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Martin Näf oder: Ich trete auf die Bühne

Jetzt trete ich auf! Keine Angst, ich will nicht die ganze Lebesgeschichte erzählen, vorallem weil ich sie noch nicht ganz kenne. Ich wundere mich überhaupt, dass wir normalerweise eine Lebensgeschichte haben. Also heisst das mein Leben breitet sich aus und dann, mehr oder weniger aprupt, höre ich auf zu existieren.

Meggen, im Hinterland von Luzern

Im Juli 1955 wurde ich geboren. Darüber, so wie etwa auch über die Monate vor meiner Geburt, mein vorgeburtliches Leben auf dieser Welt und vieles andere weiss ich selbst nichts mehr, obwohl einige meinen, sie wüssten gemau was sich im Bauch der Mutter und noch vorher abgespielt hat. .

Als ich etwa sechs Monate alt war, stellte man fest, dass etwas mit meinen Augen nicht stimmte. Hans, mein Vater, war damals als Offizier in Korea, und Annemarie erzählte Hans erst nach der Rückheer in die Schweiz, dass sie sich wegen Martin sorgen mache..

In meinen ersten anderthalb Lebensjahren, sei ich, so erzählen meine Eltern mir später, sehr häufig für kürzere oder längere Zeit wegen der Augen im Spital oder ambulant in Zürich gewesen. In jener Zeit krieckte ich auch eine Lungenentzündung, die mich fast ausgeblasen hätte, bevor das Leben richtig in Fahrt gekommen wäre! Ich war damals ungefähr ein Jahr alt. Ich meine mich selbst an einen Ring weissbekittelter Menschen zu erinnern, die alle um mich herumstehen, sich über mich beugen, während ich liege. Tatsächlich sei mein Zustand damals kritisch gewesen, und solch eine Szene mag durchaus stattgefunden haben. Als ich die Lungenentzündung hatte, soll ein Arzt gesagt haben, es sei ja vielleicht besser, wenn ich jetzt sterbe. Damit würde mir und meinen Eltern viel erspart. - Jetzt reagierte Annemarie. "Wenn Sie ein Maturzeugnis von Martin in der Hand halten, dann glauben Sie's vielleicht!' Und weil es so schön ist, so sage ich noch, sie schmiss die Tür zu und ging weg -, allerdings wo hätte ich dann meinen Schoppen gekriegt! Also stimmt das nicht ganz. Wir gingen noch lange nach Zürich in die 'Kontrolle' und ins Spital.

Ich selbst sei kein anziehendes Kind gewesen. Immer etwas quengelig, immer irgendwie feucht und unförmig. Einige erinnern sich, ich sei geradezu apathisch gewesen, habe mir von meinem älteren bruder Tomi alles gefallen lassen und sei stundenlang stumpfsinnig einfach irgendwo gesessen, habe kaum wirklich gespielt, höchstens mal ein Bauklötzchen in meinen Händen rumgedreht oder etwas derartiges. Meine Eltern sagen, dass ich mit anderthalb Jahren für längere Zeit nicht mehr ins Spital musste. Da sei ich plötzlich anders geworden. Hungriger, wacher, lebendiger. Ich war jetzt mehr oder weniger ein Kind wie alle anderen!

Meine Mutter hatte in den ersten Jahren meines Lebens offenbar viele Auseinandersetzungen über dieses misslungene Kind. Eine Ärztin habe immer wieder gesagt, ich habe einen Wasserkopf und viel werde wohl nie aus mir. Blindheit konnte man sich damals nicht vorstellen. Hans wollte zuerst auch etwas tun. Man könnte doch in den USA operieren oder ... Anne-Marie war dagegen. Warum, das weiss ich nicht mehr, aber ich nehme an, dass sie eher als Hans gespürt hat, dass man auch das, was am anfang vielleicht schwer war, akzeptieren könne und müsse.

