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Mein Überich ist unzufrieden, und ich?

Mein Überich ist unzufrieden. Seit Wochen hänge ich bloss so rum, tue nichts "anständiges", wie es sagt, bin unkonzentriert und unentschlossen.

Es geht mir nicht schlecht: keine grosse Depression, keine existenzielle Krise – jedenfalls nicht mehr als üblich! Nein, ich bin einfach etwas leer und ziellos. Ich lese, schreibe ab und zu ein Mail, kümmere mich ein wenig um meinen Haushalt, verbringe hie und da eine oder zwei Stunden mit Freunden, räume auf ...

Eigentlich wäre alles okay. Termine gibt's erst im Mai wieder, Geld ist auch noch da, und als "Freischaffender" kann ich es mir ja leisten, zwischendurch einmal durchzuhängen und nichts zu schaffen ... Zumindest sollte man meinen, dass ich mir dies leisten kann. Doch mein Überich ist da offenbar anderer Meinung. Immer wieder steht es in der Tür, schaut mich vorwurfsvoll an und meckert an mir rum: "Du wolltest heute doch endlich mal ...", "Jetzt geht das schon fünf Tage so ...", "Kannst du denn nicht einmal ...?", "Du könntest doch wenigstens ...".

Das Überich hat ja recht: Ich will ja auch, doch es heisst zwar, "wo ein Wille ist, ist ein Weg", aber vielleicht muss man manchmal auch abwarten können, muss ganz ruhig hinschauen ehe man sieht, wo der Weg beginnt oder weiter geht. Doch davon scheint mein Überich nichts zu wissen. Es ist eine Kreatur der Fabrik und der Schule, eine Art fleisch gewordene Schweizer Präzisionsuhr, aufgewachsen zwischen Pausenglocken und Fabriksirenen, eingespannt in Stunden-, Wochen-, Jahres- und Fünfjahrespläne. Arbeit ist für mein Überich eben "Arbeit" – eine mehr oder weniger humorlose, nach vorne gerichtete, nicht weiter hinterfragte Tätigkeit mit klar begrenztem Spielraum, was ihren Inhalt angeht, und mit klaren Vorstellungen dessen, wieviel pro Tag und Stunde zu leisten ist. Natürlich darf ich meine Arbeit geniessen, ich darf mich auch wohl fühlen, wenn ich arbeite, und beides kommt gelegentlich vor, doch mein Überich interessiert dies nicht: Genuss und Wohlbehagen sind gewissermassen meine Privatangelegenheit. Sie haben mit der eigentlichen "Arbeit" nichts zu tun, sie werden von meinem Überich ignoriert. "Das sind Dinge für den Feierabend oder das Wochenende", meint mein Überich und blickt streng. Mein Überich scheint allen Ernstes davon überzeugt, dass ich eine Art Schreib-Maschine bin. Und ich? Nein, denke ich, dass bin ich doch nicht! Aber dann, wenn ich es mir ein zweites mal überlege, dann ...

Copy 2008, Martin Näf

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