Paul Geheeb, 1870 bis 1961

Paul und Edith Geheeb-Cassirer sind Memschen der ersten hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Gemeinhin rechnet man diese zu den reformpädagogen, obwohl die 'Reformpädagogen', wenn man sie genauer betrachtet, so unterschiedlich sind wie ...



Leben


Paul Geheeb wurde am 10. Oktober 1870 in Geisa, einem kleinen Städtchen im Westen Thüringens, geboren. Er besuchte die Gymnasien in Fulda und Eisenach. Nach einem Militärjahr in Gießen studierte er in Berlin und Jena, wo er im April 1893 das erste Staatsexamen als evangelischer Theologe ablegte. Danach wandte er sich medizinischen, psychologischen, pädagogischen und philologischen Fächern zu und schloß sein Studium nach weiteren abwechselnd in Jena und Berlin zugebrachten 12 Semestern 1899 mit dem Oberlehrerexamen ab. Von April 1893 bis Juni 1894 arbeitete er zusätzlich als Lehrer und Erzieher in Johannes Trüpers «Anstalt für psychopathische Kinder» auf der Sophienhöhe bei Jena und betreute danach für weitere anderthalb Jahre einen epilepsiekranken Jungen.

Während seines Studiums engagierte er sich im Kampf gegen den Mißbrauch alkoholischer Getränke; er verkehrte in der deutschen Gesellschaft für ethische Kultur und im Kreise Moritz von Egidys.1 Für einen Mann seiner Generation besonders auffallend war Geheebs starkes Interesse für die Anliegen der Frauenbewegung, mit der er als Student auf Grund seiner Freundschaft mit Minna Cauer, Anita Augspurg, Lily Braun u.a. führenden Vertreterinnen der Bewegung sachlich und persönlich eng verbunden war.

1892 befreundete Geheeb sich mit Hermann Lietz (1868-1919), der nach einer gründlichen pädagogischen Ausbildung bei Wilhelm Rein in Jena und einigen Schulerfahrungen (u.a. einem Jahr an Cessil Reddies 1889 gegründeter New School of Abbotsholme) 1898 das erste «deutsche Landerziehungsheim» in Ilsenburg im Harz eröffnete. Obschon Lietz Geheeb gerne in Ilsenburg gehabt hätte, nahm dieser 1899 zunächst eine Stelle als Lehrer im neu eröffneten Sanatorium des Dr. Carl Gmelin in Wyk auf Föhr an. 1902 folgte er schließlich dem Drängen seines Freundes Lietz und ging als Lehrer nach Haubinda, Lietz’ zweiter Schulgründung aus dem Jahre 1901.

Nach der Gründung eines dritten Landerziehungsheimes in Schloß Bieberstein bei Fulda 1904 übernahm Geheeb die Leitung von
Haubinda, trennte sich jedoch im Juni 1906 im Streit von Lietz und eröffnete im September desselben Jahres zusammen mit Gustav Wyneken, Martin Luserke und einigen weiteren Mitarbeitern von Haubinda die in der Nähe von Saalfeld, Thüringen, gelegene «Freie Schulgemeinde Wickersdorf». Im Februar 1909 verließ Geheeb die FSG Wickersdorf, da er mit seinem intellektuell viel stärkeren Mitdirektor Wyneken nicht zurecht kam. Im Oktober desselben Jahres heiratete er Edith Cassirer (1885-1982), die er als Praktikantin in Wickersdorf kennengelernt hatte, und 1910 eröffnete er, finanziell in großzügigster Weise unterstützt durch seinen Schwiegervater, den Charlottenburger Kommunalpolitiker und Industriellen Max Cassirer, die Odenwaldschule in Oberhambach, nahe Heppenheim. Die Odenwaldschule zählte in der Zeit der Weimarer Republik zu den auch international bekanntesten Reformschulen Deutschlands.

Nach verschiedenen Konflikten mit den Nationalsozialisten zogen Paul und Edith Geheeb im April 1934 mit zwei oder drei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowie zwei Dutzend Schülern und Schülerinnen in die Schweiz, wo sie ihre Arbeit zunächst als Gäste eines nahezu bankrotten in der Nähe Genfs gelegenen Instituts fortsetzten. Die neue Schule sollte, in bewußtem Gegensatz zur Tendenz der Zeit, im Kleinen die friedliche Kooperation aller Nationen und Kulturen vorwegnehmen, indem sie als «Schule der Menschheit» (Ecole d’Humanite) Kinder aus der ganzen Welt aufnahm.