Ich erinnere mich dunkel an Autogeräusche und Autoluft, an Müdigkeit und Brechreiz.Die Fahrten mit meiner Mutter von Meggen nach Zürich in unserem alten VW. Die Frau, die meine Mutter ist, scheint mir dabei vorallem müde. Als konkrete Erinnerung gegenwärtig, ist mir ein Bild, was ich in einer der(zur Augendruckmessung damals notwendigen) Narkose gesehen hatte.(Narkose bedeutete immer ein Wegtauchen in Träume und Schlaf): Ein Haus auf einer Bildseite. Und ein Weg, der zum Haus hinführt, von der anderen Bildseite her kommend. Schnurgerade dem unteren Bildrand folgend. Der Weg, daran erinnere ich mich vorallem, ist von einer Reihe sehr schematisch, wie von Kinderhand gezeichnet wirkender Blumen, flankiert. Keine Blumenpracht, eher eine notdürftige, einem Gartenzaun ähnelnde, Dekoration dieses Weges. Im Zusammenhang mit diesen Narkosen glaube ich mich auch an ein Wartezimmer zu erinnern und daran, wie ich mich gesträubt habe von einer Schwester mitgenommen zu werden. Ich wollte im hellen Wartezimmer bei meiner Mutter bleiben. Nicht von dieser Frau in irgendeinen dunklen Gang getragen werden. Ich erinnere mich (oder meine es),wie ich mich an einen Heizkörper festgeklammert habe und aus Leibeskräften um mein Recht kämpfte. Ich habe die Schlacht verlohren, aber ich habe gekämpft!

Auch andere Erinnerungen sind da. Das Motorrad meines Vaters in der Garage, das Tomi und mich immer so reizte. Ich glaube, es war uns nicht erlaubt uns draufzusetzen, aber wir haben es trotzdem gemacht. Draufgesessen und "Töff" gefahren. Einmal sind wir dann tatsächlich umgefallen, und wir krieckten das Ding nicht mehr hoch. wir sagten den Eltern mit unschuldigster Mine, dass wir es ganz sicher nicht gewesen seien. Naja, das sind grosse Entdeckungen für uns Kinder gewesen, die Strafe mussten wir wohl oder übel über uns ergehen lassen.

Ich erinnere mich auch an Frau Muggli, unsere Putzfrau. Sie hatte einen breiten Rücken, auf den wir uns manchmal draufsetzen durften, wenn sie den Boden wickste. Ich glaube, meinen Eltern war das nicht recht, sie fanden es trotzdem lustig. Auch an ein Gewitter kann ich mich erinnern und an heissen Kakao, meinen Vater, die Küche und das "Aus dem Fenster gucken", wenn das Christkindlein kam. Und dann der Weg zum Milchhäuschen. Hinunter und Hinauf ging ein ungeteertes Strässchen. Mich faszinierte vorallem das Gitter und die Ablaufgräblein, die queer über die Strasse führten und zugedeckt waren. Durch diese Gitter hinunterzusehen war immer wieder spammend und zugleich ein bisschen unheimlich. Der Pudel von Frau Meier, unserer Hausherrin, an den erinnere ich mich auch noch. Er sass oft auf dem unteren Treppenabsatz, wo ich zum Essen hochsollte und bedrohte mich. Das waren keine guten Momente und ich hatte grosse Angst vor dem "Vieh". Vielleicht auch, weil es im Treppenhaus nie so Recht hell war. So war er eben immer ein wenig überall und doch nirgends richtig. Und dann! Ein Abhang neben dem Haus, den ich mit dem Dreirad hinuntergesaust und irgendwo umgekippt bin. Ich weiss noch, dass ich dabei immer wieder die Orientierung verloren habe und nicht mehr wusste, wo ich denn jetzt hingehöre. Ob das nur wegen des schlechten Sehens war oder ob ich dafür einfach noch zu klein war, weiss ich nicht recht. Ich denke aber, dass es irgendwie mit dem Sehen zu tun hatte.

Auf dem Dachboden war auch noch was. Da hat mein Vater einmal ein Paar Ski gewachst. Etwas Wichtiges und Geheimmnisvolles war es. Mit einer Lampe und einer Schmelzmaschine und mir danebenstehend. Und dann das Klo. Ich Konnte bequem in die Schüssel gucken und da ist meine Mutter, die das, was ich gerade verrichtet habe, hinunterspülte. Das hat mich fasziniert, obwohl ich diesem ungewissen Loch gegenüber auch immer misstrauisch war.

An einen Traum kann ich mich auch noch erinnern. Jedenfalls ist mir das Bild noch ziemlich deutlich vor Augen. Eine Waldlichtung. Dunkel der Wald, hell die Lichtung.Und das Wissen einer Gefahr, der schwarze Mann. Er war irgendwie immer in der Nähe und das war schlimm. Wirklich aufgetaucht ist er, soweit ich mich erinnern kann, nie. Später bin ich in Träumen immer wieder hinuntergefallen und kurz vor dem Aufschlagen erwacht oder ich wollte weglaufen und kam nicht vom Fleck, weil ich irgendwie an der Erde klebte. Das hat mich jahrzehnte lang verfolgt.

