Paul Geheeb: Ein grosser Erzieher und sein Werk

In der Idee leben heisst, das Unmögliche so zu behandeln, als ob es möglich sei! - Goethe

Das Schicksal und die Persönlichkeit Geheebs


Als ich vor etwas mehr als 10 Jahren Mitarbeiter in der Ecole d’Humanite in Goldern (Hasliberg) geworden war, hat Paul Geheeb nicht mehr gelebt. Er, der diese internationale Internatsschule zusammen mit seiner Frau nach deren Emigration aus Deutschland im Jahre 1934 gegründet hatte, war 91jährig, am 1. Mai 1961, eben dort gestorben. Die älteren Mitarbeiter der Schule jedoch, die Geheeb noch selbst gekannt und mit ihm gearbeitet hatten, sprachen immer wieder von ihm, seiner grossen Liebe zur Natur, seiner stillen, beobachtenden Art, aber auch von seinen legendären Kniebundhosen, seinem langen, weissen Bart und den offenen Sandalen, von denen er sich auch bei Schnee und Regen nicht getrennt haben soll.

Sie erzählten, wie der 85jährige seine Schüler beim Frühstück einmal ermahnt habe, die Fenster im Duschraum während der Nacht doch nicht offenstehen zu lassen; heute früh - es war mitten im Winter - bei seiner obligaten (kalten!) Morgendusche sei der ganze Fussboden mit Eis bedeckt gewesen, und das sei doch nicht nur unangenehm, sondern auch etwas gefährlich.

Auch Edith, wie wir sie alle nannten, seine Frau, die (damals 90jährig) noch regen Anteil am Leben der Schule nahm, erzählte immer wieder von «Paulus», ihrem gemeinsamen Leben und der Entwicklung der Schule. Sie erzählte davon, wie sie den knapp 40jährigen 1908 als Mitleiter von Wickersdorf, dem revolutionärsten der in jenen Jahren überall in Deutschland und den umliegenden Ländern entstandenen Landerziehungsheime kennengelernt habe. Sie erzählte von dem Traum einer neuen, auf kameradschaftlichem Miteinander, auf Lernfreude und Freiwilligkeit aufgebauten Schulgemeinschaft, von welchem die Gründer jener Landerziehungsheime, Hermann Lietz, Gustav Wyneken, Paul Geheeb und andere damals erfüllt gewesen seien. Sie erzählte von den engen Freundschaften dieser Männer und deren Zusammenarbeit in den allerersten Jahren dieses Jahrhunderts, aber auch von den bald auftretenden Unstimmigkeiten und den schliesslichen Zerwürfnissen. Sie erzählte, wie der schüchterne Geheeb um sie geworben habe - «der Kinder zuliebe, die dich brauchen!» -, und wie er, nachdem er Wickersdorf, die «liebste seiner Schulgründungen», habe verlassen müssen, mittellos und in geborgtem Anzug bei ihrem Vater, dem Berliner Stadtrat und Grossindustriellen Max Cassirer vorgesprochen und um ihre Hand gebeten habe. - Im April 1910 hätten sie dann die «Odenwaldschule» eröffnet, nachdem Geheebs Eingaben, eine eigene Schule betreiben zu dürfen, zuerst überall abgelehnt worden seien, weil er diesmal so kompromisslos auf der Koedukation von Jungen und Mädchen in allen Bereichen des Schul- und Heimlebens bestanden habe. Ihr Vater, der zuerst ganz gegen diese Pläne gewesen sei, habe sich dann bald für die Sache begeistert und völlig hinter die Schule gestellt.

Anfänglich sei da ja nur dieses alte Gasthaus, das spätere Goethehaus, gewesen, aber schon in den ersten Jahren habe ihr Vater dann das Humboldt-, das Herder-, das Fichte- und das Schillerhaus gebaut, alle nach jenen Philosophen des deutschen Idealismus benannt, die Geheeb immer als «seine Heroen» bezeichnet und auf denen er seine Schule aufgebaut habe. Aus den ersten 10 oder 12 Kindern seien sehr schnell mehr geworden, viel mehr - fast 200 zum Schluss! Na, nach 1918 seien sie ja doch sehr bekannt geworden; da seien immer mehr Besucher aus der ganzen Welt gekommen, um sich diese Odenwaldschule anzusehen und den Herrn Geheeb kennenzulernen!