Ab 1936/37 wurde es immer schwieriger, die Schule, die jetzt zum großen Teil von jüdischen und halbjüdischen Kindern aus Deutschland und von Kindern emigrierter Deutscher besucht wurde, materiell über Wasser zu halten. Nach zwei unfreiwilligen Ortswechseln ließen sich die Geheebs im Oktober 1939 mit ihrer mittlerweile ganz verarmten Schule in einem kleinen Dörfchen in den Fribourger Alpen nieder, wo sie den Krieg in äußerst beengten Verhältnissen überstanden. Nachdem die Schülerzahl von rund 60 im Jahr 1936 auf 20 im Jahr 1940 und auf 7 im Jahr 1941 zurückgegangen war, begannen die Geheebs im Herbst 1942 mit der Aufnahme von Flüchtlingskindern aus dem kriegsversehrten Europa. In der Hoffnung, das Projekt einer «Schule der Menschheit» schließlich doch noch in großem Maßstab verwirklichen zu können, zogen die Geheebs 1946 erneut um. Sie ließen sich in Hasli- berg-Goldern im Berner Oberland, dem heutigen Standort der «Ecole d’Humanite», nieder, wo Geheeb nach verschiedenen Ehrungen am 1. Mai 1961 starb


Werk


Die von Hermann Lietz 1898 initiierte Bewegung der deutschen Landerziehungsheime oder der New Schools bzw. Ecoles Nouvelles ala Campagne, wie dieselbe Bewegung im englischen und französischen Sprachraum hieß, war ein Teil der kulturkritischen und lebensreformerischen Protestbewegungen, mit denen das ausgehende 19. Jahrhundert in Europa und den USA auf die Industrialisierung und die diese begleitenden gesellschaftlichen Veränderungen reagierte. Die Landerziehungsheimbewegung wollte die diagnostizierte Krise «vermittelst einer von Grund auf neuen Erziehung» (Geheeb 1930) auffangen und bearbeiten.

Zentrale Idee dieser «neuen Erziehung» war der Rückzug auf das Land und das Leben im Rahmen einer von allen mitgestalteten und mitgetragenen Erziehungsgemeinschaft von jung und alt. Trotz dieses gemeinsamen Ausgangspunktes kann man von einer Pädagogik der Landerziehungsheime im Grunde allerdings ebensowenig sprechen wie von einer einheitlichen Reformpädagogik: Während körperliche Leistungen - lange Radtouren oder Arbeiten in Wald und Feld - bei Hermann Lietz eine große Rolle spielten, legten der weichere Geheeb, Martin Luserke, Max Bondy und andere Landerziehungsheimgründer beispielsweise mehr Gewicht auf musische und handwerkliche Aktivitäten und auf ein eher kontemplatives Verhältnis zur Natur.

Ähnliche mehr oder weniger große Unterschiede gab es auch im Bereich der Schülermitbestimmung und der Unterrichtsorganisation oder in der damals besonders brisanten Frage der Koedukation. Auch die politische und religiöse Ausrichtung der Heime und ihrer Gründer war sehr verschieden: Die Odenwaldschule mit ihrem hohen Anteil an ausländischen Schülerinnen und Schülern (um 1930 zwischen 30 und 40%) und ihrem von Geheeb geförderten starken Interesse an außereuropäischen Kulturen und Religionen bildete zusammen mit Uffrechts freier Schul- und Werkgemeinschaft den linken Flügel der ansonsten eher konservativen, deutsch-nationalen Landerziehungsheimbewegung.

Die Odenwaldschule war die erste (Internats)-Schule Deutschlands, in der Mädchen und Jungen gemeinsam erzogen und unterrichtet wurden. In diesem auch von der Reformpädagogik stets sehr kontrovers diskutierten Bereich galt Geheeb deshalb bis zu seiner Emigration 1934 als einer der profiliertesten Experten.1 Er war überzeugt davon, daß sich die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen nicht nur positiv auf deren individuelle Entwicklung und deren späteres Verhältnis zueinander auswirke. Er sah in der Koedukation auch ein wichtiges Mittel zur «Überwindung der einseitigen Männerkultur»,2 ja im Grunde lag für ihn gerade hier die eigentliche Bedeutung der Koedukation.