Einige Bäume waren da auch. Es muss kurz vor Meggen gewesen sein, auf der Strasse, die von Luzern her kam. Jedenfalls war es für mich immer ein Zeichen, dass wir bald Zuhause sein würden, wenn es so schattig wurde auf der Strasse. Es waren drei oder vier Bäume, die sich über die Strasse hinweg die Hände reichten, sodass man richtig "untendurch" fahren musste.

Und dann kam meine Mutter eines Tages mit einer komischen Tasche heim. Da war was drin und man sagte mir, das sei ein anderes Baby, mein Brüderlein. Ich glaube, die Tasche war grau-grün, so ähnlich wie der VW Käfer. Das war im März 1959.

Wir ziehen nach Basel

Jetzt werden die Erinnerungen klarer. Im Herbst 1959 zogen wir um nach Basel. Es ist ein Park über der Strasse und da gibt es ganz niedere, metallene Häglein um die Wiesen und ein ziemliches Gewirr von Wegen. Ich muss mich erst an den Park und alles andere gewöhnen. Über der Strasse ist unsere Wohnung, nur 20 Meter vom Park entfernt. Das ist beruhigend. In der Wohnung an der St. Albananlage gefällt's mir. 5 Zimmer hat's, und Oma Lu kommt auch nach Basel. Die Eltern haben das besprochen, also zieht sie ein.

"Oma Lu" ist die Stiefgrossmutter von uns Kindern. Sie hat das halbe Leben in Peking gelebt, obwohl sie durch und durch Deutsche war. Sie konnte nur drei Worte Chinesisch. Sie hat immer Pasiente gespielt und wartete ich weiss nicht auf was. Den Tod? Die Rückkehr nach Deutschland? Frau Lu, ehemals Baumann, heiratete 1906 Herrn Lu. Sie musste mehr oder weniger gern mit nach China, wweil 1911 die Manschu-Dynastie gestürzt und Herr Lus leben in Berlin vorerst vorbei war.

Herr Lu hatte vorher ein Techtenmechtel mit Elisabeth Bilse. Sie krieckte ein Kind und sie mussten heiraten. Ich vermute, dass es Herrn Lu eher peinlich gewesen ist, aber man heiratete, wenn man nicht aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestossen werden wollte. Herr Lu hat sich wieder scheiden lassen, um Fräulein Baumann zu heiraten, aber das Kind hatte wenigstens einen ehrbaren Namen, Mary Lu. Viel viel später, Mary hiess jetzt Clémann, kamen Thomas, Martin und Werner auf die Welt; Mary hatte jetzt Grosskinder.

Ich werde grösser

Ich kam in den Kindergarten. Da konnte man mit den roten Klötzlein einen Turm um sich selbst bauen und wenn der Turm dann dem Eingeschlossenen über den Kopf ragt, schmeisst man ihn um und der drinnen ist wieder frei. Er muss nur die Schultern etwas hochziehen. Manchmal haben wir auch gesungen oder wir mussten mit unseren Fingern durch die Luft fahren, bis wir den Ton, den unser Fräulein auf dem Klavier angeschlagen hatte, nicht mehr hören konnten. Dann mussten wir mit dem Finger die Nase berühren. Das habe ich immer ganz gut gekonnt und dabei ganz lange mit dem Finger gekreist, bis ich den Ton schon nicht mehr richtig gehört habe. Manchmal musste ich auch raus. Da, wo wir -unsere Jacken und Schuhe hatten und dort warten, bis ich wieder rein durfte.

Der Kindergarten war in einem düsteren Haus im Par-Terre in der St.Alban Vorstatt. Ein Kind hat hinter der St.Albanvorstadt am Mühleberg gewohnt. Einmal wurde er von einem Auto angefahren, als wir im Kindergarten Weihnachtsfeier hatten. Der Krankenwagen ist gekommen, und wir sind alle raus, weil Fillip oder wie er hiess nicht da war. Dabei wollten wir doch Weihnachten feiern und all unsere Bastelarbeiten nach Hause nehmen. Auch die grosse Büchse, welche ich rot angemalt und mit weissen und grünen Punkten verziert hatte, ist mir in Erinnerung. Der Kindergarten war schon eine gute Sache. Auch die Weihnachtsfeier, obwohl es dann noch düsterer war, aber es war warm und ganz feierlich.

