteren Fall, das eigentliche Hochschulstudium, würde ein Teil des Tages körperlicher Tätigkeit gewidmet werden, Gärtnerei und irgendein Handwerk. So könnte in geistiger Erholung der Lebensunterhalt verdient werden, was restlos jedem Menschen, den es dazu drängt, den Zugang zu den höchsten Gipfeln menschlichen Wissens öffnete, was alles Forschen und Denken sicher in der Wirklichkeit verankerte. Es gäbe dann keine so knabenhaften Doktordissertationen mehr. Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer, Zögling und Erzieher wird ein restlos freies, wird das von Einzigem zu Einzigem im Sinne Stirners sein. Der Lehrer ist eine volle, unantastbare Persönlichkeit. Der Schüler ist eine volle, unantastbare Persönlichkeit. Nicht der geringste Zwang darf einem Menschen gegenüber angewendet werden, solange wir uns nicht in Notwehr befinden."


Aus: Werner Zimmermann: Lichtwärts. Ein Buch erlösender Erzieung. 1. Auflage 1921

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