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Warum eigentlich? Eine in der Schule nicht mehr gestellte Frage

Es kann einem schon ziemlich schwindlig werden, wenn man so hineingeschmissen ist in den Strom von Nachrichten über Schule und Bildung oder sich - wie ich es gelegentlich tue - selbst hineinschmeisst in diesen Strom!

Überall scheint die bildungspolitische Diskussion in eine panische "Flucht nach Vorne" umzukippen: Die Engländer fürchten das Absacken ihres Bildungsniveaus und ergreifen Massnahmen zur Verschärfung des Wettbewerbes! Die Holländer tun auf ihre Art dasselbe und auch in der Schweiz scheint die Furcht, man könnte "den Anschluss" (den Anschluss an was?) verlieren, jede bildungspolitische Diskussion zu beherrschen.

Zwar hängt inzwischen auch über unsern Universitäten unheilschwanger die Drohung eines Numerus Clausus, d.h. einer Zulassungsbeschränkung, und dennoch muss die Zahl der HochschulabsolventInnen auch bei uns unbedingt grösser werden, damit die Schweiz im internationalen Bildungswettrüsten bestehen kann. Zwar hält man meistenorts nicht viel von der verkopften, an Unis betriebenen (Primar)-LehrerInnenausbildung, aber wenn wir diese nicht auch - und zwar lieber schon heute als morgen -einrichten, werden wir ins Hintertreffen geraten ... Überall versucht man "das Bildungsniveau" zu heben -, die Zeit, die der Mensch bei uns heute mit Ausbildungen aller Art zubringt wächst ständig, wobei ganz selten die Freude an einer Sache, Neugier und Faszination zur Arbeit antreiben. Solches ist zwar im Kindergarten und den ersten Schuljahren noch da, doch schon sehr bald treten an die STelle dieser Triebkräfte andere: die Angst, nicht befördert zu werden, die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, die Angst, ohne Matur "niemand" zu sein, die Angst, nicht mehr mithalten zu können, das Gefühl, irgendwelchen (eingebildeten oder realen) Erwartungen genügen zu müssen ... Bildung ist gut, mehr Bildung ist besser -, das scheint die allgemeine Überzeugung, obwohl "Bildung" im Grunde kaum je wirklich "funktioniert", sondern bei den ihr unterworfenen vor allem zu Müdigkeit, geistiger Verwirrung und innerer Leere führt.

Mehr Effizienz bei gleichzeitiger Kostensenkung scheinen auch die Hauptmotive in der heute plötzlich so populären Diskussion über mehr Autonomie und Eigenverantwortung im Bildungswesen. Was geleistet werden soll und weshalb unbedingt "mehr" geleistet werden soll - ob "nichts" zu leisten heute nicht eine viel grössere Leistung ist als "Viel" zu leisten ... diese Fragen werden ständig vertagt und verdrängt, weil sie zu unangenehm, zu schwierig und zu gefährlich sind.

Wir bauen die Pannenhilfe im Bildungswesen aus, um denen die straucheln, schnell wieder auf die Beine helfen zu können, damit auch sie "den Anschluss" nicht verpassen. Wir üben uns im "aktiven Zuhören" und setzen (gekonnt oder dilletantisch) "gruppendynamische Spiele" ein, um die Menschen bei Laune zu halten und ihre Arbeitsfreude womöglich noch zu steigern. Wir arbeiten mit Drohungen vor dem Fall ins soziale Nichts und mit nie einlösbaren Glücksversprechen, um Leistungsbereitschaft zu erzeugen, zu erhalten oder zu steigern. Doch die Frage nach den Zielen, die Frage nach dem, was wir - als einzelne und als gesellschaft eigentlich wollen - diese Frage scheint keinen Platz zu haben. Wer auf seinem "Recht" zu fragen beharrt und sich nicht zufrieden gibt mit Erklärungen, die oft keine Erklärungen sind, der gilt - in der Schule und in der Erwachsenenwelt - bald als Störefried und frecher Kerl, denn Fragen stört! Fragen stört, nicht weil man wegen der unnötigen Fragerei Zeit verliert (und Zeit ist ja bekanntlich immer auch Geld), sondern Fragen stört auch, weil man dabei häufig auf Dinge stösst, von denen man nichts wissen will!