Ich hatte auch einige male Streit mit anderen Buben. Ein Junge wollte mir den Zahn wegnehmen, den ich extra ins Portemonnaie getan hatte. Das war sehr gemein. Es war mein Zahn und ich habe geweint. Ich habe den Zahn jetzt nicht mehr. Den Briefkasten an der Mauer vor dem Kindergarten, von dem alle sagten, es sei ein "Basler Dybli", habe ich auch nicht gesehen, aber ich glaube, es war ein Briefkasten. Jedenfalls hing er zu hoch, um es genau sehen zu können. Aber es war bestimmt etwas Besonderes!

Das wichtigste war Maja, meine Kindergarten- und Primarschulfreundin. Ich war wieder einmal traurig. Ich sass hinter der Türe, damit mich niemand sehen konnte. Maja hat mich trotzdem gefunden, mich getröstet und vom Kindergarten an waren wir die besten Freunde. Sie hatte den gleichen Heimweg wie ich. Wir sprachen also viel. Ich wartete auf der anderen Seite der St.Albanvorstadt, wenn sie nochnicht da war, um am Nachmittag zusammen in den Kindergarten zu gehen. Wenn wir im Garten von Maja gespielt oder stundenlang im Hof radgefahren waren, dann brachte sie mich oft heim, weil wir uns nicht trennen konnten. An regnerischen Tagen spielten wir bei Maja "Glöggli Musche", oder tranken im Kämmerlein unter der Treppe Tee. Ja, Glöggli Musche musste man im verdunkelten Raum spielen. Alle sind auf einen Stuhl oder auf ein Fensterbrett gegrackselt. Einer musste die anderen fangen, aber man liess sich nicht so leicht fangen. Später gingen wir auch in den Estrich oder ins Zimmer von Maja, ins Klavierzimmer oder in den Keller, um der Frau X oder Y zuzusehen, wie sie "glettete" oder "bügelte". Das macht man jetzt auch nicht mehr. Am Schluss - ich war schon in der ersten Klasse des "humanistischen Gymnasiums" - kletterten wir mit einer Freundin Majas auf den Dachboden der Garage und -, naja wir spielten Dögterlis, das heisst "Doktor", aber für diese Spiele war ich definitiv nochnicht gerüstet.

Maja war auch immerwieder bei mir. Dav probierten wir unteranderem die "Blindenschriftmaschine" aus, denn in der zweiten Primarklasse habe ich ein solchen Ding gekriegt. Auch andere Freunde und Freundinnen hatte ich, Tobias, Felix oder Sabine. Ich kann mich erinnern, dass ich zum Geburstagsfest Sabinas eingeladen war. Sie hat auf der anderen Seite der Sevogelstrasse, nur 50 Meter vom Schulhaus entfernt, gewohnt. Man hat gesagt, das sie Jüdin ist. Damals war es ein rätzelhaftes Geheimnis, dass mich erschauern liess. Noch stärker beeindruckte mich aber die Wohnung. So vornehme Möbel!

Spital

Ich musste auch zwei oder drei Mal ins Augenspital. Davon weiss ich nicht mehr viel. Nur, das eine Schwester mit mir schimpfte und mich in das kleine Zimmer zerrte, in dem alle Tabletten gelagert wurden. Sie zog mir die Hosen runter und schlug mich auf den Hintern. Dannach steckte sie mir das Hemd richtig in die Hose. Weil ich am Mittag nicht schlafen wollte, hat sie mich mit einem Seilgeschirr ans Bett gebunden. Ich war damals 5oder 6Jahre alt.

Auch an ein anderes Puzzelstück vom Spital kann ich mich erinnern: Im Esszimmer war auf der linken Seite ein niedriger und auf der rechten Seite zwei grosse Tische. Am ersten Tag musste ich am niedrigen Tisch sitzen und es gab Kartoffelbrei. Manchmal haben wir nach dem Essen zusammen Fieber gemessen und sind auf der Eckbank gesessen und jemand hat eine Geschichte erzählt. Das war schön. Eine Frau, die uns das Lego zum Spielen gab, hatte nur einen Arm. Mit diesem konnte sie uns aber trotzdem die "Lätzlein" umbinden. Sie machte es immer mit dem Mund und einer Hand. Es war eine sehr liebe Frau. Aber ich erinnere mich nicht mehr, dass sie jemals eine Geschichte erzählt hat.