Auch von der Emigration erzählte Edith oft: Damals, im Sommer 1933, als es klar geworden war, dass ein Weiterarbeiten nach ihren Vorstellungen in Deutschland nicht mehr möglich war, habe Paulus, immerhin schon reichlich über 60, für eine kurze Zeit erwogen, sich in den Ruhestand zurückzuziehen; er habe diesen Gedanken allerdings bald wieder verworfen und sich entschlossen, in Versoix bei Genf, in einem Institut eines Bekannten als dessen Gast (als Ausländer durfte er keine eigene Schule leiten) nochmals von vorne anzufangen. Diesmal wollte er aber keine nationale Schule mehr errichten, wie es die Odenwaldschule trotz der vielen ausländischen Mitarbeiter und Schüler im Grunde gewesen sei.
Die neue Schule sollte eine «Schule der Menschheit» sein, ein Ort, an dem sich die verschiedensten Kulturen der Welt begegnen, kennen und lieben lernen sollten.

Gerade weil diese Idee so unzeitgemäss erscheine, sagte Geheeb im Frühjahr 1934, als er die neue Arbeit begann, brauche die Welt eine solche Schule jetzt dringender als je zuvor. - Ja, Paulus habe doch immer sehr an die Wichtigkeit seiner Ideen geglaubt, dabei seien es doch recht schwierige Zeiten gewesen, jene ersten Jahre in der Schweiz. Das Misstrauen der Behörden diesen zwei zwar berühmten, aber dennoch merkwürdigen deutschen Emigranten gegenüber, die Unstimmigkeiten mit jenem Bekannten, in dessen Institut sie ihre Schule zu führen versuchten, schliesslich der plötzliche Bruch mit ihm und der fluchtartige Auszug aus dem Institut, das mehrmalige Umziehn von Provisorium zu Provisorium im Jahre 39, bis sie im Herbst dann nach Schwarzsee in Fribourg gekommen seien, wo sie während des 2. Weltkrieges (die Schülerzahl der «Schule der Menschheit» war bei Kriegsbeginn auf unter 10 herabgesunken!) bleiben konnten. Edith erzählt von den Flüchtlingskindern aus halb Europa, die man ihnen dann zuzuweisen begann. Sie erzählt von den immer enger werdenden Verhältnissen in Schwarzsee, vom Improvisieren und Sparen an allen Ecken und Enden, von der Primitivität aller Einrichtungen, von den Sorgen, aber auch vom starken Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, welches während dieser Jahre bestanden habe. Schliesslich erzählt sie vom letzten Umzug der Schule, der Reise nach Goldern auf dem Hasliberg im Frühjahr 1946. Damals hätten sie die Schule beinahe schliessen müssen, weil sie bis praktisch zum letzten Tag keinen neuen Ort gefunden haben, und in Schwarzsee hätten sie ja nicht mehr bleiben können.

Während Edith erzählt, wird spürbar, wie viel die «Ecole» und die Odenwaldschule, aber auch Geheeb selbst dieser Frau zu verdanken haben: So gewiss die Odenwaldschule und die Ecole d’Humanite ohne Paulus nicht entstanden wären, so gewiss würden sie ohne Edith heute nicht mehr bestehen!

Dass Geheeb an sich alles andere als ein von Grund auf optimistischer, selbstsicherer und unkomplizierter Tatmensch gewesen ist, das deutet er selbst verschiedentlich an, und die häufigen, in ihrer Tiefe oft nur schwer verständlichen Auseinandersetzungen mit und abrupten Trennungen von guten Freunden und Mitarbeitern oder die immer wiederkehrenden Erschöpfungszustände, die vor allem Geheebs erste Lebenshälfte, seine Studentenzeit und seine ersten Jahre als praktischer Erzieher und Reformer zwischen 1899 und 1909 geprägt haben, lassen uns etwas von dem «andern Geheeb» ahnen, der sich selbst und andern manchmal so schwierig sein konnte. Die unerbittliche Zähigkeit, mit welcher Geheeb allen äussern Widerwärtigkeiten, allem Unverständnis und Besserwissen zum Trotz für seine Idee einer menschlichen Schule gekämpft hat, ist andererseits vielleicht auch nur von dieser innern Not her überhaupt zu verstehen: Als junger Student der Theologie schreibt Geheeb in einem Brief, wie sehr er - als 14jähriger durch den Tod seiner Mutter plötzlich tief erschüttert und unerwartet aus der harmonischen Welt seiner Kindheit gestossen - an der Oberflächlichkeit und Rohheit seiner Schule gelitten habe, wie sehr er dadurch aber auch ein ganz besonderes Verhältnis zu Kindern, eine «heilige Scheu» und eine «unsagbare Liebe zu ihnen» entwickelt habe. Diese heilige Scheu vor der Einzigartigkeit und Eigenständigkeit, aber auch vor der so grossen Verletzlichkeit jedes Menschen (und damit auch jedes Kindes!) prägten nicht nur das Verhalten des Erziehers und Menschen Geheeb dem einzelnen gegenüber, sie bestimmte auch die von ihm im Laufe der Zeit entwickelte Schule.