Die unter der Federführung Otto Erdmanns, eines jungen Mitarbeiters der Schule, während der ersten drei Jahre ihres Bestehens entwickelte, 1914 erstmals öffentlich vorgestellte besondere Arbeitsorganisation der Odenwaldschule3 war ein zweiter Grund für das große Interesse, auf welches Geheebs Arbeit bei in- und ausländischen Fachleuten schon bald nach Eröffnung der Schule stieß. Nach einer Zeit ziemlich wilder Experimente mit verschiedenartigen Strukturen hatte man sich entschlossen, die herkömmlichen Jahrgangsklassen durch ein flexibles System frei wählbarer Kurse zu ersetzen: Von Erwachsenen beraten, wählten sich die Kinder (mit Ausnahme der Kleinsten) jeweils zwei oder drei Kurse, die sie während eines Kursmonats oder einer Kursperiode jeden Vormittag besuchten. Am Ende jedes Kursmonats wurde im Rahmen einer «Kursschlußschulgemeinde» über die Arbeit in den verschiedenen Kursen berichtet. Danach wählte man neu, wobei ein Kurs gelegentlich auch über zwei oder mehr Kursmonate fortgesetzt werden konnte. Die Zensuren wurden durch schriftliche Kursberichte und durch periodische Gespräche über die eigenen Leistungen, das Klima in einem Kurs u. ä. ersetzt. Die Nachmittage waren handwerklichen und musischen Aktivitäten und eigenen Projekten Vorbehalten, um auf diese Weise, wie Geheeb in seinem ersten Schulprospekt schrieb, «der bedenklichsten unserer Zeitkrankheiten, dem einseitigen Intellektualismus und der damit zusammenhängenden unethischen Überschätzung der Technik» entgegenzuwirken.4 Auch in diesem Bereich ging man in der Odenwaldschule weiter als in den meisten Reformschulen jener Jahre, einschließlich der Lietzschen Landerziehungsheime und der bunten Schar ihrer Nachfolger.5

Bekannt wurde die Odenwaldschule schließlich auch durch die liberale und offene Art, in der Geheeb mit der «Schulgemeinde» umging. Die «Schulgemeinde», d. h. die alle ein bis drei Wochen stattfindende Versammlung der gesamten Schule - zu Beginn der 1930er Jahre immerhin beinahe 200 Kinder und Jugendliche und rund 100 Erwachsene - war für Geheeb das eigentliche Herz seiner Schule. In diesen Versammlungen wurde über große und kleine Vorkommnisse informiert und diskutiert, hier wurden grundsätzliche mit der Schule oder der Welt draußen zusammenhängende Fragen gewälzt und Beschlüsse gefaßt oder umgestoßen.
Diese Versammlung war im Grunde die einzige Struktur, die Geheeb seiner Schule 1910 als Motor und lebendige Mitte mit auf ihren Weg gegeben hatte. Alle anderen Einrichtungen waren sekundär und standen im Prinzip jederzeit zur Disposition. So wie für jeden seiner Schüler galt auch für die Schule als Ganze der von Geheeb immer wiederholte Satz Pindars: «Werde, der Du bist!» Auch die Schule sollte sich andauernd entwickeln, und zwar nicht zu dem, was Geheeb wollte, sondern zu dem, was in ihr zu jedem gegebenen Moment möglich und lebendig war. «Tatsächlich unterziehen wir die mannigfaltigen Formen, in denen die Gemeinschaft zu realem Ausdruck und Auswirken gelangt», so Geheeb dazu 1924, «immer und immer wieder einer Revision aus dem Gesichtspunkte jener obersten Maxime, so daß die Formen und Einrichtungen des sozialen Lebens unserer Gemeinschaft in ständigem Flusse begriffen sind.»6 Wenn Geheeb hier auch etwas idealisiert - einen «heimlichen Lehrplan» des scheinbar so offenen «Werde, der Du bist» gab es natürlich auch bei ihm! so wurde das Maß und die Art der in der Odenwaldschule verwirklichten Schülermitbestimmung und -mitverantwortung von der Mehrheit der zeitgenössischen Beobachter doch als sehr beeindruckend und vorbildlich empfunden!7 die offene Handhabung der Schülermitbestimmung im Rahmen der Schulgemeinde und anderer Gremien sowie Geheebs all diesen Einrichtungen zugrundeliegendes Vertrauen auf den «gesunden Sinn» der Jugend und der Ernst, mit dem er diese Jugend betrachte, hätten die Odenwaldschule, so stellte Herders Lexikon der Pädagogik 1930 fest, vielleicht zum «umfassendsten und kühnsten Schulversuch Deutschlands, ja vielleicht ganz Europas» gemacht.10
Schließlich ist auch die Wertschätzung, welche Geheeb durch Eduard Spranger, Martin Buber, Ellen Key, Martin Wagenschein, Raymond Klibansky, Rabindranath Tagore, Kuniyoshi Obara, Beatrice Ensor, A. S. Neill und viele andere, der reformpädagogischen Bewegung seiner Zeit nahe stehende Menschen erfuhr, ein Beleg für die Ausstrahlung seiner Arbeit.