Ich weiss nicht mehr so genau, was wann geschah. Das wir unten durch laufen mussten, hinüber zur Poliklinik und in den Kindergarten zu Frau F., das geschah erst später glaube ich. Wenn man unten durch ging, musste man eine Treppe hinunter und es kamen lange Gänge und komische Dinge waren dort. Es war dunkel, bis man am anderen Ende des Ganges wieder bei einer Türe ankam. Dann kam eine Treppe und man war in der Poliklinik. Da war es deutlich heller. Ich glaube ich bin nie alleine unten durch gegangen, es war unheimlich und alles so gross. Ich hatte Angst, ich würde den Weg nicht finden und es gäbe Ratten dort unten. Obendrüber war der Garten zwischen dem Spital und der Poliklinik, den man vom Esszimmer aus sehen konnte. Er war immer sehr grün. Ein Junge namens Michael war einmal im Garten und sagte immer "Käse!", er kam aus Deutschland. Ich nannte ihn deshalb Michael Käse. Wir wollten uns wieder treffen nach dem Spital, aber ein Treffen fand nie statt.

Später, ich war 12, weiss ich viel mehr. Es war der angenehmste und letzte Aufenthalt im Augenspital. In der Zeit danach, habe ich schon nichts mehr gesehen. Das war damals, als ich plötzlich nach der Turnstunde dunkle Flecken sah, die immer vor meinen Augen durchgezogen sind. Wie Elefanten. Ich weiss noch genau, dass ich mir gesagt habe, ich muss ab jetzt beim Strassenüberquehren aufpassen. Die Flecken sind dann aber nicht mehr weggegangen, obwohl ich zwei Tage lang im Bett lag. Im Spital nach dem Baden sah ich dann schon nur noch trüb und grau und ich habe vom Waschbecken aus nicht einmal mehr das Bett gesehen. Ich habe mich immer an irgendetwas festgehalten. Mit einer Hand am Waschbecken und erst loslassen, wenn ich mit der anderen den Bettrand ertastet habe. So ging es deutlich besser.

Die Schwestern waren jetzt auch viel netter zu mir. Ich konnte eine zeit lang wünschen, was ich zum Essen haben wollte, weil ich im Januar 1968 'Acetonmangel' hatte und immer Erbrechen musste. Man wusste natürlich noch nicht, was oder ob es Etwas schlimmes war. Aus diesem Grund hat mir ein Doktor mit einem Plastikhandschuh hinten hinein gefasst, um zu schauen, ob da etwas ist. Aber da war nichts und so habe ich weiter erbrochen. Immer die frischen Sachen, die ich gerade gegessen hatte! Zum Beispiel einmal Birchermüsli, das ich mir gewünscht hatte. Aber ich musste sofort aufs WC und wieder erbrechen. Erst als man mich – ausnahnsweise! – über das Wochenende heimgehen liess, da war das Brechen weg.

Ich bin (vorallem das letzte mal) mehrmals operiert worden und musste immer ziemlich lange im Bett liegen nach jeder Operation. In jener Zeit hat meine Mutter viele graue Haare bekommen. Anscheinend hat sie sich viel Sorgen um mich gemacht und auch viel geweint. Ich habe das nicht direkt mitgekriegt, sondern habs mir von Anni hin und wieder erzählen lassen. Überhauft Anni!

In der Sankt Alban Anlage und dann im Thiersteinerrain kochte sie, nähte, putzte und räumte nach dem Mittagessen die Geschirrwaschmaschine ein, wenn Thomas, Werner oder ich nicht dran waren oder Anni schon heimgegangen war. Damals hat man noch Dienstmädchen gesagt, auch wenn der Begriff schon etwas altertümlich war. In der Pubertät und nachher war Anni ein wichtiger Mensch für mich. Man konnte mit Anni über alles sprechen. Wie merkwürdig es ist, einerseits waren die Familie und viele Menschen, mit denen ich in der Pubertät und auch nachher zu tun hatte, interessiertt und offen, aber gefühlsmässig hat etwas gefehlt, vielleicht die instinktive Wärme und Zusammengehörigkeit wie ich sie mit Anni gespürt habe.

Als Oma München, die damals, als sie noch in München wohnte allerdings Oma Wien und erst in Basel ein paar Jahre später Oma München hiess -, also als Oma Wien bzw. Oma Münchn mich in Basel zum letzten mal im Spital besucht hat, sollte ich ihr entgegen gehen. Ich nahm, was noch da war an Sehrest zusammen und bemühte mich möglichst aufrecht und in gerader Linie mitten durch den Korridor hinunter zu gehen, wo sie herkommen musste. Der Trick war, von den schwarzen Rändern, welche den hellen Belag des Bodens gegen die Wände zu beiden Seiten abschloss, stets den gleichen Abstand zu halten. Diese dunkeln Ränder vermochte ich noch zu erkennen, sonst nichts. Die Oma habe ich nicht gesehen aber gehört. Die ganze Übung sollte die arme alte Dame vor einem allzu grossen Schock bewahren. Sie war jedenfalls sehr tapfer, vielleicht um mich vor allzu grossen Gefühlen zu bewahren, die auch sie hatte!