Beim herumschneuken in Zeitung und Zeitschriften komme ich mir vor wie in einem brennenden Irrenhaus: Alle rennen und schreien und drängen ... wohin ... ? Wohin -, ja, das wissen wir nicht, nur Zeit für diese Frage haben wir noch viel weniger! Plötzlich müssen Fachhochschulen her, das Gymnasium muss umgestaltet und die Volksschule didaktisch und strukturell auf Vordermann bzw. Vorderfrau gebracht werden, obwohl "Bildung" im Grunde kaum je wirklich "funktioniert", sondern bei den ihr unterworfenen vor allem zu Müdigkeit, geistiger Verwirrung und innerer Leere führt. Natürlich, natürlich, das fühlt man schon, und berufene Geister wie Erich der Fromme und der japsende Karl und tausend andere haben die Misere ja überzeugend geschildert, nur eben: Wenn das Irrenhaus in Flammem steht, dann versucht halt jeder, zu irgend einer Tür zu kommen, um sich zu retten! - Jetzt, wo man plötzlich überall feststellt, dass die öffentlichen Kassen leer sind, obwohl doch noch Tunnels und Kampfjets zu bezahlen und die zunehmende Zahl der Arbeitslosen zu unterhalten ist, scheint plötzlich auch die "Entstaatlichung der Schule", von der man bis vor ein paar Jahren nirgends etwas wissen wollte, eine ausgezeichnete Idee, und - wiederum bevor wir einen Augenblick gehabt haben zum Nachdenken - stehen schon an allen Ecken und Enden die ExpertInnen bereit, um mit ihren Schraubenschlüsseln und Vorschlaghämmern das veraltete Schulsystem zu demontieren! Die unsichtbare Hand des Marktes wird die Trümmer schon zusammenfügen, so klingt's plötzlich ganz verheissungsvoll landauf landab, - Wie? Nun, auch für diese Frage scheint die Zeit zu fehlen! - Und wir - die "endlich!"-Redaktion ‑ treiben hilflos im Strom der Zeit, im Strom der Ab-, Auf- und Umbaunachrichten und versuchen krampfhaft - ja krampfhaft! - zu ordnen, zu verstehen, und wir sind - natürlich! - überfordert. Das einzige, das wir in dem allgemeinen Durcheinander nicht loslassen wollen - und das wir hiermit auch Ihnen wiedereinmal in die Hand drücken wollen - ist die unzeitgemässe, zeitlose, unnütze und doch aller wichtigste Frage nach dem Wohin! - Wohin wollen wir eigentlich mit all unseren Reformen? Wohin wollen wir mit unserem "Freien Bildungswesen", und wie schützen wir es (und damit unsere Ziele) vor den Eingriffen der heimlichen Steuerleute dieser Panik? Wer sind die Steuerleute, wenn nicht wir ...

In Holland, dem Eldorado aller Freie-Schule-Fäns, versucht man (wer ist man?), das ewig zerstreute, wenig am "allgemeinen Wohl" interessierte und nur schwer disziplinierbare Volk durch einen neuen, nationalen Lehrplan auf Kurs zu bringen, um den Anschluss an die moderne Welt nicht zu verlieren! In England werden - im Namen der Bildungsfreiheit - die von den einzelnen Schulen an den nationalen Schulabschlussprüfungen erreichten Durchschnittsleistungen in allen Zeitungen veröffentlicht, auf dass die besorgten Eltern auf jeden Fall die "beste" Schule auswählen können, und ihre Kinder nicht schon zu Beginn von dem, was amerikanische Soziologen schon vor Jahrzehnten spöttisch das "Rat-Race" (Rennen der Ratten) genannt haben, ins Hintertreffen geraten. Wir müssen einfach lernen! Das ist total wichtig. Wir müssen immer vorne sein. Zurückfallen ist gefährlich, denn "hinten" lauert die Armut, das soziale Aus, hinten hausen die Versager, die alten Hippies und die Arbeitslosen ... Darum schnell die "Times" zur Hand genommen und hineingeschaut: "Wo lernt mein Kind am meisten!" - Am meisten wovon ... Ja, ja, wir wissen schon. Diese Frage wäre wichtig, sehr wichtig, aber wenn das Irrenhaus brennt! "Seine gesamte Erziehung und Ausbildung muss darauf angelegt werden, ihm die Überzeugung zu geben, anderen unbedingt überlegen zu sein", hat schon - verzeigt mir die vielleicht unlautere Anleihe - Adolph Hitler gesagt. Unsicherheit, Zweifel und Fragen oder Entspannung und Staunen haben in dieser Erziehungsphilosophie keinen Platz, und ohne Führer geht's nun halt mal nicht.