Wenn wir anders als im Falle von Maria Montessori, Celestin Freinet oder Rudolf Steiner heute auch nicht von einer Geheeb- Pädagogik sprechen können, so gibt es doch eine ganze Reihe von Pädagogen und Pädagoginnen, die durch Geheebs «Schule» gegangen sind und seine Grundsätze von dort an andere Orte getragen haben und tragen. Auch einzelne, direkt von Geheeb inspirierte Schulgründungen lassen sich nachweisen, so insbesondere die 1937 durch zwei ehemalige Mitarbeiter der Geheebs gegründete Childrens Garden School in Madras, Indien. Dazu kommen natürlich die von Paul und Edith Geheeb selber gegründeten Schulen.

Die Odenwaldschule - während des «Dritten Reiches» als «Gemeinschaft der Odenwaldschule» von zwei Mitarbeitern Geheebs in eigener Regie weitergeführt - ist seit ihrer Wiedereröffnung 1946 zwar ganz bewußt eigene, neue Wege gegangen, hat jedoch - vor allem im Bereich der Oberstufenreform - vor allem in den 1950 oer und 1960er Jahren eine nicht unwesentliche Rolle in der Bundesrepublik Deutschland gespielt und setzt sich seit den 1970er Jahren wieder verstärkt mit den pädagogischen Grundsätzen ihres Gründers auseinander. Anders die Ecole d’Humanite: Sie hat die wesentlichen Merkmale der Geheebschen Odenwaldschule bis heute praktisch unverändert beibehalten. Durch Ruth C. Cohn und ihre Methode der themenzentrierten Interaktion in den 1970er Jahren neu belebt, gilt sie heute als eine der profiliertesten Alternativschulen der Schweiz, wobei vor allem das Kurssystem, die ausgeprägte Tradition der Schülermitverantwortung und die ungewöhnliche Interkulturalität der Schule auf unvermindert großes Interesse stoßen."

So wichtig die im Rahmen der Odenwaldschule entwickelten schulorganisatorischen Einrichtungen sind, ausschlaggebend für Geheeb war letztlich nur die pädagogische Idee, auf welcher seine Praxis beruhte: Er plädierte in seinen Reden und Aufsätzen immer wieder für etwas, was man als Paradigmenwechsel in der Pädagogik bezeichnen könnte.

Geheeb glaubte nicht an die dem heutigen Bildungswesen zugrundeliegende Vorstellung, daß Bildung plan- und vermittelbar sei. Durch diese von außen an den Menschen herangetragene Erziehung würden die Menschen, so Geheeb 1930, «immer gleichartiger und langweiliger» und entwickelten sich «zu kümmerlichen Karikaturen dessen, was sie ihrer individuellen Bestimmung nach hätten werden sollen».12