Auch Vater Hans kam, Werner und Thomi kamen, die Klasse - was für ein Wort! - hat mir einen Brief geschrieben, auch Maja kam und andere, aber ich kann mich eigentlich nicht mehr daran erinnern. - Aber ein Bild ist mir immernoch sehr deutlich in Erinnerung: Professor Rinttelen. Er hatte mich selbst einige Male operiert und als klar war, das man nichts mehr tun konnte und ich nie mehr sehen werde, ist er eines Abends zu mir ins Zimmer gekommen. Er hat mir, ich war gerade dabei mich zu waschen, ein Handtuch um meinen nackten körper gelegt und sich zu mir an den Tisch gesetzt und geredet. Was er gesagt hat, weiss ich nicht mehr, aber er hat geweint und seinen Arm um mich gelegt. Ich habe ihn ein wenig aufgemuntert und gesagt, dass das ja alles gar nicht so schlimm sei. Ich war Zwölf-einhalb Jahre alt, UND ich wusste bereits wie man tröstet! Aber Professor Rinttelen war wenigstens ehrlicher als andere. Die meisten Ärzte waren ein bisschen unbeholfen.Ich müsse jetzt halt in eine Blindenschule. Man kann nichts mehr machen, und damit war ich entlassen.

Ich hatte auch dann Freunde, aber die Kindheit war vorbei. Wenn ich raus wollte, dann machten wir grosse Tandemtouren, und später gingen wir zu viert oder fünft wandern. Ich konnte Stocklaufen, aber in Basel merkte ich mir nur wenige Wege: In die Schule, zum Herrn Milesi, meinem Klavierlehrer, einen Punkt in Riehen zum Wandern, ein oder zwei Punkte in der Stadt und das war's. Ich konnte im Humanistischen Gymnasium bleiben, und dort habe ich 1974 die Matur gemacht. Aber gut taten mir diese Jahre nicht.

Raus in die Welt - Oregon, USA

Einige Tage nach der Matur war ich in den USA. Ich weiss noch, dass ich, ich glaube es war in Chicago, übernachten musste, weil der letzte Flug nach Portland, Oregon schon fort war. Lois und Ed, Freunde von Kindheit an, holten mich in Portland ab. Auf der zweistündigen Fahrt nach Eugene hatten wir viel zu erzählen. Edi war ein Studienkolege von Hans, meinem Vater. Später befreundeten wir uns mit der ganzen Familie, denn die Dillers mit drei Kindern kamen drei oder viermal zurück nach Europa. Edi hat in Deutschland zu tun gehabt, und ... Aber ich schweife ab!

ich wohnte zuerst eine oder zwei Wochen im Haus von Dillers, dann zog ich um ins Dormitory. zwei Essäle, Die Hörsäle, die Büros, die Bibliotek, Turnhallen und Edis Büro, im Keller des vielleicht ältesten Gebäudes der Uni, der Friendly Hall! Eine Holzkonstruktion durch und durch. Aber Holz gab es sonst fast nicht mehr. Man baute sich zu neueren Dingen empohr: Stein und Betonkonstruktionen, modernere Ausstattung, grössere Gebäude! Der boom der 1960er und 70erjahre war auch in Eugene spührbar. Aber ein alter Friedhof, grosse Bäume, Sandwege, ab und zu ein Vogel und Ruhe gerade daneben - gab es noch! Nach dem Friedhof die Musikschule, vorne ein modernes Gebäude für Büros und Klassenzimmer, hinten ein älteres Haus. Da konnte man "üben", ja man hat üben gesagt, nicht spielen oder musizieren; es hat auch danach geklungen. Aber schön war es trotzdem. Vor allem Samstags und Sonntags, wenn es ganz ruhig war, spielte ich stundenlang. Wenn ich eine Pause machen wollte, dann ging ich nach draussen und hörte den Vögeln zu. Die Uni war so weit weg! Das Klavier war so nah! Ich zog mich auch deswegen hinter das Klavier zurück, weil ich immernoch nicht mit meinem Schmerz fertig wurde blind zu sein.