Die Menschen in Afrika seien, so erzählt mir Anic während des Frühstücks auf dem Balkon, wirklich sehr, sehr arm. Doch im Gegensatz zu den Menschen hier, in den reichen Ländrn Westeuropas, würden sie fast immer lachen, seien enorm gastfreundlich und gesellig. So gesehen sind sie reich, sehr, sehr reich! Und die "Versager" und "Versagerinnen", die sich beschämt zu verkriechen suchen, wenn die Erfolgreichen sich zeigen, sollten sie die angelernte Scham über ihr "Versagen" nicht ausspuken und damit beginnen, die Erfolgreichen nach dem Fundament ihres "Erfolges" zu fragen, statt vor ihnen zu buckeln, um vielleicht doch noch aufgenommen zu werden in eine Gesellschaft, die trotz aller Warnungen, trotz aller Alarmsymptome und trotz aller bereits überdeutlichen Schäden ihre scheinbare "Produktivität" noch immer nicht als eine etwas aufwändige Form von Zerstörung erkennt, eine Zerstörung, die gespeist wird aus unserer Angst, dem "Nächsten" ausgeliefert, von ihm abhängig zu sein, und die legitimiert wird durch den billigen Unterhaltungskram einer Zivilisation, die vielleicht niemand von uns wirklich je gewollt hat!

Natürlich, so einfach ist das alles nicht, und mit Hororszenarien allein ist der Welt auch nicht gedient! Und überhaupt: Kritisieren kann ... - Nein. Sagen sie das nicht, jedenfalls nicht zu schnell und voreilig. Wirklich kritisieren, innerlich einigermassen auf eigenen Beinen stehend und mit einigermassen klarem Blick in das Getriebe dieser Welt hineinkucken -, das kann nicht "jeder". Das selber Denken - der Anfang jeder Kritik - ist nicht so einfach. Lassen sie sich da nichts vormachen, und wenn sie entsprechende Ansätze in sich entdecken, seien sie z darauf und pflegen sie sie. Lassen sie sich durch diese idiotische Floskel nicht vorschnell ausser Gefecht setzen! Wir brauchen Dich in dem Chaos dieses Irrenhauses, Dich und Deine Gedanken, Deine "Besonnenheit"!

"Stille als Ursprungsort von Widerstand", das kennen wir doch! Doch, doch. Das Konzept ist wichtig, und gerade auch in unsern Schulen müsste mehr Raum für das Wachsen von Widerstand geschaffen werden, denn ein gewisses Mass an Vitalität muss im Volk erhalten bleiben, wenn wir unsere Produktivität nicht gefährden und untergehen wollen! Die Massen drängen sich schon vor der Festung Europa. Die Mauern sind zu dünn, und noch sind da zuviele Tore aus der guten alten Zeit, als noch Friede war auf der Welt. Verschliesst die Tore, verschliesst sie schnell. Dann organisiert Euch einen Studienplatz - auch diese werden knapp, wie uns die Hochschuldirektorenkonferenz mitteilt! Europa muss bestehen, wenn wir dabei auch sämtlich den Verstand verlieren! Wir haben's doch so herrlich weit gebracht! Wir werden es doch wohl noch weiter bringen! Dass uns die Tageszeitung warnt, nicht ohne Kopfbedeckung raus zu gehen, und dass vor allem kleine Kinder und Alte - immer diese Alten! - an bestimmten Tagen besser ganz zuhause bleiben sollen -, mein Gott, eine Panne, eine Nebenerscheinung! Unwesentlich! Wichtig sind die Bildungsindikatoren, und da liegen wir zur Zeit noch immer vorne, ganz vorne! Wichtig ist zudem das Wirtschaftswachstum. Mit diesem happert's allerdings zur Zeit. Die alte Karre, diese Wirtschaft, scheint nicht mehr so recht zu wollen. Obwohl man kräftig abgespeckt hat - die Arbeitsämter sind a auch für etwas da! - kommen wir im Augenblick nicht aus der Krise. Doch wir tun unser Bestes! Wir tun, was wir können? - Was dieses "Beste" ist ... - mein Gott, wer fragt denn so in einem Irrenhaus, das brennt!