«Ich würde am liebsten», so sagte er 1936, «die Ausdrücke und überhaupt nicht mehr gebrauchen, sondern vorziehen, von menschlicher Entwicklung zu sprechen.» «(...) Der Entwicklungsprozeß, in dem sich jeder Mensch von der Geburt bis zum Tode - und hoffentlich weit darüber hinaus - befindet, der Prozeß andauernder, zunächst unbewußter, allmählich bewußt werdender Auseinandersetzung, in der sich jedes Individuum mit seiner Umgebung, mit Menschen und Dingen, mit Natur und Kultur befindet, die empfangenen Eindrücke teils fruchtbar verarbeitend und als Bildungsstoffe zum Aufbau der eigenen Individualität assimilierend, teils aber ablehnend» war für Geheeb das einzige, was am Vorgang der Erziehung «vernünftigerweise haltbar» sei.13 Der Erwachsene ist für Geheeb deshalb vor allem Freund und Berater, nicht «Lehrer» oder «Erzieher», und die eigentliche Aufgabe der «Erzieher» besteht für ihn darin, Lebensräume zu schaffen und zu erhalten, in denen die Heranwachsenden sich frei bewegen und entfalten können - lebendige Gemeinschaften, wie seine Schulen es sein wollten.

«Niemand wird kultiviert, sondern jeder hat sich selbst zu kultivieren; alles bloß leidende Verhalten ist das gerade Gegenteil der Kultur. Bildung geschieht durch Selbsttätigkeit und zweckt auf Selbsttätigkeit ab», diese von Geheeb oft zitierten Worte Johann Gottlieb Fichtes sind wohl der prägnanteste Ausdruck für die «lernpsychologische Basis» der pädagogischen Position Geheebs. Es ist eine Position, die dem im 19. Jahrhundert entwickelten Konzept der modernen, von oben her geplanten, auf allgemeinen Lehrplänen und standardisierter Leistungskontrolle beruhenden Massenschule im Grunde diametral entgegensteht. Wenn Geheeb vom Verhältnis der modernen Gesellschaft zu ihren Kindern sprach, so sprach er deshalb stets von «Abrüstung im Lager der Erwachsenen», von «Umkehr» und «Revolution». Damit steht Geheeb Denkerinnen und Denkern, Pädagoginnen und Pädagogen wie Ivan Illich, Rebecca und Mauricio Wild, J. C. Pearce, Carl Rogers, Paulo Freire oder Max Stirner und anderen pädagogischen Außenseitern im Grunde viel näher als der Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen im Bereich der bürgerlichen Reformpädagogik oder der Landerziehungsheimbewegung.

Auffallenderweise ist diese in seinen Reden und Aufsätzen klar formulierte Radikalität von seiner Umgebung bis heute kaum wahrgenommen worden. Die Allgemeinheit und das pädagogische Establishment, so könnte man Geheebs Rezeptionsgeschichte zusammenfassen, reduzierte Geheeb auf den guten Pragmatiker.


Martin Näf: Paul Geheeb, 1870 bis 1961


Herausgegeben von Heinz-Elmar Tenorth, Zweiter Band: Von John Dewey bis Paulo Freire. Verlag C. H. Beck 2003, S. 89 ff.


Literatur


1. Werkausgaben
Geheeb, P.: Rede zur Eröffnung der Odenwaldschule. Wiederabgedruckt u. a. in: Dietrich 1967,96-99.
Geheeb, P.: Die Odenwaldschule (Prospekt, März 1910), 3. Auflage, Darmstadt 1911. Wiederabgedruckt in: Flitner, W./Kudritzki, G. (Hg.): Die Deutsche Reformpädagogik. Bd. I, Düsseldorf/München 1961, 88-93.
Geheeb, P.: Koedukation als Lebensanschauung, in: Die Tat 5 (1914), 1238-1249. Wiederabgedruckt in: Cassirer i960,116-127.
Geheeb, P.: Die Odenwaldschule. Ihre geistigen Grundlagen, in: Hilker, Franz (Hg.): Deutsche Schulversuche, Berlin 1924, 91-101. Wiederabgedruckt in: Cassirer i960, 154-165.
Geheeb, JP.: Die Odenwaldschule im Lichte der Erziehungsaufgaben der Gegenwart. Erstmals veröffentlicht 1930. Wiederabgedruckt in: Cassirer i960, 131— 154.
Schäfer, W. (Hg.): Paul Geheeb - Briefe, Stuttgart 1970.