Noch mal zwei Strassen weiter wohnte die Familie Diller. Edi hat 25 Jahre früher in Europa studiert. Jetzt war er Professor für – englisch oder Deutsch, ich weiss es nicht mehr.

Edi und Lois hatten das Haus und das Grundstück vor einer Weile gekauft, und sie hatten - jedenfalls äusserlich gesehen - ein friedliches Leben. Innerlich merkte ich schon bald, dass die Dillers ebenso viele Probleme hatten wie andere auch, und wahrscheinlich hhabe ich auch bald den Part des unbeteilichten beteilichten übernommen. Der ausgleichend Gerechte Martin, der "Friedensfürst" so schon Vater Hans als ich zehn war.

Fast alle Häuser in dem Quartier sind oder waren ältere Einfamilienhäuser aus Holz, sie sind oder waren damals ein oder Zweistöckig, einen Rasen vorne und vielleicht noch hinter dem Haus. Verkehr gab's nur sehr wenig. Downtown gab's grössere Gebäude aus Stein, Moles und Läden, Garagen und natürlich auch Wohnhäuser, viel mehr Autos und Menschen. Aber dort kam ich nur selten hin, weil ich als "Blinder" mich fast nicht traute, alleine den Pfad der Tugend zu verlassen, und wenn "Sehende" dabei waren, dann war man normalerweise im Auto oder zu Fuss, und ich vergass über dem Reden alles andere.

Die Dillers haben mir die wichtigsten Wege gezeigt: Das Dorm, die Cafeteria, die Klassenzimmer, die ich brauchen würde, die Bibliotek, das Behindertenbüro – ja, das gab's schon damals in den USA –, das Büro Edis und auf dem Rückweg die Musikschule! Wir machten die Wege einige Male, und dann hiess es in's Dormitory umzuziehen. Jetzt war ich wirglich alleine, Freunde hatte ich keine, Eltern hatte ich keine, Kumpels oder eine andere Seele hatte ich auch keine mehr! Ein Bett, einen Schrank, einen Festgemachten Tisch, ein Regal und einen Stuhl hatte ich, und auf jedem Stock gab es ein Badezimmer und eine reihe von Duschen. Ich hatte eine Zahnbürsse, einen Waschlappen und ein Badetuch. Vielleicht duschte ich mich, vielleicht packte ich meine wenigen Habseelichkeiten aus und dachte an Basel: "Was machen die jetzt? Ich bin ja 9 Stunden hinterdrein, also stehen sie gerade auf und ich geh ins Bett. Komisch ist das!" Am nächsten morgen war ich ein Student. Ein blinder Student in Oregon.

In den USA

Rückblickend betrachtet ging's mir vermutlich nicht besonders gut in der Seele, aber ich dachte nicht daran, sondern konzentrierte mich auf die Wege, die Hindernisse vor mir, die Bibliotek oder die Kaffeteria. Man hatte es mir so beigebracht, und ich perfektionierte "Stocklaufen" nach und nach zur Meisterschaft. Gespräche, Vögel oder auch Wolken und Nebel, Lärm und Gestank entgingen mir allerdings oft, weil ich mich auf den Stock und die Geräusche, die mich umgaben, konzentrieren musste. Aber ich erinnere mich auch daran, dass ich im Friedhof ganz bewusst den Stock vergessen habe, und meine ganze Aufmerksamkeit auf die Ohren, die Gerüche, die halb von den Bäumen überschatteten Wege, die Sonne oder auch den Atem konzentrierte.

ich habe unteranderem griechisch belegt, weil wir im Humanistischen Gymnasium griechisch gehabt hatten und zwar 5 Jahre lang 5 Tage in der Woche! Also fühlte ich mich in dem Fach einigermassen sicher. Dann hatten wir ausländischen Studenten Englisch als Flichtfach. Turnen gab es auch. Man konnte wählen, was man gerne macht, aber man konnte nicht einfach so sagen, das interessiert mich nicht. Ich glaube, ich hab Reckturnen oder so etwas angekreutzt. Dann habe ich ausgerechnet noch Mathematik gewählt. Mathematik! Aber es interessierte mich, irgendwie hatte es mit den Primzahlen zu tun. Ja, dann ging es los, Uni, Essen, Uni, Arbeiten, Klavierspielen und essen und schlafen. In einem kleinen Raum der Bibliothek sassen die freiwilligen Vorleserinnen, die die Bücher auf Band sprachen, damit ich damit arbeiten konnte. Ich befreite mich nach und nach von dem kröbsten Drill der Schule. Immer wieder stieg ich die Kellertreppe hinunter und wurde von Ed oder Frau Paust oder wie sie hiess getröstet. Ich glaube, ich habe mir auch da das Kaffeetrinken angewöhnt.