Die Hinterlassenschaft Geheebs, seine Schule


Als Internat angelegt, wollte Geheeb in seiner Schule eine Lebensund Lerngemeinschaft von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verwirklichen, in der sich Lehrer und Schüler wieder als ganze Menschen erleben und begegnen können sollten.
Der Unterricht, aber auch all die andern Dinge des Zusammenlebens sollten dabei stets, wie es natürlich sei, die gemeinsame Sache aller sein. Damit Zuverlässigkeit, Kooperationsbereitschaft und ähnliches - in traditionellen Schulen von Schülern und Lehrern oft nur als abstrakte oder gar willkürliche Forderung irgendeines Vorgesetzten empfunden - für jeden zu einer einsehbaren Notwendigkeit im Zusammenleben würden, sollten alle Mitglieder seiner Schule, die Erwachsenen genauso wie die Kinder, in deren diversen Arbeitsgruppen und Gremien zu Mitbestimmenden, aber auch zu Mitverantwortlichen werden können.

«Verlasse man sich darauf: Die Jugend ist zum Höchsten willig und fähig, aber nur unter der Bedingung, dass ganzer Ernst mit dem Höchsten gemacht werde, habe schon Delagarde gesagt.

Aber nicht nur das Gemeinschaftsleben, sondern auch die schulische Arbeit im engeren Sinn sollte von einem ganz andern Geist erfüllt sein: Selbständiges, von eigenen Energien getragenes und an eigenen Fragen orientiertes Lernen sollte so weit wie möglich an die Stelle des so gewohnten, lustlosen Konsumierens von irgendwelchen, von dritter Seite vorgeschriebenen Bildungsgütern treten, denn, so wurde Geheeb nicht müde zu zitieren: «Niemand wird kultiviert, sondern jeder hat sich selbst zu kultivieren. Alles bloss leidende Verhalten ist das gerade Gegenteil der Kultur!» (J. G. Fichte) - Statt uniforme Massenmenschen zu produzieren, sollte die Schule durch ihre Organisation die individuelle Entfaltung jedes einzelnen Schülers in höchst möglichem Masse fördern. «Gott wolle sich», so schrieb Geheeb 1924, «die Freude an der unendlichen Fülle einzigartiger Individualitäten nicht durch den Anblick einer Herde verkümmerter, nach irgendeinem menschlich beschränkten Schema abgerichteter zweibeiniger Wesen verderben lassen!»

Schliesslich war Geheeb entschlossen, mit dem alten Postulat Pestalozzis, nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Hand zu erziehen, ernst zu machen: In seiner Schule sollte sportlichen, handwerklichen, musischen und künstlerischen Aktivitäten, aber auch der sozialen Erziehung der Schüler gleich viel Platz eingeräumt werden wie ihrer Verstandesbildung.

Selbständige Arbeit, Motivation von innen heraus, möglichst grosser Raum für die individuelle Entfaltung jedes einzelnen, harmonische Bildung des ganzen Menschen usw., das waren für Geheeb keine blossen Schlagworte: Davon, dass man aus diesen, weitherum anerkannten Postulaten endlich ernsthafte Konsequenzen ziehe und sich nicht mehr mit irgendwelchen Scheinreformen zufrieden gebe, hänge, das war Geheebs Überzeugung, unglaublich viel für die Zukunft der Menschen ab. Wie eine menschengemässere Schule im einzelnen aussehen könnte, das hat Geheeb in seiner Schule zu zeigen versucht. Die Schule, die Paul und Edith Geheeb uns hinterlassen haben, kann mit ihrem System frei wählbarer Kurse, in welchem der gesamte Unterricht (mit Ausnahme desjenigen für die Kleinsten) angeboten wird, ihrer konsequent verwirklichten Notenfreiheit, ihrer Internationalität, ihrer Flexibilität in bezug auf individuelle Schülerwünsche, ihrer demokratischen Grundhaltung gegenüber Schülern und Lehrern usw. trotz, ja gerade wegen ihrer Form als Internat noch heute sowohl auf der Ebene eines regulären Klassenzimmers (Erproben periodischer Lehrer- und Schülerberichte u.a.m.) als auch auf derjenigen der Schulorganisation (Überwindung des Prinzips der starren Jahrgangsklassen zugunsten eines flexibleren Systems frei wählbarer Kurse u. a. m.) zahlreiche Denkanstösse und Anregungen geben. Die Ecole d’Humanite ist aber darüber hinaus (und in unserer Zeit vielleicht vor allem) deshalb bedeutsam, weil viele, die sie im Laufe ihrer Geschichte bis heute kennengelernt haben, in ihr ein Stück jener andern friedlicheren und humaneren Welt erlebten, an die Geheeb so sehr geglaubt und für die er gearbeitet hat.


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