2. Bibliographie
Schwarz, K.: Bibliographie der deutschen Landerziehungsheime, Stuttgart 1970.


3. Biographie
Näf, M.: Paul Geheeb. Seine Entwicklung bis zur Gründung der Odenwaldschule, Weinheim u.a. 1998 (Bd.II [Die Jahre 1910 bis 1961] in Vorbereitung).
Schäfer, W.: Paul Geheeb. Mensch und Erzieher. H. 4 der Reihe «Aus den Deutschen Landerziehungsheimen», Stuttgart o.J. (i960).
Shirley, D.: The politics of progressive education. The Odenwaldschule in Nazi Germany, Cambridge, Mass. T 992.


4. Monographien
Bast, R.: Kulturkritik und Erziehung. Anspruch und Grenzen der Reformpädagogik, Dortmund 1996.
Cassirer, E. u. a. (Hg.): Erziehung zur Humanität. Paul Geheeb zum 90. Geburtstag, Heidelberg i960.
Cohn, R./Terfurth, Chr. (Hg.): Lebendiges Lehren und Lernen. TZI macht Schule, Stuttgart 1993.
Dietrich, T. (Hg.): Die Landerziehungsheimbewegung. Klinkhardts pädagogische Quellentexte, Bad Heilbrunn 1967.
Hansen-Schaberg, I./Schonig, B. (Hg.): Landerziehungsheim-Pädagogik. Basiswissen Pädagogik. Teilbereich: Reformpädagogische Schulkonzepte Bd. 2, Baltmannsweiler 2002.
Keim, W. (Hg.): Kursunterricht. Begründungen, Modelle, Erfahrungen, Darmstadt 1997.
Röhrs, H. (Hg.): Die Schulen der Reformpädagogik heute. Handbuch reformpädagogischer Schulideen und Schulwirklichkeit, Düsseldorf 1986.
Schäfer, W.: Erziehung im Ernstfall. Die Odenwaldschule 1946-1972, Frankfurt a.M. 1979.


Anmerkungen


1 Moritz von Egidy (1847-1898) setzte sich als populärer Redner und Autor für ein «Christentum der Tat» ein; aufgrund seiner kirchenkritischen Äußerungen in den 1890 veröffentlichten «Ernsten Gedanken» wurde er aus dem sächsischen Militärdienst entlassen.

2 Zu Leben und Werk von P. und E. Geheeb vgl. neben den im Literaturverzeichnis angegebenen Titeln auch die Web-Angebote der Odenwaldschule und der Ecole d’Humanite (www.ocienwaldschule.de und www. ecole.ch).

3 Vgl. dazu u.a. Kraul, M.: Jungen und Mädchen in einer Klasse - der Weg zur Koedukation, in: Glumper, E. (Hg.): Koedukation. Entwicklungen und Perspektiven, Bad Heilbrunn 1994, 31-48; Hansen-Schaberg, I.: Die pädagogische Reformbewegung und ihr Umgang mit der Koedukation, in: Kleinau, E./Opitz, C. (Hg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung in Deutschland, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1996, 219-229, sowie Horstkemper, M.: Die Koedukationsdebatte um die Jahrhundertwende, ebd., 203- 218.

4 Geheeb 1914, in: Cassirer i960, 122.

5 Erdmann, O.: Die Arbeitsorganisation der Odenwaldschulen, in: Die Tat 5 (1914), 1284-1288. Wiederabgedruckt in: Dietrich 1967, 99-105, und Keim 1997, 151-159-

6 Vgl. Geheeb 1911.

7 Vgl. dazu besonders Keim 1997.

8 Geheeb 1924, 97.

9 Vgl. dazu u.a. Konrad, F.-M.: Die Schulgemeinde: Ein reformpädagogisches Modell zur Förderung sozial-moralischen Lernens in Schule und Jugendfürsorge, in: Pädagogisches Forum (1995), 181-193.

10 Zitiert nach Schäfer i960, 23.

11 Vgl. dazu Schäfer 1979, Rohrs 1986 und Cohn/Terfurth 1993.

12 Geheeb 1930, in: Cassirer i960, 134.

13 Geheeb, P.: Leben und Arbeiten mit Kindern. Vortrag in Utrecht, 18. April 1936 anläßlich der Konferenz der holländischen Sektion der New Education Fellowship zum Thema «Wie lernen wir Zusammenleben?», Privatdruck, o.O. 1936,7.


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