In der "summer school" fand ich zum ersten Mal einen Kumpel, der auch an mir interesse hatte. Er war daran, vor dem "Dorm" einen Stein zu bearbeiten. Wir kamen ins Gespräch. "Martin, komm und schau dir den Stein an. Ich traute mich in das - Gras. Vorher habe ich nur aufgepasst, dass ich den Weg nicht verliere, wenn ich allein war. Ich fühlte den Stein, wie schwer er doch war. Das war ein wirglicher Stein, und nicht eine Beschreibung des Steines! Peter hat mich ermutigt, alles zu erkunden, was es zu erkunden gab. Einmal musste er Sand oder Kies holen gehen. "Kommst du mit?" Er hatte einen Pick-up, und wir machten uns auf den Weg. "Du könntest hinten auf der Ladefläche sitzen, willst du?" Wir hielten an, und ich kletterte auf die Ladefläche hoch über den Autos und genoss die Luft und den Fahrtwind. Später waren wir in einem Fluss Kanu fahren, und ein anderes mal besuchten wir die Eltern. Besonders beeindruckt war ich, dass wir draussen schlafen konnten. Im Dorm haben wir nächtelang von Sex, Lust und Hemmungen geredet. Damals erzählte Peter viel über sich, seine Wünsche, seine sexuellen Fantasien. Er trank ein Bier nach dem anderen, und wenn wir spät in der Nacht in die Zimmer gingen und uns gute Nacht sagten, da küsste er mich. Küssen? Küssen! Es schmeckte so gut und zugleich schähmte ich mich, weil ... weil ...

Ja, Küssen. Es gab Männer, die Männer liebten, jedenfalls so lange die Erregung gross war.
Ich ... ich hatte auch schon von homosexualität gehört, ja, ich habe mit Fillip und anderen schon früher probiert, nicht weil ich es wollte, es kam einfach über uns ... Aber jetzt! Nein, was nicht sein durfte, durfte nicht sein. Aber Herr Trotter oder Dan haben es probiert, und ich hab's nicht gemerkt oder merken wollen..

Ich habe, vermutlich auch schon 1974, auch an einer "Selbsterfahrungsgruppe" teilgenommen und zum ersten mal bewusst "schwul" oder homosexuell gesagt. Natürlich nur als Möglichkeit, nicht als Tatsache. Gott bewahre! Aber immerhin. Innerlich, ja innerlich gährte es schon lange. !

Im August 1974 war ich zwei Wochen in San Paolo, in der nähe von San Francisco. Ich wollte einen Optacon-Kurs machen, sodass ich wie die Sehenden Bücher lesen konnte. Ich brauchte das Ding wenig, aber erst fümfzehn Jahre später ging es entgültig in Pension. Das Computerzeitalter war angebrochen ! Ich erinnere mich auch, das ich mir in der nähe von San Paolo eine "Hundeschule" angeschaut habe, weil man das so macht, und weil ich früher oder später einen eigenen Hund haben sollte. Ich war nicht sehr beeindruckt, und irgendwann redeten wir nicht mehr darüber. Auf den rückweg nach Eugene nahm ich oder wir, vielleicht war ich doch noch zu schüchtern! -, also wir nahmen einen Green tourtle, einen Bus besonderer art: Bank-beds und Sofas, dreckig aber gemütlich! Am Abend ging's los. Am nächsten Morgen rassteten wir in Süden Oregons eine Stunde im No where, haben ein Feuer gemacht, Kaffee gekocht und gefrühstückt. Um zwölf waren wir in Eugene.

Peter war inzwischen fort; ich kann mich erinnern, dass ich im Herbsttrimester viel Zeit in der Töpferei verbracht habe. Turnen hatten wir nicht mehr, aber was ich noch gemacht habe ausser Töpfern, weiss ich nicht mehr. An Weihnachten war ich jedenfalls wieder in der Schweiz. Ich war zum ersten mal wirglich fort, weit fort gewesen. Ich ahnte jetzt, dass es noch tausend Dinge gab, die man nicht in der Schule lernt, und ich beschloss darum, das Uni-dasein zu Vergessen und zu arbeiten. Was wusste ich noch nicht, aber etwas arbeiten das wollte ich.

Copy 2019 Martin Näf

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