Und jetzt noch ihr mit Euren schmuddeligen Schulen - "alternativ"! - naja. Man lernt doch einfach nichts bei Euch, oder zumindest, nicht so viel. Für ein paar weniger begabte Charaktere gewiss genau das Rechte, dieses "Eingehen auf individuelle Bedürfnisse", dieses "ganzheitliche Lernen", aber für den Normalverbraucher doch das falsche! Der normale Mensch, der braucht das nicht! Der normale Mensch will leisten! So wie der Elefant, wenn er die Seile spürt, mit Lust und aller Kraft die Stämme aus dem Urwald zerrt, so will und soll der Mensch den Karren ziehen, vor den das Schicksal ihn gespannt hat! - Ihr sagt, das mit dem "Schicksal" ziehe nicht, das Schicksal seien wir, die bösen AusbeuterInnen mit ihren Villen im Tessin und den vielen Nummernconti! Nun bitte, wenn ihr meint. Ihr braucht ja nicht zu ziehen, wenn es Euch stinkt, wenn ihr zu "Höherem" berufen seid! Es gibt genügend Andere, die sich die Finger lecken würden, wenn sie eure Stelle hätten! Ihr könnt gehen, gleich jetzt. Viel Spass beim Grasen und beim Sonnenbaden!

Statt zu jubilieren, dass der Karren etwas stockt, und wir ihn deshalb vielleicht doch noch auf einen andern Kurs bringen können, ist überall Gejammer und Handeringen und Angst. Angst um die eigene AHV - wer weiss, ob ich davon je einen Franken sehe! -, Angst um den Arbeitsplatz - an den man sich kümmert, ohne ihn je wirklich geliebt zu haben -, Angst um die Versetzung in der Schule - die einem im Grunde völlig egal ist ... Wir haben's wirklich weit gebracht!

Die Kinder, diese unfertigen, unpraktischen, hilflosen Geschöpfe, die einem immer zwischen den Beinen rumkrabbeln oder irgendeinen Käfer studieren wollen, wenn man es eilig hat! -, sie sind schon eine Plage. Herzig, aber doch im Grunde eine Plage und volkswirtschaftlich problematisch! Was man da investzieren muss, bis die mal "so weit" sind und endlich produktiv werden ... Mit der Privatisierung der Schulen liegt da zwar eine Effizienzsteigerung drin, aber irgendeine Grenze des Machbaren scheint es hier (leider!) dennoch zu geben! Da sind auch Psychofarmaka und andere Drogen letztlich nur bedingt tauglich. Ein wirklicher Durchbruch wird hier erst mit dem "Retortenbaby" erzielt werden können, aber solange sich das Volk über genmanipulierte Kartoffeln und Schweine noch so aufregt, wie dies heute der Fall ist, darf man von so was ja noch nicht sprechen!

Wir - ich - geschmissen in die Flut der Nachrichten und Zeitungsberichte - schwimme, und ich bin verwirrt! Nur etwas spüre ich ganz klar: Da, wo uns die Strömung hinzutreiben scheint, will ich nicht hin! Und etwas Zweites merke ich: Ich glaube den Beruhigungsversuchen nicht und glaube nicht an die Harmlosigkeit des Flusses, an die bunten Lampions, mit denen man die Boote schmückt und an das scheinbar so lustige Gekreisch der Kinder, die in unseren Schulen auf diesen Irrsinn vorbereitet werden.

Es ist (obwohl es viel schöner und irgendwie auch leichter und gemütlicher ist) relativ belanglos, sich verbissen oder begeistert, erfolgreich oder erfolglos für diese oder jene Reform in unserem Bildungswesen einzusetzen, solange wir nicht immer wieder die Frage nach dem Wohin stellen, obwohl, ja gerade weil für diese Frage heute überall der Raum und die Zeit zu fehlen scheinen.

Der Staat sind wir! Wenn dieser Satz nicht ein blosse Festtagsfloskel zum Zwecke der Volks- und Selbstberuhigung werden soll, dann muss da Platz und Zeit sein zum Fragen. Und wenn wir nicht - individuell und kollektiv - untergehen wollen, dann müssen wir uns dieses Fragen leisten, auch und gerade da, wo dafür scheinbar keine Zeit und kein Raum mehr besteht!

©1993 Martin Näf

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